Marktentwicklung: Tomatenkonserven (CN 2002) — 2015–2025
Einleitung
Tomatenkonserven (KN-Code 2002) zählen zu den bedeutendsten verarbeiteten Agrarprodukten der Europäischen Union. Die Rubrik umfasst Tomaten, die zubereitet oder haltbar gemacht wurden — ausgenommen mit Essig oder Essigsäure — und gliedert sich in zwei Unterpositionen: 200210 (ganz oder in Stücken) und 200290 (übrige, insbesondere Tomatenmark und Passata). Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat sich die EU sowohl als global führender Exporteur als auch als bedeutender Produktionsstandort profiliert. Dieser Bericht analysiert die wesentlichen Handelsströme, Preisentwicklungen und strukturellen Veränderungen auf Basis der verfügbaren Handelsdaten.
1. Preisgetriebenes Exportwachstum bei moderater Mengenentwicklung
Die EU-Exporte von Tomatenkonserven verzeichneten zwischen 2015 und 2025 ein eindrucksvolles Wertwachstum, das jedoch primär auf Preissteigerungen und nicht auf mengenmäßiger Expansion beruhte.
Exportwert stieg um 62 %, Exportmenge nur um 8 %
Im gesamten Beobachtungszeitraum stiegen die EU-Ausfuhren in den Drittmarkt von rund 1.075 Mio. EUR (2015) auf 1.742 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 62,1 % entspricht. Demgegenüber wuchs die exportierte Menge lediglich von 1.279.000 t auf 1.383.000 t (+8,2 %). Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich entsprechend von 840 EUR/t auf 1.259 EUR/t (+49,8 %), mit einem Spitzenwert von 1.375 EUR/t im Jahr 2024. Die Preisentwicklung war damit der zentrale Treiber des Exportwachstums.
Divergierende Preistrends in den Produktsegmenten
Die beiden Unterpositionen entwickelten sich preislich unterschiedlich stark:
| Segment | Beschreibung | Exportpreis 2015 (EUR/t) | Exportpreis 2025 (EUR/t) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 200210 | Ganz oder in Stücken | 731 | 1.080 | +47,7 % |
| 200290 | Übrige (v. a. Mark) | 1.017 | 1.584 | +55,8 % |
Das Segment 200290 (Tomatenmark und vergleichbare Erzeugnisse) erzielte durchgehend höhere Preise als das Segment der ganzen/stückigen Tomaten — ein ungewöhnliches Muster, das auf die industrielle Verarbeitungstiefe und die Konzentration des Rohmaterials zurückzuführen ist. Interessanterweise sank das Exportvolumen von 200290 im Zeitraum von 489.369 t (2015) auf 491.783 t (2025) nahezu unverändert, während der Wert von 498 Mio. EUR auf 779 Mio. EUR (+56,4 %) stieg.
Italiens dominante Rolle im EU-Export
Italien war im gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Exporteur innerhalb der EU. Die italienischen Ausfuhren stiegen von 797 Mio. EUR auf 1.366 Mio. EUR (+71,4 %), was einem Anteil von rund 78 % am gesamten EU-Exportwert im Jahr 2025 entspricht. Die weiteren wichtigen EU-Exportländer im Jahr 2025 waren:
| Land | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung seit 2015 |
|---|---|---|
| Italien | 1.366 | +71,4 % |
| Spanien | 124 | +34,2 % |
| Portugal | 123 | +8,3 % |
| Griechenland | 41 | +29,7 % |
| Niederlande | 41 | +165,1 % |
Italiens Spezialisierungskoeffizient (RCA) lag 2025 bei 7,07, was eine extrem hohe komparative Kompetitivität im Tomatensektor belegt. Portugal (RCA 6,12) und Griechenland (RCA 4,23) folgten mit ebenfalls deutlicher Spezialisierung.
Starke Zuwächse in Übersee-Destinationen
Untern den wichtigsten Abnehmern wuchsen die Überseemärkte am stärksten. Der US-Markt stieg von 96 Mio. EUR auf 208 Mio. EUR (+116,5 %), Kanada von 21 Mio. EUR auf 58 Mio. EUR (+168,9 %) und Australien von 58 Mio. EUR auf 110 Mio. EUR (+89,2 %). Der Vereinigte Königreich blieb mit 577 Mio. EUR der mit Abstand größte Einzelabnehmer und verzeichnete ein Wachstum von 55,3 %. Die Exporte in diese Kernmärkte zeigten eine bemerkenswert niedrige Volatilität (Variationskoeffizient von 0,05–0,14), was auf stabile und langfristig gewachsene Handelsbeziehungen hindeutet.
2. Neuordnung der globalen Importpartnerlandschaft
Die Herkunftsstruktur der EU-Importe von Tomatenkonserven hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend gewandelt. Traditionelle Fernost-Lieferanten verloren Marktanteile, während Mittelmeer- und lateinamerikanische Anbieter stark an Bedeutung gewannen.
Rückgang der traditionellen Lieferanten China und USA
China, 2015 noch mit 112 Mio. EUR größter Drittland-Lieferant der EU, verlor bis 2025 auf 86 Mio. EUR (−23,8 %). Die USA fielen von 74 Mio. EUR auf 59 Mio. EUR (−20,2 %). Beide Märkte zeigten dabei eine vergleichsweise moderate Preisvolatilität (CV China: 0,35; CV USA: 0,27), was den Rückgang nicht auf Lieferunterbrechungen, sondern auf strukturelle Marktverschiebungen zurückführbar macht.
Aufstieg der Mittelmeer- und lateinamerikanischen Lieferanten
Die dynamischste Entwicklung vollzog sich bei folgenden Lieferanten:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | CV (Volatilität) |
|---|---|---|---|---|
| Türkei | 34 | 96 | +181,4 % | 0,53 |
| Tunesien | 1 | 24 | +2.188,8 % | 1,03 |
| Ägypten | 7 | 35 | +371,5 % | 0,61 |
| Chile | 18 | 52 | +179,3 % | 0,66 |
| Ukraine | 13 | 20 | +57,2 % | 0,45 |
Die Türkei entwickelte sich zum drittgrößten Lieferanten und ersetzte damit weitgehend die Position Chinas. Tunesien verzeichnete mit einem Anstieg von unter 1 Mio. EUR auf 24 Mio. EUR den prozentual stärksten Zuwachs aller Partner. Die Diversifizierung spiegelt sich auch im Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) wider: Der Import-HHI sank von 2.461 auf 1.531 (−37,8 %), was eine deutlich geringere Konzentration der Lieferantenbasis anzeigt.
Ukrainischer Preisschock im Jahr 2023
Im Jahr 2023 wurde bei ukrainischen Importen ein markanter Preisschock festgestellt. Der Preis sprang um 82,3 % (Anormalitäts-Score: 9,2), bei einem Anteil der Ukraine am EU-Importwert von rund 10 %. Dies ist plausibel auf die Folgen des Krieges in der Ukraine zurückzuführen, der Lieferketten störte und Produktions- sowie Logistikkosten erhöhte. Ukraine weist mit einem Variationskoeffizienten von 0,45 zudem eine der höheren Volatilitäten unter den Importpartnern auf.
Italiens Importbedarf blieb der größte innerhalb der EU
Innerhalb der EU waren Italien (120 Mio. EUR), Deutschland (72 Mio. EUR) und Polen (46 Mio. EUR) die größten Importeure im Jahr 2025. Auffällig war das rasante Wachstum bei Polen (+144,6 %), Frankreich (+130,0 %) und insbesondere Spanien (+490,0 %), wo die Importe von lediglich 3 Mio. EUR auf 16 Mio. EUR stiegen. Diese Entwicklung deutet auf eine wachsende Nachfrage nach Drittlands-Tomatenprodukten auch in traditionell selbstversorgenden südeuropäischen Ländern hin.
3. Produktionsboom als Fundament zunehmender Handelsautonomie
Die EU-Produktion von Tomatenkonserven hat sich im Beobachtungszeitraum vervielfacht, was die Handelsstruktur nachhaltig veränderte und die Abhängigkeit von Drittländern reduzierte.
Produktionsmengen stiegen um 216 %, Produktionswerte um 648 %
Die EU-Produktion verfünffachte sich nahezu:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (kg) | 1.877 Mio. | 5.928 Mio. | +215,8 % |
| Produktionswert (EUR) | 1.213 Mio. | 9.071 Mio. | +647,6 % |
Der Produktionswert stieg stärker als die Menge, was auf erhebliche Preissteigerungen in der Verarbeitungskette hindeutet. Die Diskrepanz zwischen dem Mengenwachstum (+216 %) und dem Wertwachstum (+648 %) lässt auf eine nahezu Verdopplung der durchschnittlichen Produktionspreise schließen — ein Effekt, der sowohl Inflationseffekte als auch den Trend zu hochwertigeren Produkten widerspiegeln dürfte.
Sinkende Handelsintensität als Zeichen der Binnenorientierung
Während die absoluten Export- und Importwerte stiegen, sanken die relativen Handelsindikatoren gegenüber der Produktion erheblich:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit (%) | −27,0 | −4,4 | +83,7 % |
| Handelsintensität (%) | 36,9 | 14,7 | −60,0 % |
| Exportquote (%) | 30,8 | 9,9 | −67,9 % |
Die Netto-Importabhängigkeit verblieb über den gesamten Zeitraum im negativen Bereich, d. h. die EU war und blieb ein Nettoexporteur. Allerdings näherte sich der Wert von −27,0 % stark dem Nullpunkt an (−4,4 %), was bedeutet, dass die Exporte im Verhältnis zur rapide wachsenden Produktion an Bedeutung verloren. Die Exportquote sank von 30,8 % auf 9,9 %, die Handelsintensität (Exporte + Importe bezogen auf die Produktion) von 36,9 % auf 14,7 %. Die EU produzierte also 2025 deutlich mehr für den Binnenmarkt als noch 2015.
Stabile Exportkonzentration trotz Diversifizierung der Importe
Während die Importseite eine klare Entkonzentrierung zeigte (HHI von 2.461 auf 1.531), blieb die Exportkonzentration nahezu unverändert (HHI von 1.510 auf 1.475, −2,3 %). Italiens dominante Stellung im EU-Export blieb über den gesamten Zeitraum stabil und wurde sogar leicht ausgebaut. Die Entkonzentrierung der Importe spiegelt hingegen wider, dass die EU ihre Beschaffungsquellen nach geopolitischen und preislichen Gesichtspunkten neu ausrichtete — weg von China und den USA, hin zu einer breiteren Palette von Mittelmeer- und lateinamerikanischen Lieferanten.
Fazit
Der Markt für Tomatenkonserven in der EU entwickelte sich zwischen 2015 und 2025 entlang dreier zentraler Dynamiken: Erstens wuchsen die Exporte vor allem preisgetrieben (+62 % Wert bei nur +8 % Menge), wobei Italien seine Vorherrschaft mit einem Anteil von fast 80 % am EU-Exportwert festigte. Zweitens vollzog sich eine tiefgreifende Umstrukturierung der Importpartnerlandschaft: Während China und die USA an Bedeutung verloren, stiegen die Türkei, Tunesien, Ägypten und Chile zu neuen Schlüssellieferanten auf, was die Lieferantenbasis insgesamt deutlich diversifizierte (HHI −38 %). Drittens führte ein außerordentlicher Produktionsanstieg (+216 % mengenmäßig, +648 % wertmäßig) dazu, dass die EU zunehmend für den eigenen Binnenmarkt produzierte und sowohl Handelsintensität als auch Exportquote gegenüber der Gesamtproduktion spät sanken.
Der Handelsbilanzüberschuss wuchs im Zeitraum um 69 % auf 1.337 Mio. EUR, doch die sinkende Exportquote signalisiert, dass das Wachstumspotential der EU-Tomatenkonservenindustrie künftig stärker im Inlandsmarkt als im Export liegen dürfte. Der ukrainische Preisschock von 2023 verdeutlichte zudem die anhaltende Sensitivität des Marktes gegenüber geopolitischen Ereignissen — ein Risiko, das angesichts der Neuaufstellung der Importpartnerkette künftig besser gestreut sein dürfte als noch vor einem Jahrzehnt.