Marktentwicklung: Tomatenkonserven (CN 200210) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015–2025 für den Zollcode CN 200210 — Tomaten, zubereitet oder haltbar gemacht (anders als mit Essig oder Essigsäure), ganz oder in Stücken. Der CN-Code 200210 umfasst drei Unterpositionen: geschälte Tomaten in Großgebinden (> 1 kg, CN 20021011), geschälte Tomaten in Kleinverpackungen (≤ 1 kg, CN 20021019) sowie sonstige zubereitete Tomaten, ganz oder in Stücken (CN 20021090). Die EU ist in diesem Segment ein starker Nettoexporteur mit einem Handelsbilanzüberschuss, der im Betrachtungszeitraum von 537 Mio. EUR auf 873 Mio. EUR gewachsen ist. Im Folgenden werden die drei zentralen Marktdynamiken herausgearbeitet: die wertgetriebene Exportexpansion, die strukturelle Verschiebung der Importquellen sowie die Veränderungen in Produktion und Marktstruktur.
1. Preisinduziertes Exportwachstum bei italienischer Marktführerschaft
Der Exportwert stieg deutlich stärker als das Exportvolumen
Im Zeitraum 2015–2025 entwickelten sich die EU-Exporte von Tomatenkonserven (Übersicht) wie folgt:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (EUR) | 576.897.556 | 962.724.081 | +66,9 % |
| Exportmenge (t) | 789.443 | 891.568 | +12,9 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 730,77 | 1.079,81 | +47,8 % |
Die Divergenz zwischen Wert- (+66,9 %) und Mengenwachstum (+12,9 %) zeigt, dass die Exportexpansion überwiegend preisinduziert war. Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 731 EUR/t auf 1.080 EUR/t — ein Anstieg um fast die Hälfte. Der Exportwert erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2023 mit rund 1.051 Mio. EUR, bevor er 2025 auf 963 Mio. EUR leicht korrigierte.
Italien dominiert die EU-Exporte mit großem Abstand
Die länderspezifische Analyse offenbart eine extrem hohe Konzentration der EU-Exporte auf Italien:
| Reporterland | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 522.503.005 | 874.137.338 | +67,3 % |
| Spanien | 17.497.974 | 16.508.823 | −5,7 % |
| Niederlande | 9.812.909 | 23.499.194 | +139,5 % |
| Griechenland | 8.932.176 | 19.662.322 | +120,1 % |
| Portugal | 7.948.754 | 12.235.354 | +53,9 % |
| Deutschland | 2.580.981 | 2.822.274 | +9,3 % |
| Frankreich | 2.426.112 | 2.095.799 | −13,6 % |
Italien allein steht für über 90 % des EU-Exportwerts. Dies spiegelt die bekannte Rolle Italiens als全球最大er Produzent und Exporteur von Dosentomaten wider — insbesondere durch dieRegionen Emilia-Romagna und Süditalien. Die Spezialisierungsdaten bestätigen dies: Italien weist einen Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) von 0,80 auf — den höchsten Wert aller EU-Mitgliedstaaten — gefolgt von Griechenland (0,54) und Spanien (0,19).
Das Exportziel diversifiziert sich langsam
Trotz der Dominanz Italiens zeigt der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte (Konzentration) einen leicht rückläufigen Trend:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Exporte (Wert) | 1.803 | 1.518 | −15,8 % |
| HHI Exporte (Volumen) | 1.865 | 1.640 | −12,0 % |
Die wichtigsten Exportmärkte sind das Vereinigte Königreich (210 Mio. → 306 Mio. EUR, +45,8 %), die USA (82 Mio. → 164 Mio. EUR, +100,6 %), Japan (74 Mio. → 98 Mio. EUR, +32,1 %) und Australien (45 Mio. → 66 Mio. EUR, +47,3 %). Besonders auffällig ist das Wachstum der Ausfuhren nach Kanada (+152,5 %). Diese Diversifizierung der Zielmärkte deutet auf eine wachsende globale Nachfrage nach europäischen Dosentomatenprodukten hin, wenngleich die Exporte relativ stabile Handelsbeziehungen aufweisen — der Variationskoeffizient (CV) liegt bei den meisten Partnerländern unter 0,15 (Volatilität).
2. Strukturelle Verschiebung der Importquellen: Aufstieg der Türkei und Tunesiens
Importe haben sich mehr als verdoppelt
Während die EU im Segment Tomatenkonserven ein Nettoexporteur ist, sind die Importe im Betrachtungszeitraum erheblich gestiegen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (EUR) | 39.693.158 | 89.952.072 | +126,6 % |
| Importmenge (t) | 20.814 | 42.409 | +103,8 % |
| Durchschnittspreis (EUR/t) | 1.907 | 2.121 | +11,2 % |
Auffällig ist, dass die Importpreise (1.907–2.121 EUR/t) deutlich über den Exportpreisen (731–1.080 EUR/t) liegen. Dies deutet darauf hin, dass importierte Tomatenkonserven tendenziell hochwertigere oder verarbeitetere Produkte umfassen (z. B. Spezialitäten oder Convenience-Produkte) oder dass die Preisunterschiede durch unterschiedliche Verpackungsgrößen und Distributionskanäle bedingt sind.
Die Türkei ist zum dominanten Importpartner aufgestiegen
Die Importpartneranalyse zeigt eine markante Neuordnung der Importquellen:
| Partnerland | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 21.876.545 | 53.790.655 | +145,9 % |
| Tunesien | 266.544 | 22.083.138 | +8.185,0 % |
| Marokko | 4.340.486 | 5.377.894 | +23,9 % |
| Vereinigtes Königreich | 9.127.256 | 3.805.059 | −58,3 % |
| Ukraine | 364.177 | 1.009.764 | +177,3 % |
| Israel | 1.416.801 | 59.154 | −95,8 % |
Die Türkei hat ihre Exporte in die EU fast vervierfacht und dominiert mit einem Anteil von rund 60 % am EU-Importwert. Der dramatischste Anstieg stammt jedoch aus Tunesien: von lediglich 267.000 EUR im Jahr 2015 auf 22,1 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Wachstum um das 82-Fache. Tunesien hat sich damit vom Nischenanbieter zum zweitgrößten Importlieferanten der EU entwickelt. Gleichzeitig sind die Importe aus Israel praktisch eingebrochen (−95,8 %), was möglicherweise mit veränderten Handelspräferenzen oder Produktionsverschiebungen zusammenhängt.
Erhöhte Importkonzentration und preisschocks bei Lieferanten
Die Importkonzentration hat im Zeitraum zugenommen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 3.705 | 4.240 | +14,4 % |
| HHI Importe (Volumen) | 2.361 | 3.469 | +46,9 % |
Der HHI-Wert von 4.240 (Wert) im Jahr 2025 liegt deutlich über dem Schwellenwert von 2.500, ab dem eine Marktstruktur als „mäßig konzentriert" gilt. Die Volatilitätsanalyse bestätigt die Anfälligkeit dieser Importstruktur: Der Variationskoeffizient liegt bei Tunesien bei 1,18, bei den USA bei 1,11 und bei Israel bei 0,96 — Werte, die auf erhebliche Schwankungen hindeuten.
Zudem wurden drei signifikante Preisschocks identifiziert:
| Lieferant | Schocktyp | Zeitpunkt | Preisänderung | Abnormalität | Anteil am Importwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Marokko | Preis | 2018 | −6,4 % | 7,2 | 11,8 % |
| Türkei | Preis | 2023 | +30,6 % | 3,3 | 56,7 % |
| Tunesien | Preis | 2022 | +40,1 % | 2,3 | 15,4 % |
Der Preisschock bei türkischen Importen im Jahr 2023 ist besonders relevant, da die Türkei mit 56,7 % den mit Abstand größten Anteil am EU-Importwert hält. Dies unterstreicht das potenzielle Risiko einer zu starken Konzentration auf wenige Lieferanten.
3. Produktionswachstum, Sortenverschiebung und sich wandelnde Marktstruktur
Die EU-Produktion ist stark gewachsen — sowohl mengen- als auch wertmäßig
Die Produktionsdaten für Tomatenkonserven in der EU zeigen eine bemerkenswerte Expansion:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (kg) | 2.452.907.259 | 3.648.000.000 | +48,7 % |
| Produktionswert (EUR) | 2.334.407.242 | 5.940.000.000 | +154,5 % |
Die Produktionswertsteigerung (+154,5 %) übertrifft die Mengensteigerung (+48,7 %) bei Weitem, was auf erheblich gestiegene Erzeugerpreise hindeutet — ein Trend, der sich auch im Exportpreis widerspiegelt. Die Produktion erreichte ihren mengenmäßigen Höchststand im Jahr 2022 mit rund 3,83 Mrd. kg.
Veränderte Handelsstruktur innerhalb der Produktsegmente ab 2024
Ein bemerkenswerter methodischer Befund betrifft die Aufschlüsselung nach Unterpositionen: Bis einschließlich 2023 wurden ausschließlich Daten für CN 20021090 (Tomaten, zubereitet, ganz oder in Stücken, ausg. geschält) gemeldet. Ab 2024 erscheinen erstmals auch die Unterpositionen CN 20021011 (geschälte Tomaten, > 1 kg) und CN 20021019 (geschälte Tomaten, ≤ 1 kg):
| Segment | Exportwert 2024 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) |
|---|---|---|
| CN 20021090 (sonstige) | 443.959.569 | 403.578.172 |
| CN 20021011 (geschält, > 1 kg) | 393.534.422 | 375.625.243 |
| CN 20021019 (geschält, ≤ 1 kg) | 213.441.252 | 183.520.666 |
Auch bei den Importen zeigt sich das gleiche Bild — CN 20021011 und 20021019 tauchen erst 2024 in den Daten auf. Dies deutet auf eine Anpassung der Zolltarifierung oder der Meldepraxis hin, nicht auf eine reale Marktsprünge. Die geschälten Tomaten in Großgebinden (> 1 kg) machen sowohl bei Exporten als auch bei Importen das größte Segment aus und werden zu deutlich niedrigeren Preisen gehandelt (639–688 EUR/t bei Importen bzw. 943–1.036 EUR/t bei Exporten) als die Position 20021090 (2.644 EUR/t bei Importen bzw. 1.213 EUR/t bei Exporten).
Die Exportkonzentration sinkt, während sich die Importstruktur verfestigt
Ein zentraler struktureller Befund ist die gegenläufige Entwicklung der Handelskonzentration:
| HHI-Indikator | 2015 | 2025 | Trend |
|---|---|---|---|
| Exporte (Wert) | 1.803 | 1.518 | ↓ Diversifizierung |
| Importe (Wert) | 3.705 | 4.240 | ↑ Konzentration |
| Exporte (Volumen) | 1.865 | 1.640 | ↓ Diversifizierung |
| Importe (Volumen) | 2.361 | 3.469 | ↑ Konzentration |
Auf der Exportseite profitiert die EU von einer breiteren Streuung der Absatzmärkte — die starken Zuwächse in die USA, Kanada und Australien tragen zur Risikoreduzierung bei. Auf der Importseite hingegen konzentrieren sich die Bezugsquellen zunehmend auf die Türkei und Tunesien. Dies schafft eine Asymmetrie: Während die Exportseite robuster wird, steigt die Anfälligkeit der Importseite gegenüber politischen oder wirtschaftlichen Störungen in wenigen Herkunftsländern.
Innerhalb der EU ist die Produktion stark auf wenige Mitgliedstaaten konzentriert. Italien (RSCA 0,80), Griechenland (0,54) und Spanien (0,19) sind die einzig nennenswert spezialisierten Produzenten, während viele kleinere Mitgliedstaaten — etwa Irland (RSCA −1,00), Finnland (−0,98) oder Ungarn (−0,98) — praktisch keine relevante Eigenproduktion aufweisen und vollständig auf Importe angewiesen sind (Spezialisierung).
Fazit
Der EU-Markt für Tomatenkonserven (CN 200210) hat sich zwischen 2015 und 2025 durch drei zentrale Dynamiken geprägt: Erstens war das beeindruckende Exportwachstum überwiegend preis- und nicht mengengetrieben — die EU hat es geschützt, steigende Preise auf den Weltmärkten durchzusetzen, insbesondere in den USA, Japan und Australien. Zweitens haben sich die Importquellen strukturell verschoben: Die Türkei und Tunesien haben ihre Marktanteile massiv ausgebaut, während traditionelle Lieferanten wie Israel und das Vereinigte Königreich an Bedeutung verloren haben. Diese Konzentration birgt Risiken, wie die identifizierten Preisschocks bei der Türkei (2023) und Tunesien (2022) belegen. Drittens ist die EU-Produktion sowohl mengen- als auch wertmäßig deutlich gewachsen, wobei die Preisentwicklung die Mengenentwicklung weit übertrifft.
Die EU bleibt im Segment Tomatenkonserven ein starker Nettoexporteur mit einem Handelsbilanzüberschuss von 873 Mio. EUR im Jahr 2025. Die größte strukturelle Herausforderung liegt in der zunehmenden Importkonzentration auf wenige Drittländer, während die Exportseite durch Marktdiversifizierung robuster geworden ist. Die im Jahr 2024 eingetretene verfeinerte Tarifierung (Aufspaltung in geschälte und sonstige Tomaten) wird künftig eine differenziertere Analyse der Wertschöpfungskette ermöglichen.