Marktentwicklung: T-Shirts und Unterhemden, aus Gewirken oder Gestricken aus Spinnstoffen (ausg. aus Baumwolle) (CN 610990) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Marktbericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für die Zollposition CN 610990 — T-Shirts und Unterhemden aus Gewirken oder Gestricken aus Spinnstoffen (ausgenommen Baumwolle). Die Position umfasst zwei Unterpositionen: 61099020 (Wolle, feine Tierhaare oder Chemiefasern) und 61099090 (übrige Spinnstoffe). Im untersuchten Zeitraum durchlief dieser Markt tiefgreifende strukturelle Veränderungen: einen starken Rückgang der EU-Produktion, eine zunehmende Importabhängigkeit, gravierende Verschiebungen bei den Handelspartnern sowie mehrere externe Schocks — von der COVID-19-Pandemie über den Brexit bis hin zu geopolitischen Konflikten. Die Daten zeigen, dass die EU im Jahr 2025 einen Handelsdefizit von rund 1,95 Milliarden Euro ausweist und mit einer Nettoimportabhängigkeit von 78 % auf Drittländer angewiesen ist. Die folgenden Abschnitte beleuchten die wichtigsten Dynamiken im Detail.
1. Strukturelle Transformation der EU-Produktion und -Handelsbilanz
Die EU-Produktion hat sich im Berichtszeitraum massiv reduziert
Die EU-weite Produktion von T-Shirts und Unterhemden (Nicht-Baumwolle) verlor im Zeitraum 2015–2025 erheblich an Volumen:
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (t) | 261.440 | 191.644 | 195.000 | −25,4 % |
| Produktionswert (€) | 1.565 Mio. | 1.399 Mio. | 1.600 Mio. | +2,2 % |
| Durchschnittspreis (€/kg) | 5,99 | 7,30 | 8,21 | +37,1 % |
Quelle: Produktionsvolumen
Betrachtet man einen längeren Zeithorizont, so fällt der Rückgang noch dramatischer aus: Von einem Höchststand von 730.670 Tonnen im Jahr 2006 sank die Produktion um 68,3 % auf nur noch 195.000 Tonnen im Jahr 2024 (dem letzten vollständigen Produktionsjahr). Gleichzeitig stieg der durchschnittliche Produktionspreis von 2,62 €/kg (2006) auf 8,21 €/kg (2024) — ein Anstieg von über 200 %. Dies deutet auf eine qualitative Aufwertung und Verlagerung der EU-Produktion hin: Niedrigpreis-Artikel werden zunehmend importiert, während die verbleibende EU-Fertigung sich auf hochwertigere Segmenten konzentriert.
Die Exporte sind sowohl mengen- als auch wertmäßig deutlich gesunken, während die Importe mengenmäßig gewachsen sind
Die Gesamthandelsübersicht zeigt folgende Entwicklung:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte Wert (€) | 861 Mio. | 650 Mio. | −24,5 % |
| Exporte Menge (t) | 21.607 | 9.978 | −53,8 % |
| Exporte Preis (€/kg) | 39.843 | 65.132 | +63,5 % |
| Importe Wert (€) | 2.676 Mio. | 2.595 Mio. | −3,0 % |
| Importe Menge (t) | 118.681 | 138.805 | +17,0 % |
| Importe Preis (€/kg) | 22.547 | 18.693 | −17,1 % |
| Handelsbilanz (€) | −1.815 Mio. | −1.945 Mio. | −7,2 % |
Die Exporte verloren mehr als die Hälfte ihrer Menge, doch der Wertverlust blieb dank starker Preisanstiege moderater. Die Importmengen hingegen wuchsen um 17 %, bei gleichzeitig sinkenden Preisen — ein klassisches Bild steigender Konsumentennachfrage verbilligter Importware.
Die COVID-19-Pandemie markierte eine Zäsur, von der sich der Exportmarkt nicht vollständig erholte
Der tiefste Punkt wurde 2021 erreicht, als die Exporte auf 572 Mio. Euro und 11.856 Tonnen fielen. Die Importe sanken 2021 auf 1.793 Mio. Euro und 80.287 Tonnen. Bis 2025 erholten sich die Importe über das Vor-Krisen-Niveau (138.805 t vs. 120.159 t in 2019), die Exporte blieben jedoch deutlich unter dem Niveau von 2015–2019 (9.978 t vs. 18.611 t in 2019). Diese Asymmetrie verstärkt die Nettoimportabhängigkeit, die von 16 % (2003) auf 78 % (2025) anstieg.
2. Dramatische Umstrukturierung der Handelspartnerschaften
Türkiye verlor seine Führungsposition als wichtigster EU-Lieferant an China
Die Partnerländeranalyse zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung der Importquellen:
| Lieferant | Importe 2015 (€ Mio.) | Importe 2025 (€ Mio.) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkiye | 822 | 409 | −50,2 % |
| China | 681 | 696 | +2,3 % |
| Bangladesh | 233 | 405 | +74,3 % |
| Viet Nam | 73 | 253 | +245,0 % |
| Cambodia | 140 | 114 | −18,1 % |
| United Kingdom | 108 | 28 | −74,2 % |
| India | 98 | 48 | −50,7 % |
Im Jahr 2015 war Türkiye mit 822 Mio. Euro der mit Abstand wichtigste Lieferant der EU in diesem Segment. Bis 2025 fielen die Importe aus Türkiye auf 409 Mio. Euro — ein Rückgang um mehr als die Hälfte. China übernahm die Spitzenposition mit 696 Mio. Euro. Besonders auffällig ist das Wachstum von Viet Nam (+245 %), das sich von einem Randlieferanten zu einem der Top-5-Partner entwickelte.
Bangladesh entwickelte sich zum dynamischsten Wachstumsmarkt unter den Lieferanten
Bangladesh steigerte seine Exporte in die EU von 233 Mio. Euro (2015) auf 405 Mio. Euro (2025). Mengenmäßig wuchs der Handel von 15.750 auf 28.315 Tonnen (+79,8 %). Damit hat sich Bangladesh von der dritten zur zweitwichtigsten Lieferposition vorgearbeitet und Türkiye überholt. Die relativ günstigen Preise (Durchschnitt 14.314 €/kg in 2025 vs. 31.736 €/kg für Türkiye) machen Bangladesh zu einem bevorzugten Beschaffungsstandort für preissensitive Artikel.
Der Brexit führte zu einem Zusammenbruch des Handels mit dem Vereinigten Königreich — in beide Richtungen
Der mit Abstand signifikanteste strukturelle Schock im untersuchten Zeitraum betraf das Vereinigte Königreich:
- Importe aus UK: Von 108 Mio. Euro (2015) auf 28 Mio. Euro (2025) — ein Rückgang um 74,2 %. Mengenmäßig fielen die Importe von 4.656 Tonnen (2015) auf 1.309 Tonnen in 2025 (nach einem Tiefpunkt von 594 t in 2024). Der Preis stieg dabei von 23.190 auf 2.125 €/kg — ein außergewöhnlicher Preisschock.
- Exporte nach UK: Von 286 Mio. Euro (2015) auf 116 Mio. Euro (2025) — ein Rückgang um 59,6 %. Mengenmäßig brachen die Exporte von 8.205 auf 2.269 Tonnen ein (−72,3 %).
Der Volatilitätskoeffizient (CV) der UK-Importe lag bei 0,88 — der höchste aller Partner —, was die extreme Unsicherheit dieses Handelsstroms nach dem Brexit unterstreicht. Der Schock wurde 2021 sichtbar, als die Importmenge von 8.054 t (2019) auf 740 t einbrach und der Preis um 152,2 % anstieg.
Die Exportziele der EU verschieben sich von politisch instabilen Märkten hin zu stabilen Nachbarländern
| Bestimmungsland | Exporte 2015 (€ Mio.) | Exporte 2025 (€ Mio.) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| United Kingdom | 286 | 116 | −59,6 % |
| Switzerland | 126 | 169 | +34,4 % |
| Norway | 38 | 55 | +43,3 % |
| Russian Federation | 51 | 23 | −54,6 % |
| United States | 44 | 44 | −0,0 % |
| Türkiye | 28 | 29 | +0,7 % |
| Mexico | 22 | 6 | −71,5 % |
Während die Exporte in das Vereinigte Königreich und Russland (letzteres infolge der Sanktionen nach 2022) stark sanken, profitierten stabile Märkte wie die Schweiz und Norwegen. Die Schweiz entwickelte sich zum zweitwichtigsten Exportmarkt mit einem konstanten Wachstum von 34,4 %. Die Exporte nach Russland fielen besonders nach 2021: von 51 Mio. Euro (2015) über 29 Mio. Euro (2021) auf 23 Mio. Euro (2025). Der Schock-Algorithmus identifizierte den Einbruch nach Russland 2022 mit einer mengenmäßigen Abweichung um 42 % vom Baseline-Niveau.
Die Konzentration der Importe hat abgenommen, was auf eine Diversifizierung der Beschaffung hindeutet
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importe sank von 1.760 (2015) auf 1.414 (2025), ein Rückgang um 19,7 %. Der Tiefpunkt wurde 2020 mit 1.232 erreicht. Dies reflektiert die Verschiebung weg von der einseitigen Abhängigkeit von Türkiye hin zu einer breiter gestreuten Lieferantenbasis, in der China, Bangladesh und Viet Nam stärker gewichten.
3. Preis- und Schockdynamiken sowie strategische Verwundbarkeit
Die Importpreise sind langfristig gesunken, die Exportpreise gestiegen — eine Preisschere öffnet sich
Die durchschnittlichen EU-Importpreise fielen von 22.547 €/kg (2015) auf 18.693 €/kg (2025), ein Rückgang um 17,1 %. Demgegenüber stiegen die Exportpreise von 39.843 auf 65.132 €/kg (+63,5 %). Die gleiche Dynamik zeigt sich bei der EU-Produktion: Der Produktionspreis stieg von 5,99 €/kg auf 8,21 €/kg. Dies deutet auf eine Segmentierung des Marktes hin: Die EU importiert zunehmend günstigere Massenware aus Asien (insbesondere Bangladesh, Viet Nam, Cambodia) und exportiert verbleibende Hochwertprodukte zu steigenden Preisen — vor allem in die Schweiz, nach Norwegen und in die USA.
Mehrere markante Preisschocks sind erkennbar, die unterschiedliche Ursachen haben
Die Schockanalyse identifizierte folgende signifikante Ereignisse:
| Schock | Richtung | Typ | Zeitpunkt | Abweichung | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|---|
| Bangladesh | Import | Preis | 2018 | −12,6 % | 16,0 % |
| United Kingdom | Import | Preis | 2021 | +152,2 % | 4,2 % |
| Mexico | Export | Preis | 2023 | +142,1 % | 1,9 % |
| UAE | Export | Preis | 2023 | +82,3 % | 1,9 % |
| Russia | Export | Preis | 2022 | +27,3 % | 5,8 % |
- Bangladesh 2018: Ein mengenmäßiger Anstieg um 20,8 % bei gleichzeitigem Preisrückgang um 12,6 % — typisch für aggressive Preisunterbietung und Kapazitätsausbau in der Textilindustrie.
- United Kingdom 2021: Der mengenmäßige Einbruch auf 11,7 % des Baseline-Niveaus bei einer Preisexplosion um 152 % — ein direkter Brexit-Effekt, der die Handelsstruktur nachhaltig veränderte.
- Russland 2022: Mengenrückgang um 42 % bei Preissteigerung um 27 % — konsistent mit den Sanktionsfolgen nach dem Ukraine-Konflikt.
- Mexico und UAE 2023: Extreme Preisschocks mit Anstiegen von 142 % bzw. 82 % bei sinkenden Mengen — möglicherweise verursacht durch veränderte Produktmixe oder Handelsumleitungen.
Die innergemeinschaftliche Spezialisierung zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass bestimmte EU-Länder eine deutliche komparative Spezialisierung aufweisen:
| Land | RSCA | RCA | Anteil an EU-Produktion | Anteil an EU-Handel |
|---|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,445 | 2,60 | 4,5 % | 1,7 % |
| Portugal | 0,409 | 2,38 | 3,3 % | 1,4 % |
| Bulgarien | 0,363 | 2,14 | 1,3 % | 0,6 % |
| Belgien | 0,247 | 1,66 | 14,0 % | 8,5 % |
| Spanien | 0,183 | 1,45 | 8,4 % | 5,8 % |
Dänemark, Portugal und Bulgarien besitzen die höchste relative Spezialisierung (RSCA > 0,3), wenngleich ihre absoluten Handelsanteile klein sind. Deutschland dagegen — mit dem größten EU-Produktionsanteil (19,7 %) — weist einen leicht negativen RSCA-Wert (−0,036) auf, was auf eine leichte Spezialisierung in anderen Produktsegmenten hindeutet. Die Niederlande haben sich unterdessen zum wichtigsten Importeur innerhalb der EU entwickelt (416 Mio. Euro in 2025, +32,6 % vs. 2015).
Die Verwundbarkeit der EU gegenüber externen Lieferkettenstörungen ist hoch und wachsend
Drei Indikatoren unterstreichen die strategische Exposition der EU:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Nettoimportabhängigkeit | 16,2 % | 78,2 % | +382 % |
| Exportneigung | 5,9 % | 196,8 % | +3.238 % |
| Handelsintensität | 24,9 % | 114,8 % | +362 % |
Die Nettoimportabhängigkeit erreichte 2022 mit 80,3 % ihren Höhepunkt und liegt 2025 bei 78,2 %. Die Exportneigung (export propensity) stieg sprunghaft an, was die rapide abnehmende Eigenversorgung der EU widerspiegelt. Dies macht den EU-Markt anfällig für Lieferkettenunterbrechungen, Währungsschwankungen bei den Herkunftsländern sowie geopolitische Risiken — insbesondere angesichts der Konzentration auf wenige große Lieferanten in Asien.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für T-Shirts und Unterhemden aus Nicht-Baumwolle (CN 610990) hat sich im Zeitraum 2015–2025 fundamental gewandelt. Die drei zentralen Entwicklungen sind:
-
Deindustrialisierung der EU-Produktion: Die inländische Produktion verlor zwei Drittel ihres Volumens seit 2006, während die verbleibende Produktion sich qualitativ aufwertete (höhere Preise pro Kilogramm).
-
Geopolitische Umstrukturierung der Handelspartnerschaften: Der Brexit eliminierte das Vereinigte Königreich als Handelspartner fast vollständig, Sanktionen gegen Russland reduzierten den Osteuropa-Handel, und innerhalb Asiens vollzog sich eine Verschiebung von Türkiye und Indien hin zu Bangladesh und Viet Nam. China behauptete seine Position als größter Einzellieferant.
-
Steigende strategische Verwundbarkeit: Mit einer Nettoimportabhängigkeit von 78 % und einem Handelsdefizit von fast 2 Milliarden Euro ist die EU in diesem Segment hochgradig auf Drittlandimporte angewiesen. Die Diversifizierung der Lieferantenbasis (sinkender HHI) bietet zwar etwas Puffer, doch die grundsätzliche Abhängigkeit von globalen Textillieferketten bleibt bestehen. Preisschocks — wie sie 2018 (Bangladesh), 2021 (UK/Brexit), 2022 (Russland) und 2023 (Mexico, UAE) auftraten — illustrieren die fortbestehende Exposition gegenüber externen Störungen.