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Marktentwicklung: Steinkohle, auch in Pulverform, unagglomeriert (ausg. Anthrazit und bitumenhaltige Steinkohle) (CN 270119) — 2015–2025

Einführung

Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für den Zollcode 270119 — Steinkohle, auch in Pulverform, unagglomeriert (ausgenommen Anthrazit und bitumenhaltige Steinkohle). Dieses Zeitfenster umfasst eine Phase grundlegender Transformation: von einer Phase relativ stabiler Versorgungsstrukturen über die COVID-19-Pandemie bis hin zur vollständigen Entkopplung von russischen Lieferungen nach dem Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022. Die Daten zeigen drei zentrale Dynamiken: einen strukturellen Rückgang der Importvolumina als Ausdruck der europäischen Energiewende, eine massive geopolitische Umwälzung der Lieferketten und eine nachhaltige Verteuerung des Steinkohlehandels.


1. Strukturelle Volumenkontraktion im Import bei gleichzeitiger Preisexplosion

1.1 Die EU als Nettoimporteur mit schrumpfender Importbasis

Die EU ist im betrachteten Zeitraum durchgehend ein starker Nettoimporteur von Steinkohle (CN 270119). Der Handelsbilanzsaldo bewegte sich stets im negativen Bereich:

Jahr Exportwert (€) Importwert (€) Saldo (€)
2015 155.609.483 2.234.954.461 −2.079.344.977
2018 136.693.739 2.899.826.990 −2.763.133.252
2020 146.064.529 1.060.337.556 −914.273.027
2022 314.987.136 7.512.719.233 −7.197.732.098
2025 243.809.712 1.364.873.630 −1.121.063.918

Der Handelsbilanzsaldo verbesserte sich über den Gesamtzeitraum um 46,1 % (von −2,08 Mrd. € auf −1,12 Mrd. €), was primär auf den drastischen Rückgang der Importe zurückzuführen ist.

1.2 Volumeneinbruch um über zwei Drittel

Die importierte Menge sank kontinuierlich von 36,1 Mio. Tonnen (2015) auf 10,7 Mio. Tonnen (2025) — ein Rückgang von 70,4 %. Diese Kontraktion verlief nicht linear, sondern zeigte mehrere Phasen:

Zeitraum Importmenge (t) Trend
2015 36.076.337 Ausgangsniveau
2016–2018 31,8–33,1 Mio. Moderater Rückgang
2019–2020 16,4–23,8 Mio. COVID-bedingter Einbruch
2021–2022 21,9–27,9 Mio. Teilweise Erholung
2023–2025 10,7–13,4 Mio. Struktureller Rückgang nach Sanktionen

Dieser Trend spiegelt die europäische Dekarbonisierungspolitik wider: Der Kohleausstieg in mehreren Mitgliedstaaten, der Ausbau erneuerbarer Energien und die Substitution von Kohle durch Erdgas (vor 2022) und erneuerbare Energien führten zu einer nachhaltigen Senkung der Nachfrage.

1.3 Preisverdopplung als zweiter Megatrend

Während die Volumina sanken, stiegen die Preise dramatisch an:

Kenngröße 2015 2022 2025 Veränderung (2015→2025)
Importpreis (€/t) 61,95 269,71 127,61 +106,0 %
Exportpreis (€/t) 107,47 272,98 179,33 +66,9 %

Der Importpreis erreichte 2022 mit 269,71 €/t sein Maximum — ein Anstieg von 335 % gegenüber 2015. Der Exportpreis folgte einem ähnlichen Muster. Bis 2025 normalisierten sich die Preise auf ein deutlich höheres Vor-Krisen-Niveau, blieben aber weit über dem Stand von 2015. Die Daten zur Preisentwicklung belegen, dass die Energiekrise 2022 dauerhafte Preisstruktureffekte hinterlassen hat.


2. Geopolitische Umwälzung: Russlands Ausscheiden und Neuaufstellung der Lieferketten

2.1 Russland — vom Hauptlieferanten zum vollständigen Sanktionsfall

Russland war bis 2022 der mit Abstand wichtigste Steinkohlelieferant der EU:

Jahr Importe aus Russland (€) Anteil an Top-7 (%) Menge (t)
2015 527.550.274 23,6 % 8.024.190
2018 1.043.693.099 36,0 % 11.395.174
2021 1.235.480.603 51,2 % 11.785.820
2022 1.580.101.886 21,0 % 6.458.492
2023–2025 0 0 % 0

Die Importe aus der Russischen Föderation brachen 2023 vollständig auf null zusammen — ein direktes Ergebnis des EU-Sanktionspakets vom August 2022. Der Anstieg des russischen Anteils auf über 50 % in den Jahren vor dem Krieg illustriert die damalige Abhängigkeit. Der Schock eines vollständigen Lieferausfalls eines Partners mit einem Marktanteil von über 50 % ist beispiellos. Die shock-Detection identifiziert diesen Vorgang als extremen Supply-Shock (Abnormalität: 4,9, Shift: −100 %).

2.2 Neuaufstellung: Australien und Kasachstan als Profiteure

Die Vakuum, das Russland hinterließ, wurde teilweise durch andere Lieferanten aufgefangen:

Partner Importe 2022 (€) Importe 2025 (€) Veränderung
Australien 903.967.806 608.786.237 −32,7 % (stabilisiert)
Kasachstan 510.918.160 121.760.750 −76,1 % (Rückgang vom Peak)
Kolumbien 2.106.892.517 440.917.614 −79,1 %
USA 888.419.734 64.790.646 −92,7 %

Australien entwickelte sich zum stabilsten Diversifizierungspartner: Die Importe stiegen von 201,6 Mio. € (2015) auf 608,8 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 202 % entspricht. Die Liefermengen aus Australien stiegen kontinuierlich von 2,1 Mio. t auf 3,7 Mio. t.

Kasachstan stieg von praktisch null (30.271 € in 2015) auf über 510 Mio. € im Jahr 2022 — ein Anstieg um über 1.688.000 %. Allerdings fielen die Importe 2025 wieder auf 121,8 Mio. € zurück, was auf vorübergehende Sanktionsumgehungsstrategien und anschließende Marktbereinigung hindeuten könnte. Die Länder-Daten für Kasachstan zeigen extreme Volatilität (Variationskoeffizient: 1,27).

Indonesia, einst ein relevanter Lieferant (220 Mio. € in 2015), verschwand 2025 nahezu vollständig (786 €) — ein Beispiel für die Verdrängung mittlerer Lieferanten in der Neuaufstellung der Lieferketten.

2.3 Steigende Konzentration der Lieferstruktur

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe stieg von 1.986 (2015) auf 3.167 (2025), was einer Zunahme um 59,5 % entspricht. Ein HHI über 2.500 gilt als hoch konzentriert. Die Importkonzentration schwankte dabei erheblich: Nach einem Tief von 1.729 im Jahr 2022 (als noch viele Lieferanten aktiv waren) stieg der Index nach dem russischen Sanktionsausstieg stark an. Die Daten zur Konzentration zeigen, dass die Diversifizierung der Lieferanten trotz Sanktionen nicht in dem Maße gelungen ist wie geplant.

Auch die Exportkonzentration nahm zu (HHI von 1.751 auf 2.775, +58,4 %), was auf eine stärkere Fokussierung der EU-Ausfuhren auf wenige Abnehmerländer hindeutet.


3. Rolle der Niederlande als Handelsdrehscheibe und regionale Spezialisierungsmuster

3.1 Die Niederlande als dominierender EU-Importeur

Innerhalb der EU übernahmen die Niederlande eine herausragende Rolle als Importeur und Handelsdrehscheibe:

Jahr NL-Importe (€) NL-Anteil an EU-Top-7-Importen
2015 1.366.253.279 61,1 %
2020 589.740.047 55,6 %
2022 3.322.287.920 44,2 %
2025 741.884.007 54,4 %

Die niederländischen Importe machen regelmäßig über die Hälfte der EU-Gesamtimporte aus. Rotterdam als Europas größter Hafen fungiert als zentraler Umschlagplatz für Steinkohle — sowohl für den niederländischen Eigenverbrauch als auch für die Verteilung in andere EU-Staaten.

Gleichzeitig sind die Niederlande auch der größte EU-Exporteur von CN 270119 mit einem Exportwert von 141 Mio. € (2025), was auf Re-Export-Aktivitäten oder Transitgeschäfte hindeutet. Die Spezialisierungsdaten bestätigen dies: Die Niederlande weisen einen RCA-Wert von 3,95 und einen RSCA von 0,60 auf — sie sind in diesem Produktsegment hochspezialisiert.

3.2 Polen — zweiter Akteur mit volatiler Entwicklung

Polen entwickelte sich vom kleinen Importeur (63 Mio. € in 2015) zum zweitgrößten EU-Importeur mit einem Peak von 2,66 Mrd. € im Jahr 2022, gefolgt von einem Rückgang auf 240 Mio. € (2025). Die enorme Schwankung (Höchstwert 2022: 2,66 Mrd. €; Tiefstwert 2015: 63 Mio. €) erklärt sich durch die polnische Energiekrise 2022, als der Wegfall russischer Lieferungen durch Notimporte aus Kolumbien, Australien und Südafrika kompensiert werden musste. Polen zeigt ebenfalls eine hohe Spezialisierung (RCA: 3,55; RSCA: 0,56), was die Bedeutung der Steinkohle für die polnische Energieversorgung widerspiegelt.

3.3 Struktureller Rückgang in traditionellen Verbraucherländern

Während die Niederlande und Polen ihre Position hielten oder ausbauten, verzeichneten andere große EU-Importländer teils drastische Rückgänge:

Land Importe 2015 (€) Importe 2025 (€) Veränderung
Spanien 283.015.909 13.873.686 −95,1 %
Frankreich 209.998.869 84.966.218 −59,5 %
Italien 106.691.299 28.769.211 −73,0 %

Diese Rückgänge in südeuropäischen Ländern sind konsistent mit der dort schneller voranschreitenden Abkehr von der Kohleverstromung. Die Daten der EU-Importländer zeigen, dass Spanien seinen Import von CN 270119 nahezu vollständig eingestellt hat.

3.4 Preis-Schocks und Volatilität als neue Normalität

Die Analyse der Volatilitätsindikatoren zeigt, dass mehrere Handelsbeziehungen extreme Preisschwankungen erfahren haben. Besonders hervorzuheben sind:

Schock-Ereignis Typ Jahr Preisshift (%) Abnormalität
Australien (Import) Preis 2017 +97,3 % 120,5
Marokko (Export) Preis 2022 +417,8 % 38,1
Türkei (Export) Angebot 2017 −100 % 29,6
Türkei (Export) Preis 2023 +186,1 % 18,6

Der australische Preisschock von 2017 (Preisverdopplung von 95,44 €/t auf 189,37 €/t) war ein Vorläufer der späteren Energiekrise. Der extremste Preisschock im Export betraf Marokko im Jahr 2022, wo der Exportpreis von 51 €/t auf 245,53 €/t explodierte (+417,8 %) — ein Spiegelbild der globalen Energiekrise nach dem russischen Überfall.

Die Daten zu Schock-Ereignissen belegen, dass die EU-Steinkohlemärkte nach 2022 eine neue Phase erhöhter Volatilität und Unsicherheit betreten haben.


Fazit

Die Marktentwicklung von CN 270119 zwischen 2015 und 2025 ist geprägt von drei ineinandergreifenden Transformationen:

  1. Strukturelle Schrumpfung: Die EU-Importe verloren über zwei Drittel ihres Volumens (−70,4 %). Dieser Trend wird sich angesichts des beschleunigten Kohleausstiegs in der EU fortsetzen.

  2. Geopolitische Neuaufstellung: Der vollständige Wegfall russischer Lieferungen ab 2023 — zuvor über 50 % der EU-Importe — war das dominierende Schockereignis des Jahrzehnts. Die Umstellung auf alternative Lieferanten (Australien, Kasachstan) gelang teilweise, führte aber zu höherer Konzentration (HHI-Anstieg um 59,5 %) und höheren Kosten.

  3. Dauerhafte Verteuerung: Trotz der Normalisierung nach dem Preisgipfel von 2022 liegen die Steinkohlepreise 2025 mit 127,61 €/t (Import) bzw. 179,33 €/t (Export) weit über dem Vorkrisenniveau von 2015 (61,95 €/t bzw. 107,47 €/t). Die Energiewende und geopolitische Risikoaufschläge haben die Preisuntergrenze nachhaltig angehoben.

Die EU steht damit vor der Herausforderung, in den verbleibenden Jahren der Steinkohlenutzung eine sichere, diversifizierte und bezahlbare Versorgung aufrechtzuerhalten — eine Aufgabe, die durch den Wegfall des einst wichtigsten Lieferanten erheblich erschwert wurde.

Erstellt am 2026-08-04. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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