Marktentwicklung: Sonstige lebende Tiere (CN 0106) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 0106 umfasst eine heterogene Gruppe lebender Tiere, die nicht von den übrigen Positionen des Kapitels 01 erfasst werden — darunter Primaten, Reptilien, Insekten, Bienen, Kaninchen, Kamele und diverse andere Säugetiere und Vögel. Dieser Residualcode vereint sowohl Nutztiere (etwa Bienen für die Imkerei) als auch Tiere für Forschung, Zoos, Heimtierhaltung und den internationalen Wildtierhandel. Im Zeitraum 2015 bis 2025 entwickelte sich die EU zu einem bedeutenden Nettoexporteur in diesem Segment. Der Handelsbilanzüberschuss stieg von rund 89,7 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 129,8 Mio. EUR im Jahr 2025 (+44,8 %), wobei sich gleichzeitig die Struktur der gehandelten Waren, die Preisentwicklung und die Handelspartnerzusammensetzung erheblich veränderten. Die Analyse basiert auf Handelsdaten der EU für CN 0106.
1. Wachstum bei steigender Preisdynamik: Exporte und Importe divergieren in Volumen und Wert
Die EU-Ausfuhren wachsen sowohl mengen- als auch wertmäßig
Die EU-Exporte von sonstigen lebenden Tieren stiegen im Betrachtungszeitraum von 174,8 Mio. EUR (2015) auf 265,2 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 51,7 % entspricht. Auch mengenmäßig war ein deutliches Wachstum zu verzeichnen: Die exportierte Menge erhöhte sich von 4.289 Tonnen auf 5.832 Tonnen (+36,0 %). Der durchschnittliche Exportpreis legte moderat um 11,5 % zu — von 40.755 EUR/t auf 45.456 EUR/t — was darauf hindeutet, dass das Wachstum vor allem volumengetrieben war.
Die Importe steigen noch stärker im Wert, während das Mengenwachstum stagniert
Die EU-Einfuhren entwickelten sich noch dynamischer: Sie verdoppelten sich nahezu von 85,1 Mio. EUR (2015) auf 135,4 Mio. EUR (2025), ein Zuwachs von 59,0 %. Bemerkenswert ist, dass die importierte Menge mit lediglich 2,5 % Zuwachs (von 2.190 t auf 2.245 t) praktisch stagnierte. Der Importpreis hingegen explodierte: Er stieg von 38.865 EUR/t auf 60.273 EUR/t (+55,1 %). Diese Diskrepanz zwischen Mengen- und Wertentwicklung signalisiert eine fundamentale Verschiebung hin zu hochpreisigen Tierarten — insbesondere Primaten für die biomedizinische Forschung, bei denen die Importwerte von 12,2 Mio. EUR auf 39,1 Mio. EUR anstiegen, obwohl die Mengen zwischenzeitlich sogar sanken.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 174,8 | 265,2 | +51,7 % |
| Exportvolumen (t) | 4.289 | 5.832 | +36,0 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 40.755 | 45.456 | +11,5 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 85,1 | 135,4 | +59,0 % |
| Importvolumen (t) | 2.190 | 2.245 | +2,5 % |
| Importpreis (EUR/t) | 38.865 | 60.273 | +55,1 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | 89,7 | 129,8 | +44,8 % |
Quelle: Gesamtübersicht CN 0106
Das COVID-19-Jahr 2020 markiert einen Wendepunkt
Das Jahr 2020 stellt einen bemerkenswerten Knick in der Kurve dar. Sowohl Import- als auch Exportvolumina erreichten in diesem Jahr ihre Maxima: Die Importe sprangen auf 4.965 Tonnen — mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr —, während die Exporte mit 5.745 Tonnen ebenfalls ein Plateau erreichten. Die Preise sanken im Importbereich hingegen auf ihr Minimum (24.227 EUR/t), was auf einen kurzfristigen Mengenüberhang bei günstigeren Tierarten hindeutet. Ab 2021 normalisierte sich die Lage, wobei die Importpreise stark anstiegen und das Mengenniveau wieder sank.
2. Insekten und Bienen als Wachstumstreiber: Strukturelle Verschiebung innerhalb des Warenkorbs
Lebende Insekten (ohne Bienen) und Bienen dominieren das Mengenwachstum
Die Segmentanalyse offenbart eine deutliche Verschiebung innerhalb des heterogenen Warenkorbs von CN 0106. Zwei Unterklassen treiben das Wachstum besonders:
Im Export:
- Lebende Insekten (010649, ohne Bienen): Die Exportmenge verfünffachte sich von 507 Tonnen (2015) auf 1.773 Tonnen (2025), der Wert stieg von 11,9 Mio. EUR auf 65,6 Mio. EUR. Insekten für die Aquaristik, die biologische Schädlingsbekämpfung und zunehmend auch für die Lebensmittelproduktion dürften hier eine Rolle spielen.
- Lebende Bienen (010641): Die Exporte vervielfachten sich von 133 Tonnen auf 1.554 Tonnen — ein Plus von über 1.000 % —, bei einem Wertanstieg von 1,4 Mio. EUR auf 15,4 Mio. EUR. Dies spiegelt die europaweite Nachfrage nach Bienenvölkern zur Bestäubung und Honigproduktion wider.
Im Import:
- Lebende Insekten (010649): Auch hier ein starkes Wachstum von 79 Tonnen auf 915 Tonnen (+1.054 %), wertmäßig von 14,1 Mio. EUR auf 38,9 Mio. EUR.
| Unterkategorie (Importe) | Mengenänderung 2015→2025 | Wertänderung 2015→2025 |
|---|---|---|
| 010649 – Insekten (o.B.) | +1.054 % (79 → 915 t) | +176 % (14,1 → 38,9 Mio. €) |
| 010619 – Übrige Säugetiere | +56 % (267 → 416 t) | +25 % (23,1 → 29,0 Mio. €) |
| 010611 – Primaten | −14 % (20 → 17 t) | +220 % (12,2 → 39,1 Mio. €) |
| 010690 – Übrige Tiere | −50 % (1.736 → 868 t) | −18 % (27,9 → 22,8 Mio. €) |
| 010620 – Reptilien | −72 % (45 → 12 t) | −33 % (4,2 → 2,8 Mio. €) |
Quelle: Produktsegmentvergleich
Die Preise für Primaten und Reptilien steigen erheblich
Während die Importmengen bei Primaten und Reptilien rückläufig sind, explodieren die Preise. Der Preis für importierte Primaten stieg von 607.027 EUR/t (2015) auf 2.266.953 EUR/t (2025) — ein Anstieg von 273 %. Auch bei Reptilien verdreifachten sich die Preise von 93.430 EUR/t auf 225.511 EUR/t. Diese Entwicklung ist wahrscheinlich auf strengere Regulierungen im internationalen Wildtierhandel (CITES-Bestimmungen) und die Verknappung des legalen Angebots zurückzuführen.
Der Rückgang der „Sonstigen Tiere" (010690) als Residualkategorie
Die Unterkategorie 010690 — eine Restposition für Tiere, die nicht anderswo klassifiziert sind — verlor im Import sowohl mengen- (−50 %) als auch wertmäßig (−18 %) an Bedeutung. Dies deutet darauf hin, dass sich der Handel zunehmend auf spezifischere, besser klassifizierbare Tierarten verlagert.
3. Konzentration, Partnerschaften und Spezialisierung: Das Handelsgefüge der EU verschiebt sich
Die Niederlande und Belgien dominieren den Export, Frankreich und Deutschland den Import
Innerhalb der EU weist die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 folgende Spezialisierungsmuster auf:
| EU-Mitgliedstaat | RSCA-Wert | Anteil am EU-Export |
|---|---|---|
| Dänemark | 0,574 | 6,4 % |
| Portugal | 0,534 | 4,5 % |
| Belgien | 0,328 | 16,7 % |
| Niederlande | 0,325 | 28,5 % |
| Frankreich | 0,298 | 14,5 % |
Die Niederlande (28,5 % des EU-Exportwertes) und Belgien (16,7 %) bilden das Rückgrat der europäischen Ausfuhren — was angesichts der Rolle der Niederlande als europäischem Drehkreuz für den Tierhandel (Flughafen Schiphol) und Belgiens (Flughafen Brüssel) kaum überrascht. Auf der Importseite dominieren Frankreich (36,6 Mio. EUR, +81,2 %) und Deutschland (24,4 Mio. EUR, +35,5 %), gefolgt von den Niederlanden (17,8 Mio. EUR, +77,8 %).
Exportseitig konzentriert sich der Handel, importseitig diversifiziert er sich
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen eine bemerkenswerte Gegenläufigkeit:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.341 | 1.171 | −12,7 % |
| HHI Exporte (Wert) | 741 | 934 | +26,0 % |
| HHI Exporte (Volumen) | 943 | 1.594 | +69,1 % |
Quelle: Konzentrationsanalyse
Die Importseite wird etwas diversifizierter (HHI sinkt), während die Exportseite — insbesondere mengenmäßig — eine deutliche Konzentration auf wenige Bestimmungsländer zeigt. Dies steht im Zusammenhang mit dem starken Wachstum der Exporte in die USA (+154,4 % auf 53,5 Mio. EUR), nach Kanada (+155,1 % auf 24,4 Mio. EUR) und nach Marokko (+274,2 % auf 13,0 Mio. EUR).
Preis- und Mengenschocks prägen bestimmte Handelsbeziehungen
Die Schockanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Ereignisse:
| Partnerland | Schocktyp | Zeitpunkt | Abnormalität | Preisänderung |
|---|---|---|---|---|
| Kanada | Preisschock (Import) | 2020 | 149,6 | +43,8 % |
| Israel | Preisschock (Import) | 2020 | 53,9 | +328,0 % |
| Chile | Preisschock (Import) | 2022 | 41,4 | +1.826,1 % |
Der extreme Preisschock bei Importen aus Chile (Anstieg um 1.826 %) im Jahr 2022 erklärt sich wahrscheinlich durch das fast vollständige Verschwinden regulärer Handelsströme: Die Importe aus Chile sanken von 3,97 Mio. EUR (Maximum) auf lediglich 5.733 EUR im Jahr 2025, ein Rückgang von 99,1 %. Ähnlich drastisch war der Importrückgang aus der Ukraine (−62,1 %), was möglicherweise mit dem Krieg ab 2022 zusammenhängt. Demgegenüber stiegen die Importe aus Belarus um 7.493 % (von 17.195 EUR auf 1,31 Mio. EUR), was eine Umleitung von Handelsströmen vermuten lässt.
Schlussfolgerung
Der EU-Handel mit sonstigen lebenden Tieren (CN 0106) zeigt im Zeitraum 2015–2025 eine klare Tendenz zum Wachstum bei gleichzeitiger struktureller Transformation. Die EU festigt ihre Position als Nettoexporteur mit einem Handelsbilanzüberschuss von knapp 130 Mio. EUR im Jahr 2025. Drei zentrale Entwicklungen prägen diesen Markt:
Erstens verschiebt sich die Zusammensetzung des Warenkorbs weg von der heterogenen Restkategorie (010690) hin zu spezialisierten Segmenten — insbesondere lebende Insekten und Bienen —, die sowohl mengen- als auch wertmäßig erheblich zulegen. Dies reflektiert globale Trends in der Insektenhaltung für Lebensmittel, Futtermittel und Bestäubungsdienstleistungen.
Zweitens steigen die Preise für hochwertige Tierarten wie Primaten und Reptilien überproportional an, während die Mengen sinken. Dies deutet auf eine Verknappung des legalen Angebots infolge verschärfter Regulierungen hin und könnte langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Forschung und Zoos beeinflussen.
Drittens zeigt das Handelsgefüge eine zunehmende Polarisierung: Exportseitig konzentrieren sich die Ströme auf wenige Kernmärkte (USA, Kanada, UK), während importseitig traditionelle Lieferanten wie Chile und die Ukraine an Bedeutung verloren haben. Schockereignisse — ob pandemiebedingt, kriegsbedingt oder regulatorisch — haben einzelne Handelsbeziehungen erheblich gestört und zu einer Neuausrichtung der Lieferketten geführt.