Marktentwicklung: Sonnenblumenöl und Safloröl, roh (CN 151211) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit rohem Sonnenblumenöl und Safloröl (Zolltarifnummer CN 151211) im Zeitraum 2015 bis 2025. Das betrachtete Produkt bündelt drei Unterpositionen: Sonnenblumenöl für technische Zwecke (15121110), rohes Sonnenblumenöl für Lebensmittelzwecke (15121191) sowie rohes Safloröl (15121199). Der Schwerpunkt liegt auf den Handelsströmen zwischen der EU und Drittländern. Die Daten zeigen einen Markt, der durch massive Importabhängigkeit, eine zunehmende Konzentration auf die Ukraine sowie erhebliche Preisschocks — insbesondere im Kontext des Ukraine-Krieges — geprägt ist.
1. Strukturelle Importabhängigkeit und wachsendes Defizit
Der EU-Handelsbilanzsaldo hat sich drastisch verschlechtert
Die EU weist im gesamten Betrachtungszeitraum ein negatives Handelsbilanzdefizit bei rohem Sonnenblumenöl auf, das sich jedoch über die Jahre erheblich vertieft hat. Der Saldo verschlechterte sich von −379 Mio. EUR im Jahr 2015 auf −1.868 Mio. EUR im Jahr 2025 — eine Verschlechterung um rund 393 %. Der tiefste Punkt wurde 2022 mit −1.909 Mio. EUR erreicht, als die globalen Lieferketten durch den Krieg in der Ukraine besonders stark gestört waren.
| Jahr | Importe (Mio. EUR) | Exporte (Mio. EUR) | Saldo (Mio. EUR) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 624 | 245 | −379 |
| 2016 | 1.002 | 286 | −716 |
| 2017 | 1.048 | 255 | −793 |
| 2018 | 749 | 275 | −474 |
| 2019 | 1.314 | 268 | −1.046 |
| 2020 | 1.425 | 343 | −1.082 |
| 2021 | 1.698 | 379 | −1.319 |
| 2022 | 2.561 | 1.008 | −1.553 |
| 2023 | 1.631 | 818 | −813 |
| 2024 | 2.383 | 474 | −1.909 |
| 2025 | 2.283 | 415 | −1.868 |
Die Importe sind stärker gestiegen als die Exporte
Die Einfuhren stiegen im betrachteten Zeitraum um 265,7 % (von 624 Mio. EUR auf 2.283 Mio. EUR), während die Ausfuhren nur um 69,2 % wuchsen (von 245 Mio. EUR auf 415 Mio. EUR). Mengenmäßig entwickelten sich die Importe von 794.634 Tonnen (2015) auf 2.036.149 Tonnen (2025), was einem Anstieg von 156,2 % entspricht. Die Exportmengen stiegen lediglich von 280.878 auf 366.614 Tonnen (+30,5 %). Die EU hat somit ihre Rolle als Nettoimporteur über den gesamten Zeitraum nicht nur beibehalten, sondern ausgebaut.
Die Netto-Importabhängigkeit bleibt auf hohem Niveau
Der Indikator der Netto-Importabhängigkeit schwankte zwischen 16,8 % (2023, als die Exporte ungewöhnlich hoch waren) und 46,6 % (2019). Im Jahr 2025 lag der Wert bei 43,7 %, nur leicht über dem Ausgangsniveau von 41,0 % (2015). Bemerkenswert ist, dass die EU im Jahr 2023 — nach dem Exportboom 2022 — temporär eine geringere Abhängigkeit aufwies, dies jedoch nicht nachhaltig war.
| Jahr | Netto-Importabhängigkeit (%) |
|---|---|
| 2015 (Datenfenster start) | 41,0 |
| 2019 | 46,6 |
| 2022 | 30,5 |
| 2023 | 16,8 |
| 2025 (Datenfenster ende) | 43,7 |
2. Ukrainische Dominanz und steigende Konzentration der Einfuhren
Die Ukraine ist der mit Abstand wichtigste Lieferant
Die Importe aus der Ukraine haben sich im Zeitraum 2015–2025 von 467 Mio. EUR auf 2.139 Mio. EUR mehr als vervierfacht (+357,7 %). Im Jahr 2024 erreichten sie mit 2.300 Mio. EUR sogar einen Höchststand. Ukrainisches Sonnenblumenöl dominiert den EU-Markt: Im Jahr 2025 entfielen rund 93,7 % aller EU-Importe aus Drittländern auf die Ukraine.
| Rang | Partnerland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Ukraine | 467 | 2.139 | +357,7 |
| 2 | Moldau | 51 | 64 | +25,3 |
| 3 | Serbien | 4 | 20 | +360,4 |
| 4 | Argentinien | 80 | 45 | −44,3 |
| 5 | Russische Föderation | 9 | <1 | −96,8 |
| 6 | Vereinigtes Königreich | 8 | 1 | −81,9 |
| 7 | Belarus | <1 | 2 | +3.562,2 |
Top-Handelspartner nach Warenwert (Importe)
Die Importkonzentration (HHI) hat sich deutlich erhöht
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe stieg von 5.841 (2015) auf 8.795 (2025), was einer Zunahme von 50,6 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2024 mit 9.318 erreicht. Ein HHI über 2.500 gilt bereits als hochkonzentriert — die EU operiert bei diesem Produkt also in einem extrem konzentrierten Beschaffungsmarkt. Die Dominanz der Ukraine hat sich im Zeitraum noch verstärkt, insbesondere da der russische Import (−96,8 %) und der argentinische Import (−44,3 %) stark zurückgingen.
| Zeitraum | HHI (Importe) |
|---|---|
| 2015 | 5.841 |
| 2018 | 7.660 |
| 2020 | 7.906 |
| 2022 | 7.082 |
| 2024 | 9.318 |
| 2025 | 8.795 |
Die Ausfuhrkonzentration hat sich hingegen verringert
Im Gegensatz zur Importseite ist der HHI für Exporte von 1.900 (2015) auf 1.198 (2025) gesunken (−37,0 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU-Ausfuhren auf eine breitere Basis von Zielländern verteilt sind. Die wichtigsten Exportmärkte sind Südafrika (60 Mio. EUR), das Vereinigte Königreich (99 Mio. EUR), Marokko (20 Mio. EUR), die Türkei (58 Mio. EUR) und Nordmazedonien (17 Mio. EUR).
Top-Handelspartner nach Warenwert (Exporte)
Die EU-Produktion ist gewachsen, kann den Importbedarf aber nur teilweise decken
Die inländische EU-Produktion stieg mengenmäßig von rund 1,38 Mrd. kg (2016) auf 2,40 Mrd. kg (2024), was einem Anstieg von 73,6 % entspricht. Der Wert der Produktion verdoppelte sich nahezu von 1,03 Mrd. EUR auf 2,40 Mrd. EUR (+133 %). Dennoch bleibt die EU bei diesem Produkt auf Drittlandsimporte angewiesen. Die EU-Mitgliedstaaten mit dem höchsten Spezialisierungsgrad (RSCA-Indikator) sind Bulgarien (RSCA: 0,92), Slowenien (0,80), Ungarn (0,74) und Rumänien (0,61).
3. Preisschocks und volatiler Markt
Die Ukraine-Krise 2021/2022 hat massive Preisschocks ausgelöst
Das volatilste Handelsereignis im betrachteten Zeitraum war der Preis-Schock bei ukrainischen Importen im Jahr 2021: Die durchschnittliche Einfuhrmenge sank um 21,1 % gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt, während der Preis um 63,6 % anstieg (von 686 EUR/t auf 1.122 EUR/t). Die Abnormalität dieses Ereignisses wurde mit 13,0 bewertet — der höchste Wert im gesamten Datensatz.
Der durchschnittliche Einfuhrpreis aus der Ukraine entwickelte sich wie folgt:
| Jahr | Preis (EUR/t) | Veränderung zum Vorjahr |
|---|---|---|
| 2015 | 751 | — |
| 2018 | 669 | — |
| 2020 | 710 | — |
| 2021 | 1.122 | +58,0 % |
| 2022 | 1.384 | +23,3 % |
| 2023 | 921 | −33,4 % |
| 2024 | 880 | −4,4 % |
| 2025 | 1.117 | +26,9 % |
Die Preisdynamik spiegelt globale Verwerfungen wider
Der durchschnittliche EU-Importpreis stieg von 786 EUR/t (2015) auf einen Höchststand von 1.405 EUR/t (2022), bevor er 2023 wieder auf 924 EUR/t fiel. Im Jahr 2025 lag er bei 1.121 EUR/t. Der Exportpreis folgte einem ähnlichen Muster: von 874 EUR/t (2015) über 1.507 EUR/t (2022) auf 1.133 EUR/t (2025). Die Preispremie zwischen Import und Export — ein Indikator für Verarbeitungswertschöpfung und Handelsspannen — blieb über den Zeitraum relativ eng.
Bestimmte Handelspartner weisen extreme Volatilität auf
Die Volatilitätsanalyse (Variationskoeffizient) zeigt bei den Importen besonders hohe Schwankungen bei der Russischen Föderation (CV: 1,61), der Türkei (1,10) und Argentinien (0,86). Bei den Exporten fallen vor allem der Irak (CV: 1,78), Ägypten (1,78), Indien (1,69) und China (1,35) durch hohe Volatilität auf. Die stabilsten Handelspartner bei Importen waren die Ukraine (CV: 0,34) und Moldau (0,38), bei Exporten das Vereinigte Königreich (0,28) und Südafrika (0,29).
Der Exportboom 2022 war ein Sonderereignis, kein Trend
Die EU-Exporte erreichten 2022 mit 1.008 Mio. EUR und 668.987 Tonnen einen historischen Höchststand. Dieser Anstieg wurde teilweise durch außergewöhnliche Lieferungen an Indien (303 Mio. EUR), den Irak (124 Mio. EUR) und die Türkei (22 Mio. EUR) getrieben — allesamt Märkte, die 2022 aufgrund des Ukraine-Krieges und globaler Versorgungsengpässe nach alternativen Bezugsquellen suchten. Ab 2023 normalisierte sich der Handel wieder: Exporte sanken auf 818 Mio. EUR (2023) bzw. 474 Mio. EUR (2024) und 415 Mio. EUR (2025). Dies verdeutlicht, dass der Exportboom 2022 eine Reaktion auf den Schock war und nicht auf einer nachhaltigen Stärkung der EU-Exportposition beruhte.
Spanien, die Niederlande und Italien sind die wichtigsten EU-Importeure
Innerhalb der EU waren 2025 die wichtigsten Importländer Spanien (685 Mio. EUR), die Niederlande (498 Mio. EUR), Italien (434 Mio. EUR), Frankreich (241 Mio. EUR) und Slowenien (164 Mio. EUR). Besonders bemerkenswert ist das Wachstum in Slowenien (+30.730 %), Polen (+873 %) und Bulgarien (+3.947.336 %) — hierbei handelt es sich um Länder, die ab 2018–2022 erheblich an Importvolumen gewannen und sich als regionale Umschlagplätze oder Verarbeitungsstandorte etablierten.
Importe nach EU-Mitgliedstaaten
Rohestoffe für Lebensmittelzwecke dominieren die Handelsströme
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass rohes Sonnenblumenöl für Lebensmittelzwecke (15121191) mit 2.195 Mio. EUR (2025) den überwiegenden Teil der Importe ausmacht. Rohes Sonnenblumenöl und Safloröl für technische/industrielle Zwecke (15121110) machte 2025 lediglich 79 Mio. EUR aus, und rohes Safloröl (15121199) nur 8,5 Mio. EUR. Dies unterstreicht die Bedeutung des Produktes für die europäische Lebensmittelindustrie, insbesondere für Speiseöl und Verarbeitung.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für rohes Sonnenblumenöl und Safloröl hat sich im Zeitraum 2015–2025 durch drei zentrale Dynamiken geprägt: Erstens eine massive und wachsende Importabhängigkeit, die das Handelsdefizit von 379 Mio. EUR auf fast 1,9 Mrd. EUR vertiefte. Zweitens eine extreme Konzentration der Beschaffung auf die Ukraine, die 2025 rund 94 % der Importe ausmachte und deren Anteil sich über den Zeitraum weiter verfestigte. Drittens erhebliche Preisschocks, die sich insbesondere 2021–2022 im Kontext des Ukraine-Krieges manifestierten und den durchschnittlichen Importpreis nahezu verdoppelten.
Obwohl die EU-Produktion mengenmäßig um über 73 % wuchs und der Exportmarkt 2022 kurzfristig aufblühte, bleiben die strukturellen Verwundbarkeiten bestehen. Die extrem hohe Importkonzentration (HHI nahe 9.000) stellt ein erhebliches geopolitisches und wirtschaftliches Risiko dar. Der Markt reagiert sensibel auf Lieferunterbrechungen und Preisschwankungen — ein Umstand, der angesichts anhaltender Unsicherheiten in der Schwarzmeerregion auch in den kommenden Jahren relevant bleiben wird.