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Marktentwicklung: Roheisen in Masseln, Blöcken oder anderen Rohformen, nichtlegiert, mit einem Phosphorgehalt von <= 0,5 GHT (CN 720110) — 2015–2025

Einleitung

Roheisen (CN 720110) ist ein Grundstoff der europäischen Stahlindustrie und wird als Vorprodukt in Stahlwerken eingesetzt. Die Europäische Union ist bei diesem Produkt seit Jahren ein Nettodefineur: Die Importe übersteigen die Exporte um ein Vielfaches. Im Zeitraum 2015 bis 2025 belief sich der Handelsbilanzdefizit zuletzt auf rund –875 Mio. EUR (Gesamtübersicht).

Der hier betrachtete Zeitraum umfasst eine Reihe markanter Ereignisse: die Erholung nach der Stahlkrise 2015/16, die COVID-19-Pandemie (2020), den massiven Preisanstieg 2021, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine (2022) und die sich anschließende geopolitische Neuausrichtung der Rohstoffströme. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken, die Marktstruktur und die sich daraus ergebenden Verwundbarkeiten der EU.


1. Vom Überschussjahr 2020 zur neuen Normalität: Strukturelle Verschiebungen in Volumen und Preis

1.1 Die EU als Nettoimporteur mit wachsender Abhängigkeit

Die EU importierte im gesamten Beobachtungszeitraum erheblich mehr Roheisen, als sie exportierte. Der Importwert schwankte zwischen 570 Mio. EUR (2020) und 1.421 Mrd. EUR (2022), bei einem zuletzt erreichten Niveau von 909 Mio. EUR im Jahr 2025. Der Exportwert blieb dagegen mit 17–57 Mio. EUR um Größenordnungen kleiner (Gesamtübersicht).

Kennzahl 2015 2020 2022 2025 Veränderung 2015→2025
Importwert (Mrd. EUR) 0,864 0,570 1,421 0,909 +5,2 %
Importmenge (Mio. t) 3,04 1,90 2,44 2,49 –18,1 %
Durchschnittlicher Importpreis (EUR/t) 285 301 582 366 +28,4 %
Exportwert (Mio. EUR) 17,5 53,9 34,0 34,6 +98,1 %
Exportmenge (t) 42.877 171.500 50.729 80.438 +87,6 %
Handelsbilanz (Mio. EUR) –847 –516 –1.387 –875 –3,3 %

Auffällig ist: Während der Importwert 2025 nur leicht über dem Niveau von 2015 lag, sank die importierte Menge um rund 18 %. Ursache ist ein deutlicher Preisanstieg — der durchschnittliche Importpreis stieg von 285 EUR/t (2015) auf 366 EUR/t (2025). Die EU importiert also weniger Roheisen, zahlt aber insgesamt ähnlich viel.

1.2 Der Preisschock von 2021–2022

Das herausragende Preisereignis des Zeitraums war der massive Anstieg der Roheisenpreise in den Jahren 2021 und 2022. Der durchschnittliche Importpreis verdoppelte sich von unter 300 EUR/t (2019/2020) auf über 580 EUR/t (2022) — ein Anstieg von rund 96 % in zwei Jahren. Dieser Preisschock war globaler Natur und spiegelte gestiegene Energie- und Erzkosten, Lieferkettenengpässe sowie die Auswirkungen der Pandemie wider (Volatilitätsanalyse).

Für die beiden wichtigsten Lieferanten wurden isolierte Preisschocks im Jahr 2021 identifiziert:

Lieferant Baseline-Preis (EUR/t) Schock-Preis 2021 (EUR/t) Preisanstieg Anteil am Importwert
Russische Föderation 305 478 +56,5 % 52,3 %
Ukraine 312 488 +56,3 % 25,3 %

Die Preise blieben auch nach dem Schockjahr 2021 auf erhöhtem Niveau: Die Post-Shock-Durchschnittspreise (2022–2023) lagen bei 469 EUR/t (Russland) bzw. 496 EUR/t (Ukraine). Der Rückgang auf 366 EUR/t im Jahr 2025 markiert eine Normalisierung, die jedoch noch nicht das Vorkrisenniveau erreicht hat.

1.3 Getrennte Dynamiken: Exporte gewinnen an Bedeutung

Während die Importe mengenmäßig rückläufig waren, verzeichneten die EU-Exporte von Roheisen ein deutliches Wachstum. Der Exportwert stieg von 17,5 Mio. EUR (2015) auf 34,6 Mio. EUR (2025) — eine Verdopplung (+98,1 %). Die Exportmenge wuchs sogar noch stärker (+87,6 %), wobei die Preise relativ stabil blieben (+5,6 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU zwar mengenmäßig ein Nischenakteur bleibt, aber ihre Exportaktivität systematisch ausgebaut hat (Gesamtübersicht).


2. Geopolitische Umbrüche und die Neuausrichtung der Lieferketten

2.1 Russland: Vom dominanten Lieferanten zum geschrumpften Partner

Russland war über den gesamten Zeitraum der wichtigste Einzellieferant der EU bei Roheisen. Im Jahr 2015 importierte die EU Roheisen im Wert von 403 Mio. EUR aus Russland — das entsprach fast der Hälfte des gesamten Importwerts. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 kam es jedoch zu einer erneuten Preis- und Mengendynamik: Der Importwert aus Russland sank von 627 Mio. EUR (2022) auf 246 Mio. EUR (2025), ein Rückgang von –39 % gegenüber dem Ausgangswert 2015 (Partneranalyse).

Jahr Russland (Mio. EUR) Anteil am Gesamtimport Ukraine (Mio. EUR) Anteil
2015 403 46,6 % 208 24,1 %
2020 287 50,4 % 80 14,0 %
2022 627 44,2 % 141 9,9 %
2025 246 27,1 % 209 23,0 %

Interessant ist die parallele Entwicklung: Während Russland mengenmäßig stark zurückging (von 1,44 Mio. t auf 0,67 Mio. t), blieben die ukrainischen Lieferungen mengenmäßig recht stabil und erreichten 2025 mit 567.000 t sogar wieder ein beachtliches Niveau — trotz des Krieges. Die Ukraine hat damit ihren Marktanteil am Importwert von 14 % (2020) auf 23 % (2025) ausgebaut.

2.2 Brasilien und Südafrika als strategische Alternativen

Neben den osteuropäischen Lieferanten gewannen insbesondere Brasilien und Südafrika als Lieferanten an Bedeutung. Südafrika verzeichnete das stärkste relative Wachstum aller Top-Lieferanten: Der Importwert stieg von 46 Mio. EUR (2015) auf 133 Mio. EUR (2025), ein Plus von +189,6 %. Brasilien lag 2025 bei 199 Mio. EUR (+34,9 % gegenüber 2015). Die importierte Menge aus Südafrika vervierelfachte sich von 131.000 t auf 402.000 t (Partneranalyse).

Diese Verschiebung deutet auf eine Diversifizierungsstrategie der EU hin: Die Abhängigkeit von russischem Roheisen wurde zugunsten südamerikanischer und afrikanischer Lieferanten reduziert.

2.3 Diversifizierung der Importquellen

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importkonzentration fiel von 3.086 (2015) auf 1.992 (2025), was einer Abnahme um –35,4 % entspricht (Konzentrationsanalyse). Der HHI-Wert von unter 2.500 kennzeichnet einen moderat konzentrierten Markt — im Vergleich zum Beginn des Beobachtungszeitraums, als der Markt noch als hoch konzentriert eingestuft werden konnte.

Kennzahl 2015 2020 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 3.086 3.176 1.992 –35,4 %
HHI Exporte (Wert) 1.799 2.906 3.878 +115,5 %

Umgekehrt konzentrierten sich die EU-Exporte zunehmend: Der Export-HHI stieg von 1.799 auf 3.878 (+115,5 %). Dies spiegelt wider, dass die EU ihre Exporte verstärkt auf wenige Zielmärkte ausrichtete — allen voran die Türkei, die 2025 mit 20,8 Mio. EUR (60 % des Exportwerts) der mit Abstand wichtigste Abnehmer war (Partneranalyse).

2.4 Volatilität der Handelsströme

Die Volatilität der Importmengen variierte stark je nach Herkunftsland. Die stärksten Schwankungen (gemessen am Variationskoeffizienten) wiesen Indien (CV = 1,68) und China (CV = 1,47) auf, was auf sporadische, mengenmäßig kleine Lieferungen hindeutet. Bei den etablierten Lieferanten waren die Schwankungen moderater: Russland (CV = 0,27), Brasilien (CV = 0,29) und Kanada (CV = 0,20) (Volatilitätsanalyse).

Auf der Exportseite war die Volatilität generell höher, mit besonders starken Schwankungen bei Exporten nach China (CV = 2,62), Albanien (CV = 1,73) und Marokko (CV = 1,29). Ein extremes Beispiel war der Exportpreisschock in die USA im Jahr 2022: Der Preis stieg von rund 445 EUR/t auf über 8.500 EUR/t — bei einem Volumen von weniger als 1 Tonne — was auf eine außergewöhnliche Einzellieferung oder Datenanomalie hindeutet (Volatilitätsanalyse).


3. Produktionseinbruch und wachsende Importabhängigkeit der EU

3.1 Dramatischer Rückgang der EU-Produktion

Die verfügbaren Produktionsdaten zeigen einen drastischen Einbruch der Roheisenproduktion in der EU. Die Produktionsmenge sank von rund 29,8 Mio. t im Jahr 2008 (Spitzenwert) auf lediglich 800.000 t im Jahr 2024 — ein Rückgang von –97,3 %. Der Produktionswert fiel entsprechend von 2,04 Mrd. EUR auf 400 Mio. EUR (–80,4 %). Seit 2016 werden die Produktionsdaten teils als gerundete Werte ausgewiesen, was auf eine geringere statistische Erfassungsdichte bei kleineren Volumina hindeutet (Produktionsvolumen).

Jahr Produktionsmenge (t) Produktionswert (EUR) Preis (EUR/kg)
2015 2.294.356.240 669.161.421 0,29
2017 1.554.399.218 432.520.378 0,28
2020 1.600.000.000 600.000.000 0,38
2024 800.000.000 400.000.000 0,50

Hinweis: Ab 2016 sind Teile der Produktionsdaten gerundet.

3.2 Steigende Nettoimportabhängigkeit

Die Nettoimportabhängigkeit der EU — definiert als Nettoimporte geteilt durch den inlandischen Verbrauch — stieg im betrachteten Zeitraum deutlich an. Lag sie 2015 noch bei rund 56 %, erreichte sie 2025 einen Wert von 67,7 % (Verwundbarkeitsanalyse). Der Höchstwert wurde 2019 mit 73,2 % erreicht.

Indikator 2015 2019 2020 2025 Veränderung
Nettoimportabhängigkeit (%) 55,7 73,2 46,1 67,7 +46,5 %
Handelsintensität (%) 47,3 78,3 47,3 71,2 +50,7 %
Exportneigung (%) 1,3 15,5 9,8 8,4 +561,5 %

Die Handelsintensität — also der Anteil des Gesamthandels (Importe + Exporte) am inlandischen Verbrauch — lag 2025 bei 71,2 %, was unterstreicht, dass der EU-Markt für Roheisen stark handelsoffen ist. Die Exportneigung (Exporte als Anteil der Produktion) schwankte stark und erreichte 2019 einen Spitzenwert von 15,5 %, was auf einen temporären Exportüberschuss bei rückläufiger inlandischer Nachfrage hindeutet.

3.3 Regionale Spezialisierung innerhalb der EU

Die Analyse der regionalen Spezialisierung (RSCA-Index, 2025) zeigt eine erhebliche Heterogenität innerhalb der EU (Spezialisierungskarte):

Land RSCA RCA Anteil Produktion Anteil EU-Handel
Lettland 0,959 47,81 16,0 % 0,3 %
Niederlande 0,504 3,03 44,0 % 14,5 %
Slowakei 0,089 1,20 2,5 % 2,1 %
Deutschland –0,079 0,85 18,1 % 21,2 %
Polen –0,090 0,83 5,5 % 6,6 %
Frankreich –0,971 0,01 0,1 % 7,8 %
Österreich –0,999 0,001 0,002 % 3,3 %

Lettland wies die höchste Spezialisierung auf (RSCA = 0,96), allerdings bei sehr kleinen absoluten Volumina. Die Niederlande kombinieren eine überdurchschnittliche Spezialisierung (RSCA = 0,50) mit einem beachtlichen Produktionsanteil von 44 %. Deutschland ist mit einem EU-Handelsanteil von 21,2 % der größte Marktakteur, weist aber nur eine schwache Spezialisierung auf (RSCA = –0,08). Italien, der größte EU-Importer (518 Mio. EUR in 2025), hat keinen nennenswerten Export und ist damit primär ein verarbeitender Markt (Länderanalyse).


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Roheisen (CN 720110) hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend verändert. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:

Erstens hat die geopolitische Umwälzung — insbesondere der Krieg in der Ukraine — die Lieferketten nachhaltig umstrukturiert. Russland hat seinen dominanten Marktanteil verloren, während Brasilien, Südafrika und die Ukraine an Bedeutung gewonnen haben. Die Importkonzentration ist spürbar gesunken.

Zweitens hat der strukturelle Rückgang der EU-eigenen Roheisenproduktion die Importabhängigkeit auf fast 68 % steigen lassen. Die EU produziert heute weniger als 3 % des Volumens von 2008 — ein Trend, der sich durch den grünen Wandel der Stahlindustrie (Wasserstoff-DRI, Elektrolichtbogenöfen) fortsetzen dürfte.

Drittens haben Preisschocks und Volatilität die Verwundbarkeit des Marktes offengelegt. Die Verdopplung der Importpreise 2021/22 verteuerte die Roheisenimporte erheblich, selbst bei rückläufigen Mengen. DieEU-Exporte, wenn auch mengenmäßig klein, zeigen eine zunehmende Konzentration auf wenige Abnehmerländer, was zusätzliche Risiken birgt.

Insgesamt zeichnet sich ein Markt ab, der sich von einer inländisch-produzierenden hin zu einer importabhängigen Struktur bewegt — eine Entwicklung, die für die strategische Rohstoffsicherung der europäischen Stahlindustrie von erheblicher Relevanz ist.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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