Marktentwicklung: Roheisen (CN 72011090) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem nichtlegierten Roheisen (Zolltarifnummer 72011090) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Daten zeigen eine fundamentale Transformation des Marktes, geprägt durch einen drastischen Rückgang der heimischen Produktion, eine zunehmende Abhängigkeit von Importen sowie erhebliche Preisschwankungen infolge geopolitischer Ereignisse. Die EU hat sich von einem nahezu autarken Produzenten zu einem stark importabhängigen Markt entwickelt.
Produktdetails und Zeitraumübersicht
1. Strukturwandel: Vom Erzeuger zum Nettoimporteur
Dieser Abschnitt beschreibt den grundlegenden Wandel der EU-Handelsposition, der durch einen einbruch der heimischen Produktion und einen gleichzeitigen Anstieg der Importabhängigkeit gekennzeichnet ist.
1.1. Zusammenbruch der heimischen Roheisenproduktion
Die produzierende Industrie für dieses Roheisen innerhalb der EU ist zwischen 2015 und 2025 fast vollständig eingebrochen. Die Produktionsmenge sank um 97,3 %, von 29,84 Mrd. kg (2015) auf nur noch 0,8 Mrd. kg (2025). Der Produktionswert fiel um 80,4 % von 2,04 Mrd. EUR auf 0,4 Mrd. EUR. Dieser rapide Rückgang führte dazu, dass die EU ihre einstige Selbstversorgung aufgab.
1.2. Steigende Importabhängigkeit und Handelsintensität
Als direkte Folge des Produktionsrückgangs stieg die Nettostrom-Importabhängigkeit der EU erheblich an. Sie erhöhte sich von 46,2 % im Jahr 2015 auf 67,7 % im Jahr 2025 (+46,5 %). Gleichzeitig nahm die Handelsintensität (Export- plus Importvolumen in Relation zur inländischen Verfügbarkeit) von 47,3 % auf 71,2 % zu, was die stärkere Einbindung der EU in den globalen Handel unterstreicht.
1.3. Verschiebung der innergemeinschaftlichen Handelsströme
Innerhalb der EU verschoben sich die Handelsmuster deutlich. Die Importe kamen zunehmend über neue Knotenpunkte: Italien verdoppelte seinen Anteil, während Deutschland seine Importe um 83,2 % reduzierte. Die Niederlande und Lettland gewannen als Einfuhr- und Re-Export-Länder stark an Bedeutung. Bei den Exporten aus der EU festigten die Niederlande ihre Stellung als Hauptexporteur.
2. Handelsvolumen und Preisentwicklung im Zeitverlauf
Dieser Abschnitt analysiert die Entwicklung der Handelsvolumina und -preise, wobei eine Divergenz zwischen dem Wert- und Mengenwachstum sowie eine strukturelle Preisangleichung festzustellen sind.
2.1. Imports: Moderates Wertwachstum bei sinkenden Mengen
Der Wert der EU-Importe stieg im genannten Zeitraum um lediglich 3,5 % an, von 480 Mio. EUR auf 497 Mio. EUR. Parallel dazu sank das importierte Volumen um 14,6 % von 1,53 Mio. Tonnen auf 1,31 Mio. Tonnen. Dieser Trend deutet auf eine gestiegene Importpreisintensität hin.
2.2. Price convergence: Closing the gap between import and export prices
Die durchschnittlichen Importpreise stiegen um 21,2 % von 314 EUR/t auf 380 EUR/t. Die Exportpreise der EU entwickelten sich noch dynamischer und stiegen um 43,3 % von 400 EUR/t auf 573 EUR/t. Die Preisdifferenz zwischen Exporten (teurer) und Importen (günstiger) vergrößerte sich, was auf unterschiedliche Qualitäten oder Kostenstrukturen hindeuten kann.
Handelsentwicklung (Wert, Menge, Preis)
2.3. Aktive Exportpolitik trotz Importabhängigkeit
Trotz der wachsenden Importabhängigkeit steigerte die EU ihre Exporte in Drittländer erheblich. Der Exportwert stieg um 24,5 % auf 10,3 Mio. EUR, wobei das Volumen jedoch um 13,2 % auf 18.000 Tonnen sank. Der rapide Anstieg der Exportneigung um 561,5 % zeigt, dass Reste der Produktion verstärkt auf den Weltmarkt gebracht wurden.
3. Geopolitische Risiken und Preisschocks
Dieser Abschnitt beleuchtet die Volatilität und auftretende Schocks im Handel, die eng mit geopolitischen Entwicklungen und der Konzentration auf wenige Lieferanten verbunden sind.
3.1. Hohe Konzentration der Importquellen und deren Volatilität
Die EU-Importe sind stark konzentriert. Im Jahr 2025 kamen 61,6 % des Importwerts allein aus der Russischen Föderation. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe lag bei 3020, was auf einen mäßig konzentrierten Markt hinweist. Die Volatilität (Variationskoeffizient) ist bei traditionellen Lieferanten wie Russland (0,27) und Brasilien (0,22) moderat, aber bei alternativen Lieferanten wie der Ukraine (0,59) oder China (1,50) extrem hoch.
3.2. Der identifizierte Preisschock aus Russland im Jahr 2021
Die Datenanalyse hat einen signifikanten Preisschock identifiziert: Im Jahr 2021 stiegen die Importpreise aus Russland abnormal um 54,6 % (Abnormalitätsscore: 11,6). Dieses Ereignis, das 61,6 % des Importwertes betraf, korreliert mit dem globalen Energie- und Rohstoffpreisanstieg sowie beginnenden geopolitischen Spannungen.
3.3. Veränderte Lieferantenstruktur und Lieferrisiken
In Reaktion auf die Abhängigkeit von Russland diversifizierte die EU ihre Bezugsquellen, jedoch mit gemischten Ergebnissen. Brasilien (+42,2 %), Südafrika (+38,4 %) und Kanada (+81,6 %) konnten ihre Lieferungen steigern. Die Ukraine, einst ein bedeutender Lieferant, verlor 68,5 % ihres Exportwerts an die EU, was ihre eigenen Lieferrisiken widerspiegelt. Die extreme Volatilität bei China und der Türkei zeigt, dass diese als alternative Quellen unzuverlässig sind.
Fazit
Der EU-Markt für das Roheisen CN 72011090 hat zwischen 2015 und 2025 eine tiefgreifende Transformation durchlaufen. Der fast vollständige Verlust der heimischen Produktion hat die EU in eine Position erhöhter Importabhängigkeit gebracht. Der Handel wird von wenigen, teils geopolitisch riskanten Lieferanten dominiert, was die Anfälligkeit für Preisschocks, wie den beobachteten von 2021, erhöht. Während die EU ihre Exporte ausweiten konnte, unterstreicht der strukturelle Wandel die Notwendigkeit einer strategischen Neuausrichtung in der Rohstoffsicherung für die europäische Stahlindustrie. Die Daten legen nahe, dass die Versorgungssicherheit dieses Grundmaterials zu einem kritischen Faktor für die industrielle Widerstandsfähigkeit der EU geworden ist.