Marktentwicklung: Roheisen (CN 720110) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung von nichtlegiertem Roheisen mit einem Phosphorgehalt von <= 0,5 Gewichtsprozent (Zolltarifnummer 720110) der Europäischen Union mit Drittländern im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die EU ist in diesem Segment ein Nettoimporteur mit erheblicher Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten. Die Betrachtung umfasst Volumen- und Wertströme, Preisentwicklungen, partnerspezifische Dynamiken sowie strukturelle Veränderungen in der inländischen Produktion. Die Daten zeigen eine zunehmende Importabhängigkeit bei gleichzeitigem Rückgang der heimischen Erzeugung, verbunden mit einer erheblichen Volatilität und geopolitischen Umbrüchen in den Handelsbeziehungen.
1. Stärkere Importabhängigkeit und veränderte Lieferantenstrukturen
Die EU hat ihre Abhängigkeit von Roheisenimporten im betrachteten Zeitraum deutlich erhöht, während sich die Zusammensetzung der wichtigsten Lieferanten verschoben hat.
1.1. Zunehmende Nettoimportquote bei sinkenden Einfuhrmengen
Trotz einer insgesamt sinkenden importierten Menge ist die wirtschaftliche Abhängigkeit der EU von Drittlandslieferungen gestiegen. Die Nettoimportquote (Nettoimportquote) stieg von 46,2 % im Jahr 2015 auf 67,7 % im Jahr 2025, was eine Steigerung von 46,5 % darstellt. Diese Entwicklung resultiert aus einem stärkeren Rückgang der inländischen Produktion als der Importmengen. Die importierte Menge (Handelsübersicht) sank von 3,04 Mio. Tonnen (2015) auf 2,49 Mio. Tonnen (2025), ein Rückgang um 18,1 %.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Importvolumen (t) | 3.035.151 | 2.486.577 | -18,1 |
| Importwert (EUR) | 864.405.658 | 909.155.729 | +5,2 |
| Durchschnittlicher Importpreis (EUR/t) | 284,80 | 365,63 | +28,4 |
| Nettoimportquote (%) | 46,2 | 67,7 | +46,5 |
1.2. Rückläufige Bedeutung Russlands und Aufstieg Brasiliens und Südafrikas
Die geopolitischen Ereignisse ab 2022 haben die Lieferantenlandschaft stark verändert. Die Russische Föderation war 2015 mit einem Importwert von 403,3 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Partner. Bis 2025 sank der Wert auf 246,0 Mio. EUR (Top-Importpartner nach Wert). Gleichzeitig stiegen die Importe aus Brasilien (von 147,2 Mio. EUR auf 198,6 Mio. EUR) und besonders aus Südafrika (von 45,8 Mio. EUR auf 132,7 Mio. EUR, ein Anstieg von 190 %) signifikant an. Die Ukraine konnte ihren Wert trotz des Krieges stabil halten (ca. 209 Mio. EUR).
| Lieferant | Importwert 2015 (EUR) | Importwert 2025 (EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Russland | 403.308.173 | 246.035.774 | -39,0 |
| Ukraine | 208.200.706 | 209.059.236 | +0,4 |
| Brasilien | 147.193.318 | 198.634.591 | +34,9 |
| Südafrika | 45.831.305 | 132.717.195 | +189,6 |
| Norwegen | 22.484.737 | 29.735.014 | +32,2 |
1.3. Geringere Konzentration der Importe bei hoher Volatilität
Die Konzentration der Importe, gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Werte (Konzentrationsanalyse), sank von 3086 auf 1992 Punkte (-35 %). Dies weist auf eine Diversifizierung der Lieferantenbasis hin. Allerdings zeigt ein Blick auf die Volatilitätskoeffizienten (Volatilitätsanalyse), dass einige neuere oder kleinere Partner wie Serbia (CV 0,63) oder Indien (CV 1,68) extrem schwankende Lieferungen aufweisen, was die Versorgungssicherheit gefährden kann.
2. Dramatischer Rückgang der inländischen Produktion und Nischenexporte
Die EU hat ihre Position als Roheisenproduzent im Zeitraum massiv verloren, was sich in fast nicht mehr nachweisbaren Produktionsvolumen und einem Strukturwandel im Export widerspiegelt.
2.1. Kollabierende Produktionszahlen
Die inländische Roheisenproduktion (Produktionsvolumen) erlitt einen drastischen Einbruch. Das Produktionsvolumen sank von fast 30 Mio. Tonnen im Jahr 2015 auf nur noch 0,8 Mio. Tonnen im Jahr 2025, ein Rückgang von 97,3 %. Der Produktionswert fiel entsprechend von 2,04 Mrd. EUR auf 0,4 Mrd. EUR (-80,4 %). Dies deutet auf einen tiefgreifenden Strukturwandel und eine mögliche Deindustrialisierung in diesem Sektor hin, möglicherweise bedingt durch strenge Umweltvorschriften (EU-ETS) und veränderte globale Wettbewerbsverhältnisse.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Inlandsproduktion (t) | 29.841.549.437 | 800.000.000 | -97,3 |
| Produktionswert (EUR) | 2.037.816.826 | 400.000.000 | -80,4 |
2.2. Niedrige und konzentrierte Exporte mit starkem Preisdruck
Die Exporte der EU sind im Vergleich zu den Importen marginal und zeichnen sich durch hohe Konzentration und Volatilität aus. Der Exportwert stieg zwar nominal von 17,5 Mio. EUR auf 35,0 Mio. EUR (+100 %), doch das Volumen verharrte bei rund 80.000 Tonnen. Der Exportmarkt wird stark von der Türkei dominiert, die ihren Anteil von 5,3 Mio. EUR auf 20,8 Mio. EUR ausbaute (Top-Exportpartner nach Wert). Der HHI für Exporte verdoppelte sich sogar von 1799 auf 3878, was eine extreme Konzentration und hohe Verwundbarkeit bedeutet.
| Exportpartner | Exportwert 2015 (EUR) | Exportwert 2025 (EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Türkiye | 5.327.251 | 20.770.242 | +289,9 |
| Schweiz | 4.117.598 | 3.478.594 | -15,5 |
| Vereinigtes Königreich | 2.583.215 | 3.136.401 | +21,4 |
| Indien | 446.599 | 2.998.840 | +571,5 |
| China | 124.295 | 526 | -99,6 |
2.3. Spezialisierung einzelner Mitgliedstaaten
Die Analyse der Handelskomparativvorteile (Spezialisierungsanalyse) zeigt, dass nur sehr wenige EU-Staaten eine nennenswerte Spezialisierung auf Roheisenexporte aufweisen. Im Jahr 2025 verfügten nur Lettland (RSCA: 0,96) und die Niederlande (RSCA: 0,50) über einen starken komparativen Vorteil. Große Volkswirtschaften wie Deutschland (RSCA: -0,08) und Frankreich (RSCA: -0,97) sind hingegen klar unspezialisiert, was die geringe strategische Bedeutung des Produkts für die EU-Gesamtwirtschaft unterstreicht.
3. Handelsvolatilität und externe Schocks
Der Roheisenhandel der EU war im Zeitraum 2015–2025 durch erhebliche Preisschwankungen und plötzliche Lieferunterbrechungen gekennzeichnet, die oft geopolitische Ursachen hatten.
3.1. Extreme Preisvolatilität bei Exporten und Importen
Die durchschnittlichen Handelspreise unterlagen starken Schwankungen. Der Importpreis (Handelsübersicht) stieg von 285 EUR/t (2015) auf ein Maximum von 582 EUR/t (2022) und sank dann wieder auf 366 EUR/t (2025). Noch extremer war die Volatilität bei den Exportpreisen, die 2015 bei 408 EUR/t lagen, 2022 ein Maximum von 670 EUR/t erreichten und 2025 bei 435 EUR/t notierten. Diese Schwankungen spiegeln die globale Nachfrage- und Angebotsentwicklung, Energiekosten sowie Handelspolitik wider.
3.2. Identifizierung spezifischer Liefer- und Preisschocks
Die Datenanalyse hat mehrere signifikante Schocks identifiziert (Schockanalyse). Ein bemerkenswertes Ereignis war ein extremer Preisschock bei den Exporten in die Vereinigten Staaten im Jahr 2022 mit einer abnormalen Preissteigerung von 133,7 % und einem Preisanstieg von 1.813 %. Ebenfalls auffällig war ein Preisschock bei den Importen aus der Ukraine im Jahr 2021 (Abnormalität: 15,0, Preisanstieg: 56,3 %). Diese Ereignisse unterstreichen die Exposition des Marktes gegenüber unerwarteten geopolitischen und marktgetriebenen Ereignissen.
3.3. Regionale Konzentration und Handelsintensität
Die Handelsintensität (Handelsintensität) der EU im Roheisenhandel ist hoch und stieg von 47,3 % (2015) auf 71,2 % (2025). Gleichzeitig sank die Exportquote (Exportneigung) von 1,3 % auf 8,4 %, blieb aber absolut niedrig. Diese Kombination aus hoher Importabhängigkeit und niedriger Exportfähigkeit macht den EU-Markt für Roheisen anfällig für externe Preis- und Angebotsentwicklungen. Eine regionale Konzentration der Importe auf wenige große Abnehmerländer innerhalb der EU, wie Italien (518 Mio. EUR Importwert 2025), verstärkt diese Verwundbarkeit auf regionaler Ebene (Top-Reportländer nach Importwert).
Fazit
Die Marktentwicklung für Roheisen (CN 720110) in der EU zwischen 2015 und 2025 ist durch einen fundamentalen Strukturwandel geprägt. Die einheimische Produktion ist nahezu zusammengebrochen, was zu einer stark gesteigerten Nettoimportabhängigkeit geführt hat. Trotz einer gewissen Diversifizierung der Lieferanten weg von Russland hin zu Brasilien und Südafrika bleibt der Markt anfällig für Lieferkettenunterbrechungen und extreme Preisschwankungen, wie mehrere identifizierte Schocks belegen. Die Exporte sind nach wie vor marginal und stark auf wenige Partner wie die Türkei konzentriert. Insgesamt hat sich die EU in diesem kritischen Rohstoffsegment von einer bedeutenden Produktions- zu einer stark importabhängigen Region entwickelt, was strategische Risiken für die europäische Stahlwertschöpfungskette birgt.