Marktentwicklung: Primäraluminium (CN 760110) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU für nichtlegiertes Aluminium in Rohform (KN-Code 760110) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die EU ist bei diesem Grundwerkstoff traditionell stark auf Importe angewiesen: Die Netto-Importabhängigkeit lag über den gesamten Zeitraum zwischen 75 % und 92 %, wobei der Importwert von 4,8 Mrd. € (2015) auf 8,0 Mrd. € (2025) stieg — ein Plus von 66,7 %. Gleichzeitig blieb das Exportvolumen mit rd. 80 Mio. € im Vergleich dazu marginal. Drei zentrale Dynamiken prägten den Markt: ein tiefgreifender Strukturwandel der Lieferantenlandschaft, der Verfall der europäischen Eigenproduktion sowie eine zunehmende Preisvolatilität bei gleichzeitigem Exportrückgang.
1. Erdbeben in der Lieferantenlandschaft: Russlands Niedergang und die neue Diversifizierung
1.1 Russland — vom dominierenden Lieferanten zum Randakteur
Russland war 2015 mit Importen im Wert von 1,75 Mrd. € und rund 993.600 Tonnen der mit Abstand wichtigste Einzellieferant der EU (Handelsentwicklung nach Partnern). Bereits vor den Sanktionen im Zuge des Ukraine-Kriegs war ein Rückgang zu beobachten — 2020 sanken die russischen Lieferungen auf 963 Mio. € bzw. 599.942 Tonnen. Nach 2022 setzte der eigentliche Einbruch ein: 2024 lagen die Importe aus Russland bei nur noch 327 Mio. € und 138.419 Tonnen, was einem Rückgang von 77,7 % bzw. 86,1 % gegenüber 2015 entspricht. 2025 stabilisierte sich der Wert leicht bei 390 Mio. €, was aber nur noch rund 5 % des gesamten EU-Importwerts ausmachte — gegenüber rd. 37 % im Jahr 2015.
| Jahr | Russland Importwert (Mio. €) | Russland Menge (t) | Anteil am EU-Importwert |
|---|---|---|---|
| 2015 | 1.752 | 993.643 | ~37 % |
| 2018 | 1.892 | 1.014.455 | ~31 % |
| 2020 | 963 | 599.942 | ~23 % |
| 2022 | 1.580 | 568.318 | ~18 % |
| 2024 | 327 | 138.419 | ~5 % |
| 2025 | 390 | 161.618 | ~5 % |
1.2 Neue Lieferanten füllen die Lücke
Der Rückgang Russlands wurde durch eine breite Streuung neuer und ausgebauter Lieferbeziehungen kompensiert. Besonders auffällig ist der Aufstieg Islands, das 2015 praktisch keine Rolle spielte (Importwert: 189 €) und 2025 mit 918 Mio. € zum drittgrößten Lieferanten aufstieg. Kanada verfünffachte seine Exporte in die EU von 212 Mio. € (2015) auf 1,4 Mrd. € (2025). Auch Indien (+519 %), Südafrika (+396 %) und Mosambik (+77,7 %) bauten ihre Lieferungen erheblich aus.
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Mosambik | 805 | 1.431 | +77,7 % |
| Island | 0,2 | 918 | n/a |
| Kanada | 212 | 1.392 | +558 % |
| Indien | 80 | 498 | +519 % |
| Südafrika | 99 | 491 | +396 % |
| VAE | 186 | 318 | +70,7 % |
1.3 Sinkende Konzentration als struktureller Effekt
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) für Importe fielen von 2.462 (2015) auf 978 (2025), was einem Rückgang von 60,3 % entspricht. Ein HHI unter 1.000 gilt als Zeichen einer geringen Konzentration — die EU hat sich also von einer noch moderat konzentrierten Importstruktur hin zu einer breit diversifizierten Lieferantenbasis entwickelt. Diese Diversifizierung erhöht die Resilienz der Aluminiumversorgung, allerdings geht sie einher mit neuen Abhängigkeiten von Ländern wie Mosambik und Kanada, deren Lieferungen in der Vergleichphase teils erhebliche Volatilitäten aufwiesen.
2. Schwindende Eigenproduktion und wachsende Importabhängigkeit
2.1 Europäische Primäraluminium-Produktion im Niedergang
Die EU-Produktion von Primäraluminium ist über den Betrachtungszeitraum dramatisch eingebrochen. Die Produktionsmenge sank von 513 Mio. kg (2015) auf 300 Mio. kg (2024/2025) — ein Rückgang von rd. 49 %. Parallel dazu stieg der Produktionswert trotz der Mengenreduktion lediglich von 1,01 Mrd. € auf 1,2 Mrd. € (+7,1 %), was auf stark gestiegene Aluminiumpreise zurückzuführen ist.
| Jahr | Produktion Menge (Mio. kg) | Produktion Wert (Mio. €) |
|---|---|---|
| 2015 | 513 | 1.009 |
| 2018 | 540 | 955 |
| 2020 | 556 | 905 |
| 2022 | 540 | 1.500 |
| 2023 | 400 | 600 |
| 2024/25 | 300 | 1.200 |
Der Produktionsrückgang spiegelt die anhaltenden Herausforderungen der europäischen Aluminiumhütten wider: hohe Energiekosten — Aluminiumschmelzung ist extrem energieintensiv — sowie zunehmend strenge Klimaregulierungen haben zahlreiche Werke in der EU unwirtschaftlich gemacht.
2.2 Importvolumen wächst trotz stabiler Gesamtnachfrage
Die EU-Importe stiegen mengenmäßig von 2,66 Mio. Tonnen (2015) auf 3,19 Mio. Tonnen (2025), ein Plus von 20 %. Besonders bemerkenswert ist der Preisanstieg: Der durchschnittliche Importpreis erhöhte sich von 1.795 €/t auf 2.493 €/t (+38,8 %), was den Importwert auf 8,0 Mrd. € anhob. Die Kombination aus fallender Inlandsproduktion und steigender Importnachfrage verstärkte die strukturelle Abhängigkeit der EU von Drittländern.
2.3 Niederlande und Italien als Drehscheiben des EU-Aluminiumhandels
Innerhalb der EU zeigen sich klare Konzentrationsmuster bei den Importmärkten. Die Niederlande importierten 2025 Aluminium im Wert von 3,28 Mrd. € (Verdopplung gegenüber 2015), gefolgt von Italien mit 2,13 Mrd. € (+139 %). Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass die Niederlande mit einem RCA-Wert von 4,89 und einem RSCA von 0,66 als hochspezialisierter Aluminium-Importeur und -Umschlagplatz fungieren. Italien (RCA 2,07) profitiert von seiner großen verarbeitenden Aluminiumindustrie.
| EU-Reporter | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Niederlande | 1.690 | 3.280 | +94,1 % |
| Italien | 891 | 2.128 | +139,0 % |
| Deutschland | 400 | 575 | +43,9 % |
| Griechenland | 221 | 705 | +219,8 % |
| Spanien | 227 | 500 | +120,6 % |
3. Rückläufige Exporte, extreme Preisvolatilität und geopolitische Schocks
3.1 EU-Exporte im strukturellen Niedergang
Die EU-Exporte von Primäraluminium sind im betrachteten Zeitraum erheblich geschrumpft: von rd. 37.700 Tonnen (2015) auf 26.900 Tonnen (2025), ein Rückgang von 28,7 %. Die exportierte Menge ist im Vergleich zu den Importen verschwindend gering — das Export-zu-Import-Verhältnis lag 2025 bei unter 1 %. Die Exportquote sank von rd. 9 % (2015) auf nur noch 3,6 % (2024/25) — ein Zeichen dafür, dass die EU immer weniger Primäraluminium auf den Weltmarkt bringt.
Das Vereinigte Königreich war 2015 mit 61 Mio. € das mit Abstand wichtigste Exportziel, sank aber bis 2025 auf nur noch 4 Mio. € (−93,5 %) — ein deutlicher Brexit-Effekt. Die USA hingegen entwickelten sich zum wichtigsten Exportmarkt mit 32 Mio. € in 2025 (gegenüber 10 Mio. € in 2015), was allerdings mit starken Schwankungen verbunden war.
3.2 Massive Preisschocks und Volatilität bei Schlüsselpartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt erhebliche Schwankungen bei den Handelsströmen. Besonders auffällig sind die erkannten Preisschock-Ereignisse:
-
Importseitig (2022): Die Importpreise von Mosambik, den VAE und Bahrain stiegen 2022 sprunghaft um 52–66 % über den Baseline-Durchschnitt. Dies war unmittelbar mit dem globalen Aluminiumpreisschock nach Beginn des Ukraine-Kriegs und den damit verbundenen Sanktionen gegen russisches Aluminium verbunden.
-
Exportseitig — Norwegen (2021–2022): Die EU-Exporte nach Norwegen explodierten mengenmäßig von rd. 2.600 Tonnen (Durchschnitt 2019–2020) auf über 30.000 Tonnen (2022), was auf einen abnormalen Anstieg mit einer Abnormalität von 84,7 hindeutet. Die Preise stiegen dabei um rd. 54 %.
-
Exportseitig — USA (2021–2023): Die Exporte in die USA zeigten extreme Sprünge: von unter 1.000 Tonnen (2020) auf über 50.000 Tonnen (2021) und dann wieder auf 207 Tonnen (2023). Dieses Muster deutet auf punktuelle, mengenstarke Lieferungen hin, die vermutlich im Zusammenhang mit Handelsstromumleitungen nach den Russland-Sanktionen standen.
| Schock-Ereignis | Jahr | Preisabweichung (Abnormality) | Mengenverschiebung |
|---|---|---|---|
| Norwegen-Export (Preis) | 2021 | 84,7 | +129 % |
| USA-Export (Preis) | 2023 | 25,5 | +549 % |
| Mosambik-Import (Preis) | 2022 | 3,9 | +66 % |
| VAE-Import (Preis) | 2022 | 3,9 | +55 % |
3.3 Handelsbilanzdefizit vertieft sich erheblich
Das Handelsbilanzdefizit der EU bei Primäraluminium verschärfte sich von −4,7 Mrd. € (2015) auf −7,9 Mrd. € (2025), ein Anstieg um 68,1 %. Der Höhepunkt wurde 2022 mit −8,5 Mrd. € erreicht, als die Aluminiumpreise aufgrund der geopolitischen Unsicherheit und der Energiekrise einen Rekordhöchststand erreichten. Trotz der leichten Entspannung 2023–2024 lag das Defizit 2025 wieder auf hohem Niveau.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für nichtlegiertes Primäraluminium hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Die drei prägenden Entwicklungen sind:
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Geopolitische Umorientierung der Lieferketten: Der Verlust Russlands als wichtigstem Lieferanten wurde durch eine breite Diversifizierung — insbesondere hin zu Island, Kanada, Mosambik und Indien — kompensiert. Die HHI-Konzentration sank um über 60 %, was die Versorgungsresilienz erhöht, aber auch neue geopolitische und logistische Risiken birgt.
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Strukturelle Produktionslücke: Der fast halbierten EU-Produktion steht eine um 20 % gestiegene Importnachfrage gegenüber. Die Netto-Importabhängigkeit blieb mit rd. 83–92 % auf sehr hohem Niveau. Solange die Energiekosten in der EU überdurchschnittlich hoch bleiben und keine massiven Investitionen in neue Kapazitäten erfolgen, ist eine Trendwende nicht zu erwarten.
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Exporterosion und Preisschockanfälligkeit: Die EU hat ihre Rolle als Primäraluminium-Exporteur nahezu vollständig verloren. Gleichzeitig machten extreme Preisschwankungen sowohl bei Import- als auch Exportpartnern die Verwundbarkeit des Marktes gegenüber geopolitischen Ereignissen deutlich — zuletzt 2022 durch den Ukraine-Krieg und 2021/23 durch ungewöhnliche Handelsströme in Richtung Norwegen und USA.
Insgesamt ist die EU im Bereich Primäraluminium ein zunehmend importabhängiger Markt geblieben, der sich zwar in seiner Lieferantenstruktur breiter aufgestellt hat, dessen Handelsbilanzdefizit sich aber erheblich vertieft hat und der weiterhin anfällig für externe Preis- und Versorgungsschocks ist.