Marktentwicklung: Rohaluminiumlegierungen (CN 760120) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit Aluminiumlegierungen in Rohform (KN-Code 760120) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die EU ist bei diesem Grundwerkstoff traditionell ein Nettoimporteur: Die Einfuhren liegen seit jeher um ein Vielfaches über den Ausfuhren — im betrachteten Zeitraum durchschnittlich um den Faktor 8–10. Der Gesamtüberblick zeigt dabei drei dominante Dynamiken: erstens ein erhebliches Wachstum der Importwerte trotz moderater Mengensteigerungen, zweitens einen drastischen Preisschock im Jahr 2022, und drittens eine zunehmende Konzentration der Bezugsquellen auf wenige Partnerländer mit niedrigen Energiekosten.
Die drei folgenden Abschnitte beleuchten diese Entwicklungen im Detail und ordnen sie in den Kontext der europäischen Aluminiumindustrie ein.
1. Preisgetriebenes Importwachstum bei stagnierender Mengenausweitung
Die EU-Importe verdoppelten sich nominal, blieben mengenmäßig aber begrenzt
Die Einfuhren von Rohaluminiumlegierungen stiegen im gesamten Zeitraum von 5,34 Mrd. € (2015) auf 8,47 Mrd. € (2025) — eine Zunahme von 58,6 %. Die eingeführte Menge hingegen wuchs lediglich von 2,69 Mio. Tonnen auf 3,14 Mio. Tonnen (+16,8 %). Dieses Gefälle zwischen Wert- und Mengenwachstum spiegelt die dominante Rolle der Preisentwicklung wider.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mrd. €) | 5,34 | 8,47 | +58,6 % |
| Importmenge (Mio. t) | 2,69 | 3,14 | +16,8 % |
| Importpreis (€/t) | 1.986 | 2.696 | +35,8 % |
Die detaillierten Handelsdaten zeigen zudem, dass das Importvolumen im Jahr 2020 mit 4,79 Mrd. € seinen Tiefststand erreichte — ein Spiegel der coronabedingten Nachfragekontraktion —, bevor es 2021 und insbesondere 2022 sprunghaft anstieg.
Das Handelsdefizit vertiefte sich spürbar
Das bilaterale Handelsdefizit der EU bei Rohaluminiumlegierungen wuchs von −4,78 Mrd. € (2015) auf −7,51 Mrd. € (2025), was einer Verschärfung um 57,2 % entspricht. Der tiefste Punkt wurde 2022 mit −10,90 Mrd. € erreicht, als der Preisanstieg die Importwerte auf ein Rekordhoch von 12,18 Mrd. € trieb. Die EU-Exporte wuchsen zwar nominal stärker (+70,6 %) als die Einfuhren, blieben aber absolut deutlich unterlegen: 2025 exportierte die EU lediglich 323.127 Tonnen im Wert von 963 Mio. € — nur etwa 11 % des Importwerts.
Die inländische Produktion konnte den Bedarf nicht decken
Die EU-Produktionsdaten zeigen ein gemischtes Bild. Die inländische Erzeugung stieg von 4,46 Mio. Tonnen (2013) auf rund 6,00 Mio. Tonnen (2024), ein Zuwachs von 34,6 %. Der Produktionswert erhöhte sich im selben Zeitraum von 7,28 Mrd. € auf 10,63 Mrd. € (+46,1 %). Allerdings lag die Nettoimportabhängigkeit 2024 bei 41,0 % — gegenüber 36,9 % im Jahr 2015. Die EU ist also trotz steigender Produktion heute stärker auf Importe angewiesen als zu Beginn des Beobachtungszeitraums.
2. Der Preisschock von 2022 und seine asymmetrischen Auswirkungen
Die Aluminiumpreise erreichten 2022 ein historisches Hoch
Das Jahr 2022 markierte einen Wendepunkt im Preistrend. Die durchschnittlichen Importpreise stiegen von 1.689 €/t (2020) auf 3.418 €/t (2022) — ein Anstieg von über 100 % in nur zwei Jahren. Auch die Exportpreise verdoppelten sich nahezu von 1.619 €/t (2020) auf 3.136 €/t (2022). Diese Dynamik ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: die Energiekrise in Europa nach dem russischen Überfall auf die Ukraine (Aluminiumproduktion ist äußerst energieintensiv), globale Lieferkettenstörungen und einen Nachfrageüberhang nach der pandemiebedingten Flaute.
| Kennzahl | 2020 | 2022 | 2025 |
|---|---|---|---|
| Importpreis (€/t) | 1.689 | 3.418 | 2.696 |
| Exportpreis (€/t) | 1.619 | 3.136 | 2.980 |
| Importwert (Mrd. €) | 4,79 | 12,18 | 8,47 |
Preispreisschocks trafen verschiedene Handelspartner unterschiedlich stark
Die Analyse der Preisvolatilität identifiziert mehrere markante Preisschocks:
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Importseitig stiegen die Preise für Lieferungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten 2022 sprunghaft um 69,5 % über den Baseline-Wert (Abnormalität: 3,8), bei einem Anteil von 16,2 % am Importwert. Der Importpreis kletterte von 2.252 €/t (2021) auf 3.381 €/t (2022). Ähnliche Sprünge zeigten sich bei Bahrain (+78,1 %, Abnormalität: 3,7).
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Exportseitig war der Preisschock bei Lieferungen nach Brasilien am auffälligsten (Abnormalität: 132,3), wo die Exportpreise 2021 um 50,5 % gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt stiegen. Ebenfalls signifikant war der Anstieg bei Exporten nach Japan (+51,7 %, Abnormalität: 26,0) und Serbia (+68,7 %, 2022).
Die Preise sind bis 2025 wieder gesunken, liegen aber mit durchschnittlich 2.696 €/t (Import) bzw. 2.980 €/t (Export) weiter deutlich über dem Vorkrisenniveau von 2019.
Die Volatilität variiert erheblich zwischen den Handelspartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass die Mengenvolatilität (Variationskoeffizient) bei den Importen am geringsten bei Norwegen (0,059) und dem Vereinigten Königreich (0,080) ist — beides stabile, langjährige Handelspartner. Höchste Volatilität weisen dagegen Indien (0,568), Malaysia (0,594) und die Türkei (0,645) auf, was auf eine eher sporadische und marktgetriebene Handelsbeziehung hindeutet.
3. Strukturelle Umbrüche im Handelsgeografie
Die nordischen und arabischen Partner gewinnen an Gewicht
An den Importen ist eine bemerkenswerte Verschiebung der Partnerstruktur erkennbar. Norwegen blieb mit Abstand der wichtigste Lieferant (3,47 Mrd. € im Jahr 2025, +51,3 % gegenüber 2015), gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten (910 Mio. €). Besonders dynamisch entwickelten sich jedoch:
- Bahrain: von 120 Mio. € (2015) auf 822 Mio. € (2025) — ein Anstieg von 584,7 %. Bahrain hat sich damit zum sechstwichtigsten Importpartner entwickelt.
- Island: von 510 Mio. € auf 1,03 Mrd. € (+102,2 %), gestützt auf energieintensive Produktion aus geothermischer Energie.
- Indien: von 17 Mio. € auf 125 Mio. € (+621,5 %), mit einem Spitzenwert von 284 Mio. € im Jahr 2022.
Demgegenüber verlor Russland an Bedeutung: Die Einfuhren sanken von 424 Mio. € auf 362 Mio. € (−14,6 %), mit einem deutlichen Rückgang nach 2022 — wahrscheinlich eine Folge der Sanktionen und Handelsbeschränkungen nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine.
| Importpartner | 2015 (Mio. €) | 2022 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Δ 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|
| Norwegen | 2.296 | 4.784 | 3.475 | +51,3 % |
| VAE | 850 | 1.453 | 910 | +7,0 % |
| Island | 510 | 1.186 | 1.031 | +102,2 % |
| Russland | 424 | 679 | 362 | −14,6 % |
| Großbritannien | 427 | 713 | 580 | +35,7 % |
| Bahrain | 120 | 744 | 822 | +584,7 % |
| Indien | 17 | 284 | 125 | +621,5 % |
Die Ausfuhren diversifizierten sich, bleiben aber kleinteilig
Die EU-Exporte entwickelten sich differenziert. Schweiz blieb mit 360 Mio. € (2025) der mit Abstand wichtigste Exportmarkt (+118,5 %). Starke Zuwächse verzeichneten zudem Serbia (von 24 Mio. € auf 103 Mio. €, +335,0 %), Japan (von 7 Mio. € auf 58 Mio. €, +760,0 %) und die Türkei (von 22 Mio. € auf 76 Mio. €, +250,5 %). Bemerkenswert ist der dramatische Rückgang der Ausfuhren nach Großbritannien von 80 Mio. € auf nur noch 19 Mio. € (−76,4 %) — möglicherweise eine Folge des Brexits und veränderter Handelsmodalitäten.
Innerhalb der EU dominieren die Niederlande und Deutschland
Die Binnenverteilung der Einfuhren zeigt die zentrale Rolle der Niederlande mit 3,74 Mrd. € (2025), was einem Anteil von knapp 44 % an allen EU-Außeneinfuhren entspricht (+65,6 % gegenüber 2015). Deutschland folgt mit 973 Mio. € (+16,7 %), Italien mit 737 Mio. € (+51,8 %) und Spanien mit 626 Mio. € (+41,7 %). Bei den Ausfuhren führt Deutschland mit 342 Mio. €, wobei Italien (+250,6 %) und insbesondere Rumänien (von 3 Mio. € auf 70 Mio. €, +2.351,5 %) die stärksten Wachstumsraten aufweisen.
Die Konzentrationsanalyse bestätigt eine leichte Diversifizierung der Importquellen: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) sank bei den Einfuhren von 2.364 auf 2.171 (−8,2 %). Bei den Ausfuhren hingegen nahm die Konzentration leicht zu (HHI von 1.530 auf 1.808, +18,2 %), was die zunehmende Bedeutung weniger Schlüsselmärkte wie der Schweiz widerspiegelt.
Fazit
Der Markt für Rohaluminiumlegierungen in der EU hat sich im Zeitraum 2015–2025 durch drei zentrale Merkmale geprägt: Preisdominanz, geopolitische Umorientierung und strukturelle Abhängigkeit. Die Preise — und nicht die Mengen — trieben das nominale Handelswachstum an. Der Preisschock von 2022 offenbarte die Verwundbarkeit der EU gegenüber Energiepreisschwankungen und globalen Lieferunterbrechungen, da Aluminiumlegierungen einen unverzichtbaren Grundstoff für die europäische Industrie darstellen.
Gleichzeitig vollzog sich eine geopolitische Neuordnung der Handelsbeziehungen: Der Rückgang der russischen Lieferungen, das Aufstrebende von Golfstaaten wie Bahrain und den VAE als Aluminiumlieferanten sowie die Herausbildung von Exportmärkten in Südosteuropa und Ostasien deuten auf eine Diversifizierung der Handelsströme hin — wenngleich Norwegen mit großem Abstand die wichtigste Bezugsquelle bleibt.
Die steigende Nettoimportabhängigkeit von 36,9 % auf 41,0 % trotz wachsender inländischer Produktion unterstreicht, dass die EU bei diesem kritischen Rohstoff weiterhin auf außereuropäische Quellen angewiesen ist — eine Situation, die angesichts der Energiewende und geopolitischer Spannungen auch in den kommenden Jahren strategische Aufmerksamkeit erfordert.