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Marktentwicklung: Polyurethane in Primärformen (CN 390950) — 2015–2025

Einleitung

Polyurethane in Primärformen (KN-Code 390950) sind ein zentraler Grundstoff der europäischen Kunststoff- und Chemieindustrie, der in zahlreichen Anwendungsbereichen — von der Automobilzulieferung über die Bauwirtschaft bis hin zu Schuhsohlen und Beschichtungen — verwendet wird. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU mit Drittländern im Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet dabei drei zentrale Dynamiken: die preisgetriebene Wertentwicklung mit dem außergewöhnlichen Jahr 2022, die tiefgreifende Neuausrichtung der Handelspartnerschaften sowie den Bedeutungsverlust der europäischen Produktion bei gleichzeitig stabiler Exportmarktführerschaft. Die Analyse stützt sich auf die Daten des EU Trade Dashboards und berücksichtigt sowohl aggregierte Handelsströme als auch Produktsegmente, Partnerländer und Konzentrationsindikatoren.


1. Preisgetriebene Wertresilienz trotz sinkender Mengen — der Sondereffekt 2022

Die zentrale Erkenntnis der Gesamtentwicklung liegt in der Entkopplung von Wert- und Mengenentwicklung: Während die Exporte in Tonnen über den gesamten Betrachtungszeitraum um 14,4 % fielen (von 449.010 t auf 384.398 t), blieb der Exportwert nahezu stabil (+1,1 %, von 1,39 Mrd. € auf 1,41 Mrd. €). Dies ist auf einen kontinuierlichen Preisanstieg von 3.102 €/t auf 3.663 €/t (+18,1 %) zurückzuführen. Die Einfuhren hingegen wiesen sowohl mengen- als auch wertseitig ein robustes Wachstum auf (+19,4 % mengenmäßig, +25,2 % wertmäßig).

1.1 Das Jahr 2022 als außergewöhnlicher Preis- und Werthöhepunkt

Das Jahr 2022 stellt einen deutlichen Ausreißer in der gesamten Zeitreihe dar. Der Exportwert erreichte mit 1,96 Mrd. € den höchsten Wert im gesamten Betrachtungszeitraum — ein Plus von 12,6 % gegenüber dem Vorjahr und 41,0 % über dem Ausgangswert von 2015. Gleichzeitig stiegen die Importe auf 399 Mio. €, ebenfalls ein Allzeithoch. Die Preisdaten zeigen, dass dieser Höchststand primär preis- und nicht mengenbedingt war: Die Exportmenge lag 2022 mit 452.623 t sogar unter dem Niveau von 2018 (506.256 t).

Indikator 2015 2022 (Höchstwert) 2025 Veränderung 2015→2025
Exportwert (Mrd. €) 1,39 1,96 1,41 +1,1 %
Exportmenge (t) 449.010 452.623 384.398 −14,4 %
Exportpreis (€/t) 3.102 4.339 3.663 +18,1 %
Importwert (Mio. €) 261 399 327 +25,2 %
Importmenge (t) 68.552 76.947 81.863 +19,4 %
Importpreis (€/t) 3.805 5.185 3.989 +4,8 %

Quelle: Gesamtübersicht

1.2 Schockdetektion 2022: Preissprünge bei Schlüsselpartnern

Die Volatilitätsanalyse identifiziert das Jahr 2022 als Zentrum mehrerer signifikanter Preisschocks. Besonders auffällig:

  • Importe aus den USA: Der Preis stieg 2022 um 48,4 % auf 6.445 €/t (Basis 2020–2021: 4.343 €/t), bei gleichzeitig rückläufigen Mengen. Die USA waren mit 32,4 % Anteil am Importwert der wichtigste Lieferant.
  • Importe aus China: Der Preis stieg 2022 um 64,0 % auf 4.244 €/t (Basis: 2.588 €/t), normalisierte sich danach jedoch rasch.
  • Exportpreisschocks waren in mehreren Zielländern zu beobachten, darunter Brasilien (+40,3 %), Indien (+36,4 %), Singapur (+29,0 %), die Vereinigten Arabischen Emirate (+24,7 %) und die Ukraine (+21,7 %).

Diese Preissprünge stehen im Kontext der globalen Energiekrise 2022, die sich auf die gesamte Petrochemie- und Kunststoffkette auswirkte. Polyurethane sind petrochemische Derivate, und die europäischen Energiepreisspitzen verteuerten die inländische Produktion, was sich sowohl in Exportpreisen als auch in der Importnachfrage widerspiegelte. Bemerkenswert ist, dass sich die Preise nach 2022 bei den meisten Partnern wieder dem Vor-Niveau annäherten, wenngleich sie dieses nicht vollständig erreichten.

1.3 Post-2022-Korrektur und anhaltende Schwäche

Nach dem Höchstjahr 2022 folgte eine deutliche Korrektur: Der Exportwert sank 2023 auf 1,53 Mrd. € (−22,2 %) und 2025 auf 1,41 Mrd. € — unter das Niveau von 2015. Die Exportmengen sanken kontinuierlich von 452.623 t (2022) auf 384.398 t (2025). Der Handelsüberschuss verminderte sich von 1,57 Mrd. € (2022) auf 1,08 Mrd. € (2025), blieb aber weiterhin erheblich.

Kennzahl 2015 2020 2022 2025
Handelsbilanz (Mrd. €) 1,13 1,21 1,57 1,08
Netto-Importabhängigkeit (%) −11,8 −32,5 −31,7 −27,8

Quelle: Netto-Importabhängigkeit


2. Strukturelle Neuausrichtung der Handelspartnerschaften

Neben den konjunkturellen Preisschwankungen zeigen sich im Beobachtungszeitraum tiefgreifende strukturelle Verschiebungen bei den Handelspartnern der EU. Drei Entwicklungen sind besonders signifikant: der Zusammenbruch der Exporte nach Russland, der Bedeutungsverlust des Vereinigten Königreichs als Exportmarkt nach dem Brexit sowie der rapide Aufstieg Chinas und der Türkei als Importlieferanten.

2.1 Russland: Vom fünftgrößten Exportmarkt zum vollständigen Handelsausfall

Der dramatischste Strukturbruch betrifft die Exporte in die Russische Föderation. 2015 beliefen sich die EU-Exporte nach Russland auf 68,1 Mio. € (25.476 t), stiegen bis 2021 sogar auf 98,7 Mio. € und brachen dann infolge der Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 auf 37,2 Mio. € ein. 2023 belief sich der verbleibende Handel auf lediglich 93.289 € (ca. 16 t), 2024 und 2025 betrug der Wert effektiv null.

Jahr Exportwert Russland (Mio. €) Exportmenge (t)
2015 68,1 25.476
2021 98,7 32.529
2022 37,2 10.475
2023 0,09 16
2024–2025 0 0

Quelle: Handelspartner – Exporte

Die Schockanalyse klassifiziert diesen Handelsausfall als vollständigen „Supply-Shock" mit einem Rückgang von 100 % gegenüber dem Basiszeitraum. Russland war 2021 mit einem Anteil von rd. 4,4 % am EU-Exportwert ein relevanter Markt, dessen Verlust einen dauerhaften Ausfall darstellt.

2.2 Vereinigtes Königreich: Brexit-bedingter Exportrückgang

Das Vereinigte Königreich war 2015 mit 217,0 Mio. € das zweitwichtigste Exportziel der EU und bis 2019 mit 230,5 Mio. € sogar das führende Einzelland. Nach dem Brexit sanken die Exporte kontinuierlich: 2025 lagen sie bei 121,3 Mio. €, was einem Rückgang von 44,1 % gegenüber 2015 entspricht. Mengenmäßig sanken die Lieferungen von 62.106 t auf 27.515 t (−55,7 %). Dieser Rückgang vollzog sich nicht abrupt, sondern schrittweise über die Jahre 2020–2025, was auf zunehmende Handelsbarrieren, Zollformalitäten und regulatorische Anpassungen nach dem Ende der Übergangsphase hindeutet.

Gleichzeitig blieben die Importe aus dem Vereinigten Königreich relativ stabil (von 67,0 Mio. € auf 59,1 Mio. €, −11,7 %), was zu einer deutlichen Verschiebung der bilateralen Handelsbalance führte.

2.3 Aufstieg neuer Importlieferanten: China und Türkei

Während die traditionellen Importpartner USA, Vereinigtes Königreich und Schweiz ihre Positionen relativ stabil hielten, vollzog sich bei den aufstrebenden Lieferanten ein bemerkenswerter Aufwärts trend:

Importpartner 2015 (Mio. €) 2025 (Mio. €) Veränderung
USA 74,4 80,8 +8,6 %
Vereinigtes Königreich 67,0 59,1 −11,7 %
Schweiz 58,0 63,8 +10,1 %
China 13,1 47,0 +257,8 %
Türkei 4,1 20,8 +405,0 %
Japan 7,5 23,4 +213,8 %
Indien 3,8 5,6 +50,1 %

Quelle: Handelspartner – Importe

Besonders hervorzuheben ist das Wachstum der chinesischen Lieferungen: von rd. 4.683 t (2015) auf 18.205 t (2025) mengenmäßig — eine Vervierfachung. Der Importpreis aus China lag dabei 2025 bei 2.584 €/t und damit deutlich unter dem EU-Durchschnittsimportpreis von 3.989 €/t, was auf eine zunehmende Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Anbieter am europäischen Markt hindeutet. Die Importe aus der Türkei stiegen mengenmäßig von 1.700 t auf 6.303 t.

2.4 Diversifizierung der Importquellen sinkende Konzentration

Die Importkonzentration (HHI) sank von 2.062 (2015) auf 1.642 (2025), was einer um 20,4 % geringeren Konzentration entspricht. Während 2015 die drei wichtigsten Lieferanten (USA, UK, Schweiz) noch einen dominanten Anteil innehatten, verteilten sich die Importe 2025 breiter auf mehr Partnerländer. Der Export-HHI blieb mit Werten zwischen 611 und 700 durchgehend niedrig und sank leicht um 6,4 %, was die ohnehin breite Basis der EU-Exportmärkte nochmals unterstreicht.


3. Sinkende europäische Produktion bei behaupteter Exportmarktführerschaft

Parallel zu den Handelsverschiebungen zeigt sich ein besorgniserregender Trend bei der europäischen Produktionsentwicklung: Die EU-Produktion von Polyurethanen in Primärformen ist im Betrachtungszeitraum erheblich gesunken, während die Exporte — gemessen am Produktionsanteil — an relativer Bedeutung gewannen.

3.1 Deutlicher Rückgang der EU-Inlandsproduktion

Die Produktionsdaten zeigen einen Rückgang der Produktionsmengen von rd. 3,36 Mrd. kg (2015) auf rd. 2,00 Mrd. kg (2024), was einem Minus von 47,7 % entspricht. Der Produktionswert sank im selben Zeitraum von 5,70 Mrd. € auf 5,40 Mrd. € (−23,9 %). Die geringere Wertminderung gegenüber dem Mengenrückgang deutet auf steigende Produktionspreise hin.

Jahr Produktionsmenge (Mrd. kg) Produktionswert (Mrd. €) Preis (€/kg)
2015 3,36 5,70 1,70
2019 2,34 5,63 2,40
2022 1,80 6,50 3,61
2024 2,00 5,40 2,70

Hinweis: Die Produktionsdaten ab 2015 sind als gerundete Werte gekennzeichnet. Quelle: Produktionsvolumen

Der starke Produktionsrückgang — insbesondere ab 2020 — ist wahrscheinlich auf mehrere Faktoren zurückzuführen: die COVID-19-Pandemie, die europäische Energiekrise 2022 und die zunehmende Verlagerung von Kapazitäten außerhalb Europas, insbesondere nach Asien.

3.2 Steigende Exportquote bei rückläufiger Basis

Die Exportneigung — definiert als Exporte in Relation zur inländischen Produktion — verdoppelte sich nahezu von 13,7 % (2015) auf 28,5 % (2025). Dies bedeutet, dass ein immer größerer Anteil der europäischen Produktion in Drittländer exportiert wird. Die Handelsintensität (Importe plus Exporte relativ zur Produktion) stieg von 16,3 % auf 33,0 %. Obwohl diese Entwicklung die fortbestehende internationale Wettbewerbsfähigkeit der EU-Polyurethanindustrie belegt, birgt sie auch das Risiko einer wachsenden Abhängigkeit von Drittlandsmärkten bei gleichzeitig schrumpfender Produktionsbasis.

3.3 Deutschland als unangefochtener Marktführer, differenzierte Spezialisierung innerhalb der EU

Die Analyse der Spezialisierung zeigt eine deutliche Konzentration der EU-Polyurethanproduktion und -exporte auf wenige Mitgliedstaaten. Deutschland dominiert sowohl die Produktion (39,8 % Anteil) als auch die Exporte (rd. 557 Mio. € bzw. ca. 40 % des EU-Exportwerts 2025). Italien folgt als zweitgrößter Exporteur (266 Mio. €).

EU-Mitgliedstaat RSCA (2025) Produktionsanteil Exportanteil Exportwert 2025 (Mio. €)
Deutschland 0,305 39,8 % 21,2 % 557,0
Italien 0,240 13,1 % 8,0 % 266,3
Spanien 0,200 8,7 % 5,8 % 122,9
Belgien 0,164 11,8 % 8,5 % 99,2
Niederlande −0,255 8,6 % 14,5 % 144,5
Frankreich −0,103 6,4 % 7,8 % 87,7

Quelle: Spezialisierungskarte

Griechenland weist überraschenderweise den höchsten Spezialisierungsindex (RSCA: 0,369) auf, allerdings bei einem sehr geringen Produktions- und Exportanteil. Die Niederlande sind trotz eines negativen RSCA-Werts der drittgrößte Exporteur — dies deutet auf eine starke Rolle als Handels- und Logistikdrehscheibe hin (Re-Exporte, Hafeninfrastruktur).

Ein auffälliges Ergebnis ist der fast vollständige Rückgang der irischen Exporte: von 92,2 Mio. € (2015) auf 3,2 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 96,5 % entspricht. Dies steht möglicherweise im Zusammenhang mit der Verlagerung von Produktionskapazitäten und der Umstrukturierung von Pharmazulieferungen, für die Polyurethane ebenfalls verwendet werden.

3.4 Produktsegmente: Nische 39095010 wächst dynamisch

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass der überwiegende Teil des Handels auf die allgemeine Position 39095090 entfällt. Die Spezialposition 39095010 (Polyurethan aus tert-Butyliminodiethanol und Methylendicyclohexyldiisocyanat in DMAC-Lösung) ist mengenmäßig unbedeutend, weist aber bei den Importen ein bemerkenswertes Wachstum auf: von 3.043 t (2015) auf 8.390 t (2025), was einer Verdreifachung entspricht. Der Importpreis dieser Nischenposition war stark schwankend und erreichte 2022 mit 10.535 €/t einen Höchststand, sank 2025 jedoch auf 2.955 €/t. Dies deutet auf eine zunehmende Nachfrage nach spezialisierten Polyurethan-Vorprodukten hin, die möglicherweise in Hochleistungsanwendungen eingesetzt werden.


Fazit

Die Entwicklung des EU-Außenhandels mit Polyurethanen in Primärformen zwischen 2015 und 2025 ist durch drei übergreifende Trends geprägt:

Erstens hat der Handel eine bemerkenswerte Transformation von einer mengengetriebenen zu einer weitgehend preisgetriebenen Wertschöpfung durchlaufen. Die Exportpreise stiegen um 18 %, während die Mengen um 14 % fielen. Das Jahr 2022 markierte mit der globalen Energiekrise einen Wendepunkt, der die Preise auf ein vorübergehendes Allzeithoch trieb, bevor eine partielle Normalisierung einsetzte.

Zweitens haben geopolitische Ereignisse — insbesondere der Brexit und die Sanktionen gegen Russland — zu einer dauerhaften Neuausrichtung der Handelsströme geführt. Die EU verlor damit zwei historisch bedeutende Absatzmärkte. Gleichzeitig gewinnen Schwellenländer wie China und die Türkei als Importlieferanten an Bedeutung, was die Diversifizierung der Bezugsquellen erhöht, aber auch neue Wettbewerbsrisiken birgt.

Drittens schrumpft die europäische Produktionsbasis erheblich, während die Exportquote steigt. Dies birgt mittelfristig die Gefahr einer wachsenden Abhängigkeit von Importen, insbesondere wenn die globale Nachfrage nach Polyurethanen weiter wächst und die inländische Kapazität nicht Schritt hält. Die EU bleibt zwar ein Nettoexporteur mit einem Handelsbilanzüberschuss von über einer Milliarde Euro, doch die Grundlage dieses Überschusses — eine schrumpfende Produktionsbasis bei steigenden Preisen — erfordert aufmerksame Beobachtung seitens der Industrie- und Handelspolitik.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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