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Marktentwicklung: Polyurethan (CN 390950) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union für Polyurethan in Primärformen (Zolltarifnummer 390950) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Polyurethan ist ein vielseitig einsetzbarer Kunststoff, der in den Bereichen Bauwesen, Automobilindustrie, Möbel, Schuhe und Verpackung eine zentrale Rolle spielt. Die EU ist traditionell ein bedeutender Produzent und Nettoexporteur dieses Produkts.

Die Daten zeigen ein heterogenes Bild: Während der Exportwert über den gesamten Zeitraum weitgehend stabil blieb, veränderten sich Handelsvolumina, Partnerstrukturen und Preisdynamiken erheblich — insbesondere im Zuge geopolitischer Ereignisse und der COVID-19-Pandemie. Im Folgenden werden die zentralen Entwicklungen in drei thematischen Abschnitten dargestellt und interpretiert.

Weitere Informationen zum Produktumfang und den Definitionen finden sich im Produktüberblick.


1. Sinkende Produktionsvolumina bei stabiler Exportnachfrage — eine verteilungsseitige Transformation

Die EU-Polyurethanindustrie durchlebte zwischen 2015 und 2025 einen bemerkenswerten Strukturwandel: Die inländische Produktion ging erheblich zurück, während die Exporte in Wertbetrachtung weitgehend stabil blieben. Dies deutet auf eine Verschiebung in der Wertschöpfungskette hin.

1.1 Die EU-Produktion von Polyurethan verlor fast die Hälfte ihres Volumens

Die Produktionsvolumina für Polyurethan in Primärformen verzeichneten im Untersuchungszeitraum einen erheblichen Rückgang:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge (Mrd. kg) 3,83 2,00 −47,7 %
Produktionswert (Mrd. EUR) 7,09 5,40 −23,9 %

Der Rückgang der Produktionsmenge (−47,7 %) fiel deutlich stärker aus als der Rückgang des Produktionswerts (−23,9 %). Dies impliziert, dass die verbleibende Produktion zunehmend auf hochwertigere Spezialprodukte konzentriert war oder dass Preissteigerungen den Wertverlust teilweise kompensierten. Die EU-Industrie produzierte demnach weniger, aber im Verhältnis teurer — ein Muster, das auf eine Fokussierung auf Spezialanwendungen und eine Verlagerung von Standardprodukten ins Ausland hindeutet.

1.2 Exporte hielten sich im Wert, schrumpften aber deutlich im Volumen

Die EU-Exporte für CN 390950 entwickelten sich wie folgt:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exportwert (Mrd. EUR) 1,39 1,41 +1,1 %
Exportmenge (t) 449.010 384.399 −14,4 %
Exportpreis (EUR/t) 3.102 3.663 +18,1 %

Obwohl die exportierte Menge um rund 14 % sank, blieb der Exportwert praktisch stabil — ein Ergebnis, das vollständig auf die gestiegenen Preise (+18,1 %) zurückzuführen ist. Diese Preisdynamik spiegelt sowohl Inputkostensteigerungen (insbesondere bei Energie und Rohstoffen) als auch eine Verschiebung hin zu wertvolleren Produktvarianten wider. Im Exportsegment CN 39095090 (Standard-Polyurethan) stieg der Preis von 3.090 EUR/t (2015) auf 3.641 EUR/t (2025). Im Spezialsegment CN 39095010 lag der Exportpreis 2025 bei 4.931 EUR/t — deutlich über dem Niveau des Standardsegments.

1.3 Importe stiegen sowohl im Wert als auch im Volumen deutlich an

Im Gegensatz zur exportseitigen Stagnation wuchsen die EU-Importe substanziell:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mio. EUR) 261,0 326,6 +25,1 %
Importmenge (t) 68.552 81.863 +19,4 %
Importpreis (EUR/t) 3.807 3.989 +4,8 %

Die Importpreise lagen durchgehend über den Exportpreisen — 2025 bei 3.989 EUR/t gegenüber 3.663 EUR/t beim Export. Dies weist darauf hin, dass die EU tendenziell hochwertigere oder spezialisiertere Polyurethanvarianten importiert, während sie eher standardisierte Qualitäten exportiert. Besonders auffällig ist das Wachstum im Segment CN 39095010: Die Importe in diesem Spezialsegment stiegen von 3.043 t (2015) auf 8.390 t (2025), was einem Zuwachs von 176 % entspricht. Der Importwert dieses Segments verdoppelte sich von 12,8 Mio. EUR auf 24,8 Mio. EUR.

1.4 Die Handelsbilanz verschlechterte sich, blieb aber deutlich positiv

Trotz der gegensätzlichen Trends blieb die EU ein erheblicher Nettoexporteur:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Handelsbilanz (Mrd. EUR) 1,13 1,08 −4,5 %
Nettoversorgungsquote (%) −11,8 −27,8 −135,7 %

Die Nettoversorgungsquote sank von −11,8 % auf −27,8 %, was bedeutet, dass die EU ihre Nettoexportposition im Verhältnis zur inländischen Produktion ausbaute — obwohl die absoluten Exporte leicht zurückgingen. Die inländische Produktion schrumpfte eben stärker als die Exporte, was zu einer erhöhten Exportquote führte. Dies unterstreicht die These einer strukturellen Verlagerung: Die EU nutzt zunehmend importierte Vorprodukte oder konzentriert ihre verbleibende Produktion auf Exportmärkte.


2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelspartner — von Russland nach Asien

Die Analyse der Handelspartner offenbart eine der markantesten Veränderungen im gesamten Zeitraum: die geopolitisch bedingte Umstrukturierung des Handels, insbesondere den Zusammenbruch des Handels mit Russland und das gleichzeitige Aufstiegen asiatischer Märkte.

2.1 Der Handel mit Russland brach vollständig zusammen

Der auffälligste Einzeltrend in den Daten ist der Zusammenbruch der EU-Exporte nach Russland:

Partner Exporte 2015 (Mio. EUR) Exporte 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Russland 68,1 0,09 −99,9 %

Der Rückgang um 99,9 % — von 68,1 Mio. EUR auf nur noch 93.289 EUR — ist eindeutig auf die nach der russischen Invasion in der Ukraine verhängten Sanktionen zurückzuführen. Russland war 2015 noch einer der wichtigsten Exportmärkte der EU für Polyurethan. Der Verlust dieses Marktes musste durch andere Absatzmärkte kompensiert werden und trug maßgeblich zur Neuausrichtung der Handelsstruktur bei.

2.2 China wurde zum wichtigsten Exportziel und einem wachsenden Importpartner

China übernahm die Rolle des wichtigsten Handelspartners auf beiden Seiten des Handelsstroms:

Indikator 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
EU-Exporte nach China 137,1 186,8 +36,2 %
EU-Importe aus China 13,1 47,0 +257,8 %

Die EU-Exporte nach China machten 2025 rund 13 % des gesamten EU-Exportwerts aus und lagen damit auf dem Niveau, das zuvor teilweise von Russland besetzt war. Gleichzeitig wuchsen die Importe aus China mit +257,8 % am stärksten aller großen Handelspartner — von 13,1 Mio. EUR auf 47,0 Mio. EUR. Dies spiegelt die rasante Expansion der chinesischen Polyurethanindustrie wider, die inzwischen in der Lage ist, auch auf dem EU-Markt zu konkurrieren, insbesondere im Standardsegment.

2.3 Die traditionellen Handelspartner UK und Schweiz verloren an Bedeutung

Während asiatische Märkte an Bedeutung gewannen, schwächten sich die Handelsbeziehungen mit einigen traditionellen Partnern ab:

Partner Richtung 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
UK Exporte 217,0 121,3 −44,1 %
UK Importe 67,0 59,1 −11,7 %
Irland Exporte 92,2 3,2 −96,5 %
Türkei Exporte 124,9 107,9 −13,6 %

Der Rückgang der Exporte nach Großbritannien um 44,1 % — von 217,0 Mio. EUR auf 121,3 Mio. EUR — ist zum Teil auf den Brexit und die damit verbundenen Handelsbarrieren zurückzuführen. Der extreme Rückgang der Exporte nach Irland (−96,5 %) steht möglicherweise im Zusammenhang mit Umstrukturierungen innerhalb multinationaler Unternehmen und geänderten Lieferketten.

Demgegenüber stiegen die Exporte in einige Wachstumsmärkte an:

Partner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Indien 93,8 111,7 +19,0 %
USA 141,3 176,5 +24,9 %

2.4 Innerhalb der EU blieb Deutschland unangefochten der größte Produzent und Exporteur

Die Verteilung der EU-Exporte nach Herkunftsland zeigt eine klare Hierarchie:

EU-Mitgliedstaat Exporte 2015 (Mio. EUR) Exporte 2025 (Mio. EUR) Veränderung Spezialisierung (RCA)
Deutschland 535,2 557,0 +4,1 % 1,88
Italien 298,5 266,3 −10,8 % 1,63
Niederlande 141,7 144,5 +2,0 %
Spanien 103,9 122,9 +18,3 % 1,50
Belgien 67,6 99,2 +46,6 % 1,39

Deutschland dominierte mit einem Anteil von rund 40 % an den EU-Produktionswerten und exportierte 2025 Polyurethan im Wert von 557,0 Mio. EUR. Belgien (+46,6 %) und Spanien (+18,3 %) gewannen an Bedeutung, während Italien an Boden verlor (−10,8 %). Die Spezialisierungsindizes (RCA) bestätigen, dass Deutschland, Italien, Spanien und Belgien die polyurethanspezialisiertesten Volkswirtschaften der EU sind.

2.5 Die Importherkunft diversifizierte sich deutlich

Die Importkonzentration gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) sank signifikant:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 2.062 1.642 −20,4 %
HHI Importe (Volumen) 2.119 1.762 −16,9 %

Ein HHI-Rückgang von 2.062 auf 1.642 bedeutet eine substantielle Diversifizierung der Importquellen. Neben den traditionellen Lieferanten UK, USA und Schweiz gewannen China (+257,8 %), die Türkei (+405,0 %) und Indien (+50,1 %) als Importquellen stark an Bedeutung. Die Exportkonzentration blieb dagegen relativ stabil (HHI von 667 auf 624, −6,4 %), was auf eine bereits breiter gestreute Exportbasis hindeutet.


3. Preisschocks, Volatilität und wachsende Exportorientierung — die EU im globalen Wettbewerb

Das Jahr 2022 markierte einen Wendepunkt in der Preisentwicklung, während die strukturelle Exportorientierung der EU im Polyurethanbereich über den gesamten Zeitraum kontinuierlich zunahm. Diese Entwicklungen werfen Fragen über die Wettbewerbsfähigkeit und Verwundbarkeit der europäischen Industrie auf.

3.1 Das Jahr 2022 brachte schwere Preisschocks in den Handelsbeziehungen

Die Volatilitäts- und Schockanalyse identifiziert drei signifikante Preisschocks, die sich alle auf 2022 konzentrieren:

Partner Schocktyp Richtung Preissprung Abnormalität Anteil am Handelswert
USA Preis Importe +48,4 % 15,2 32,4 %
Singapur Preis Exporte +29,0 % 18,9 1,6 %
Ukraine Preis Exporte +21,7 % 7,5 1,7 %

Der Preisschock bei den Importen aus den USA (+48,4 %) betraf 32,4 % des gesamten EU-Importwerts und war damit der gravierendste Schock. Er ist im Kontext der globalen Energiekrise und der gestiegenen Rohstoffpreise nach dem Beginn des Ukraine-Krieges zu sehen. Der Exportpreisschock in Richtung Singapur (+29,0 %) und Ukraine (+21,7 %) zeigt, dass auch die EU-Exportpreise stark schwankten. Die Exportpreise insgesamt erreichten 2022 mit 4.340 EUR/t ihren Höchststand, bevor sie 2025 auf 3.663 EUR/t zurückgingen.

3.2 Bestimmte Handelsbeziehungen weisen eine hohe anhaltende Volatilität auf

Neben punktuellen Schocks zeigen einige Handelsbeziehungen eine über den gesamten Zeitraum hohe Preisvolatilität (gemessen als Variationskoeffizient, CV):

Partner Richtung Variationskoeffizient (CV) Bewertung
Israel Importe 1,52 Sehr hoch
Kanada Importe 0,71 Hoch
Australien Importe 0,67 Hoch
Russland Exporte 0,47 Hoch
Japan Importe 0,44 Moderat–hoch
Türkei Importe 0,44 Moderat–hoch
China Importe 0,39 Moderat
UK Exporte 0,35 Moderat

Israel (CV 1,52), Kanada (CV 0,71) und Australien (CV 0,67) als Importquellen sowie Russland (CV 0,47) und das Vereinigte Königreich (CV 0,35) als Exportziele zeigten die höchsten Preisschwankungen. Die hohe Volatilität bei Israel-Importen erklärt sich durch die geringen Handelsvolumina, bei denen einzelne Lieferungen die Statistik stark beeinflussen. Die Volatilität bei Russland-Exporten spiegelt den vollständigen Handelsabbruch wider.

3.3 Die EU-Polyurethanindustrie wurde zunehmend exportorientiert

Die Handelsintensität und Exportquote verdoppelten sich im Zeitraum:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Handelsintensität (%) 16,3 33,0 +102,4 %
Exportquote (%) 13,7 28,5 +108,2 %

Die Handelsintensität — definiert als Handelsvolumen im Verhältnis zum Produktionswert — stieg von 16,3 % auf 33,0 %. Die Exportquote nahm von 13,7 % auf 28,5 % zu. Beide Indikatoren weisen darauf hin, dass die EU-Polyurethanindustrie in einem Maße auf den Weltmarkt angewiesen war wie nie zuvor. Dies hat eine ambivalente Bedeutung: Einerseits zeugt es von internationaler Wettbewerbsfähigkeit, andererseits erhöht es die Verwundbarkeit gegenüber externen Schocks — wie die Preisschocks von 2022 eindrücklich demonstrierten.

3.4 Standardprodukte dominieren den Handel, Spezialsegmente zeigen divergierende Trends

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen offenbart unterschiedliche Dynamiken:

Exporte nach Produktsegment:

Segment 2015 (t) 2025 (t) Veränderung 2015 (EUR/t) 2025 (EUR/t)
39095090 (Standard) 427.623 377.818 −11,6 % 3.090 3.641
39095010 (Spezial) 21.388 6.581 −69,2 % 3.340 4.931

Importe nach Produktsegment:

Segment 2015 (t) 2025 (t) Veränderung 2015 (EUR/t) 2025 (EUR/t)
39095090 (Standard) 65.509 73.471 +12,2 % 3.788 4.107
39095010 (Spezial) 3.043 8.390 +175,7 % 4.198 2.955

Im Standardsegment (CN 39095090) sanken die Exportmengen moderat um 11,6 %, während die Importe um 12,2 % stiegen — ein Indiz für zunehmende Importkonkurrenz, insbesondere aus Asien. Im Spezialsegment (CN 39095010) vollzog sich ein dramatischer Wandel: Die Exporte brachen um 69,2 % ein, während die Importe um 175,7 % stiegen. Interessanterweise sank der Importpreis in diesem Segment von 4.198 EUR/t auf 2.955 EUR/t, was darauf hindeutet, dass die gestiegenen Importvolumina zu einem gewissen Teil auf günstigere Quellen zurückzuführen sind — möglicherweise aus Asien, wo die Produktionskapazitäten für Spezialpolyurethane expandieren.


Fazit

Die Analyse des EU-Handels mit Polyurethan in Primärformen (CN 390950) im Zeitraum 2015–2025 offenbart eine Branche im tiefgreifenden Wandel:

  1. Strukturelle Transformation der Produktion: Die inländische EU-Produktion verlor nahezu die Hälfte ihres Volumens (−47,7 %), während die Exporte im Wert weitgehend stabil blieben. Die EU produzierte weniger, aber zu höheren Preisen, was auf eine qualitative Aufwertung und Verlagerung von Standardproduktionen ins Ausland hindeutet.

  2. Geopolitische Neuausrichtung: Der vollständige Zusammenbruch des Handels mit Russland (−99,9 %) und der deutliche Rückgang der Exporte nach Großbritannien (−44,1 %) wurden teilweise durch das Wachstum in China (+36,2 %), Indien (+19,0 %) und den USA (+24,9 %) kompensiert. Gleichzeitig wuchsen die Importe aus China (+257,8 %) und der Türkei (+405,0 %) stark.

  3. Wachsende Verwundbarkeit: Die Verdopplung der Handelsintensität (+102,4 %) und Exportquote (+108,2 %) spiegelt eine zunehmende Verflechtung der EU-Polyurethanindustrie mit dem Weltmarkt wider. Dies birgt Chancen, aber auch Risiken — wie die massiven Preisschocks von 2022 (insbesondere bei US-Importen: +48,4 %) eindrücklich belegen.

Die EU bleibt ein bedeutender Nettoexporteur von Polyurethan mit einer robusten Handelsbilanz (1,08 Mrd. EUR Überschuss in 2025). Die Herausforderung besteht darin, die Spezialisierung auf hochwertige Produkte auszubauen, während gleichzeitig die Lieferkettenresilienz angesichts zunehmender Importabhängigkeit im Spezialsegment und geopolitischer Unsicherheiten gestärkt wird.

Erstellt am 2026-08-08. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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