Marktentwicklung: Polyurethan (CN 39095090) — 2015–2025
Einleitung
Der europäische Markt für Polyurethane in Primärformen (KN-Code 39095090) durchlief im Zeitraum 2015 bis 2025 tiefgreifende Veränderungen. Obwohl die EU in diesem Segment unverändert ein starker Nettexporteur blieb, verschoben sich Volumen, Preisstrukturen und Handelsströme erheblich. Die vorliegende Analyse stützt sich auf die vollständigen Handelsdaten des Zeitraums und beleuchtet die wesentlichen Dynamiken: den Preis-Trend, die geopolitisch bedingte Neuausrichtung der Handelspartner sowie die zunehmende Exportorientierung der EU-Produktion.
1. Preisanstieg trotz rückläufiger Volumen — eine strukturelle Transformation
1.1 Exporte: Höhere Werte bei sinkenden Mengen
Das auffälligste Merkmal des untersuchten Zeitraums ist die zunehmende Diskrepanz zwischen Exportvolumen und Exportwert. Während die exportierte Menge von 427.623 t (2015) auf 377.818 t (2025) um 11,6 % sank, stieg der Exportwert von 1,32 Mrd. € auf 1,38 Mrd. € um 4,1 %. Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 17,8 % — von 3.090 €/t auf 3.641 €/t (Handelsübersicht).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportvolumen | 427.623 t | 377.818 t | −11,6 % |
| Exportwert | 1,32 Mrd. € | 1,38 Mrd. € | +4,1 % |
| Durchschn. Exportpreis | 3.090 €/t | 3.641 €/t | +17,8 % |
Die EU hat also weniger Polyurethan exportiert, aber zu deutlich höheren Preisen. Dies deutet auf eine Verschiebung hin zu höherwertigen Produkten oder auf gestiegene Inputkosten hin.
1.2 Rückläufige EU-Produktionsvolumen
Parallel dazu verzeichnete die EU-Produktion einen deutlichen Rückgang. Die Produktionsmenge sank von ca. 3,83 Mrd. kg auf 2,00 Mrd. kg — ein Rückgang von 47,7 %. Der Produktionswert ging von 7,09 Mrd. € auf 5,40 Mrd. € zurück (−23,9 %) (Produktionsvolumen).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 3,83 Mrd. kg | 2,00 Mrd. kg | −47,7 % |
| Produktionswert | 7,09 Mrd. € | 5,40 Mrd. € | −23,9 % |
Obwohl die EU-Polyurethanproduktion volumenmäßig fast halbiert wurde, blieb der Exportwert weitgehend stabil. Dies legt nahe, dass die verbleibende Produktion zunehmend auf höhere Wertschöpfungsstufen konzentriert ist.
1.3 Importe: stärkeres Wachstum bei moderaten Preissteigerungen
Die Importe entwickelten sich deutlich dynamischer als die Exporte. Der Importwert stieg von 248 Mio. € auf 302 Mio. € (+21,6 %), das Importvolumen von 65.509 t auf 73.471 t (+12,2 %). Der durchschnittliche Importpreis lag 2025 bei 4.107 €/t und damit rund 300 €/t über dem Exportpreis — ein Hinweis darauf, dass die EU tendenziell hochpreisigere Polyurethane importiert und günstigere Varianten exportiert (Handelsübersicht).
2. Geopolitische Umbrüche und Neuausrichtung der Handelsströme
2.1 Kollaps des Handels mit Russland
Die dramatischste Einzelveränderung betrifft die Exporte in die Russische Föderation. Diese fielen von 66,1 Mio. € (2015) auf lediglich 93.289 € (2025) — ein Rückgang von −99,9 %. Russland war 2015 noch ein bedeutender Abnehmer und ist praktisch aus dem Handel verschwunden, was sehr wahrscheinlich auf die Sanktionen im Zuge des Ukraine-Konflikts ab 2022 zurückzuführen ist (Top-Partner Exporte).
2.2 China als neuer dominanter Exportmarkt
Als wichtigster Ersatzmarkt etablierte sich China. Die EU-Exporte nach China stiegen von 135,2 Mio. € auf 181,6 Mio. € (+34,4 %) und erreichten im Zeitraum einen Spitzenwert von 322,5 Mio. €. China wurde damit zum wichtigsten Einzelabnehmer der EU für dieses Produkt (Top-Partner Exporte).
2.3 Rückläufige Exporte nach Großbritannien — Brexit-Effekt
Die Exporte nach Großbritannien sanken von 186,6 Mio. € auf 118,9 Mio. € (−36,3 %). Dieser signifikante Rückgang fällt zeitlich mit dem Brexit zusammen und spiegelt wahrscheinlich sowohl handelspolitische Barrieren als auch eine veränderte Nachfragestruktur wider (Top-Partner Exporte).
2.4 Wachstumsmärkte: Indien, USA und die Schweiz
Dem Rückgang bei Russland und Großbritannien stehen stabile bis wachsende Handelsbeziehungen gegenüber:
| Partnerland | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 135,2 Mio. € | 169,0 Mio. € | +24,9 % |
| Indien | 91,5 Mio. € | 110,4 Mio. € | +20,7 % |
| Schweiz | 60,5 Mio. € | 67,5 Mio. € | +11,4 % |
| Türkei | 122,0 Mio. € | 107,1 Mio. € | −12,3 % |
2.5 Deutliche Importverschiebungen: China und Türkei als neue Lieferanten
Auch auf der Importseite sind markante Veränderungen sichtbar. Die Importe aus China stiegen von 12,9 Mio. € auf 38,1 Mio. € (+196,8 %), die aus der Türkei von 4,0 Mio. € auf 19,2 Mio. € (+378,6 %). Damit haben sich beide Länder zu relevanten Zulieferern der EU entwickelt (Top-Partner Importe).
3. Wachsende Exportorientierung bei zunehmender Diversifizierung
3.1 Verdopplung der Exportquote
Ein zentrales Strukturmerkmal ist die starke Zunahme der Exportorientierung. Die Exportquote (Exporte in % der Produktion) stieg von 13,7 % auf 28,5 % — eine Steigerung um 108,2 %. Ebenso verdoppelte sich die Handelsintensität von 16,3 % auf 33,0 % (+102,4 %). Das bedeutet, dass die EU-Produktion in diesem Segment heute weit stärker auf den internationalen Markt ausgerichtet ist als noch 2015.
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportquote | 13,7 % | 28,5 % | +108,2 % |
| Handelsintensität | 16,3 % | 33,0 % | +102,4 % |
| Netto-Importabhängigkeit | −11,8 % | −27,8 % | −135,7 % |
Die negative Netto-Importabhängigkeit bestätigt die Rolle der EU als Nettexporteur. Der Wert von −27,8 % (2025) zeigt, dass die EU erheblich mehr exportiert als importiert — und diese Tendenz hat sich im Zeitraum sogar verstärkt (Netto-Importabhängigkeit).
3.2 Diversifizierung der Importquellen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe sank von 2.100 auf 1.644 (−21,7 %). Dies bedeutet eine spürbare Diversifizierung der Importquellen. Während die EU 2015 noch stärker von wenigen Lieferanten abhing, hat sich das Lieferantenportfolio breiter aufgestellt (Konzentration HHI). Die Exportkonzentration blieb dagegen mit einem HHI um 619 relativ stabil und niedrig — die EU exportiert bereits seit 2015 breit gestreut.
| HHI-Index | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (Wert) | 2.100 | 1.644 | −21,7 % |
| Exporte (Wert) | 645 | 619 | −4,1 % |
3.3 Deutslands dominante Rolle in der EU-Produktion
Die Spezialisierungsdaten für 2025 zeigen, dass Deutschland mit einem RCA-Wert von 1,90 und einem Produktionsanteil von 40,2 % die klare Speerspitze der EU-Polyurethanproduktion darstellt. Italien (13,3 %), Belgien (12,1 %) und Spanien (8,9 %) folgen. Länder wie Irland, Bulgarien und Kroatien sind praktisch nicht in diesem Segment tätig (Spezialisierung).
Auch bei den Exporten innerhalb der EU dominiert Deutschland mit 550,7 Mio. € (2025), gefolgt von Italien (255,3 Mio. €), den Niederlanden (139,9 Mio. €) und Spanien (121,8 Mio. €) (Top-Reporter Exporte).
3.4 Preisvolatilität und Schocks im Jahr 2022
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass Importpreise aus bestimmten Herkunftsländern stark schwanken. Die höchste Variabilität weisen Israel (CV: 1,52), Australien (0,82) und Kanada (0,74) auf. Im Jahr 2022 wurden mehrere Preisschocks identifiziert, darunter ein außergewöhnlicher Anstieg der US-Importpreise um 50,3 % sowie ein Anstieg der Exportpreise nach Singapur um 28,0 % (Preisschocks). Diese Schocks korrespondieren mit den globalen Lieferkettenstörungen und Energiepreisspitzen des Jahres 2022.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Polyurethane in Primärformen hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich zusammenfassen:
-
Wertschöpfungssteigerung trotz Mengenrückgang: Die EU exportiert weniger Volumen zu höheren Preisen, bei gleichzeitig stark rückläufiger Produktionsmenge. Dies deutet auf eine Verlagerung hin zu hochwertigeren Spezialpolyurethanen oder auf strukturell gestiegene Kosten hin.
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Geopolitische Neuordnung: Der Zusammenbruch des Handels mit Russland, der Rückgang der Exporte nach Großbritannien und das rasante Wachstum des Handels mit China und der Türkei spiegeln die geopolitischen Umwälzungen der letzten Jahre wider — von Sanktionen über den Brexit bis zur zunehmenden Bedeutung asiatischer Märkte.
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Zunehmende Exportorientierung bei sinkender Importabhängigkeit: Die Verdopplung der Exportquote auf fast 29 % zeigt, dass die EU-Polyurethanindustrie heute stärker als je zuvor auf den Weltmarkt ausgerichtet ist. Gleichzeitig hat sich die Importseite diversifiziert, was die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduziert.
Insgesamt präsentiert sich die EU in diesem Segment als wettbewerbsfähiger Nettexporteur mit wachsender internationaler Verflechtung — allerdings vor dem Hintergrund einer schrumpfenden Produktionsbasis, die mittelfristig genauere Beobachtung erfordert.