Marktentwicklung: Papier- und Pappwaren (CN 4823) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 4823 bildet eine breite Restkategorie innerhalb der Warengruppe „Papier und Pappe" (KN 48) ab. Er umfasst Papiere, Pappen, Zellstoffwatte und Zellstoffvliese in Streifen oder Rollen ≤ 36 cm Breite, zugeschnittene Bogen sowie diverse weitere Waren aus Papierhalbstoff, die keiner anderen Position eindeutig zugeordnet sind. Die zugehörigen Unterpositionen reichen von Filterpapier (482320) über Diagrammpapier (482340), formgepresste Waren aus Papierhalbstoff (482370) bis hin zu Geschirr aus Papier/Pappe (482369, 482361) und der breiten Restposition 482390 (Umfang und Definitionen).
Der Beobachtungszeitraum 2015–2025 war von erheblichen strukturellen Umbrüchen geprägt: die COVID-19-Pandemie, die Lieferkettenkrise 2021/22, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie ein sich verschärfender Handelskonflikt mit China. Diese Ereignisse hinterließen im CN-4823-Markt deutliche Spuren. Der vorliegende Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken, die geographische Neuordnung der Handelsbeziehungen sowie die sich verändernde Verwundbarkeit der EU in diesem Segment.
1. Vom Exportüberschuss zum Importdefizit — Die fundamentale Handelsverschiebung
1.1 Die Importe wachsen drei Mal schneller als die Exporte
Der auffälligste Trend im Zeitraum 2015–2025 ist das auseinanderklaffende Wachstum zwischen Importen und Exporten. Die EU-Exporte stiegen im Wert von 664,7 Mio. EUR (2015) auf 1.033,7 Mio. EUR (2025), was einem Plus von 55,5 % entspricht. Im gleichen Zeitraum explodierten die Importe von 516,3 Mio. EUR auf 1.244,8 Mio. EUR — ein Anstieg um 141,1 % (Gesamtübersicht).
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 664,7 Mio. € | 1.033,7 Mio. € | +55,5 % |
| Importwert | 516,3 Mio. € | 1.244,8 Mio. € | +141,1 % |
| Exportmenge | 257.861 t | 304.037 t | +17,9 % |
| Importmenge | 164.190 t | 417.352 t | +154,2 % |
| Handelsbilanz | +148,4 Mio. € | −211,1 Mio. € | −242,3 % |
Die Exportpreise stiegen dabei von 2.578 €/t auf 3.400 €/t (+31,9 %), wohingegen die Importpreise leicht sanken (3.145 auf 2.983 €/t; −5,2 %). Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend günstigere, mengenmäßig stark expandierende Importe aus Drittländern absorbiert, während ihre Exporte preislich aufgewertet werden — ein Muster, das auf eine veränderte Wettbewerbsposition hindeutet.
1.2 Drei Unterpositionen dominieren das Importwachstum
Aufgeschlüsselt nach Unterpositionen zeigt sich, dass drei Segmenten das Importwachstum dominieren. Die Position 482369 (Geschirr aus Papier/Pappe, nicht Bambus) verzeichnete eine Zunahme der Importmengen von 69.119 t auf 213.874 t (+210 %), getrieben durch den Boom nachhaltiger Einwegalternativen. Die Restposition 482390 wuchs von 63.942 t auf 110.024 t (+72 %), und die formgepressten Waren aus Papierhalbstoff (482370) stiegen von 21.509 t auf 84.033 t (+290 %). Filterpapier (482320) und Diagrammpapier (482340) blieben hingegen weitgehend stabil (Produktsegmente).
| Unterposition | Import 2015 (t) | Import 2025 (t) | Δ (%) | Anteil 2025 am Import |
|---|---|---|---|---|
| 482369 — Geschirr (Papier/Pappe) | 69.119 | 213.874 | +210 % | 51,2 % |
| 482390 — Restposition | 63.942 | 110.024 | +72 % | 26,4 % |
| 482370 — Formgepresst | 21.509 | 84.033 | +290 % | 20,1 % |
| 482320 — Filterpapier | 7.764 | 5.686 | −27 % | 1,4 % |
| 482340 — Diagrammpapier | 1.289 | 1.902 | +47 % | 0,5 % |
| 482361 — Geschirr (Bambus) | 568 | 1.834 | +223 % | 0,4 % |
Besonders bemerkenswert ist, dass Geschirr und Lebensmittelverpackungen aus Papier und Pappe (482369 + 482370) zusammen über 71 % des EU-Imports in diesem Segment ausmachen. Dies reflektiert die regulatorischen Impulse durch die EU-Einwegkunststoffrichtlinie (SUP-Richtlinie, 2019/904), die den Übergang zu Papier- und Pappalternativen forciert und eine massive Nachfrage nach Importen ausgelöst hat.
1.3 Die EU ist vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur geworden
Der Netto-Importabhängigkeitsindikator unterstreicht die fundamentale Wandlung: Lag die Netto-Importabhängigkeit 2015 bei −4,3 % (d. h. die EU war Nettoexporteur), so stieg sie 2025 auf +5,3 %. Im Höchststand (2022) betrug sie sogar 7,7 %. Die Handelsintensität — der Anteil des Außenhandels an der gesamten Wertschöpfung — verdoppelte sich von 14,6 % auf 31,9 %, was zeigt, dass der Markt insgesamt viel stärker in globale Handelsströme eingebunden ist als noch vor zehn Jahren.
2. Geographische Neuordnung — China, Türkei und Ukraine als neue Zulieferer
2.1 China dominiert den EU-Importmarkt mit weit abstand
China ist der mit Abstand wichtigste Herkunftsland für EU-Importe in CN 4823. Die Importe aus China stiegen von 214,8 Mio. EUR (2015) auf 769,3 Mio. EUR (2025) — ein Plus von 258 %. China hatte 2025 einen Anteil von 61,8 % am gesamten EU-Importwert, Tendenz steigend (Top-Partner). Die Importe aus China erreichten 2022 mit 939,6 Mio. EUR sogar einen Höchststand, bevor sie 2023–2025 wieder leicht nachgaben — möglicherweise ein Nachholeffekt nach der pandemiebedingten Übertreibung.
| Herkunftsland | Import 2015 (Mio. €) | Import 2025 (Mio. €) | Δ (%) | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| China | 214,8 | 769,3 | +258 % | 61,8 % |
| Türkei | 26,4 | 109,3 | +313 % | 8,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 99,1 | 105,0 | +5,9 % | 8,4 % |
| Indien | 10,3 | 49,0 | +374 % | 3,9 % |
| Ukraine | 3,7 | 42,6 | +1.037 % | 3,4 % |
| USA | 71,3 | 55,5 | −22,2 % | 4,5 % |
| Belarus | 1,3 | 0 | −100 % | 0 % |
Die Türkei (+313 %) und Indien (+374 %) sind die am schnellsten wachsenden Zulieferer nach China. Die Ukraine hat sich mit einem Anstieg von 1.037 % von einem Nischenlieferanten zu einem bedeutenden Partner entwickelt — ein Trend, der sich vor dem Hintergrund der EU-Unterstützung und des EU-Assoziierungsabkommens erklären lässt. Umgekehrt sanken die Importe aus den USA um 22,2 %, und Belarus wurde als Quelle vollständig eliminiert (−100 %) — ein klarer Sanktionseffekt.
2.2 Die Importkonzentration auf China hat sich fast verdoppelt
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe nach Wert stieg von 2.347 auf 4.049 (+72,5 %). Ein HHI von über 2.500 gilt bereits als Zeichen hoher Konzentration; der Wert von 4.049 signalisiert eine erhegliche Marktverzerrung zugunsten weniger Herkunftsländer, insbesondere Chinas. Die Konzentration nach Volumen stieg sogar um 91,1 % (von 2.008 auf 3.836). Demgegenüber blieb die Exportkonzentration stabil (HHI von 876 auf 860; −1,9 %), was auf eine breitere Diversifizierung der EU-Exportmärkte hindeutet.
2.3 Die EU-Exporte sind stabiler, werden aber durch geopolitische Ereignisse erschüttert
Die wichtigsten EU-Exportmärkte bleiben traditionelle Partner: das Vereinigtes Königreich (197,6 Mio. €, +47,8 %), die Schweiz (134,1 Mio. €, +56,7 %) und die USA (114,9 Mio. €, +39,0 %). Der dramatischste Einbruch betrifft Russland: Die Exporte sanken von 54,8 Mio. EUR auf praktisch null (−100 %), ein direktes Ergebnis der Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine 2022 (Top-Partner Exporte).
| Zielland | Export 2015 (Mio. €) | Export 2025 (Mio. €) | Δ (%) |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 133,7 | 197,6 | +47,8 % |
| Schweiz | 85,5 | 134,1 | +56,7 % |
| USA | 82,6 | 114,9 | +39,0 % |
| Türkei | 21,2 | 50,5 | +138,7 % |
| Norwegen | 36,6 | 53,3 | +45,5 % |
| Israel | 9,9 | 21,4 | +116,9 % |
| Russische Föderation | 54,8 | 0 | −100 % |
2.4 Binnenmarkt: Deutschland, Italien und die Niederlande als Produzenten und Re-Exporteure
Innerhalb der EU zeigt sich ein differenziertes Bild. Deutschland ist sowohl der größte Importeur (154,1 Mio. €) als auch der größte Exporteur (215,8 Mio. €), was auf seine Rolle als Drehkreuz und Verarbeiter hindeutet. Italien hat seine Exporte auf 189,8 Mio. EUR gesteigert (+32,9 %), profitierend von seiner Spezialisierung im Bereich Papiergeschirr und Verpackungen. Die Niederlande verzeichneten die stärkste Exportsteigerung (+159,6 %), was auf die Hafenumfunktion und Re-Export-Aktivitäten über Rotterdam hindeutet (Top-Reporter).
3. Preisschocks, Volatilität und zunehmende Verwundbarkeit
3.1 Die Pandemie und die Energiekrise haben nachhaltige Preisschocks ausgelöst
Die Daten zeigen mehrere markante Preisschocks. Der stärkste Schock wurde 2022 bei den norwegischen Exporten festgestellt: Der Preis sprang um 44,1 %, mit einer Abnormalität von 70,5 und einem Wertanteil von 7,5 % (Schock-Ereignisse). Dies korreliert mit der europäischen Energiekrise 2022, die die papierintensive norwegische Industrie (mit hohem Energieverbrauch) besonders traf.
Bei den Importen aus China wurde 2021 ein markanter Preisschock registriert: +29,4 % mit einer Abnormalität von 34,0 und einem beeindruckenden Wertanteil von 70,0 %. Dies erklärt sich durch die pandemiebedingten Lieferengpässe, Containerknappheit und steigende Rohstoffpreise. Die indischen Importpreise stiegen 2022 um 34,5 % (Abnormalität 14,5), ebenfalls ein Spiegelbild der globalen Lieferkettenprobleme.
3.2 Die Volatilität variiert stark nach Partnerland
Der Variationskoeffizient (CV) als Maß für die Volatilität zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Handelspartnern. Auf der Importseite weisen die Ukraine (CV 0,53), China (0,45) und die Türkei (0,42) eine hohe Volatilität auf, während das Vereinigte Königreich (0,10) bemerkenswert stabil bleibt (Volatilitätsanalyse).
| Partner | Volatilität (CV) — Importe | Volatilität (CV) — Exporte |
|---|---|---|
| China | 0,45 | 0,14 |
| Türkei | 0,42 | 0,34 |
| Vereinigtes Königreich | 0,10 | 0,05 |
| Ukraine | 0,53 | 0,27 |
| Indien | 0,71 | — |
| Russland | 0,74 | 0,69 |
Besonders auffällig ist die hohe Volatilität des Handels mit Russland (CV 0,69 für Exporte; 0,74 für Importe), die den plötzlichen Handelsabbruch 2022 widerspiegelt. Die EU-Exporte in die Schweiz (CV 0,06) und nach Großbritannien (CV 0,05) sind hingegen außerordentlich stabil — ein Indiz für etablierte, langfristige Lieferbeziehungen.
3.3 Finnland und Italien sind die spezialisiertesten EU-Produzenten
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass Finnland mit einem RSCA-Wert von 0,645 und einem RCA von 4,636 die stärkste Spezialisierung auf CN 4823 aufweist. Es folgen Litauen (RSCA 0,468) und Kroatien (0,404). Italien als zweitgrößter Exporteur hat einen RSCA von 0,304 und einen Anteil von 15,0 % an der EU-Produktion. Am anderen Ende stehen Malta (RSCA −0,973) und Irland (−0,927), die in diesem Segment kaum produzieren.
Die EU-Produktion stieg nominal von 2.515 Mio. EUR auf 5.714 Mio. EUR (+127 %), wobei die Produktionsmengen in Kilogramm von 975 Mio. kg auf 5.595 Mio. kg zunahmen. Der enorme mengenmäßige Anstieg (+474 %) könnte teilweise auf eine Änderung der Berichtsmethodik oder Erweiterung des Produktportfolios zurückzuführen sein und sollte mit Vorsicht interpretiert werden.
Schlussfolgerung
Die EU hat im Segment CN 4823 zwischen 2015 und 2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel durchlaufen. Aus einem Nettoexporteur mit einem Überschuss von 148 Mio. EUR wurde ein Nettoimporteur mit einem Defizit von 211 Mio. EUR. Diese Wende wurde im Wesentlichen durch drei Faktoren getrieben: (1) die regulatorisch induzierte Nachfrage nach Papieralternativen zu Kunststoffen, insbesondere im Bereich Geschirr und Lebensmittelverpackungen, (2) die massiv gestiegenen Importe aus China, das nun 62 % des EU-Importmarktes dominiert, und (3) die geopolitischen Schocks — Sanktionen gegen Russland und Belarus —, die traditionelle Handelskanäle unterbrochen haben.
Die zunehmende Konzentration der Importe auf wenige Herkunftsländer (HHI-Anstieg von 2.347 auf 4.049) stellt ein strategisches Risiko dar. Sollte es zu Handelsstreitigkeiten mit China oder zu erneuten Lieferkettenstörungen kommen, wäre die EU in diesem Segment besonders verwundbar. Gleichzeitig zeigen die stabilen Exportbeziehungen mit der Schweiz, Großbritannien und Norwegen, dass die EU in ihrem Nahraum weiterhin wettbewerbsfähig bleibt.
Für die Zukunft ist zu beobachten, ob die EU ihre inländische Produktionskapazität — insbesondere bei nachhaltigen Papierverpackungen — ausreichend ausbauen kann, um die Importabhängigkeit von China zu verringern. Die politische Debatte um strategische Autonomie und die bevorstehende Überprüfung der SUP-Richtlinie werden diesen Markt maßgeblich mitgestalten.