Marktentwicklung: Kartonagen (CN 4819) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Entwicklung des EU-Außenhandels mit Kartonagen und Verpackungsmitteln aus Papier und Pappe (Zolltarifnummer 4819) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warengruppe umfasst Wellpappschachteln, Faltschachteln, Papiersäcke und -tüten sowie sonstige Verpackungsmittel und Büroartikel aus Pappe (Produktdetails). Der Markt zeichnet sich durch drei zentrale Dynamiken aus: ein starkes Importwachstum, das die Handelsbilanz unter Druck setzt, eine geopolitische Umorientierung der Handelsströme zugunsten asiatischer und südosteuropäischer Partner sowie eine bemerkenswerte Preis- und Volumenresilienz der EU-Produktion.
1. Importboom bei stagnierenden Exportmengen — Die EU unter Preisdruck
1.1 Die Handelsbilanz schrumpft trotz bleibendem Überschuss
Die EU verzeichnete im gesamten Betrachtungszeitraum einen positiven Handelsbilanzüberschuss bei Kartonagen. Allerdings hat sich dieser Überschuss deutlich verkleinert: von 804 Mio. EUR im Jahr 2015 auf 632 Mio. EUR im Jahr 2025 — ein Rückgang von 21,4%. Der Höchstwert wurde 2022 mit rund 947 Mio. EUR erreicht, bevor die Bilanz in den Folgejahren wieder einbrach. Dies deutet auf eine zunehmende Wettbewerbsbedrohung durch Drittländer hin.
1.2 Importe wachsen doppelt so schnell wie Exporte
Der Wert der EU-Importe stieg im Betrachtungszeitraum um 61,5% — von 1,4 Mrd. EUR auf 2,2 Mrd. EUR — und erreichte 2022 sogar 2,8 Mrd. EUR. Im gleichen Zeitraum wuchsen die Exporte lediglich um 31,1% auf 2,9 Mrd. EUR. Besonders auffällig ist die unterschiedliche Mengendynamik: Während die Importmengen um 38,3% auf 789.577 t zunahmen, sanken die Exportmengen leicht um 4,5% auf 1,08 Mio. t. Die EU exportiert also mengenmäßig weniger, importiert aber deutlich mehr.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 2,20 | 2,88 | +31,1 % |
| Exportmenge (Mio. t) | 1,13 | 1,08 | −4,5 % |
| Importwert (Mrd. EUR) | 1,39 | 2,25 | +61,5 % |
| Importmenge (Mio. t) | 0,57 | 0,79 | +38,3 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | 804 | 632 | −21,4 % |
Quelle: Handelsübersicht
1.3 Preise steigen — insbesondere bei Exporten
Sowohl Export- als auch Importpreise sind über den Betrachtungszeitraum deutlich gestiegen. Der durchschnittliche Exportpreis erhöhte sich um 37,3% von 1.947 EUR/t auf 2.673 EUR/t. Der Importpreis stieg um 16,8% von 2.438 EUR/t auf 2.846 EUR/t. Der Preispeak bei Exporten wurde 2022 mit 2.799 EUR/t erreicht, bei Importen 2022 mit 3.445 EUR/t — beides ein Spiegelbild der Energie- und Rohstoffpreiskrise. Die Differenz zwischen Import- und Exportpreisen hat sich im Zeitraum leicht verringert, was auf eine Angleichung der Produktqualität oder -struktur hindeuten könnte.
2. Geopolitische Umorientierung der Handelsströme
2.1 China und die Türkei gewinnen massiv an Bedeutung als Importquellen
Die mit Abstand stärkste Dynamik unter den EU-Importpartnern zeigt sich bei China und der Türkei. Die Importe aus China verdoppelten sich nahezu — von 525 Mio. EUR (2015) auf 1,04 Mrd. EUR (2025) — und machten 2022 sogar 1,3 Mrd. EUR aus. Noch spektakulärer ist der Anstieg bei den Importen aus der Türkei: ein Plus von 217,8% von 100 Mio. EUR auf 317 Mio. EUR. Serbien verzeichnete mit +304,7% das stärkste prozentuale Wachstum aller Top-Partner, von 26 Mio. EUR auf 104 Mio. EUR. Auch Indien (+380,3%) entwickelte sich als neuer relevanter Lieferant.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 318 | 295 | −7,3 % |
| China | 525 | 1.038 | +97,5 % |
| Türkei | 100 | 317 | +217,8 % |
| Schweiz | 188 | 138 | −26,5 % |
| Serbien | 26 | 104 | +304,7 % |
| Albanien | 34 | 38 | +10,0 % |
| Indien | 8 | 37 | +380,3 % |
Quelle: Top-Handelspartner
2.2 Exportmärkte: Russland bricht ein, USA und Nahafrika gewinnen
Auf der Exportseite vollzog sich eine bemerkenswerte Neuordnung. Die Exporte in die Russische Föderation brachen um 88,8% ein — von 126 Mio. EUR auf lediglich 14 Mio. EUR — was vor allem auf die nach 2022 verhängten Sanktionen zurückzuführen ist. Demgegenüber gewannen die USA stark an Bedeutung: ein Plus von 126,4% von 105 Mio. EUR auf 237 Mio. EUR. Auch Marokko (+131,2%) und Serbien (+142,0%) entwickelten sich zu wichtigen Abnehmern. Das Vereinigte Königreich blieb mit 656 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Exportmarkt, während die Schweiz (+45,1%) kontinuierlich an Bedeutung gewann.
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 621 | 656 | +5,7 % |
| Schweiz | 431 | 626 | +45,1 % |
| Norwegen | 130 | 142 | +9,4 % |
| USA | 105 | 237 | +126,4 % |
| Russische Föderation | 126 | 14 | −88,8 % |
| Marokko | 32 | 74 | +131,2 % |
| Serbien | 40 | 96 | +142,0 % |
Quelle: Top-Handelspartner
2.3 Importkonzentration steigt, Exportkonzentration sinkt
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) als Maß für die Konzentration der Handelspartner zeigt gegenläufige Entwicklungen: Bei den Importen stieg der HHI-Wert um 17,2% von 2.215 auf 2.596, was auf eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferanten — insbesondere China — hindeutet. Bei den Exporten sank der HHI hingegen um 12,1% von 1.312 auf 1.154, was auf eine Diversifizierung der Absatzmärkte hindeutet. Im Zeitreihenverlauf schwankte der Import-HHI stärker als der Export-HHI, was die höhere Volatilität der Importseite unterstreicht.
Quelle: Konzentrationsanalyse
3. Produktsegmente, Preisshocks und strukturelle Verschiebungen
3.1 Faltschachteln dominieren den Handel, Säcke und Beutel gewinnen an Bedeutung
Innerhalb der Warengruppe CN 4819 zeigt sich eine klare Segmentstruktur. Auf der Exportseite sind Faltschachteln und Faltkartons (CN 481920) mit 1,07 Mrd. EUR (2025) das mit Abstand größte Segment, gefolgt von Wellpappschachteln (CN 481910) mit 775 Mio. EUR. Auf der Importseite dominiert ebenfalls CN 481920 (628 Mio. EUR), dicht gefolgt von CN 481940 (Säcke, Beutel, Tüten — 672 Mio. EUR).
| Segment | Beschreibung | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) |
|---|---|---|---|
| 481910 | Wellpappschachteln | 775 | 577 |
| 481920 | Faltschachteln | 1.067 | 628 |
| 481940 | Säcke, Beutel, Tüten | 516 | 672 |
| 481950 | Sonstige Verpackungsmittel | 332 | 232 |
| 481930 | Großsäcke (Bodenbreite ≥ 40 cm) | 135 | 71 |
| 481960 | Büro-/Geschäftspappwaren | 53 | 68 |
Quelle: Produktsegmentvergleich
3.2 Preisshocks und außergewöhnliche Volatilität
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass einzelne Handelsströme erheblichen Schwankungen unterliegen. Der Variationskoeffizient (CV) bei den Importen aus Indien beträgt 0,71, bei Russland sogar 0,86 — beides Zeichen hoher Unberechenbarkeit. Drei besonders signifikante Preisshocks wurden identifiziert:
- Vereinigtes Königreich, Importe (2021): Ein abnormaler Preisanstieg von 244,9% mit einer Abnormalitäts-Score von 43,7 — vermutlich eine Folge von Brexit-bedingten Anpassungen und Lieferengpässen. Dieser Partner repräsentiert 19,7% des Importwerts.
- Island, Exporte (2022): Ein außergewöhnlicher Preisanstieg mit einer Abnormalität von 547,1 — ein isolierter Effekt, da Island nur 1,1% des Exportwerts ausmacht.
- Serbien, Exporte (2022): Ein Preisanstieg von 29,0% bei einer Abnormalität von 29,8, eingebettet in den allgemeinen Rohstoffpreisboom.
Quelle: Volatilitätsanalyse und Supply-Shocks
3.3 EU-Produktion wächst stark, Spezialisierungsmuster differenzieren sich
Die EU-Produktion von Kartonagen verzeichnete im Betrachtungszeitraum ein beachtliches Wachstum: Die Produktionsmenge stieg um 40,3% von 29,2 Mrd. kg auf 40,9 Mrd. kg, der Produktionswert sogar um 56,7% von 31,8 Mrd. EUR auf 49,8 Mrd. EUR. Dieses überproportionale Wertwachstum reflektiert die allgemeine Verteuerung von Energie und Rohstoffen im Papier- und Verpackungssektor.
Innerhalb der EU zeigt sich ein deutliches Spezialisierungsgefälle. Kroatien (RSCA: 0,43), Polen (0,38) und Österreich (0,25) weisen die höchste Spezialisierung im Kartonagen-Export auf, während Malta (−0,89), Luxemburg (−0,85) und Irland (−0,72) die geringste aufweisen. Deutschland ist mit 678 Mio. EUR Exportwert und 321 Mio. EUR Importwert der größte einzelne Handelsteilnehmer innerhalb der EU, gefolgt von Italien und den Niederlanden.
Quelle: Spezialisierung und Produktionsvolumen
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Kartonagen (CN 4819) durchlebte zwischen 2015 und 2025 eine Phase tiefgreifender struktureller Veränderung. Trotz einer expandierenden inländischen Produktion (+40% mengenmäßig) wuchs der Importbedarf der EU noch deutlich schneller (+38% mengenmäßig, +62% wertmäßig), was den Handelsbilanzüberschuss um über ein Fünftel schmälerte. Die Importe werden dabei zunehmend von wenigen Lieferanten — vor allem China — dominiert, was die Verwundbarkeit der EU-Lieferketten erhöht. Gleichzeitig diversifizierten sich die Exportmärkte, wobei geopolitische Ereignisse — insbesondere der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Sanktionen — die Handelsströme nachhaltig umlenkten. Die anhaltende Preissteigerung bei Exporten (+37%) reflektiert sowohl die Rohstoff- und Energiekostenentwicklung als auch einen möglichen Strukturwandel hin zu qualitativ höherwertigen Produkten. Für die Zukunft ist zu beobachten, ob die EU ihre Produktionsbasis weiter ausbauen und gleichzeitig die Importabhängigkeit von einzelnen Drittländern reduzieren kann.