Marktentwicklung: Hygieneartikel (CN 9619) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 9619 umfasst ein breites Spektrum an Hygieneartikeln — von Binden und Tampons über Windeln bis hin zu ähnlichen Waren aus jeglichem Material. Der EU-weite Handel mit Drittländern zeigt im Zeitraum 2015–2025 ein komplexes Bild: Die EU ist in diesem Segment ein deutlicher Nettoexporteur mit einem stetig wachsenden Handelsbilanzüberschuss. Gleichzeitig haben geopolitische Ereignisse, Handelsverlagerungen und steigende Preise die Struktur der Handelsströme erheblich verändert. Der Saldo der Handelsbilanz stieg von rd. 1,81 Mrd. EUR (2015) auf 2,04 Mrd. EUR (2025), was einem Anstieg von 13,0 % entspricht. Im Folgenden werden die zentralen Dynamiken in drei Themenfeldern analysiert.
1. Preisgetriebenes Wertwachstum trotz rückläufiger Handelsvolumina
Exporte: Mehr Wert trotz weniger Tonnen
Die EU-Exporte von Hygieneartikeln entwickelten sich im betrachteten Zeitraum gegenläufig in Volumen und Wert:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 2.190 Mio. EUR | 2.447 Mio. EUR | +11,7 % |
| Exportmenge | 567.389 t | 531.742 t | −6,3 % |
| Exportpreis | 3.861 EUR/t | 4.601 EUR/t | +19,2 % |
Quelle: Handelsübersicht
Der Exportpreis stieg im Zeitraum um 19,2 % und kompensierte damit den volumenmäßigen Rückgang vollständig. Die Exporte erreichten ihren mengenmäßigen Höchstwert mit 582.962 t und ihren wertmäßigen Spitzenwert von 2.573 Mio. EUR in unterschiedlichen Jahren — ein Hinweis darauf, dass die Preisentwicklung die Wertrajektorie zunehmend prägt.
Importe: Gleiches Muster, noch stärkerer Volumenrückgang
Bei den Importen zeigt sich ein analoges, aber akzentuierteres Bild:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 382 Mio. EUR | 402 Mio. EUR | +5,3 % |
| Importmenge | 102.608 t | 93.084 t | −9,3 % |
| Importpreis | 3.720 EUR/t | 4.320 EUR/t | +16,1 % |
Quelle: Handelsübersicht
Das Importvolumen sank um 9,3 %, was stärker ist als beim Export. Der Importpreis legte ebenfalls deutlich zu (+16,1 %), konnte den Wertverlust durch das gesunkene Volumen jedoch nur teilweise ausgleichen. Der Importwert schwankte dabei erheblich: Er erreichte mit 514 Mio. EUR einen Höchststand, bevor er wieder auf 402 Mio. EUR sank.
Inlandsproduktion wächst robust
Die EU-Produktion entwickelte sich deutlich dynamischer als der Außenhandel:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge | 1.945 Mio. kg | 2.803 Mio. kg | +44,2 % |
| Produktionswert | 5.847 Mio. EUR | 7.970 Mio. EUR | +36,3 % |
Die Produktion stieg mengenmäßig um 44,2 % — ein beachtliches Wachstum, das auf die zunehmende Exportorientierung der EU-Branche und möglicherweise auch auf Investitionsverlagerungen (z. B. durch multinationale Konzerne) hindeutet. Die Divergenz zwischen Produktionswachstum (+44 %) und Exportvolumenrückgang (−6 %) legt nahe, dass ein wachsender Teil der Produktion im Binnenmarkt verbleibt oder dass sich die Produktmix-Struktur zugunsten höherwertiger Artikel verschiebt.
2. Geopolitische Umbrüche und Verlagerung der Handelsströme
Russland als Exportmarkt im dramatischen Niedergang
Die Exportentwicklung nach Partnerländern zeigt die deutlichste Veränderung im Handel mit Russland:
| Partnerland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 611 Mio. EUR | 855 Mio. EUR | +39,8 % |
| Russische Föderation | 355 Mio. EUR | 194 Mio. EUR | −45,4 % |
| Australien | 75 Mio. EUR | 115 Mio. EUR | +52,5 % |
| Schweiz | 139 Mio. EUR | 136 Mio. EUR | −1,9 % |
| Norwegen | 104 Mio. EUR | 97 Mio. EUR | −6,0 % |
| USA | 44 Mio. EUR | 143 Mio. EUR | +220,9 % |
| Ukraine | 83 Mio. EUR | 90 Mio. EUR | +8,0 % |
Russland verlor im Zeitraum rd. 161 Mio. EUR an EU-Exporten — ein Rückgang von 45,4 %. Die Sanktionen nach 2022 führten dazu, dass der einst zweitwichtigste Exportmarkt der EU rapide an Bedeutung verlor. Der hohe Variationskoeffizient (CV = 0,50) bei den Exporten nach Russland bestätigt die extreme Schwankungsanfälligkeit dieses Handelsstroms.
USA als neues Wachstumsziel mit hoher Volatilität
Die US-Exporte stiegen um 220,9 % von 44 Mio. EUR auf 143 Mio. EUR — die stärkste prozentuale Steigerung aller Hauptpartner. Allerdings weist dieser Handelsstrom mit einem CV von 0,43 eine deutliche Volatilität auf. Der Exportwert schwankte zwischen 43 Mio. und 163 Mio. EUR, was auf noch nicht konsolidierte Handelsbeziehungen hindeuten könnte.
China als Importquelle mit dramatischem Anstieg
Auf der Importseite fällt die Entwicklung aus China besonders auf:
| Partnerland | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 32 Mio. EUR | 140 Mio. EUR | +341,7 % |
| Schweiz | 78 Mio. EUR | 29 Mio. EUR | −63,3 % |
| Vereinigtes Königreich | 88 Mio. EUR | 49 Mio. EUR | −44,6 % |
| Türkei | 22 Mio. EUR | 53 Mio. EUR | +142,9 % |
| Ukraine | 25 Mio. EUR | 37 Mio. EUR | +50,5 % |
| USA | 26 Mio. EUR | 18 Mio. EUR | −30,6 % |
China entwickelte sich vom unbedeutenden Importpartner (Platz 5) zur wichtigsten Importquelle mit einem Anteil von rd. 35 % am Importwert — ein Anstieg um 341,7 %. Gleichzeitig gingen die Importe aus der Schweiz (−63,3 %) und dem Vereinigten Königreich (−44,6 %) erheblich zurück. Der Brexit scheint den bilateralen Handel mit dem UK nachhaltig gestört zu haben — sowohl bei den Importen als auch in der Intensität der Handelsbeziehungen, wobei die Exporte in das UK dennoch robust blieben.
Erkannte Preisschocks im Zeitraum
Die Schockerkennung identifiziert drei bemerkenswerte Ereignisse:
| Ereignis | Typ | Richtung | Zeitpunkt | Abnormalität | Preissprung |
|---|---|---|---|---|---|
| Türkei | Preisschock | Exporte | 2022 | 65,3 | +38,8 % |
| Schweiz | Preisschock | Importe | 2023 | 8,5 | +17,5 % |
| Südafrika | Preisschock | Exporte | 2022 | 5,0 | +36,9 % |
Der extremste Schock betraf die Exportpreise in die Türkei im Jahr 2022 mit einer Abnormalität von 65,3 — ein Wert, der weit über dem Normalbereich liegt. Dies könnte mit der dramatischen Abwertung der türkischen Lira zusammenhängen, die die EUR-Preise künstlich erhöhte. Die Preisschocks bei Exporten in die Türkei und nach Südafrika fielen beide in das Jahr 2022 und korrespondieren mit der globalen Inflationswelle und Lieferkettenstörungen.
3. Steigende Exportorientierung und zunehmende Marktkonzentration
Die EU als immer stärker exportorientierter Hygieneartikelmarkt
Die Autonomie- und Verwundbarkeitsindikatoren zeigen eine bemerkenswerte Verschiebung:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Nett-Importabhängigkeit | −13,6 % | −34,5 % | −153,9 % |
| Handelsintensität | 21,3 % | 33,8 % | +59,0 % |
| Exportquote | 17,2 % | 30,6 % | +78,0 % |
Die negative Nett-Importabhängigkeit bedeutet, dass die EU durchgehend Nettoexporteur war — und dieser Vorsprung hat sich von 13,6 % auf 34,5 % fast verdreifacht. Die Exportquote stieg mit +78,0 % am stärksten an (Salience-Score: 97,4), was auf eine zunehmende Integration der EU-Hygieneartikelindustrie in globale Wertschöpfungsketten hindeutet. Die Handelsintensität erreichte ihren Spitzenwert mit 40,4 %, bevor sie 2025 auf 33,8 % zurückfiel.
Tschechien und Belgien als neue Exportmachtzentren
Innerhalb der EU verschoben sich die Exportgewichte erheblich:
| EU-Land | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 420 Mio. EUR | 368 Mio. EUR | −12,2 % |
| Belgien | 232 Mio. EUR | 376 Mio. EUR | +62,0 % |
| Polen | 411 Mio. EUR | 263 Mio. EUR | −36,0 % |
| Ungarn | 260 Mio. EUR | 266 Mio. EUR | +2,3 % |
| Tschechien | 135 Mio. EUR | 380 Mio. EUR | +181,9 % |
| Niederlande | 167 Mio. EUR | 169 Mio. EUR | +1,0 % |
| Schweden | 178 Mio. EUR | 152 Mio. EUR | −14,5 % |
Tschechien verfünffachte seine Exporte nahezu (+181,9 %) und stieg vom siebenten zum größten EU-Exporteur auf — ein bemerkenswerter Strukturwandel. Die Spezialisierungsanalyse bestätigt dies: Tschechien weist den höchsten RSCA-Wert (0,58) und eine RCA von 3,81 auf. Belgien (+62,0 %) löste Polen (−36,0 %) als zweitgrößten Exporteur ab. Deutschland verlor trotz nominell leicht rückläufiger Exporte (−12,2 %) seine Führungsposition an Belgien und Tschechien.
Zunehmende Konzentration der Handelsbeziehungen
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) stieg bei Importen und Exporten:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.393 | 1.758 | +26,2 % |
| HHI Importe (Volumen) | 1.420 | 2.122 | +49,4 % |
| HHI Exporte (Wert) | 1.208 | 1.486 | +23,0 % |
| HHI Exporte (Volumen) | 1.459 | 1.903 | +30,4 % |
Die HHI-Werte liegen noch unterhalb der Schwelle von 2.500, die typischerweise als „mäßig konzentriert" gilt, doch der Trend ist eindeutig steigend. Besonders bei den Importen nach Volumen (+49,4 %) zeigt sich eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferanten — vor allem China. Die Konvergenz der HHI-Werte nach Wert und Volumen deutet darauf hin, dass sich die Importe nicht nur auf wenige Länder konzentrieren, sondern dass diese Lieferanten auch zu überdurchschnittlichen Preisen liefern.
Fazit
Der EU-Markt für Hygieneartikel (CN 9619) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend transformiert. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
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Preisinflation statt Mengenwachstum: Sowohl bei Exporten als auch bei Importen sind die Handelsvolumina rückläufig, während die Preise zweistellig zulegten. Der Anstieg der EU-Produktionsmengen um 44 % steht im Kontrast zu den stagnierenden Exportvolumina — ein Hinweis auf eine zunehmende Diversifikation der Wertschöpfung im Binnenmarkt.
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Geopolitische Neuausrichtung: Die russischen Exporte brachen um fast die Hälfte ein, während die USA, Australien und die Türkei als neue Wachstumsmärkte hervortraten. Auf der Importseite avancierte China mit einem Plus von 342 % zur dominierenden Quelle, während traditionelle Partner wie die Schweiz und das Vereinigte Königreich an Bedeutung verloren.
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Zunehmende Konzentration und Spezialisierung: Die Exportlandschaft innerhalb der EU verschob sich zugunsten von Tschechien und Belgien, während Deutschland und Polen an Boden verloren. Der steigende HHI-Wert bei Importen signalisiert ein wachsendes Konzentrationsrisiko — insbesondere durch die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen. Die EU bleibt insgesamt ein starker Nettoexporteur mit einer sich vertiefenden Exportorientierung, deren Nett-Exportvorsprung sich im Zeitraum nahezu verdreifacht hat.