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Marktentwicklung: Halbzeug aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, mit einem Kohlenstoffgehalt von < 0,25 GHT, mit quadratischem Querschnitt oder mit rechteckigem Querschnitt und einer Breite von < dem Zweifachen der Dicke (CN 720711) — 2015–2025

Einleitung

Der Zolltarifcode CN 720711 erfasst ein wesentliches Halbzeug der europäischen Stahlindustrie: Blöcke und Brammen aus unlegiertem Stahl mit geringem Kohlenstoffgehalt (< 0,25 %), die als Vorprodukte für die Weiterverarbeitung zu Walzdraht, Profilen und Rohren dienen. Der Code bündelt vier Unterpositionen — darunter warmgewalztes oder stranggegossenes Halbzeug in verschiedenen Querschnittsgrößen sowie Automatenstahl und vorgeschmiedetes Halbzeug (Produktübersicht).

Die folgende Analyse untersucht die Entwicklung des EU-Außenhandels mit CN 720711 im Zeitraum 2015 bis 2025. Im Mittelpunkt stehen drei zentrale Dynamiken: das wachsende Handelsdefizit bei gleichzeitiger Umstrukturierung der Lieferantenstruktur, die Auswirkungen geopolitischer Schocks — insbesondere der Sanktionen gegen Russland — auf Handelsströme und Preise sowie der Rückgang der europäischen Eigenproduktion bei veränderter Spezialisierung innerhalb der EU.


1. Strukturelles Defizit und wachsende Importabhängigkeit

Das Handelsdefizit hat sich zwischen 2015 und 2025 mehr als verdoppelt

Im gesamten Betrachtungszeitraum war die EU bei CN 720711 Nettoimporteurin. Das Handelsdefizit vertiefte sich dabei erheblich:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (€) 498 Mio. 956 Mio. +91,9 %
Exportwert (€) 121 Mio. 146 Mio. +20,4 %
Handelsbilanz (€) −377 Mio. −810 Mio. −114,8 %
Importmenge (t) 1.451.692 2.120.212 +46,1 %
Exportmenge (t) 285.662 286.952 +0,5 %

Quelle: Handelsdaten

Während die EU-Exporte mengenmäßig nahezu stagnierten (+0,5 %), stiegen die Importe um fast die Hälfte. Der Importwert verdoppelte sich dabei nahezu, getrieben sowohl von steigenden Mengen als auch von höheren Durchschnittspreisen (Importpreis von €343/t auf €451/t, +31,4 %).

Die Importpreisentwicklung verlief volatil mit einem deutlichen Spitzenwert 2022

Die Preise für Import-Halbzeug stiegen zwischen 2020 und 2022 stark an, von €305/t (2020, dem Mindestwert im Beobachtungszeitraum) auf €675/t (2022). Danach sanken sie wieder auf €451/t im Jahr 2025. Die Exportpreise folgten einem ähnlichen, wenn auch weniger ausgeprägten Muster mit einem Maximum von €709/t (2021) und einem Stand von €508/t im Jahr 2025. Diese Preiszyklik spiegelt die Rohstoffpreis- und Energiekostenentwicklung der Stahlbranche wider.

Die Exportstruktur der EU zeigt eine hohe Konzentration auf wenige Märkte

Die EU exportiert CN 720711 überwiegend in Nachbarländer und das Mittelmeerbecken. Im Jahr 2025 waren die wichtigsten Exportziele:

Rang Partnerland Exportwert 2025 (€) Veränderung ggü. 2015
1 Marokko 68,0 Mio. +12,1 %
2 Nordmazedonien 38,6 Mio. Neuzugang
3 Belgien 43,2 Mio. +599,1 %
4 Türkei 13,4 Mio. +651,7 %
5 Italien 14,8 Mio. +31,9 %
6 Schweiz 7,8 Mio. +143,1 %
7 Vereinigtes Königreich 10,1 Mio. −66,6 %

Quelle: Top-Handelspartner

Auffällig ist der vollständige Rückgang der Exporte nach Tunesien (von €54 Mio. in 2016 auf praktisch null) sowie der starke Einbruch der Lieferungen an das Vereinigte Königreich nach dem Brexit. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte sank leicht von 3.176 auf 3.047, was eine marginale Diversifizierung anzeigt — das Exportgeschäft bleibt jedoch hochkonzentriert.


2. Geopolitische Schocks und die Umgestaltung der Lieferantenlandschaft

Russlands Invasion in der Ukraine hat die Importpartnerstruktur 2022/2023 grundlegend verändert

Das dramatischste Ereignis im Beobachtungszeitraum war der Einbruch der Einfuhren aus Russland nach Verhängung der EU-Sanktionen:

Jahr Importe Russland (€) Importe Russland (t)
2021 254 Mio. 487.071
2022 207 Mio. 346.740
2023 49,8 Mio. 91.593
2024 null null
2025 null null

Quelle: Top-Handelspartner

Russland war 2021 der zweitwichtigste Lieferant mit einem Importwert von €254 Mio. Bereits 2023 waren die Lieferungen auf unter €50 Mio. eingebrochen, und ab 2024 finden sich keine Importe mehr aus Russland in den Daten. Dieser Wegfall von zuletzt rund 90.000 Tonnen pro Jahr (2023) musste anderweitig kompensiert werden.

Ukraine festigte ihre Position als wichtigster Lieferant der EU

Während die Ukraine selbst im Krieg lag, stiegen ihre Lieferungen an die EU kontinuierlich:

Jahr Importe Ukraine (€) Importe Ukraine (t)
2015 180 Mio. 576.097
2021 332 Mio. 645.487
2022 461 Mio. 710.632
2023 459 Mio. 913.752
2025 404 Mio. 907.241

Quelle: Volatilitätsanalyse

Die Ukraine wurde damit zum mit Abstand wichtigsten Lieferanten mit einem Anteil von über 40 % am Importwert im Jahr 2025. Interessanterweise weist die Ukraine mit einem Variationskoeffizient (CV) von 0,27 die niedrigste Volatilität aller Importpartner auf — sie war über den gesamten Zeitraum hinweg der verlässlichste Lieferant.

China und Indien sind als neue Großlieferanten aufgestiegen

Der Wegfall russischer Lieferungen und die generelle Preiserhöhung auf dem Stahlmarkt begünstigten den Einstieg neuer Lieferanten:

Land Importwert 2015 (€) Importwert 2025 (€) Veränderung CV Mengen
China 85,5 Mio. 264,0 Mio. +208,8 % 1,87
Indien 0,13 Mio. 101,9 Mio. +78.093 % 1,53
Norwegen 0,01 Mio. 17,3 Mio. +136.384 % 1,21

Quelle: Volatilitätsanalyse

Chinas Aufstieg war dabei keineswegs linear. Die Daten zeigen einen bemerkenswerten Schock im Jahr 2017: Die Importmengen aus China brachen von 262.822 t (2015) bzw. 174.172 t (2016) auf nur noch 265 t ein — ein Rückgang um 99,6 %. Gleichzeitig vervierfachten sich die Preise für chinesische Lieferungen von durchschnittlich €298/t auf €1.134/t (Schockanalyse). Dies geschah zeitgleich mit der Verhängung von EU-Antidumpingmaßnahmen gegen chinesische Stahlprodukte. Ab 2023 setzte jedoch eine vollständige Erholung ein: Die Mengen stiegen auf 10.385 t (2023), 43.413 t (2024) und schließlich 589.576 t (2025).

Indiens Aufstieg erfolgte ab 2019 und war ab 2021 stark beschleunigt. Mit einem CV von 1,53 ist das Handelsvolumen allerdings hochvolatil.

Der Importmarkt wurde insgesamt konzentrierter

Der HHI für Importe nach Wert stieg von 2.049 (2015) auf 2.711 (2025), was einer Zunahme um 32,3 % entspricht. Trotz des Wegfalls Russlands und des Aufstiegs neuer Lieferanten blieb die Ukraine der dominierende Partner, und die Konzentration nahm sogar zu. Die Volatilitätsdaten zeigen, dass etablierte Handelsbeziehungen (Ukraine) stabiler sind als neu aufgebaute (China, Indien, Norwegen).


3. Rückläufige EU-Produktion und veränderte interne Spezialisierung

Die EU-Produktion von CN 720711 hat mengenmäßig deutlich abgenommen

Daten aus der Prodcom-Statistik zeigen einen langfristigen Rückgang der EU-Halbzeugproduktion:

Jahr Produktionsmenge (kg) Produktionswert (€) Ø-Preis (€/kg)
2015 12,7 Mrd. 4,07 Mrd. 0,32
2018 13,2 Mrd. 5,77 Mrd. 0,44
2020 10,3 Mrd. 4,41 Mrd. 0,43
2022 12,3 Mrd. 6,30 Mrd. 0,51
2024 8,3 Mrd. 5,57 Mrd. 0,67

Quelle: Produktionsvolumen

Die Produktionsmenge sank zwischen 2015 und 2024 um 17,2 %, von 12,7 Mrd. kg auf 8,3 Mrd. kg. Der Produktionswert stieg im selben Zeitraum jedoch um 102,9 % (von €4,07 Mrd. auf €5,57 Mrd.), da der durchschnittliche Produktionspreis von €0,32/kg auf €0,67/kg anstieg — mehr als eine Verdopplung. Dies deutet auf eine Kombination aus Produktionsrückgang (möglicherweise infolge von Hochöfenstilllegungen und Dekarbonisierungsanstrengungen) und erheblicher Preissteigerung (Energiekosten, CO₂-Preise) hin.

Innerhalb der EU zeigt sich eine klare Arbeitsteilung

Die Analyse der Revealed Symmetric Comparative Advantage (RSCA) für 2025 (Spezialisierung) zeigt eine deutliche Polarisierung:

Am stärksten spezialisierte EU-Länder (RSCA > 0):

Land RSCA RCA Anteil an EU-Produktion
Frankreich 0,6093 4,12 32,2 %
Luxemburg 0,5485 3,43 1,1 %
Slowakei 0,4265 2,49 5,3 %
Griechenland 0,2679 1,73 1,2 %
Polen 0,1673 1,40 9,3 %
Deutschland 0,1658 1,40 29,6 %
Schweden 0,1155 1,26 3,0 %

Nur sieben von 26 analysierten EU-Mitgliedstaaten weisen einen positiven RSCA auf. Frankreich und Deutschland dominieren mit zusammen rund 62 % der EU-Produktion. Die Mehrheit der EU-Länder — darunter auch große Volkswirtschaften wie die Niederlande (RSCA: −0,86), Italien (−0,33) und Spanien (−0,14) — sind Nettoimporteure dieses Halbzeugs.

Italien und Bulgarien als wichtigste Importländer innerhalb der EU

Bei der Betrachtung der EU-Länder als Importeure aus Drittländern zeigt sich:

Land Importwert 2025 (€) Veränderung ggü. 2015
Italien 257,9 Mio. −14,2 %
Bulgarien 215,1 Mio. +107,9 %
Polen 203,9 Mio. +25.209 %
Rumänien 90,2 Mio. +74.728 %

Quelle: EU-Importländer

Polen und Rumänien haben ihre Importe über den Zeitraum dramatisch gesteigert. Dies korrespondiert mit dem Aufbau neuer Stahlverarbeitungskapazitäten in Osteuropa, die auf Halbzeugimporte angewiesen sind, sowie mit der Zulieferung für die wachsende Automobilindustrie in diesen Regionen.

Das meistgehandelte Segment sind Brammen über 130 mm

Die Produktsegment-Analyse (Segmentaufschlüsselung) zeigt, dass die Unterposition 72071116 (Halbzeug > 130 mm, warm vorgewalzt oder stranggegossen) mit Abstand das größte Importsegment darstellt:

Segment Importmenge 2025 (t) Importwert 2025 (€)
72071116 (> 130 mm) 1.803.585 798 Mio.
72071114 (≤ 130 mm) 262.239 127 Mio.
72071111 (Automatenstahl) 29.844 19 Mio.
72071190 (vorgeschmiedet) 24.545 12 Mio.

Die Unterposition 72071111 (Automatenstahl) verzeichnete einen deutlichen Rückgang sowohl in Menge als auch Wert über den Beobachtungszeitraum, während 72071190 (vorgeschmiedetes Halbzeug) 2025 einen ungewöhnlichen Mengensprung aufwies (von 175 t in 2024 auf 24.545 t).


Schlussfolgerung

Der Markt für CN 720711 hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:

Erstens hat sich die EU-Importabhängigkeit erheblich vertieft. Das Handelsdefizit verdoppelte sich auf über €800 Mio., während die einheimische Produktionsmenge um 17 % sank. Die gestiegenen Produktionspreise (Verdopplung auf €0,67/kg) deuten auf steigende Kostenstrukturen hin, die die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Halbzeugproduktion unter Druck setzen — ein Trend, der sich angesichts der anstehenden CBAM-Regulierung (Carbon Border Adjustment Mechanism) weiter verstärken dürfte.

Zweitens hat der geopolitische Schock des Ukraine-Krieges die Lieferantenlandschaft nachhaltig umgestaltet. Russland als zweitwichtigster Lieferant fiel vollständig weg, während die Ukraine zur dominanten Bezugsquelle aufstieg. Gleichzeitig füllten China und Indien die entstandene Lücke — allerdings mit deutlich höherer Preisvolatilität. Die Konzentration des Importmarktes (HHI) stieg um 32 %, was die geopolitische Verwundbarkeit der EU-Halbzeugversorgung unterstreicht.

Drittens zeigt sich innerhalb der EU eine zunehmende Arbeitsteilung, in der wenige Länder (Frankreich, Deutschland) die Produktion dominieren, während osteuropäische Mitgliedstaaten (Polen, Rumänien, Bulgarien) zu den am schnellsten wachsenden Importeuren aus Drittländern werden. Diese Dynamik spiegelt die Verschiebung der industriellen Wertschöpfungsketten innerhalb Europas wider und wirft Fragen der strategischen Autonomie im Stahlsektor auf.

Erstellt am 2026-08-05. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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