Marktentwicklung: Butane, verflüssigt (ausg. mit einer Reinheit von >= 95% an n-Butan oder Isobutan) (CN 271113) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit verflüssigtem Butan (KN-Code 271113) im Zeitraum von 2015 bis 2025. Der analysierte Code umfasst sowohl n-Butan als auch Isobutan in verschiedenen Reinheitsgraden und Verwendungszwecken – von hochreinem Butan für begünstigte Verfahren bis zu niedrigreinem Butan für die chemische Umwandlung. Die EU ist bei diesem Produkt traditionell ein Nettoimporteur: Der Handelsdefizit betrug im gesamten Zeitraum zwischen rund 160 Mio. € (2020) und über 1,1 Mrd. € (2022). Der untersuchte Zeitraum ist von drei wesentlichen Dynamiken geprägt: geopolitische Umwälzungen in der Beschaffung, extreme Preisspitzen im Zuge der Energiekrise 2021–2022 sowie eine tiefgreifende Neuausrichtung der Handelsströme sowohl auf Partner- als auch auf Mitgliedstaatenebene. Die Datenbasis umfasst elf Berichtsjahre (2015–2025) und erlaubt die Identifikation struktureller Trends über die volle Bandbreite von Konjunkturzyklen, geopolitischen Krisen und Marktregulierungen.
Weitere Informationen zu den Umfang und Definitionen des Produkts.
1. Geopolitische Umwälzungen: Russlands Rückgang und die Diversifizierung der Beschaffung
1.1 Der dramatische Rückgang russischer Lieferungen
Die auffälligste Veränderung im EU-Butanhandel ist der Zusammenbruch der Importe aus der Russischen Föderation. Zwischen 2015 und 2024 sanken die Einfuhren von 220 Mio. € auf lediglich 23 Mio. € – ein Rückgang von 89,6 %. In Mengentermen reduzierte sich das Volumen von 711.370 t (2015) auf 43.830 t (2024), bevor die Lieferungen 2025 vollständig zum Erliegen kamen (null). Der Koeffizient der Variation (CV) der russischen Importmengen liegt bei 0,63 – was auf eine hohe Schwankung im Zeitablauf hinweist. Der Rückgang setzte bereits 2020 ein, beschleunigte sich jedoch nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 deutlich.
1.2 Algerien als stabilisierender Partner
Algerien entwickelte sich als stabilster und wachsendster Lieferant der EU. Die Importe stiegen von 142 Mio. € (2015) auf 293 Mio. € (2025), was einem Zuwachs von 106,4 % entspricht. In Mengentermen wuchs das Volumen von 503.026 t auf 747.109 t. Bemerkenswert ist die geringe Volatilität: Mit einem CV von lediglich 0,12 weist Algerien die niedrigste Schwankung aller Hauptlieferanten auf. Dies unterstreicht die strategische Bedeutung algerischer Erdgas- und LPG-Lieferungen für die EU-Energieversorgung.
1.3 Der Aufstieg der USA als neuer Großlieferant
Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen ist der massive Zustrom amerikanischer Butanlieferungen. Die Importe aus den Vereinigten Staaten stiegen von lediglich 41 Mio. € (2015) auf 277 Mio. € (2025) – eine Steigerung von 580 %. In Mengentermen betrug das Wachstum von 105.478 t auf 638.748 t. Allerdings war dieser Handelsstrom äußerst volatil (CV = 0,73). Ein extremes Beispiel: 2017 brachen die Mengen auf nur 6.489 t ein, um sich 2018 wieder auf 154.236 t zu erholen. Der Höhepunkt wurde 2022 mit 1,14 Mio. t erreicht – in diesem Jahr waren die USA mit 768 Mio. € der mit Abstand größte Einzellieferant der EU. Die US-Lieferungen spiegeln den Boom der amerikanischen Shale-Gas-Produktion wider, die seit Mitte der 2010er Jahre enorme Mengen an LPG auf den Weltmarkt brachte.
1.4 Rückgang kasachischer und belarussischer Lieferungen
Auch Kasachstan verlor stark an Bedeutung: Die Importe fielen von 61 Mio. € (2015) auf 10 Mio. € (2025), ein Rückgang um 83,1 %. Die Mengenentwicklung zeigt einen CV von 1,12 – die höchste Schwankung unter den Top-Lieferanten. Belarus verschwand praktisch vollständig vom Markt: Die Mengen sanken von 44.562 t (2015) auf weniger als 151 t (2022), danach gab es keine Meldungen mehr.
1.5 Zusammenfassende Übersicht der Importpartner
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 300,7 | 370,9 | +23,4 % |
| Norwegen | 354,3 | 278,2 | −21,5 % |
| Algerien | 141,9 | 292,8 | +106,4 % |
| Vereinigte Staaten | 40,8 | 277,1 | +580,0 % |
| Russische Föderation | 220,3 | 0,0¹ | −100 % |
| Kasachstan | 61,4 | 10,4 | −83,1 % |
| Trinidad und Tobago | 4,7 | 14,9 | +219,6 % |
¹ Keine Meldungen im Jahr 2025
Detaillierte Partnerstatistiken finden sich unter Top-Partner nach Wert.
2. Energiekrise und Preisschocks: Die Preisexplosion 2021–2022
2.1 Generelle Preisentwicklung
Die durchschnittlichen Einfuhrpreise stiegen über den gesamten Zeitraum um 30,9 %, von 344 €/t (2015) auf 450 €/t (2025). Der Exportpreis legte um 21,7 % zu, von 377 €/t auf 459 €/t. Allerdings verbergen diese Durchschnittswerte extreme Ausschläge in den Jahren 2021 und 2022. Die durchschnittlichen Importpreise erreichten 2022 mit 651 €/t ihr Maximum – fast das Doppelte des Niveaus von 2020 (303 €/t). Dies entspricht der globalen Energiekrise, die durch die Erholung nach COVID-19 und die geopolitischen Spannungen ausgelöst wurde.
2.2 Erkannte Preisschocks bei Exporten
Die Schockerkennungsanalyse identifizierte mehrere signifikante Preisschocks bei EU-Exporten, die sich konzentriert auf die Jahre 2021–2022 ereigneten:
| Exportpartner | Schocktyp | Jahr | Abnormalität | Preissprung | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Senegal | Preis | 2022 | 20,4 | +138,7 % | 3,3 % |
| Ägypten | Preis | 2022 | 14,2 | +671,6 % | 5,8 % |
| Vereinigtes Königreich | Preis | 2021 | 3,9 | +78,8 % | 6,9 % |
| Tunesien | Preis | 2021 | 3,8 | +54,1 % | 22,8 % |
Der extremste Fall ist Ägypten: Der Exportpreis stieg 2022 auf 3.041 €/t (gegenüber einem Basispreis von 394 €/t), während die Menge auf lediglich 8 t kollabierte. Ab 2023 fielen die Lieferungen faktisch auf Null – ein vollständiger Marktaustritt.
2.3 Preisschocks bei Importen
Auch auf der Importseite wurden bemerkenswerte Preisschocks festgestellt. Die wichtigsten Ereignisse betrafen die drei größten Lieferanten im Zeitraum 2021–2022:
| Lieferant | Basispreis (€/t) | Schockpreis (€/t) | Preisanstieg |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 359 | 519 | +44,4 % |
| Norwegen | 347 | 490 | +41,0 % |
| Vereinigte Staaten | 357 | 489 | +37,1 % |
Die Schocks fielen bei allen drei Partnern in das Jahr 2021, gefolgt von anhaltend hoher Volatilität in 2022–2023. Die Preise für britische Butanimporte blieben auch 2024–2025 mit 529–462 €/t deutlich über dem Vorkrisenniveau.
2.4 Die prekäre Lage in Nordafrika und Nahost
Die europäischen Butanexporte in den Nahen Osten und Nordafrika zeigen eine bemerkenswerte Polarisierung. Marokko blieb mit 261 Mio. € (2025) der größte Exportmarkt, gefolgt von Tunesien (94 Mio. €). Gleichzeitig brachen die Exporte nach Ägypten vollständig ein und die Lieferungen in den Libanon schwankten stark (CV = 0,68). Die Exporte in die Ukraine stiegen dagegen exponentiell: von praktisch Null (99.438 € in 2015) auf 64 Mio. € (2025), was einem Plus von 64.490 % entspricht. Diese Dynamik spiegelt die Energieversorgungsengpässe in der Ukraine seit Beginn des Krieges wider.
Übersicht zu Volatilität und Schocks.
3. Strukturelle Verschiebungen: Konzentration, Spezialisierung und Segmentmix
3.1 Zunehmende Konzentration auf Exportseite
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg moderat von 2.105 (2015) auf 2.275 (2025), was einer leichten Zunahme der Konzentration entspricht. Die Exportkonzentration nahm jedoch deutlich stärker zu: Der HHI stieg von 1.805 auf 2.360 (+30,8 %). Besonders bemerkenswert ist der Spitzenwert von 2.778 im Jahr 2022, als die EU-Exporte stark auf Marokko (353 Mio. €), Tunesien (245 Mio. €) und die Ukraine (48 Mio. €) konzentriert waren. Diese zunehmende Konzentration birgt Risiken – insbesondere angesichts der politischen Instabilität in einigen Abnehmerländern.
3.2 Spezialisierung innerhalb der EU
Die Analyse der Spezialisierung (RSCA-Index, 2025) zeigt eine deutliche Polarisierung innerhalb der EU-Mitgliedstaaten:
| Land | RSCA | RCA | Produktanteil am nationalen Handel |
|---|---|---|---|
| Schweden | 0,672 | 5,098 | 12,2 % |
| Litauen | 0,540 | 3,343 | 2,1 % |
| Griechenland | 0,497 | 2,979 | 2,0 % |
| Belgien | 0,458 | 2,692 | 22,8 % |
| Frankreich | 0,401 | 2,341 | 18,3 % |
Auf der anderen Seite des Spektrums weisen Bulgarien (RSCA = −1,0), Estland (−0,987) und Luxemburg (−0,985) eine vollständige Importabhängigkeit auf. Deutschland, der viertgrößte Importeur der EU (205 Mio. € in 2025), hat einen negativen RSCA von −0,334, ist also ebenfalls kein komparativer Vorteil-Halter – trotz eines Produktionsanteils von 10,6 %.
3.3 Dramatische Verschiebungen bei den EU-Mitgliedstaaten als Importeure
Innerhalb der EU haben sich die Importmuster erheblich verschoben:
| Mitgliedstaat | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 414,7 | 371,9 | −10,3 % |
| Niederlande | 385,0 | 403,8 | +4,9 % |
| Deutschland | 3,1 | 205,3 | +6.624 % |
| Belgien | 124,7 | 175,3 | +40,6 % |
| Schweden | 35,2 | 3,6 | −89,9 % |
Deutschland ist der dramatischste Fall: Die Einfuhren stiegen von lediglich 3,1 Mio. € (2015) auf 205,3 Mio. € (2025) – eine Steigerung um den Faktor 67. Dies spiegelt den massiven Ausbau der deutschen LNG- und LPG-Infrastruktur wider, einschließlich neuer Anbindungsverträge und terminaler Verarbeitungskapazitäten. Schweden zeigt die entgegengesetzte Entwicklung: Die Importe brachen von 35,2 Mio. € auf 3,6 Mio. € ein (−89,9 %). Gleichzeitig weist Schweden den höchsten Spezialisierungsindex aller EU-Staaten auf (RSCA = 0,672, RCA = 5,098) – was darauf hindeutet, dass das Land seine Bedarf zunehmend aus eigener Produktion deckt.
3.4 Segmentmix: Welche Butantypen werden gehandelt?
Der CN-Code 271113 fasst vier Untercodes zusammen. Die Verteilung zeigt, dass die Importe stark auf zwei Segmente konzentriert sind:
| Unterteilung | Beschreibung | Mengenanteil Importe 2025 | Mengenanteil Exporte 2025 |
|---|---|---|---|
| 27111397 | Reinheit ≤ 90 %, chem. Umwandlung | 49,4 % | 77,0 % |
| 27111391 | Reinheit > 90 % < 95 %, chem. Umwandlung | 26,1 % | 21,9 % |
| 27111310 | Hochrein (≥ 95 %), begünstigte Verfahren | 24,3 % | < 0,1 % |
| 27111330 | Chem. Umwandlung, begünstigte Verf. | < 0,1 % | < 0,1 % |
Die niedrigreinen Butangemische (≤ 90 % Reinheit, 27111397) dominieren sowohl Importe als auch Exporte mengenmäßig. Allerdings ist das Mengenwachstum bei den Importen dieses Segments bemerkenswert: von 1,22 Mio. t (2015) auf 1,42 Mio. t (2025), während das Segment 27111391 mengenmäßig schrumpfte (von 1,53 Mio. t auf 0,75 Mio. t). Der Subcode 27111330 (begünstigte Verfahren zur chemischen Umwandlung) ist mit weniger als 1 t praktisch irrelevant.
Weitere Einzelheiten zum Produktsegmentvergleich.
Fazit
Der EU-Handel mit verflüssigtem Butan (KN 271113) hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend transformiert. Die drei zentralen Erkenntnisse sind:
Erstens hat sich die geopolitische Landschaft der Beschaffung vollständig verändert. Russland – 2015 noch zweitgrößter Lieferant der EU – ist 2025 vollständig vom Markt verschwunden. Diese Lücke wurde primär durch Algerien (+106 %) und die Vereinigten Staaten (+580 %) kompensiert. Die Lieferantenbasis der EU ist dadurch breiter, aber gleichzeitig volatiler geworden.
Zweitens hat die Energiekrise 2021–2022 die Märkte nachhaltig erschüttert. Die durchschnittlichen Importpreise verdoppelten sich nahezu, und bei den Exporten wurden extreme Preisschocks – insbesondere nach Ägypten (Anstieg um 672 %) und Senegal (+139 %) – beobachtet. Die Preise haben sich bis 2025 noch nicht vollständig auf das Vorkrisenniveau normalisiert.
Drittens vollziehen sich innerhalb der EU substanzielle strukturelle Verschiebungen. Deutschland hat sich innerhalb eines Jahrzehnts vom Margenakteur zum viertgrößten Importeur entwickelt, während Schweden seine Importe fast vollständig abbauen konnte. Die zunehmende Exportkonzentration (HHI +31 %) birgt mittelfristig Risiken. Insgesamt bleibt die EU ein erheblicher Nettoimporteur von Butan, wobei das Defizit im Zeitablauf zwischen 160 Mio. € und über 1 Mrd. € schwankte – ein Spiegelbild der Volatilität der globalen Energiemärkte.