Marktentwicklung: Aluminiumfolie (CN 760711) — 2015–2025
Einleitung
Der europäische Markt für Aluminiumfolie (CN 760711 — Folien und dünne Bänder aus Aluminium, ohne Unterlage, nur gewalzt, Dicke ≤ 0,2 mm) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert. Obwohl die Handelswerte insgesamt gestiegen sind, lassen sich drei zentrale Dynamiken unterscheiden: Erstens ein drastischer Preisschock im Jahr 2022, der die Wertentwicklung vom mengenmäßigen Trend entkoppelte. Zweitens eine deutliche Neuausrichtung der Handelsströme sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite. Drittens eine schleichende Erosion der Exportstärke der EU, die sich in einem schwindenden Handelsbilanzüberschuss und einer steigenden Exportkonzentration niederschlägt. Der vorliegende Bericht analysiert diese Entwicklungen auf Grundlage der vorliegenden Handelsdaten der EU im Zeitraum 2015–2025 und der Produktübersicht auf dem Trade Dashboard.
1. Der Preisschock von 2022 und seine Nachwirkungen
Der Wertanstieg verbirgt stagnierende Mengen
Die zentrale Erkenntnis der Gesamtentwicklung ist eine deutliche Diskrepanz zwischen der Wert- und der Mengenentwicklung. Die Gesamthandelsdaten zeigen, dass sich der Exportwert von 534 Mio. EUR (2015) auf 697 Mio. EUR (2025) erhöhte (+30,5 %), während die Exportmenge im selben Zeitraum von 167.437 t auf 157.218 t sank (−6,1 %). Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen dagegen von 3.191 EUR/t auf 4.422 EUR/t (+38,6 %). Auf der Importseite war das Bild noch deutlicher: Der Importwert nahm von 475 Mio. EUR auf 712 Mio. EUR zu (+49,8 %), die Menge von 156.650 t auf 178.532 t (+14,0 %), und der Importpreis von 3.035 EUR/t auf 3.988 EUR/t (+31,4 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 534 | 697 | +30,5 % |
| Exportmenge (t) | 167.437 | 157.218 | −6,1 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 3.191 | 4.422 | +38,6 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 475 | 712 | +49,8 % |
| Importmenge (t) | 156.650 | 178.532 | +14,0 % |
| Importpreis (EUR/t) | 3.035 | 3.988 | +31,4 % |
Das Jahr 2022 als Wendepunkt: Höchstwerte bei Preis und Menge
Das Jahr 2022 markiert einen klaren Ausreißer im gesamten Betrachtungszeitraum. Der Importwert erreichte mit 1.158 Mio. EUR seinen absoluten Höchststand — mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahren. Gleichzeitig wurden importseitig 241.414 t und exportseitig 191.974 t verzeichnet, ebenfalls Maximalwerte. Die Preise schossen auf über 4.800 EUR/t (Importe) bzw. fast 4.770 EUR/t (Exporte). Dieser Preisausreißer ist konsistent mit der globalen Aluminiumkrise des Jahres 2022, die durch die Energiekrise in Europa, Sanktionen gegen Russland und Lieferkettenengpässe verursacht wurde. Aluminium als energieintensives Produkt reagierte besonders stark auf die explodierenden Strom- und Gaspreise.
Preisschocks bei Schlüsselpartnern im Jahr 2022
Die Analyse der Preisschocks bestätigt, dass die stärksten Preisabweichungen genau im Jahr 2022 auftraten — und zwar auf der Exportseite. Drei bemerkenswerte Schockereignisse wurden identifiziert:
| Partnerland | Schockart | Preisänderung 2022 | Abnormalitäts-Score | Anteil am Exportwert |
|---|---|---|---|---|
| Kanada | Preisanstieg | +67,2 % | 15,0 | 4,1 % |
| Vereinigtes Königreich | Preisanstieg | +49,1 % | 8,9 | 21,7 % |
| Türkei | Preisanstieg | +46,0 % | 6,9 | 7,5 % |
Besonders der Preisschock beim Export in das Vereinigte Königreich fällt ins Gewicht, da dieses Land mit 21,7 % einen erheblichen Anteil am EU-Exportwert hielt. Insgesamt war das Jahr 2022 ein Ausnahmejahr, in dem der Preiseffekt die Handelswerte verzerrte — sowohl bei den Volatilitätsindikatoren als auch bei den Handelsbilanzen sichtbar.
2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme
Importseite: Türkei und Indien verdrängen China
Die Struktur der wichtigsten Importpartner hat sich im Beobachtungszeitraum erheblich verschoben. China, das 2015 mit 171 Mio. EUR der mit Abstand wichtigste Importlieferant war, sank bis 2025 auf 103 Mio. EUR (−39,8 %). Im Jahr 2022 hatte China seinen Spitzenwert von 340 Mio. EUR erreicht, danach folgte ein rapider Rückgang — ein Muster, das auf antidumpingpolitische Maßnahmen, Überkapazitäten und zunehmende Handelsdiversifizierung hindeutet.
Demgegenüber stiegen die Importe aus der Türkei von 110 Mio. EUR auf 286 Mio. EUR (+159,3 %), wodurch die Türkei 2025 zum wichtigsten EU-Importpartner für Aluminiumfolie aufstieg. Noch dramatischer war der Anstieg der indischen Lieferungen: von lediglich 5 Mio. EUR (2015) auf 56 Mio. EUR (2025), was einer Steigerung von über 1.000 % entspricht. Südkorea (+165,1 %) und Norwegen (+22,5 %) rundeten das Bild ab.
| Importpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 171 | 103 | −39,8 % |
| Türkei | 110 | 286 | +159,3 % |
| Armenien | 44 | 59 | +36,2 % |
| Südkorea | 24 | 62 | +165,1 % |
| Norwegen | 27 | 32 | +22,5 % |
| Indien | 5 | 56 | +1.025,6 % |
Diese Verschiebung deutet auf eine strategische Diversifizierung der EU-Importquellen hin. Die starke Zunahme türkischer und indischer Lieferungen steht möglicherweise im Zusammenhang mit Handelsabkommen, Wettbewerbsvorteilen bei den Energiekosten in diesen Ländern sowie mit den EU-Schutzmaßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten.
Exportseite: USA und Kanada als Wachstumsmärkte, Rückgänge in traditionellen Märkten
Auf der Exportseite zeigen sich ebenfalls strukturelle Verschiebungen. Die USA entwickelten sich zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt: von 65 Mio. EUR (2015) auf 237 Mio. EUR (2025), was einer Steigerung von 266 % entspricht. Auch Kanada verzeichnete ein Wachstum von 18 Mio. EUR auf 62 Mio. EUR (+247 %). Die Schweiz als traditionell wichtigster Exportpartner der EU wuchs moderat von 123 Mio. EUR auf 170 Mio. EUR (+38,8 %).
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 65 | 237 | +266,1 % |
| Schweiz | 123 | 170 | +38,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 107 | 86 | −19,0 % |
| Türkei | 42 | 38 | −10,3 % |
| Serbien | 16 | 20 | +23,7 % |
| Kanada | 18 | 62 | +246,6 % |
| Mexiko | 35 | 5 | −85,0 % |
Der Rückgang der Exporte in das Vereinigte Königreich (−19,0 %) seit dem Brexit spiegelt möglicherweise neue Handelsbarrieren oder eine Umorientierung britischer Käufer wider. Der dramatische Einbruch der Exporte nach Mexiko (−85,0 %) ist auffällig und könnte auf veränderte Wettbewerbsbedingungen oder Handelspräferenzen in Nordamerika zurückzuführen sein.
Veränderte Exportkonzentration
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) unterstreichen die strukturelle Veränderung auf der Exportseite. Während der Import-HHI mit rund 2.071 bis 2.085 über den gesamten Zeitraum relativ stabil blieb, stieg der Export-HHI von 1.254 auf 2.032 (+62,1 %) — ein bemerkenswerter Anstieg, der zeigt, dass sich die EU-Exporte zunehmend auf wenige Abnehmerländer konzentrieren. Konkret bedeutet dies eine wachsende Abhängigkeit von Märkten wie den USA und der Schweiz.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Import-HHI (Wert) | 2.071 | 2.085 | +0,7 % |
| Export-HHI (Wert) | 1.254 | 2.032 | +62,1 % |
3. Schwindende Exportstärke und zunehmende Importabhängigkeit
Von deutlichem Überschuss zu fast ausgeglichenem Handel
Die Handelsbilanz zeigt eine der gravierendsten Veränderungen im gesamten Beobachtungszeitraum. Im Jahr 2015 wies die EU einen Exportüberschuss von rund 59 Mio. EUR aus. Im Tiefpunkt lag der Saldo bei −304 Mio. EUR, bevor er sich 2025 auf −15 Mio. EUR erholte. Die EU ist damit 2025 de facto kein Nettoexporteur von Aluminiumfolie mehr.
| Jahr | Handelsbilanz (Mio. EUR) | Nettostatus |
|---|---|---|
| 2015 | +59 | Nettoexporteur |
| Tiefpunkt | −304 | Nettoimporteur |
| 2025 | −15 | Annähernd ausgeglichen |
Die Nettoimportabhängigkeit bestätigt diesen Trend: Sie lag 2015 bei −37,4 % (starker Nettoexporteur) und sank bis 2025 auf −10,7 % — eine Verschiebung um 71,4 % in Richtung Importabhängigkeit.
Rückläufige Exportneigung bei stabiler Produktionsbasis
Die Exportneigung sank von 41,8 % (2015) auf 33,3 % (2025), was einem Rückgang von 20,3 % entspricht. Das bedeutet, dass ein immer geringerer Anteil der EU-Produktion in Drittländer exportiert wird. Die Handelsintensität blieb dagegen mit 49,2 % auf 46,1 % relativ stabil (−6,4 %).
Gleichzeitig zeigt die Produktionsentwicklung, dass die EU-Produktion von 943.031 t (2015) auf 1.050.000 t (2025) stieg (+11,3 %). Der Produktionswert erhöhte sich sogar von 3.755 Mio. EUR auf 5.000 Mio. EUR (+33,1 %). Die EU-Aluminiumfolienindustrie ist also keineswegs geschrumpft — vielmehr dient ein wachsender Teil der Produktion dem europäischen Binnenmarkt, während der Exportanteil sinkt.
Nische mit Spezialisierungspotenzial: Süd- und Nordeuropa innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass innerhalb der EU erhebliche Unterschiede bestehen. Griechenland weist mit einem RSCA-Wert von 0,90 die mit Abstand höchste Spezialisierung auf — das Land exportiert Aluminiumfolie in einem weit überdurchschnittlichen Maß im Verhältnis zu seiner gesamten Exportstruktur. Bulgarien (RSCA 0,80), Slowenien (0,75) und Luxemburg (0,74) folgen.
| EU-Mitgliedstaat | RSCA | RCA | Produktionsanteil |
|---|---|---|---|
| Griechenland | 0,90 | 19,06 | 12,9 % |
| Bulgarien | 0,80 | 9,20 | 5,8 % |
| Slowenien | 0,75 | 6,93 | 7,0 % |
| Luxemburg | 0,74 | 6,72 | 2,2 % |
| Schweden | 0,39 | 2,29 | 5,5 % |
Am anderen Ende des Spektrums stehen Länder wie Litauen (RSCA −0,97), Irland (−0,97) und Estland (−0,96), die praktisch keine Aluminiumfolie exportieren. Deutschland und Italien bleiben zwar die absoluten Volumenführer bei Exporten (Deutschland: 261 Mio. EUR, Italien: 163 Mio. EUR), doch ihre Spezialisierung ist im Verhältnis zu ihrer gesamten Wirtschaftsstruktur deutlich geringer.
Segmentverteilung: Ultrafeine Folien als Wachstumstreiber
Die Aufschlüsselung nach Produktsegmenten zeigt, dass das Segment 76071190 (Folien mit 0,021–0,2 mm Dicke) sowohl bei Importen als auch bei Exporten das größte Volumen aufweist. Auf der Exportseite macht dieses Segment 2025 rund 456 Mio. EUR (65 % des Gesamtexports) aus. Die dünnsten Folien (76071111, < 0,021 mm in Rollen ≤ 10 kg) sind zwar mengenmäßig das kleinste Segment, erreichen aber die höchsten Preise (4.850 EUR/t im Export), was auf eine höhere Wertschöpfung in diesem Spezialbereich hindeutet.
Schlussfolgerung
Die europäische Aluminiumfolienindustrie (CN 760711) hat sich zwischen 2015 und 2025 von einer Position als klarer Nettoexporteur zu einem Markt mit nahezu ausgeglichener Handelsbilanz entwickelt — obwohl die heimische Produktionsbasis gewachsen ist. Der Preisschock des Jahres 2022 infolge der Energiekrise hat zwar die Handelswerte vorübergehend in die Höhe getrieben, aber die zugliechende Strukturverschiebung ist dauerhaft: Importseitig haben sich die Lieferketten von China weg und hin zur Türkei und nach Indien diversifiziert. Exportseitig konzentrieren sich die EU-Ausfuhren zunehmend auf die USA und die Schweiz, was die Exportkonzentration (HHI) erheblich erhöht hat. Die sinkende Exportneigung trotz wachsender Produktion deutet darauf hin, dass die europäische Nachfrage die heimische Kapazität zunehmend absorbiert und der Druck durch preisgünstigere Importe — insbesondere aus der Türkei und Indien — den EU-Exportwettbewerb auf Drittmärkten herausfordert. Für die strategische Ausrichtung der europäischen Aluminiumfolienindustrie ergibt sich daraus die Notwendigkeit, sich stärker auf hochwertige Spezialfolien (insbesondere im Segment < 0,021 mm) und auf Marktdiversifizierung zu konzentrieren, um die Abhängigkeit von einzelnen Exportmärkten zu verringern.