Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Tapioka und Sagostärken (CN 1903) — 2015–2025

Einleitung

Tapioka- und Sagostärken (KN-Code 1903) sind vielseitig einsetzbare Stärkeprodukte, die in der Lebensmittelindustrie als Bindemittel, Texturgeber und Grundlage für Puddings und Desserts verwendet werden. Die Erzeugnisse werden in Form von Flocken, Graupen, Perlen oder Krümeln vertrieben und überwiegend aus Maniok gewonnen. Der europäische Markt für diese Produkte hat sich im Zeitraum 2015 bis 2025 erheblich verändert: Die EU ist traditionell ein Nettoimporteur dieses Produkts, doch das Ausmaß der Importabhängigkeit hat sich in diesem Jahrzehnt stark intensiviert. Gleichzeitig haben sich die Lieferantenstrukturen verschoben, neue Handelspartner sind hinzugekommen und bekannte Lieferanten haben an Bedeutung verloren. Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Handelsdynamiken, die sich aus den Daten der Gesamtübersicht ergeben.


1. Deutliches Importwachstum bei gleichzeitig steigender Importabhängigkeit

Die EU-Importe haben sich nahezu verdoppelt

Im Zeitraum von 2015 bis 2025 stiegen die EU-Importe von Tapioka- und Sagostärken aus Drittländern erheblich an. Der Importwert erhöhte sich um 91,1 % von 7,59 Mio. EUR auf 14,51 Mio. EUR, das Importvolumen wuchs um 61,9 % von 6.843 Tonnen auf 11.080 Tonnen. Auch die durchschnittlichen Importpreise stiegen um 18,0 % von 1.110 EUR/t auf 1.310 EUR/t. Diese Entwicklung spiegelt eine gestiegene Nachfrage nach Tapioka- und Sagoprodukten in der EU wider, die sowohl auf mengenmäßiges Wachstum als auch auf Preissteigerungen zurückzuführen ist.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (EUR) 7.593.617 14.511.682 +91,1 %
Importmenge (t) 6.843 11.080 +61,9 %
Importpreis (EUR/t) 1.110 1.310 +18,0 %
Exportwert (EUR) 1.588.783 2.146.137 +35,1 %
Exportmenge (t) 917 798 −13,0 %
Exportpreis (EUR/t) 1.732 2.688 +55,2 %
Handelsbilanz (EUR) −6.004.834 −12.365.545 −105,9 %

Quelle: Gesamtübersicht

Das Handelsbilanzdefizit hat sich mehr als verdoppelt

Das Defizit der EU-Handelsbilanz bei KN 1903 verschärfte sich von −6,0 Mio. EUR im Jahr 2015 auf −12,4 Mio. EUR im Jahr 2025, was einer Verdopplung um 105,9 % entspricht. Dies unterstreicht die wachsende Abhängigkeit der EU von Drittlandslieferungen. Der Importwert erreichte seinen Höhepunkt mit 21,5 Mio. EUR (vermutlich im Zeitraum 2022/2023), bevor er wieder auf das Niveau von 2025 zurückging.

Die Nettoimportquote hat sich fast verdreifacht

Ein besonders alarmierender Indikator ist die Nettoimportquote, die sich von 25,8 % im Jahr 2015 auf 74,5 % im Jahr 2025 mehr als verdreifachte (+188,6 %). Der Höchstwert lag sogar bei 98,4 %. Parallel dazu stieg die Handelsintensität von 59,9 % auf 86,0 % (+43,5 %). Diese Zahlen zeigen, dass die EU bei diesem Produkt zunehmend auf Importe angewiesen ist und der eigene Marktanteil der heimischen Erzeugung geringer wird. Tatsächlich blieb die EU-Produktion mengenmäßig mit 2.000 kg extrem gering und stagnierte im gesamten Zeitraum.

Indikator 2015 2025 Veränderung
Nettoimportquote (%) 25,8 74,5 +188,6 %
Handelsintensität (%) 59,9 86,0 +43,5 %
Exportneigung (%) 32,8 39,5 +20,4 %

Quelle: Vulnerabilität & Autonomie


2. Strukturelle Verschiebung der Lieferantenbasis und regionale Diversifizierung

Thailand verliert Marktanteil, neue Lieferanten gewinnen stark an Bedeutung

Thailand war 2015 mit Abstand der wichtigste Importpartner der EU im Bereich Tapioka- und Sagostärken und lieferte Waren im Wert von 4,28 Mio. EUR. Bis 2025 sank der thailändische Anteil jedoch um 24,9 % auf 3,21 Mio. EUR. Gleichzeitig stiegen mehrere neue oder zuvor unbedeutende Lieferanten dramatisch an:

Partnerland Importwert 2015 (EUR) Importwert 2025 (EUR) Veränderung
Thailand 4.277.571 3.212.224 −24,9 %
China 1.748.543 3.470.155 +98,5 %
Côte d'Ivoire 179.616 1.841.074 +925,0 %
Taiwan 149.474 1.973.923 +1.220,6 %
Brasilien 138.640 1.781.718 +1.185,1 %
Vietnam 164.262 193.836 +18,0 %
Vereinigtes Königreich 346.215 91.343 −73,6 %

Quelle: Handelspartner

Besonders bemerkenswert ist der Aufstieg afrikanischer und lateinamerikanischer Lieferanten: Côte d'Ivoire (+925 %) und Brasilien (+1.185 %) sind von marginalen Lieferanten zu bedeutenden Handelspartnern geworden. Auch Taiwan verfünffachte seinen Exportwert in die EU nahezu. China übernahm 2025 sogar die Position des größten Einzellieferanten mit 3,47 Mio. EUR. Diese Diversifizierung führte zu einer deutlichen Entkonzentration des Importmarktes.

Die Importkonzentration hat sich stark verringert

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe nach Wert sank von 3.750 auf 1.586 (−57,7 %), nach Volumen sogar von 5.068 auf 1.799 (−64,5 %). Ein HHI-Wert unter 2.500 wird typischerweise als moderat konzentrierter Markt eingestuft. Die EU hat somit ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten erheblich reduziert. Anders bei den Exporten: Hier blieb der HHI mit 2.676 relativ stabil (+6,6 %), was darauf hindeutet, dass die EU-Ausfuhren weiterhin auf wenige Zielmärkte konzentriert sind.

Der Brexit hat den Handel mit dem Vereinigten Königreich neu strukturiert

Das Vereinigtes Königreich spielte im Handel mit KN 1903 eine ambivalente Rolle. Als Importquelle sank der Wert von 346.215 EUR auf 91.343 EUR (−73,6 %), was auf den Austritt aus dem EU-Binnenmarkt und die damit verbundenen Handelsbarrieren zurückzuführen sein dürfte. Gleichzeitig blieb das Vereinigtes Königreich als Exportziel wichtig: Die EU-Ausfuhren dorthin stiegen von 466.134 EUR auf 754.571 EUR (+61,9 %). Die hohe Volatilität des Handels mit dem Vereinigten Königreich (Variationskoeffizient von 1,24 bei Importen) unterstreicht die durch den Brexit verursachten Unsicherheiten.

Die Binnenverteilung zeigt ein klares Muster: Niederlande als Drehkreuz

Innerhalb der EU waren die Niederlande der mit Abstand größte Importeur mit 5,06 Mio. EUR im Jahr 2025 (+140,4 %), gefolgt von Frankreich (2,56 Mio. EUR, −25,8 %) und Belgien (1,73 Mio. EUR, +175,5 %). Deutschland stieg von 545.552 EUR auf 1,69 Mio. EUR (+210,3 %), Portugal sogar von 81.404 EUR auf 1,21 Mio. EUR (+1.385 %). Die Niederlande und Portugal weisen auch die höchste Spezialisierung auf (RSCA: 0,59 bzw. 0,57), was auf ihre Rolle als Handels- und Umschlagszentren für Tapiokaprodukte hindeutet. Frankreich dominiert die EU-Exporte mit 1,30 Mio. EUR (+18,5 %), was auf die historischen Handelsbeziehungen mit westafrikanischen Maniokproduzenten zurückzuführen sein dürfte.


3. Preisschocks und Volatilität als Folge globaler Krisen

Der Preischock bei chinesischen Importen im Jahr 2021

Die Datenanalyse identifiziert einen signifikanten Preisschock bei Importen aus China im Jahr 2021: Der Abnormalitätswert lag bei 47,9 bei einem Preisanstieg von 45,0 %. China hatte zu diesem Zeitpunkt einen Anteil von 29,9 % am EU-Importwert. Dieser Schock ist im Kontext der COVID-19-Pandemie und der damit verbundenen globalen Lieferkettenstörungen, Containerengpässe und Energiepreisanstiege zu sehen, die sich ab 2021 massiv auf die internationalen Frachtkosten und damit auf die Endpreise auswirkten.

Auch die EU-Exportpreise erfuhren 2021 starke Schwankungen

Ein zweiter signifikanter Preisschock trat 2021 bei EU-Exporten in die Schweiz auf (Abnormalitätswert 7,9, Preisanstieg von 82,4 %). Die Schweiz hatte einen Anteil von 12,8 % am EU-Exportwert. Dies deutet darauf hin, dass die Preissteigerungen nicht nur importseitig, sondern auch in der europäischen Wertschöpfungskette spürbar waren.

Die Volatilität variiert stark je nach Handelspartner

Der Variationskoeffizient (CV) der Importwerte zeigt erhebliche Unterschiede in der Handelsstabilität:

Importpartner CV (Importwert) Stabilität
Thailand 0,21 Relativ stabil
China 0,28 Relativ stabil
Vietnam 0,36 Moderat
Côte d'Ivoire 0,55 Moderat–hoch
Brasilien 0,63 Moderat–hoch
Taiwan 0,76 Hoch
Vereinigtes Königreich 1,24 Sehr hoch

Quelle: Volatilität

Thailand und China sind die stabilsten Handelspartner mit CV-Werten unter 0,30. Die neu hinzugekommenen Lieferanten wie Côte d'Ivoire, Brasilien und Taiwan weisen dagegen deutlich höhere Volatilitäten auf, was mit ihrem geringeren Handelsvolumen und der kürzeren Handelshistorie zusammenhängen dürfte. Das Vereinigtes Königreich zeigt mit einem CV von 1,24 die höchste Schwankungsbreite bei den Importen — ein klares Zeichen für die durch den Brexit verursachten Strukturbrüche.

Die EU-Ausfuhren sind in Richtung weniger Kernmärkte relativ stabil

Auf der Exportseite weisen die USA (CV 0,18) und das Vereinigtes Königreich (CV 0,18) die geringsten Schwankungen auf und bilden somit die stabilsten Absatzmärkte für EU-Exporte. Deutlich volatiler sind dagegen Exporte nach Norwegen (CV 1,32) und Kanada (CV 2,32), die stark von einzelnen Lieferungen oder Sondereffekten geprägt zu sein scheinen.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Tapioka- und Sagostärken (KN 1903) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental verändert. Die drei zentralen Entwicklungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  1. Steigende Importabhängigkeit: Die EU ist mit einer Nettoimportquote von 74,5 % und einer praktisch vernachlässigbaren Eigenproduktion (2.000 kg) hochgradig auf Drittlandslieferungen angewiesen. Diese Abhängigkeit hat sich im Betrachtungszeitraum nahezu verdreifacht.

  2. Diversifizierung der Lieferantenbasis: Die historische Dominanz Thailands wurde zugunsten eines breiteren Lieferantennetzes abgebaut. Neue Handelspartner aus Afrika (Côte d'Ivoire), Lateinamerika (Brasilien) und Ostasien (Taiwan, China) haben an Bedeutung gewonnen, was die Versorgungsrisiken grundsätzlich streut, aber auch neue Abhängigkeiten schafft.

  3. Globale Krisen als Preistreiber: Die COVID-19-Pandemie hat 2021 zu erheblichen Preisschocks geführt, insbesondere bei Lieferungen aus China. Die steigenden Exportpreise (von 1.732 EUR/t auf 2.688 EUR/t) deuten darauf hin, dass Kostensteigerungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette weitergegeben wurden.

Für die EU ergibt sich aus diesen Entwicklungen ein gemischtes Bild: Einerseits hat die Diversifizierung der Lieferanten die Versorgungssicherheit verbessert, andererseits macht die insgesamt gestiegene Importabhängigkeit den europäischen Markt anfällig für globale Lieferkettenunterbrechungen, geopolitische Spannungen und Preisschwankungen auf den Weltagrarmärkten.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.