Marktentwicklung: Rohpalmöl (CN 151110) — 2015–2025
Einleitung
Rohpalmöl (CN 151110) ist eines der mengenmäßig wichtigsten Agrarimporte der Europäischen Union und wird sowohl als Nahrungsmittelrohstoff als auch als industrieller Einsatzstoff — insbesondere im Biodieselbereich — verwendet. Der Zeitraum 2015 bis 2025 war von drei zentralen Dynamiken geprägt: einem dramatischen Rückgang der Importmengen bei gleichzeitigem Preisanstieg, einer geopolitischen Umorientierung der Beschaffungsquellen weg von Südostasien hin nach Lateinamerika sowie einem regulatorisch bedingten Segmentkollaps bei industriell-technischem Palmöl. Die EU bleibt dabei trotz leicht rückläufiger Nettoimportabhängigkeit (von 96,8 % auf 94,4 %) in hohem Maße auf Drittlandimporte angewiesen — das Handelsdefizit belief sich 2025 weiterhin auf rund 1,84 Mrd. EUR.
Übersicht: Rohpalmöl auf dem Trade Dashboard
1. Mengeneinbruch bei verdoppelten Preisen: Rohpalmöl als strukturell schrumpfender EU-Import
1.1 Die Importvolumina sind um fast zwei Drittel eingebrochen
Im gesamten Beobachtungszeitraum fielen die EU-Importe von Rohpalmöl in der Menge von 4.832.535 t (2015) auf 1.678.238 t (2025) — ein Rückgang von 65,3 %. Dieser Rückgang verlief nicht linear: Bis 2019 stiegen die Mengen noch leicht auf 5.335.654 t an, bevor ab 2020 ein anhaltender Einsetzer eintrat, der sich 2023–2025 noch einmal verschärfte.
| Jahr | Importmenge (t) | Importwert (Mrd. EUR) | Einheitspreis (EUR/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 4.832.535 | 2,97 | 614 |
| 2018 | 5.021.620 | 2,28 | 554 |
| 2019 | 5.335.654 | 2,80 | 525 |
| 2021 | 3.218.097 | 2,80 | 870 |
| 2022 | 2.884.040 | 3,43 | 1.190 |
| 2024 | 2.098.407 | 2,07 | 984 |
| 2025 | 1.678.238 | 1,85 | 1.104 |
Quelle: Handelsübersicht Rohpalmöl
1.2 Der Einheitspreis hat sich nahezu verdoppelt — 2022 markiert den Höhepunkt
Während die Mengen schrumpften, stiegen die Importpreise von 614 EUR/t (2015) auf 1.104 EUR/t (2025), was einem Anstieg von 79,9 % entspricht. Der absolute Höhepunkt wurde 2022 mit 1.190 EUR/t erreicht — getrieben durch die globalen Energie- und Agrarpreisschocks nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs und durch angespannte Lieferketten. Der Preisrückgang 2024 auf 984 EUR/t war nur vorübergehend; 2025 kletterte der Preis erneut über 1.100 EUR/t. Infolgedessen sank der Importwert trotz des Mengenrückgangs „nur" um 37,5 % — von 2,97 Mrd. EUR auf 1,85 Mrd. EUR.
Auch bei den Exporten der EU ist ein Preisanstieg erkennbar, wenngleich schwächer: Der Exportpreis stieg von 759 EUR/t auf 962 EUR/t (+26,7 %). Die EU-Exporte blieben mengenmäßig mit 14.487 t (2025) gegenüber 4.591 t (2015) zwar um +215,6 % gewachsen, sind aber im Verhältnis zu den Importen marginal (unter 1 % des Importvolumens).
1.3 Die Nettoimportabhängigkeit bleibt hoch
Trotz des Mengenrückgangs liegt die Nettoimportabhängigkeit der EU bei Rohpalmöl durchgehend zwischen 94 % und 98 % (2025: 94,4 %). Die Handelsintensität verbleibt bei über 95 %. Die Exportquote ist zwar von 10,1 % auf 15,4 % gestiegen, was jedoch hauptsächlich auf Umschlags- und Re-Exportaktivitäten in den Niederlanden zurückzuführen ist. Die EU ist und bleibt strukturell auf Drittlandimporte angewiesen.
2. Von Indonesien nach Lateinamerika: Geopolitische Neuausrichtung der Beschaffung
2.1 Indonesien und Malaysia haben ihre Vormachtstellung eingebüßt
Die mit Abstand bedeutendste strukturelle Verschiebung im EU-Handel mit Rohpalmöl betrifft die Herkunftsländer. Indonesien, 2015 mit 1,37 Mrd. EUR (46,3 % des Importwertes) größter Lieferant, sank auf nur noch 202 Mio. EUR (10,9 %) im Jahr 2025 — ein Rückgang von 85,3 %. Malaysia verlor ebenfalls deutlich: von 957 Mio. EUR (32,3 %) auf 435 Mio. EUR (23,5 %), entsprechend einem Minus von 54,5 %. Zusammen fielen die beiden ASEAN-Lieferanten von rund 78,6 % auf rund 34,4 % des EU-Importwerts.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | Anteil 2015 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Indonesien | 1.373 | 202 | −85,3 % | 46,3 % | 10,9 % |
| Malaysia | 957 | 435 | −54,5 % | 32,3 % | 23,5 % |
| Guatemala | 122 | 381 | +212,8 % | 4,1 % | 20,6 % |
| Papua-Neuguinea | 213 | 257 | +21,0 % | 7,2 % | 13,9 % |
| Honduras | 103 | 151 | +46,0 % | 3,5 % | 8,1 % |
| Kolumbien | 126 | 161 | +28,2 % | 4,2 % | 8,7 % |
| Costa Rica | 2 | 137 | +6.934 % | 0,1 % | 7,4 % |
Quelle: Top-Handelspartner nach Werten
2.2 Zentralamerika und Kolumbien füllen die Lücke
Guatemala entwickelte sich vom Nebenakteur zum zweitgrößten EU-Lieferanten: von 122 Mio. EUR auf 381 Mio. EUR (+212,8 %). Besonders auffällig ist der Aufstieg Costa Ricas, dessen Exporte in die EU von praktisch null (2 Mio. EUR, 2015) auf 137 Mio. EUR (2025) explodierten — ein Zuwachs von über 6.900 %. Honduras (+46 %) und Kolumbien (+28,2 %) festigten ihre Positionen ebenfalls. Papua-Neuguinea konnte seinen Wert leicht steigern (+21 %) und ist damit mittlerweile der drittgrößte Lieferant.
Diese Umorientierung spiegelt mehrere Faktoren wider: die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), die ab 2025 für Lieferketten-Transparenz sorgt, die von Indonesien und Malaysia betriebene palmölbezogenen Biodieselpolitik (B35/B40-Beimischungsquoten im Inland), sowie bilateralen Handelsabkommen der EU mit mittelamerikanischen Staaten. Die lateinamerikanischen Lieferanten zusammen (Guatemala, Honduras, Costa Rica, Kolumbien) steigerten ihren Anteil von rund 11,9 % auf 44,8 % des EU-Importwerts.
2.3 Sinkende Konzentration als Zeichen erfolgreicher Diversifizierung
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Werten fiel von 3.285 (2015) auf 1.490 (2025) — ein Rückgang um 54,6 %. Ein HHI über 2.500 gilt als hoch konzentriert; der Wert von 1.490 liegt im moderaten Bereich. Parallel dazu sank der HHI für Importe nach Volumen von 3.272 auf 1.479 (−54,8 %). Die EU hat ihre Beschaffungsstruktur also erheblich diversifiziert und ist weniger anfällig für Versorgungsunterbrechungen aus einzelnen Herkunftsländern.
Demgegenüber konzentrierten sich die EU-Exporte zunehmend: Der Export-HHI stieg von 4.361 auf 8.473 (+94,3 %), was vor allem auf die Dominanz der Niederlande als Re-Exporteur in das Vereinigte Königreich (12,8 Mio. EUR in 2025, +484 %) zurückzuführen ist.
3. Der industrielle Segmentkollaps: EU-Regulierung als Motor des Strukturwandels
3.1 Technisches Palmöl ist der Haupttreiber des Gesamtrückgangs
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen offenbart, dass der Gesamtrückgang der Importe fast vollständig auf das Segment 15111010 (Palmöl zu technischen/industriellen Zwecken, ausgenommen Lebensmittelherstellung) entfällt:
| Segment | 2015 Menge (t) | 2025 Menge (t) | Veränderung | 2015 Wert (Mio. EUR) | 2025 Wert (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 15111010 (technisch/industriell) | 2.841.474 | 165.730 | −94,2 % | 1.751 | 191 | −89,1 % |
| 15111090 (sonstiges, v. a. Lebensmittel) | 1.991.061 | 1.512.507 | −24,0 % | 1.215 | 1.662 | +36,8 % |
Quelle: Produktsegment-Vergleich
Das industrielle Segment schrumpfte mengenmäßig um 94,2 % — von 2,84 Mio. t auf nur noch 166.000 t. Dieser Zusammenbruch ist maßgeblich auf die EU-Regulierung zurückzuführen: Die Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II/III) und die Einstufung von Palmöl als „High-ILUC-Risk"-Rohstoff (Delegierte Verordnung 2019/807) führten zu einer schrittweisen Ausphasung palmölbasiertem Biodiesel-Beimischung in mehreren Mitgliedstaaten. Die Menge des industriellen Segments fiel bereits 2021 unter 1,5 Mio. t und beschleunigte den Rückgang danach weiter.
3.2 Nahrungsmittelpalmöl zeigt moderate Resilienz bei steigendem Warenwert
Das Segment 15111090 (Palmöl für den Lebensmittelbereich und sonstige nicht-industrielle Zwecke) verlor mengenmäßig nur 24,0 % (von 1,99 Mio. t auf 1,51 Mio. t). Noch bemerkenswerter: Der Wert stieg um 36,8 % — von 1,22 Mrd. EUR auf 1,66 Mrd. EUR — was den Preisanstieg widerspiegelt. Der Einheitspreis dieses Segments kletterte von 610 EUR/t (2015) auf 1.099 EUR/t (2025). Die Nachfrage nach Palmöl als Lebensmittelrohstoff ist also deutlich weniger elastisch gegenüber Preis- und Regulierungsimpulsen als die industrielle Nutzung. Gleichwohl sanken auch hier die Mengen, was teilweise auf Reformulierungsbestrebungen der Lebensmittelindustrie und Verbraucherpräferenzen zurückzuführen sein dürfte.
3.3 Die Niederlande konsolidieren ihre Rolle als dominierender Handelsknoten
Die Mitgliedstaaten mit den höchsten Importwerten zeigen eine zunehmende Konzentration auf die Niederlande:
| Mitgliedstaat | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | Anteil 2015 | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Niederlande | 1.384 | 1.162 | −16,0 % | 46,6 % | 62,7 % |
| Spanien | 535 | 333 | −37,8 % | 18,0 % | 18,0 % |
| Italien | 511 | 84 | −83,6 % | 17,2 % | 4,5 % |
| Deutschland | 411 | 178 | −56,8 % | 13,9 % | 9,6 % |
| Frankreich | 46 | 26 | −43,6 % | 1,6 % | 1,4 % |
Quelle: Top-Reporter nach Werten
Die Niederlande, Heimat des Hafens Rotterdam — Europas größtem Palmöl-Umschlagplatz —, verloren zwar absolut 222 Mio. EUR an Importen, stellten aber im EU-Vergleich mit Abstand den größten Markt (62,7 % des Importwerts). Italien und Deutschland verzeichneten mit −83,6 % bzw. −56,8 % die stärksten Rückgänge, was auf die Schließung bzw. Umstellung von Biodiesel-Raffinerien und die Ausphasung palmölhaltiger Biokraftstoffe in diesen Ländern hindeutet.
Die Spezialisierungsanalyse bestätigt dies: Die Niederlande weisen 2025 einen RSCA-Wert von 0,73 und einen RCA von 6,28 auf — die höchste Spezialisierung aller EU-Mitgliedstaaten in diesem Produkt. Italien (RSCA: −0,78) und Deutschland (nicht in den Top-5) sind dagegen hochgradig unspezialisiert, was mit ihrer Rolle als eher passiver Konsumentenmarkt korrespondiert.
3.4 Steigende EU-Eigenproduktion bleibt mengenmäßig marginal
Die EU-Produktion (PRODCOM 10.41.25.10) stieg von 100 Mio. kg (100.000 t) im Jahr 2015 auf 140 Mio. kg (140.000 t) in 2025 — ein Zuwachs von 40 %. Im Verhältnis zu den Importen von 1,68 Mio. t im Jahr 2025 deckt die heimische Produktion jedoch nur etwa 7,7 % des Gesamtbedarfs. Der Produktionswert schwankte zwischen 60 Mio. EUR und 180 Mio. EUR (2025: 120 Mio. EUR), was auf die hohe Preisvolatilität des Rohstoffs zurückzuführen ist. Die inländische Produktion — vor allem in Spanien und Kroatien — kann die Importabhängigkeit der EU somit nicht substanziell verringern.
Fazit
Der EU-Markt für Rohpalmöl durchlebte zwischen 2015 und 2025 eine dreifache Transformation. Erstens halbierten sich die Importmengen nahezu, während die Preise sich verdoppelten — ein strukturelles Schrumpfen des Gesamtmarktes, das durch regulatorische und nachfrageseitige Faktoren bedingt ist. Zweitens verschob sich die geographische Beschaffungsstruktur radikal: Indonesien und Malaysia verloren ihre Hegemonie (von 79 % auf 34 % des Importwerts), während mittelamerikanische Staaten — insbesondere Guatemala, Costa Rica und Honduras — sowie Papua-Neuguinea und Kolumbien zu neuen Schlüssellieferanten aufstiegen. Die Importkonzentration (HHI) sank um mehr als die Hälfte. Drittens kollabierte das industrielle Segment (CN 15111010) um 94 % — ein direktes Ergebnis der EU-Klima- und Biodieselregulierung —, während das lebensmittelbezogene Segment weitgehend stabil blieb.
Die Niederlande festigten ihre Position als Drehkreuz des europäischen Palmölhandels mit einem Importanteil von über 62 %. Die Nettoimportabhängigkeit der EU verbleibt trotz aller Verschiebungen bei rund 94 %, sodass Rohpalmöl ein strategisch sensibler Importrohstoff bleibt — sowohl hinsichtlich der Versorgungssicherheit als auch der Lieferketten-Nachhaltigkeit im Kontext der bevorstehenden EUDR-Anwendung.