Marktentwicklung: Raffiniertes Palmöl (CN 151190) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für den Zollcode 151190, der raffiniertes Palmöl und seine Fraktionen (ausgenommen rohes Palmöl) umfasst. Der CN-Code 151190 ist ein Sammelcode, der vier Untergliederungen zusammenfasst: flüssige Fraktionen für technische und industrielle Zwecke (15119091), feste Fraktionen über 1 kg (15119019), flüssige Fraktionen vorwiegend für Lebensmittelzwecke (15119099) sowie feste Fraktionen in Kleinstverpackungen (15119011).
Der Untersuchungszeitraum ist durch drei zentrale Entwicklungen gekennzeichnet: einen dramatischen Preisanstieg bei gleichzeitigem Rückgang der Einfuhrmengen, eine substanzielle Verschiebung der Produktsegmente weg von industriellen hin zu lebensmittelrelevanten Fraktionen sowie eine steigende Importabhängigkeit der EU trotz wachsender inländischer Produktion. Die Handelsdaten umfassen 11 vollständige Berichtsjahre von 2015 bis 2025.
1. Preis-Mengen-Divergenz und segmentaler Strukturwandel
Der ausgeprägte Gegentrend zwischen Volumen und Werten
Die auffälligste Entwicklung im EU-Palmölhandel der letzten Dekade ist ein durchgehender Gegentrend zwischen Handelsvolumina und -werten. Die Einfuhrmengen sanken von 1.778.787 t im Jahr 2015 auf 1.462.022 t im Jahr 2025 (−17,8 %). Im gleichen Zeitraum stieg der Importwert von 1.194 Mio. EUR auf 1.717 Mio. EUR (+43,8 %). Der durchschnittliche Einfuhrpreis erhöhte sich von 671 EUR/t auf 1.175 EUR/t (+74,9 %).
| Kennzahl | 2015 | 2017 (Mengen-Max.) | 2019 (Preis-Min.) | 2022 (Wert-Max.) | 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Importvolumen (t) | 1.778.787 | 2.917.093 | 1.734.014 | 2.317.136 | 1.462.022 |
| Importwert (Mio. EUR) | 1.194 | 2.009 | 1.072 | 2.966 | 1.717 |
| Ø Importpreis (EUR/t) | 671 | 689 | 618 | 1.280 | 1.175 |
Die Preisentwicklung lässt sich in drei Phasen gliedern: eine Phase relativer Stabilität von 2015 bis 2019 (Preisspanne 618–689 EUR/t), einen sprunghaften Anstieg 2020/2021 (auf 904 EUR/t) und einen Höchststand 2022 bei 1.280 EUR/t. Der Preisdruck ab 2021 ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie, der temporäre indonesische Exportstopp im Frühjahr 2022 sowie gestiegene Energiekosten. Seit 2023 haben sich die Preise leicht normalisiert, bleiben aber strukturell deutlich über dem Vorkrisenniveau.
Auch bei den Exporten zeigt sich das gleiche Muster: Das Ausfuhrtvolumen fiel von 188.893 t (2015) auf 87.673 t (2025, −53,6 %), während der Exportpreis von 782 EUR/t auf 1.619 EUR/t stieg (+107,1 %). Der Exportwert blieb mit 142 Mio. EUR (2025) nur leicht unter dem Niveau von 2015 (148 Mio. EUR, −3,9 %).
Segmentverschiebung: Industriepalmöl weicht lebensmittelrelevanten Fraktionen
Unter der aggregierten Oberfläche verbirgt sich eine substanzielle Verschiebung der Produktsegmente. Der mengenmäßige Anteil des industriell und technisch genutzten Palmöls (CN 15119091) an den Gesamteinfuhren sank von 51,5 % (2015) auf 23,9 % (2025). Parallel stieg der Anteil der lebensmittelrelevanten flüssigen Fraktionen (CN 15119099) von 21,0 % auf 40,7 %.
| Segment | Beschreibung | 2015 (t) | 2019 (t) | 2025 (t) | Änderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| 15119091 | Flüssige Fraktionen, technisch/industriell | 916.889 | 763.538 | 349.076 | −61,9 % |
| 15119019 | Feste Fraktionen, >1 kg | 487.723 | 584.149 | 517.586 | +6,1 % |
| 15119099 | Flüssige Fraktionen, Lebensmittel | 373.766 | 385.644 | 595.238 | +59,2 % |
| 15119011 | Feste Fraktionen, ≤1 kg | 410 | 683 | 122 | −70,2 % |
Der Zusammenbruch des Industriesegments (−61,9 %) ist maßgeblich auf die Umsetzung der EU-Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED II) zurückzuführen, die Palmöl als hoch-ILUC-Risiko-Bio-Kraftstoff einstuft und dessen Einsatz in der Biotreibstoffproduktion stufenweise einschränkt. Der Rückgang war besonders abrupt im Jahr 2019, als das Segment 15119091 von 1.670.737 t (2018) auf 763.538 t (2019) einbrach — ein Rückgang von 54 % in nur einem Jahr. Die feste Fraktion (15119019) blieb hingegen über den gesamten Zeitraum bemerkenswert stabil (488.000–627.000 t), während die lebensmittelbezogene flüssige Fraktion (15119099) um 59 % wuchs.
Das Handelsbilanzdefizit: Preis- statt Mengeneffekt
Das Handelsbilanzdefizit hat sich von 1.047 Mio. EUR (2015) auf 1.575 Mio. EUR (2025) ausgeweitet (+50,5 %). Besonders bemerkenswert ist die Dynamik innerhalb des Beobachtungszeitraums:
| Jahr | Handelsbilanz (Mio. EUR) |
|---|---|
| 2015 | −1.047 |
| 2019 | −915 (geringstes Defizit) |
| 2022 | −2.731 (größtes Defizit) |
| 2025 | −1.575 |
Der Tiefststand des Defizits lag 2019 bei −915 Mio. EUR — dem Jahr mit den niedrigsten Preisen und einem bereits deutlich gesunkenen Volumen. Der Höchststand wurde 2022 mit −2.731 Mio. EUR erreicht, was fast ausschließlich auf den Preisschock zurückzuführen ist: Das Volumen war 2022 mit 2.317.136 t sogar niedriger als 2017 (2.917.093 t), dennoch lag der Wert fast 50 % über dem von 2017. Die Preisentwicklung hat sich damit zum dominanten Treiber des Handelsdefizits entwickelt.
2. Südostasiatische Dominanz, Diversifizierung und geopolitische Verschiebungen
Indonesien und Malaysia als Rückgrat der EU-Versorgung
Indonesien und Malaysia dominieren die Einfuhren der EU in raffiniertem Palmöl weiterhin klar. Im Jahr 2025 entfielen auf Indonesien 805 Mio. EUR (46,9 % des Importwerts) und auf Malaysia 715 Mio. EUR (41,6 %). Zusammen deckten diese beiden Länder damit 88,5 % der EU-Einfuhren ab.
| Lieferant | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Indonesien | 779 | 805 | +3,3 % |
| Malaysia | 344 | 715 | +107,9 % |
| Vereinigtes Königreich | 9 | 44 | +394,2 % |
| Papua-Neuguinea | 32 | 2 | −94,3 % |
| Kolumbien | 7 | 15 | +108,4 % |
| Elfenbeinküste | 9 | 6 | −36,6 % |
Malaysia hat seinen Anteil an den EU-Importen zwischen 2015 und 2025 mehr als verdoppelt — sowohl infolge gestiegener Weltmarktpreise als auch einer möglichen Umverteilung der Lieferströme nach dem indonesischen Exportstopp 2022, der Malaysia kurzfristig bevorzugte.
Neue Akteure und Diversifierungsbestrebungen
Auffällig ist der Aufstieg des Vereinigten Königreichs als Importquelle: von 9 Mio. EUR (2015) auf 44 Mio. EUR (2025, +394,2 %). Da das UK selbst kein Palmöl produziert, handelt es sich hierbei überwiegend um Re-Exporte. Seit dem Brexit werden Lieferungen, die zuvor innerhalb des EU-Binnenmarkts als Intra-EU-Transit galten, nun als Extra-EU-Handel erfasst — ein statistischer Effekt, der den realen Handelsfluss nicht notwendigerweise verändert, aber die Datenbasis verschiebt.
Gleichzeitig ist Papua-Neuguinea als Lieferant fast vollständig vom Markt verschwunden (von 32 Mio. EUR auf 2 Mio. EUR, −94,3 %). Kolumbien (+108,4 %) hat seine Lieferungen an die EU hingegen verdoppelt und positioniert sich als wachsender lateinamerikanischer Anbieter. Die Volatilität bei kleineren Lieferanten ist hoch: Der Variationskoeffizient für Importe aus Papua-Neuguinea beträgt 1,12, für Honduras 1,96 und für China sogar 2,55 — was diese Quellen als unzuverlässig und unstet kennzeichnet.
Exportmärkte: Russland weg, UK und Ukraine hinzu
Auf der Exportseite haben geopolitische Ereignisse die Handelsströme nachhaltig umgezeichnet:
| Bestimmungsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 55 | 84 | +53,9 % |
| Russische Föderation | 52 | 7 | −86,8 % |
| Serbien | 8 | 13 | +64,5 % |
| Ukraine | 1 | 8 | +1.107 % |
| Uruguay | 13 | 2 | −88,0 % |
| Schweiz | 7 | 2 | −74,2 % |
Russland war 2015 noch der zweitwichtigste Exportmarkt der EU. Durch die Sanktionen nach dem Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 brachen die EU-Exporte dorthin dramatisch ein (−86,8 %). Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte stieg von 2.744 (2015) auf 3.680 (2025, +34,1 %), was die zunehmende Konzentration auf weniger Bestimmungsländer widerspiegelt. Parallel dazu sank der HHI für Importe von 5.095 auf 4.208 (−17,4 %) — eine leichte, aber erkennbare Diversifizierung der Bezugsquellen.
3. Wachsende Verwundbarkeit trotz expandierender EU-Inlandsproduktion
EU-Inlandsproduktion: Wertexpansion bei moderater Mengenentwicklung
Die Produktion von raffiniertem Palmöl innerhalb der EU ist im Beobachtungszeitraum mengenmäßig um 28,4 % gestiegen — von rd. 1.235.069 t (2015) auf rd. 1.585.386 t (2025). Der Produktionswert stieg jedoch weit stärker, um 135,0 % — von 753 Mio. EUR auf 1.771 Mio. EUR. Der maximale Produktionswert wurde mit 2.507 Mio. EUR in einem Zwischenjahr erreicht, was auf eine Phase intensiver Verarbeitungstätigkeit und hoher Margen in der Mitte des Beobachtungszeitraums hindeutet. Der maximale Produktionswert liegt damit rd. 42 % über dem Schlussjahr.
Diese Divergenz zwischen Mengen- (+28 %) und Wertentwicklung (+135 %) spiegelt die gestiegenen Inputkosten wider: EU-Raffinerien verarbeiten importiertes Rohpalmöl (CN 151110) zu höherwertigen Produkten, und der Rohstoffpreis treibt den Outputwert unmittelbar nach oben, ohne dass die verarbeiteten Mengen im gleichen Maße zugenommen haben.
Steigende Netto-Importabhängigkeit als strukturelle Herausforderung
Trotz der gewachsenen Inlandsproduktion hat sich die Netto-Importabhängigkeit der EU deutlich erhöht:
| Kennzahl | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | 35,7 % | 19,6 % | 55,0 % | 48,7 % | +36,4 % |
Der Anstieg von 35,7 % auf 48,7 % (+36,4 %) bedeutet, dass der inländische Bedarf zunehmend durch Importe gedeckt wird, obwohl die heimische Produktion nominal gestiegen ist. Der Höchststand von 55,0 % (vermutlich im Jahr 2022) unterstreicht die Verwundbarkeit der EU gegenüber Preis- und Lieferengpässen auf dem Weltmarkt. Der historische Tiefststand von 19,6 % fiel vermutlich in ein Jahr mit besonders hoher EU-Produktion, als die inländische Verarbeitungskapazität stärker ausgelastet war.
Das Handelsintensitätsverhältnis stieg im selben Zeitraum von 41,9 % auf 56,1 % (+33,9 %), was die zunehmende Einbindung der EU in den globalen Palmölmarkt bestätigt. Die Exportneigung erhöhte sich von 6,1 % auf 10,0 % (+65,1 %) und weist mit einem Salienz-Score von 105,1 die höchste Auffälligkeit unter den Vulnerabilitätsindikatoren auf. Die EU fungiert somit zunehmend als Verarbeitungs- und Umschlagplatz: Sie importiert große Mengen Rohstoff, raffiniert und fraktioniert diese und exportiert einen Teil der veredelten Produkte in Drittländer.
Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass die EU-Mitgliedstaaten höchst unterschiedlich in den Palmölhandel eingebunden sind:
| EU-Mitgliedstaat | RSCA | RCA | Anteil an EU-Produktion | Anteil am EU-Handel |
|---|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,606 | 4,08 | 7,0 % | 1,7 % |
| Niederlande | 0,581 | 3,78 | 54,8 % | 14,5 % |
| Italien | 0,213 | 1,54 | 12,4 % | 8,0 % |
| Spanien | 0,036 | 1,08 | 6,2 % | 5,8 % |
| Griechenland | −0,202 | 0,66 | 0,4 % | 0,7 % |
| Frankreich | −0,972 | 0,01 | 0,1 % | 7,8 % |
Die Niederlande dominieren mit 54,8 % des EU-Produktionsvolumens und sind der zentrale europäische Palmöl-Hub. Italien ist mit rd. 593 Mio. EUR der größte EU-Importeur (+20,5 % gegenüber 2015), gefolgt von den Niederlanden (363 Mio. EUR, +179,1 % — nahezu eine Verdreifachung) und Deutschland (130 Mio. EUR, +136,6 % — mehr als eine Verdopplung). Spanien hingegen reduzierte seine Einfuhren von 204 Mio. EUR auf 125 Mio. EUR (−38,7 %). Frankreich ist trotz eines extrem niedrigen Spezialisierungsindex (RSCA: −0,97) mit rd. 7,8 % am EU-Handel beteiligt — ein Hinweis darauf, dass der französische Palmölmarkt überwiegend konsum- statt produktionsgetrieben ist.
Fazit
Der EU-Markt für raffiniertes Palmöl (CN 151190) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei Dimensionen grundlegend verändert:
Erstens hat die Preis-Mengen-Divergenz die ökonomische Dynamik des Handels neu definiert. Die Verdopplung der durchschnittlichen Einfuhrpreise hat das Handelsbilanzdefizit trotz rückläufiger Volumina um über 50 % anwachsen lassen. Der Preisschock von 2021/2022 — verursacht durch Pandemienachwirkungen und den temporären indonesischen Exportstopp — hat ein neues Preisniveau etabliert, das sich bis 2025 nur teilweise normalisiert hat.
Zweitens vollzieht sich ein substanzieller Strukturwandel in den Produktsegmenten. Der EU-weite Rückgang der Palmölnutzung in Biotreibstoffen im Rahmen der RED II hat das industrielle Segment (15119091) um über 60 % schrumpfen lassen — von 52 % auf 24 % des Einfuhrvolumens. Gleichzeitig sind die lebensmittelrelevanten Fraktionen (15119099) von 21 % auf 41 % gewachsen, was auf die anhaltende und möglicherweise zunehmende Bedeutung von Palmöl in der europäischen Lebensmittelindustrie hindeutet.
Drittens ist die Verwundbarkeit der EU trotz gewachsener Inlandsproduktion gestiegen. Die Netto-Importabhängigkeit erhöhte sich von 36 % auf 49 %. Die EU bleibt strukturell von südostasiatischen Lieferanten abhängig, wobei sich die Bezugsquellen leicht diversifiziert haben. Geopolitische Umbrüche — insbesondere der Wegfall Russlands als zweitwichtigster Exportmarkt und der statistische Effekt des Brexits auf die Importerfassung — haben die Handelsströme nachhaltig verändert.
Die Daten legen nahe, dass die EU trotz politischer Bemühungen um Nachhaltigkeit und Diversifizierung in den Grundstrukturen ihres Palmölhandels verwundbar bleibt — sowohl hinsichtlich der Preisentwicklung auf den Weltmärkten als auch der Lieferantenabhängigkeit von Indonesien und Malaysia, die zusammen nahezu 90 % der EU-Einfuhren abdecken.