Marktentwicklung: Perlen und Edelsteine (CN 7116) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zollcode 7116 — „Waren aus echten Perlen oder Zuchtperlen, aus Edelsteinen oder Schmucksteinen, natürlichen, synthetischen oder rekonstituierten, a.n.g." — im Zeitraum 2015 bis 2025. Der Code umfasst zwei Unterkapitel: Waren aus Edelsteinen und Schmucksteinen (711620) sowie Waren aus echten Perlen oder Zuchtperlen (711610). Die Analyse basiert auf den bereitgestellten Handelsdaten für den EU-Außenhandel (Übersicht).
1. Strukturelle Aufwertung: Die EU vom Nettoimporteur zum zunehmend wettbewerbsfähigen Exporteur
1.1 Das Handelsdefizit schrumpft deutlich
Der EU-Außenhandel mit Perlen- und Edelsteinwaren war über den gesamten Zeitraum durch ein Handelsdefizit gekennzeichnet, das sich jedoch signifikant verringert hat:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importe (EUR) | 115,6 Mio. | 182,8 Mio. | +58,1 % |
| Exporte (EUR) | 72,7 Mio. | 163,5 Mio. | +124,9 % |
| Handelsbilanz (EUR) | −42,9 Mio. | −19,3 Mio. | +55,0 % |
Die Handelsübersicht zeigt, dass die Exporte mit einer Wachstumsrate von rund 125 % deutlich schneller wuchsen als die Importe (+58 %). Im Jahr 2022 erreichte das Defizit mit −14,2 Mio. EUR seinen kleinsten Wert im gesamten Betrachtungszeitraum, bevor es sich 2023–2025 wieder leicht ausweitete.
1.2 Volumen- und Preisentwicklung: Gegenläufige Dynamiken
Die Mengenentwicklung bei Importen und Exporten verlief zwar in beide Richtungen steigend, aber mit sehr unterschiedlicher Preisimplikation:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importmenge (t) | 732,4 | 2.196,4 | +199,9 % |
| Exportmenge (t) | 82,2 | 167,5 | +103,8 % |
| Importpreis (EUR/t) | 143.162 | 76.442 | −46,6 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 866.028 | 966.311 | +11,6 % |
Die Importe stiegen mengenmässig fast um das Dreifache, fielen im Preis pro Tonne jedoch um fast die Hälfte. Dies deutet auf eine Verschiebung der Importzusammensetzung hin: Volumenmässig dominierende, preisgünstigere Waren (insbesondere Edelsteinprodukte aus Schwellenländern) verdrängten teurere Perlenprodukte. Die Exporte hingegen konnten sowohl Volumen als auch Einheitspreis steigern, was auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte hindeutet — die EU exportiert tendenziell hochwertigere Waren zu höheren Preisen.
1.3 Belgiens und Frankreichs Rolle als Exportmotoren
Unter den EU-Mitgliedstaaten zeichnen sich zwei Länder als dominierende Exportakteure ab:
| Land | Exporte 2015 (EUR) | Exporte 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 16,9 Mio. | 76,6 Mio. | +353,0 % |
| Belgien | 0,09 Mio. | 12,3 Mio. | +13.875 % |
| Deutschland | 14,6 Mio. | 20,5 Mio. | +40,4 % |
| Italien | 6,7 Mio. | 12,1 Mio. | +80,4 % |
| Irland | 22,2 Mio. | 29,2 Mio. | +31,8 % |
Frankreichs Exporte vervierfachten sich nahezu und machen 2025 fast die Hälfte aller EU-Exporte aus. Die Spezialisierungsdaten bestätigen Belgiens Sonderrolle mit einem RCA-Wert von 5,84 und einem RSCA von 0,71 — Indikatoren einer starken komparativen Spezialisierung, die auf den Diamantenhandel über Antwerpen zurückzuführen ist. Die EU-Produktion stieg im selben Zeitraum von 193 Mio. EUR auf rund 350 Mio. EUR (+81,2 %).
2. Partnerlandschaft im Wandel: Asien als Rohstofflieferant, Schweiz und USA als Schlüsselmärkte
2.1 Importpartner: China dominiert, Thailand als neuer Akteur
Die EU bezieht Perlen- und Edelsteinwaren überwiegend aus Asien:
| Partnerland | Importe 2015 (EUR) | Importe 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 58,0 Mio. | 79,0 Mio. | +36,3 % |
| Thailand | 2,7 Mio. | 28,1 Mio. | +922,3 % |
| Indien | 3,8 Mio. | 6,0 Mio. | +57,4 % |
| Hongkong | 14,9 Mio. | 3,1 Mio. | −79,2 % |
| Brasilien | 1,2 Mio. | 2,7 Mio. | +118,9 % |
China blieb mit Abstand der grösste Lieferant, doch die spektakulärste Veränderung vollzog sich bei Thailand, dessen Exporte an die EU von 2,7 Mio. EUR auf 28,1 Mio. EUR explodierten — ein Anstieg um über 922 %. Thailand hat sich damit vom Nebenspieler zum zweitwichtigsten Importpartner entwickelt. Die Länderdaten zeigen, dass Thailand dabei einen Höchstwert von 78,4 Mio. EUR (2022) erreichte, bevor der Wert 2025 wieder auf 28,1 Mio. EUR zurückging. Gleichzeitig sanken die Importe aus Hongkong um fast 80 % — ein Hinweis auf eine Verlagerung des Handelsflusses innerhalb Asiens.
2.2 Exportziele: Diversifizierung über den Nahen Osten und Asien
Auf der Exportseite hat die EU ihre Absatzmärkte deutlich diversifiziert:
| Partnerland | Exporte 2015 (EUR) | Exporte 2025 (EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 28,5 Mio. | 42,9 Mio. | +50,4 % |
| Schweiz | 14,9 Mio. | 39,5 Mio. | +164,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 11,8 Mio. | 18,8 Mio. | +58,6 % |
| Türkei | 0,6 Mio. | 12,5 Mio. | +2.011 % |
| Japan | 0,6 Mio. | 8,6 Mio. | +1.330 % |
| China | 0,9 Mio. | 8,4 Mio. | +807 % |
| Mexiko | 0,3 Mio. | 1,7 Mio. | +505 % |
Die USA blieben das grösste Einzelexportziel, doch die Schweiz schloss 2025 nahezu gleichauf. Besonders auffällig sind die exorbitanten Wachstumsraten bei der Türkei (+2.011 %), Japan (+1.330 %) und China (+807 %), die von niedrigen Basiswerten ausgingen. Diese Entwicklung spiegelt die steigende globale Nachfrage nach luxuriösen Schmuckwaren wider. Die Konkentrationsdaten zeigen, dass der HHI bei Exporten von 2.411 auf 1.607 sank, was eine zunehmende Diversifizierung der Exportmärkte bestätigt.
2.3 Die Edelstein-Unterkategorie dominiert das Handelsvolumen
Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass die Unterkategorie 711620 (Waren aus Edelsteinen/Schmucksteinen) sowohl bei Importen als auch bei Exporten dominant ist:
| Kennzahl | 711620 (Edelsteine) | 711610 (Perlen) |
|---|---|---|
| Importmenge 2025 | 2.139,7 t | 56,8 t |
| Importwert 2025 | 170,6 Mio. EUR | 12,2 Mio. EUR |
| Exportwert 2025 | 157,1 Mio. EUR | 6,4 Mio. EUR |
Die Importe der Edelsteinkategorie verdreifachten sich mengenmässig (von 687 t auf 2.140 t), während die Perlenkategorie mengenmässig relativ stabil blieb (45 t → 57 t). Der Perlenhandel zeigt jedoch erhebliche Preisschwankungen: Der Exportpreis pro Tonne schwankte zwischen 103.273 EUR/t (2020) und 1.428.443 EUR/t (2016), was auf die geringen Mengen und hohe Wertschwankungen einzelner Luxusperlen zurückzuführen ist.
3. Preisvolatilität und geopolitische Schocks prägen das Marktumfeld
3.1 Extreme Preisschwankungen bei Schlüsselpartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt bei mehreren Handelspartnern erhebliche Schwankungskoeffizienten (CV):
Höchste Volatilität bei Importen:
| Partner | CV |
|---|---|
| Marokko | 1,27 |
| Thailand | 1,06 |
| Vietnam | 0,93 |
| Indien | 0,62 |
Höchste Volatilität bei Exporten:
| Partner | CV |
|---|---|
| Russische Föderation | 1,64 |
| Schweiz | 1,05 |
| Türkei | 0,91 |
| Vereinigtes Königreich | 0,90 |
Ein CV über 1,0 bedeutet, dass die Standardabweichung den Mittelwert übersteigt — ein Indikator für extreme Instabilität. Bei Russland (CV 1,64 bei Exporten) und Marokko (CV 1,27 bei Importen) handelt es sich um besonders volatile Handelsbeziehungen.
3.2 Identifizierte Preis-Schocks
Die Schock-Analyse identifiziert drei signifikante Preis-Schocks:
| Ereignis | Flow | Abnormalität | Preissprung | Zeitpunkt | Anteil am Wert |
|---|---|---|---|---|---|
| Thailand | Importe | 15,1 | +213,0 % | 2021 | 26,8 % |
| Saudi-Arabien | Exporte | 20,5 | +191,5 % | 2023 | 0,7 % |
| Norwegen | Exporte | 13,0 | +73,8 % | 2023 | 1,8 % |
Der bedeutendste Schock betraf Thailand im Jahr 2021, als sich die Importpreise mehr als verdreifachten. Dieser Schock hatte mit einem Wertanteil von 26,8 % erhebliche Auswirkungen auf den gesamten EU-Importmarkt. In Thailand selbst schwankte der Importwert stark: von 2,7 Mio. EUR (2015) auf 78,4 Mio. EUR (2022) und wieder zurück auf 28,1 Mio. EUR (2025). Diese Dynamik könnte mit der COVID-19-Pandemie und deren Nachwirkungen auf globale Lieferketten sowie mit Preissprüngen bei bestimmten Edelsteinqualitäten zusammenhängen. Der Schock bei Saudi-Arabien (2023) betraf lediglich 0,7 % des Exportwertes und hatte daher begrenzte systemische Relevanz.
3.3 Abnehmende Handelskonzentration als Stabilisierungsfaktor
Trotz der individuellen Volatilität zeigt der Herfindahl-Hirschman-Index eine positive strukturelle Entwicklung:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 2.934 | 2.405 | −18,0 % |
| HHI Exporte (Wert) | 2.411 | 1.607 | −33,4 % |
Der Rückgang des HHI bei den Exporten um über 33 % ist bemerkenswert: Die EU verteilt ihre Exporte zunehmend auf mehr Märkte, was die Abhängigkeit von einzelnen Partnern reduziert. Bei den Importen sank die Konzentration ebenfalls, wenngleich weniger stark. Dies deutet auf eine strategische Diversifizierung der Beschaffungs- und Absatzstrukturen hin, die als Puffer gegen künftige Schocks wirken kann.
Schlussfolgerung
Der EU-Außenhandel mit Perlen- und Edelsteinwaren (CN 7116) hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei zentrale Entwicklungen prägen das Bild:
Erstens hat die EU ihre Position als Exporteur erheblich gestärkt. Die Exporte mehrten sich um über 125 %, das Handelsdefizit halbierte sich nahezu. Die EU exportiert dabei zunehmend hochwertigere Waren zu höheren Einheitspreisen, was auf eine Verlagerung hin zu veredelten Produkten schliessen lässt. Frankreich und Belgien sind die treibenden Kräfte dieser Entwicklung.
Zweitens hat sich die Handelslandschaft verschoben. Thailand hat sich als zweitwichtigster Importpartner neben China etabliert, während Hongkong an Bedeutung verlor. Auf der Exportseite diversifizierte sich die EU in Richtung Türkei, Japan und China, was die Abhängigkeit vom US-amerikanischen Markt mildert.
Drittens bleibt das Marktumfeld volatil. Extreme Preisschwankungen bei Thailand, Russland und Marokko sowie identifizierte Schocksereignisse zeigen, dass der Perlen- und Edelsteinhandel anfällig für geopolitische und pandemiebedingte Störungen ist. Die gleichzeitig sinkende Handelskonzentration bietet jedoch ein gewisses Mass an struktureller Resilienz. Der Netto-Import-Abhängigkeitsindikator, der von −118 % auf −305 % sank, bestätigt die zunehmende Exportstärke der EU in diesem Segment — die Union ist heute ein deutlich stärkerer Nettoexporteur als noch vor einem Jahrzehnt.