Marktentwicklung: Mischungen aromatischer Kohlenwasserstoffe, bei deren Destillation nach ASTM D 86 bis 250°C einschl. der Destillationsverluste mindestens 65 RHT übergehen (ausg. chemisch einheitliche Verbindungen) (CN 270750) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 270750 — Mischungen aromatischer Kohlenwasserstoffe — im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt fällt unter die übergeordnete Position 2707, die Öle und andere Erzeugnisse der Destillation des Hochtemperatur-Steinkohlenteers umfasst, und bildet innerhalb dieser Position die Residualkategorie — also alle aromatischen Kohlenwasserstoffgemische, die nicht den spezifischeren Unterpositionen (Benzole, Toluole, Xylole, Naphthalin, Kreosotöle) zugeordnet sind. Auf Prodcom-Ebene entspricht dies dem Code 20.14.73.40 (Naphthalin und andere Mischungen aromatischer Kohlenwasserstoffe, ohne Benzol, Toluol und Xylol).
Der untersuchte Zeitraum ist durch drei makroökonomische Zäsuren geprägt: die COVID-19-Pandemie (2020), die Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine (2022) und die anschließende Phase der Preisnormalisierung (2023–2025). Die Daten zeigen eine fundamentale Strukturverschiebung: Die EU verwandelte sich von einem Nettexporteur mit einem Überschuss von rund 657 Mio. € (2015) in einen Nettoimporteur mit einem Defizit von rund 193 Mio. € (2025). Diese Wandlung — bei gleichzeitigem Anstieg der heimischen Produktionsmengen — bildet den roten Faden der folgenden Analyse.
Vom Exporteur zum Importeur: Die fundamentale Neuausrichtung des EU-Außenhandels
Der Niedergang der EU-Exporte
Die Ausfuhren der EU in Drittländer erlitten im Beobachtungszeitraum einen dramatischen Rückgang. Der Exportwert sank von 1,38 Mrd. € (2015) auf 1,00 Mrd. € (2025), was einem Rückgang von 27,4 % entspricht. Noch gravierender fiel der Mengenrückgang aus: Die exportierte Menge schrumpfte von 2,65 Mio. Tonnen auf 1,60 Mio. Tonnen (−39,6 %). Demgegenüber stiegen die Exportpreise um 20,3 % — von 523 €/t auf 628 €/t — was auf eine zunehmende Selektion hin zu höherwertigen Spezialmischungen hindeuten könnte.
Der Exportwert erreichte seinen Höhepunkt im Jahr 2017 mit 3,01 Mrd. € und einer Menge von 5,73 Mio. Tonnen. Ab 2018 setzte ein kontinuierlicher Rückgang ein, der seinen Tiefpunkt im Jahr 2023 mit nur noch 589 Mio. € fand. Die leichte Erholung auf 1,00 Mrd. € im Jahr 2025 deutet auf eine Stabilisierung hin, jedoch auf einem deutlich niedrigeren Niveau als noch vor einem Jahrzehnt.
| Jahr | Exportwert (Mio. €) | Exportmenge (t) | Exportpreis (€/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 1.382 | 2.645.216 | 523 |
| 2017 | 3.007 | 5.729.342 | 525 |
| 2020 | 831 | 2.409.228 | 345 |
| 2023 | 589 | 677.959 | 869 |
| 2025 | 1.003 | 1.596.712 | 628 |
Der Anstieg der EU-Importe
Parallel zum Exportrückgang verzeichneten die Einfuhren einen beachtlichen Anstieg. Der Importwert stieg von 725 Mio. € (2015) auf 1,20 Mrd. € (2025) — ein Zuwachs von 64,9 %. Die importierte Menge wuchs im gleichen Zeitraum von 1,39 Mio. Tonnen auf 1,79 Mio. Tonnen (+29,2 %). Die Importpreise folgten dem allgemeinen Markttrend und stiegen um 27,6 % von 523 €/t auf 667 €/t.
Besonders bemerkenswert ist der Preisanstieg im Jahr 2022, als der durchschnittliche Importpreis auf 918 €/t kletterte — ein Anstieg, der die Energiekrise und die Unterbrechung russischer Lieferungen widerspiegelt. Die Handelsbilanz kehrte sich im Jahr 2019 erstmals ins Negative (−13,4 Mio. €), erreichte ihr maximales Defizit im Jahr 2022 mit −852 Mio. € und pendelte sich 2025 bei −193 Mio. € ein.
Die Verschiebung der Netto-Importabhängigkeit
Der Indikator der Netto-Importabhängigkeit veranschaulicht den Strukturwandel am deutlichsten. Im Jahr 2015 lag er bei −40,0 % — die EU exportierte deutlich mehr, als sie importierte. Im Jahr 2022 erreichte der Wert mit +22,3 % seinen höchsten Stand, bevor er sich 2025 bei +17,2 % einpendelte. Die Verschiebung um rund 57 Prozentpunkte innerhalb eines Jahrzehnts ist bemerkenswert und spiegelt sowohl den Rückgang traditioneller Exportmärkte als auch die steigende Nachfrage nach Importen aus neuen Quellen wider.
| Indikator | 2015 | 2019 | 2022 | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit (%) | −40,0 | +13,4 | +22,3 | +17,2 |
| Handelsintensität (%) | 70,8 | 56,0 | 42,8 | 57,0 |
| Exportquote (%) | 61,2 | 50,5 | 26,0 | 33,6 |
Umbruch bei den Handelspartnern: Russlands Lieferausfall und die türkische Lücke
Russlands vollständiger Rückgang als Importquelle
Die dynamischste Verschiebung auf der Importseite betrifft die Russische Föderation. Im Jahr 2015 beliefen sich die Importe aus Russland auf 200 Mio. € (200.000 t), stiegen bis 2019 sogar auf 279 Mio. € (570.000 t) und bildeten damit eine der wichtigsten Importquellen der EU. Bereits 2022 — dem Jahr der Invasion der Ukraine — halbierten sich die russischen Lieferungen auf 150 Mio. € (199.000 t). Im Jahr 203 sanken sie auf 1,8 Mio. €, 2024 auf lediglich 89.252 €, und 2025 verzeichnet die Statistik keinen Importwert mehr. Die durchschnittlichen Mengen der Baseline-Periode (2015–2022) lagen bei 468.000 t pro Jahr; nach dem vollständigen Lieferstopp betrug die Restmenge lediglich 0,2 % dieses Niveaus. Der Verlust dieser Quelle — rund ein Viertel der gesamten EU-Importe — musste durch andere Lieferanten kompensiert werden.
Die Türkei als neuer Hauptlieferant
Die Türkei entwickelte sich vom Nischenlieferanten zum dominanten Importpartner. Im Jahr 2015 importierte die EU aromatische Kohlenwasserstoffgemische im Wert von lediglich 27 Mio. € (63.000 t) aus der Türkei. Bis 2025 stieg dieser Wert auf 594 Mio. € (933.000 t) — ein Anstieg von 2.062 %. Die Türkei übernahm damit die Rolle, die zuvor Russland und Großbritannien gespielt hatten. Im selben Zeitraum fielen die Importe aus Großbritannien von 231 Mio. € auf 177 Mio. € (−23,5 %), wodurch die Türkei zum mit Abstand wichtigsten EU-Importpartner aufstieg. Im Jahr 2025 machten türkische Lieferungen bereits rund 50 % der gesamten EU-Importe nach Wert aus.
| Partner | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2022 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| Türkei | 27 | 698 | 594 | +2.062 % |
| Vereinigtes Königreich | 231 | 562 | 177 | −23,5 % |
| Russische Föderation | 200 | 150 | 0 | −100 % |
| Aserbaidschan | 0 | 23 | 34 | n.a. |
| Norwegen | 48 | 18 | 20 | −58,9 % |
Der Zusammenbruch der traditionellen Exportmärkte
Auf der Exportseite vollzog sich ein ähnlich dramatischer Wandel, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. China war 2015 das mit Abstand wichtigste Exportziel der EU mit einem Volumen von 607 Mio. € (1,16 Mio. t). Im Jahr 2017 erreichten die Exporte nach China sogar 1,29 Mrd. € — ein historischer Höchststand. Danach brachen sie ein: 2021 waren es nur noch 2,2 Mio. €, 2025 gerade 2,5 Mio. €. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Singapur (von 165 Mio. € auf 1,8 Mio. €) und Malaysia (von 114 Mio. € auf praktisch null). Die Exportkonzentration (HHI) sank von 2.441 (2015) auf 1.794 (2025), was auf eine stärkere Diversifizierung der Exportstruktur hindeutet — wenngleich dies primär ein Effekt des Wegfalls der großen Abnehmer war.
Demgegenüber stiegen die Exporte nach Gibraltar von 14 Mio. € (2015) auf 352 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 2.340 % entspricht. Gibraltar fungiert hierbei wahrscheinlich primär als Umschlagplatz. Die EU-Mitgliedstaaten mit den größten Exportverlusten waren die Niederlande (von 983 Mio. € auf 210 Mio. €, −78,6 %), während Frankreich seine Exporte von 0,2 Mio. € auf 133 Mio. € steigern konnte.
Marktstruktur, Schocks und Preisvolatilität
Steigende Importkonzentration und regionale Spezialisierung
Die Importkonzentration gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) stieg im Wert von 2.476 (2015) auf 4.008 (2025) — ein Anstieg von 61,9 %. Ein HHI über 2.500 gilt bereits als hochkonzentriert; der Wert von 4.008 signalisiert eine extreme Abhängigkeit von wenigen Lieferländern. Dies ist in erster Linie auf den Aufstieg der Türkei als dominierenden Partner zurückzuführen.
Innerhalb der EU zeigt die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 ein heterogenes Bild. Die am stärksten spezialisierten Mitgliedstaaten sind:
| Land | RSCA | RCA | Anteil Produktion | Anteil EU-Handel |
|---|---|---|---|---|
| Schweden | 0,644 | 4,62 | 11,1 % | 2,4 % |
| Dänemark | 0,574 | 3,69 | 6,4 % | 1,7 % |
| Slowakei | 0,423 | 2,47 | 5,2 % | 2,1 % |
| Finnland | 0,391 | 2,29 | 2,3 % | 1,0 % |
| Portugal | 0,332 | 2,00 | 2,8 % | 1,4 % |
Deutschland und die Niederlande, die zusammen rund 40 % der EU-Produktion ausmachen, weisen lediglich moderate Spezialisierungswerte auf (RSCA 0,06 bzw. 0,06). Die EU-Produktionsmenge stieg von 2,68 Mrd. Tonnen (2015) auf 4,00 Mrd. Tonnen (2025, Schätzung), der Produktionswert von 1,30 Mrd. € auf 2,40 Mrd. €. Dieser Anstieg steht im Widerschein zum Rückgang der Exporte und legt nahe, dass ein wachsender Teil der Produktion im Binnenmarkt verbleibt oder die Zusammensetzung der Exporte sich verändert hat.
Energiekrise 2022: Preisvolatilität und Schocks
Die Analyse der Preisvolatilität zeigt, dass das Jahr 2022 einen deutlichen Preischock darstellte. Bei den Importen aus Großbritannien verdoppelten sich die Preise im Vergleich zur Baseline (2020–2021) von 444 €/t auf 922 €/t (+108 %), wobei die Mengen leicht anstiegen. Bei norwegischen Importen stiegen die Preise von 423 €/t auf 795 €/t (+88 %), während die Mengen auf 18 % der Baseline einbrachen. Importe aus der Türkei zeigten eine ähnliche Preisverschiebung um +69 % im Zeitraum 2021–2022.
Auf der Exportseite war der Preischock bei Lieferungen nach Singapur am extremsten: Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen von 434 €/t (Baseline 2020–2021) auf 1.990 €/t im Jahr 2022 (+358 %), während die Mengen praktisch auf null fielen. Dies deutet auf sporadische Restsendungen zu überhöhten Preisen hin, möglicherweise im Kontext der globalen Energieknappheit.
| Schock-Event | Richtung | Preisverschiebung | Mengenverschiebung | Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Singapur | Export | +358 % | −100 % | 2022 |
| Indonesien | Export | +175 % | −100 % | 2019 |
| Großbritannien | Import | +108 % | +6 % | 2022 |
| Norwegen | Import | +88 % | −82 % | 2022 |
| Türkei | Import | +69 % | +6 % | 2021–2022 |
Die Volatilitätsanalyse nach Handelspartner (Variationskoeffizient der Mengen) zeigt, dass die Importseitig die Lieferungen aus den USA (CV 0,81), der Ukraine (0,93), Libyen (0,98) und Saudi-Arabien (0,92) am instabilsten waren. Auf der Exportseite weisen Indoneasien (CV 2,22), Nigeria (1,78), Kanada (1,50) und Singapur (1,48) die höchsten Schwankungen auf. Diese hohe Volatilität unterstreicht die Fragilität bestimmter Handelsbeziehungen in diesem Produktsegment.
Schlussfolgerung
Die Marktentwicklung von CN 270750 im Zeitraum 2015–2025 lässt sich als eine Geschichte dreier ineinandergreifender Transformationen zusammenfassen.
Erstens vollzog sich ein fundamentaler Strukturwandel der Handelsbilanz: Die EU wandelte sich von einem bedeutenden Nettexporteur (Überschuss +657 Mio. € im Jahr 2015) zu einem Nettoimporteur (Defizit −193 Mio. € im Jahr 2025). Dieser Wandel wurde sowohl durch den Zusammenbruch der Exportmärkte in Ostasien — insbesondere China (−99,6 %) — als auch durch den gleichzeitigen Anstieg der Importe aus der Türkei (+2.062 %) getrieben.
Zweitens führte der vollständige Ausfall russischer Lieferungen — von 200 Mio. € jährlich auf null — zu einer erheblichen Umstrukturierung der Importquellen. Die Türkei sprang als neuer Hauptlieferant ein, was die Importkonzentration (HHI) von 2.476 auf 4.008 ansteigen ließ. Diese hohe Konzentration birgt ein erhebliches geopolitisches Risiko, sollte die türkische Lieferfähigkeit oder -bereitschaft eingeschränkt werden.
Drittens unterstrichen die Preisvolatilität und die identifizierten Schocks — insbesondere im Krisenjahr 2022 — die Anfälligkeit des Marktes für exogene Störungen. Gleichzeitig stieg die EU-Produktion um rund 50 %, was darauf hindeutet, dass die heimische Kapazität grundsätzlich vorhanden ist, das Handelsmuster sich jedoch aufgrund von Preis- und Wettbewerbsfaktoren zugunsten von Importen verschoben hat. Die strategische Frage für die kommenden Jahre wird sein, ob die EU ihre Exportposition in Asien zurückgewinnen kann oder ob die Abhängigkeit von wenigen Importquellen weiter zunimmt.