Marktentwicklung: Steinkohlenteeröl (CN 270799) — 2015–2025
Einleitung
Der Zollcode 270799 erfasst Öle und andere Erzeugnisse der Destillation des Hochtemperatur-Steinkohlenteers sowie ähnliche Erzeugnisse, in denen die aromatischen Bestandteile gewichtsmäßig überwiegen — mit Ausnahme chemisch einheitlicher Verbindungen, der Benzole/Toluole/Xylole/Naphthalin-Mischungen (Unterpos. 2707.50) sowie Kreosotöle. Es handelt sich dabei um eine Restposition (residual heading), die eine Vielzahl von Subprodukten der Steinkohlenteerverarbeitung bündelt, darunter Leichtöle, rohe Teeröle, Anthracen, Pyridinbasen, Phenole sowie diverse aromatische Destillate.¹
Im Zeitraum 2015 bis 2025 hat sich der EU-Handel mit diesem Produkt grundlegend transformiert. Die Europäische Union entwickelte sich von einem Nettimporteurein zu einem dominanten Nettoexporteurein, mit einer sprunghaften Steigerung der Exporte um über 2.000 % (Wert) bzw. über 1.100 % (Menge). Diese Entwicklung verlief nicht linear, sondern wurde von geopolitischen Schocks, Pandemieeffekten und einer drastischen Neuausrichtung der Handelspartnerschaften geprägt. Der vorliegende Bericht analysiert die zentralen Dynamiken dieses Wandels anhand von Handels-, Konzentrations- und Produktionsdaten der EU.
¹ Produktdetails und Gliederung auf dem Trade Dashboard
I. Vom Importeur zum Exporteur: Die dramatische Umkehr der EU-Handelsposition
Der Handelsüberschuss wuchs von einem Defizit von 740 Mio. € zu einem Überschuss von über 5,5 Mrd. €
Die fundamentalste Veränderung im Markt für CN 270799 ist die vollständige Umkehr der EU-Handelsbilanz. Im Jahr 2015 betrug der Handelssaldo (Exporte minus Importe) noch −739,7 Mio. € — die EU importierte also deutlich mehr als sie exportierte. Bereits 2017 kippte die Bilanz ins Positive, und 2025 belief sich der Überschuss auf +5.531,6 Mio. €. Der Höhepunkt wurde 2022 mit +7.310,2 Mio. € erreicht.
| Jahr | Exporte (Mio. €) | Importe (Mio. €) | Saldo (Mio. €) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 439,8 | 1.179,4 | −739,7 |
| 2016 | 567,3 | 689,6 | −122,3 |
| 2017 | 3.288,2 | 1.239,1 | +2.049,1 |
| 2018 | 4.467,7 | 2.198,2 | +2.269,5 |
| 2019 | 3.882,5 | 2.470,4 | +1.412,1 |
| 2020 | 3.362,9 | 2.750,1 | +612,8 |
| 2021 | 6.109,7 | 5.830,6 | +279,1 |
| 2022 | 10.224,8 | 4.869,0 | +5.355,8 |
| 2023 | 8.882,8 | 2.786,8 | +6.096,0 |
| 2024 | 10.777,3 | 3.467,2 | +7.310,2 |
| 2025 | 9.432,7 | 3.901,1 | +5.531,6 |
Handelsentwicklung auf dem Trade Dashboard
Die Exportexpansion übertraf das Importwachstum bei Weitem
Während die Exporte zwischen 2015 und 2025 um +2.045 % im Wert (von 439,8 Mio. € auf 9.432,7 Mio. €) stiegen, wuchsen die Importe im selben Zeitraum um lediglich +231 % (von 1.179,4 Mio. € auf 3.901,1 Mio. €). Mengenmäßig war die Differenz ähnlich gravierend: Die Exportmengen erhöhten sich von 1,7 Mio. Tonnen auf 21,2 Mio. Tonnen (+1.133 %), die Importmengen von 3,6 Mio. Tonnen auf 7,9 Mio. Tonnen (+123 %).
Besonders auffällig ist der Sprung zwischen 2016 und 2017: Die Exporte verfünffachten sich nahezu (von 567 Mio. € auf 3.288 Mio. €), was auf die rapide ausgeweitete EU-Produktionskapazität und die wachsende Nachfrage aus Asien und dem Mittleren Osten hindeutet.
Die Nettoimportabhängigkeit kehrte sich ins Extrem um
Der Indikator für Nettoimportabhängigkeit (Net Import Reliance) zeigt den Wandel besonders drastisch. Im Jahr 2015 lag die Abhängigkeit bei +15,6 % — die EU war auf Importe angewiesen. Im Jahr 2015 war der Peak bei +62,7 % (2015 im Verhältnis zu den Vorjahren), danach stürzte der Indikator in den negativen Bereich und erreichte 2023 einen Wert von −8.725 %, was die massive Exportdominanz der EU in diesem Segment unterstreicht.²
² Nettoimportabhängigkeit auf dem Trade Dashboard
II. Geopolitische Umwälzung: Russlands Importkollaps und die Diversifizierung der Bezugsquellen
Russland fiel von 2,5 Mrd. € auf nahezu null — ein Sanktions- und Embargoeffekt
Die mit Abstand einschneidendste geopolitische Veränderung im Importmarkt war der Zusammenbruch der russischen Lieferungen. Russland war 2015 mit 833,0 Mio. € der mit Abstand größte Importpartner der EU und stellte 2021 mit 2.540,4 Mio. € sogar mehr als die Hälfte aller Importe. Ab 2022 — im Kontext der EU-Sanktionen nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs — brachen die Importe aus Russland ein. 2023 beliefen sich die verbliebenen Lieferungen auf lediglich 439.748 €, und 2024/2025 waren praktisch keine Importe mehr verzeichnet.³
| Jahr | Importe aus Russland (Mio. €) | Anteil an Gesamtimporten |
|---|---|---|
| 2015 | 833,0 | 70,6 % |
| 2018 | 896,6 | 40,8 % |
| 2021 | 2.540,4 | 43,6 % |
| 2022 | 1.388,4 | 28,5 % |
| 2023 | 0,4 | ~0 % |
| 2024 | 0,0 | 0 % |
| 2025 | 0,0 | 0 % |
Partnerländer auf dem Trade Dashboard
Das Vereinigte Königreich und Saudi-Arabien füllen die Lücke
Der Wegfall Russlands als Importquelle wurde durch ein rasantes Wachstum aus anderen Quellen kompensiert. Das Vereinigte Königreich entwickelte sich zum mit Abstand wichtigsten Importpartner: von 44,2 Mio. € (2015) auf 1.511,8 Mio. € (2025), ein Anstieg von 3.324 %. Dieser Trend setzte bereits vor dem Brexit ein, wurde aber durch die geopolitische Neuorientierung nach 2022 verstärkt.
Saudi-Arabien trat als neuer relevanter Lieferant auf — von praktisch null (48.788 € in 2016) auf 351,1 Mio. € (2025). Auch die Vereinigten Staaten steigerten ihre Lieferungen an die EU von 13,1 Mio. € auf 336,2 Mio. €. Norwegen, das 2015 noch unbedeutend war (3.856 €), lieferte 2020 bereits 278,6 Mio. €, fiel danach aber wieder auf 88,4 Mio. € (2025) zurück. Irak trat ab 2023 als neuer Akteur auf und lieferte 2025 bereits 233,5 Mio. €.
Belarus — ein Aufstieg und Niedergang parallel zu Russland
Auch Belarus stellte 2021 Importe im Wert von 557,9 Mio. € bereit, brach danach jedoch aufgrund der parallelen Sanktionslage ebenfalls ein (2025: 2.306 €). Die Korrelation zwischen russischem und belarusischem Importverlauf legt nahe, dass Belarus teilweise als Transitroutefungierte.
Die Konzentration der Importe sank trotz Russlandverlust
Trotz des russischen Importschocks sank der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importkonzentration von 6.448 (2015) auf 2.252 (2025) — ein Rückgang um 65 %.⁴ Dies bedeutet paradoxerweise, dass die Importe nach dem Russlandausfall diversifizierter wurden: Wo zuvor ein einzelner Partner dominierte, verteilten sich die Importe 2025 auf mehrere Quellen (Vereinigtes Königreich, Saudi-Arabien, USA, Norwegen, Irak, Schweiz).
³ Konzentrationsdaten auf dem Trade Dashboard
⁴ Konzentration auf dem Trade Dashboard
III. Preisvolatilität und Schockereignisse: Geopolitische Krisen spiegeln sich in den Handelspreisen wider
Die EU-Produktionsmengen vervielfachten sich und trugen zur Exportdominanz bei
Die EU-Produktion von CN 270799-Produkten stieg von 1,17 Mrd. kg (2015, Tiefstwert) auf einen Höhepunkt von 8,59 Mrd. kg (2023), bevor sie 2024 auf 6,48 Mrd. kg zurückging. Der Produktionswert wuchs von 348 Mio. € (2016) auf 6,17 Mrd. € (2023). Diese Produktionsausweitung war die Grundlage für die Exportexpansion und den Übergang zur Nettoexporteureposition.⁵
Besonders die Jahre 2022 und 2023 zeigten eine außerordentliche Steigerung der Produktionsmengen (von 4,3 Mrd. kg auf 8,6 Mrd. kg), was zeitlich mit der Umorientierung nach dem Russland-Ausfall und den hohen Weltmarktpreisen korrespondierte.
Innerhalb der EU verfügten Lithauen (RSCA: 0,80), Finnland (0,79), Schweden (0,57), Belgien (0,25) und Dänemark (0,22) 2025 über die höchste Spezialisierung (Revealed Symmetric Comparative Advantage) bei diesem Produkt, während Luxemburg, Griechenland, Slowenien, Lettland und Kroatien keine nennenswerte Produktion aufwiesen.⁶
Produktionsvolumen auf dem Trade Dashboard
Spezialisierungskarte auf dem Trade Dashboard
Die Exportpreise stiegen weniger stark als die Exportmengen — ein mengengetriebenes Wachstum
Die durchschnittlichen Exportpreise entwickelten sich moderater als die Mengen: von 255 €/t (2015) auf 444 €/t (2025), also +74 %. Der Höchststand wurde 2022 mit 585 €/t erreicht, danach fielen die Preise wieder. Die Importpreise folgten einem ähnlichen Muster (332 €/t in 2015, Maximum 592 €/t in 2022, 491 €/t in 2025), was auf parallele Marktdynamiken bei Lieferanten und Nachfragern hindeutet.
| Jahr | Exportpreis (€/t) | Importpreis (€/t) |
|---|---|---|
| 2015 | 255 | 332 |
| 2016 | 235 | 236 |
| 2017 | 277 | 319 |
| 2018 | 336 | 373 |
| 2019 | 342 | 346 |
| 2020 | 259 | 235 |
| 2021 | 377 | 375 |
| 2022 | 585 | 591 |
| 2023 | 500 | 547 |
| 2024 | 496 | 516 |
| 2025 | 444 | 491 |
Identifizierte Preisschocks zeigen geopolitische Spiegelungen
Die Datenanalyse identifizierte mehrere signifikante Preisschocks:
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Türkei-Exporte 2018 (Anomalität: 75,1): Die Exportpreise in die Türkei verdoppelten sich nahezu von ~308 €/t auf 734 €/t, bei gleichzeitigem Rückgang der Mengen auf nur 2.412 Tonnen. Dies deutet auf qualitativ hochwertigere oder spezialisierte Chargen hin.⁷
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Norwegen-Importe 2017 (Anomalität: 12,3): Die norwegischen Einfuhren stiegen von 29 Tonnen (2016) auf 155.484 Tonnen (2017), wobei die Preise um 1.260 % anstiegen — ein klarer Schockeffekt, möglicherweise verbunden mit neuen Produktions- oder Verarbeitungskapazitäten.
-
UK-Exporte 2022 (Anomalität: 5,4): Die Exportpreise in das Vereinigte Königreich stiegen um 82 % auf 579 €/t, zeitgleich mit dem globalen Energiepreisschock nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.
-
US-Importe 2022 (Anomalität: 5,2): Die Importpreise aus den USA stiegen um 44 %, was den globalen Preisdruck in diesem Jahr widerspiegelt.
Volatilitäts- und Schockanalyse auf dem Trade Dashboard
Die Exportkonzentration sank drastisch — die EU exportiert heute weltweit diversifizierter
Der HHI für Exportkonzentration fiel von 5.213 (2015) auf 969 (2025) — ein Rückgang um 81 %.⁸ Während 2015 Singapore (313,3 Mio. €) und die nicht spezifizierten Gebiete (384.926 €) praktisch die gesamten EU-Exporte absorbierten, verteilten sich 2025 die Exporte auf ein breites Netz: Gibraltar (638,9 Mio. €), UK (487,8 Mio. €), USA (518,8 Mio. €), Marokko (326,9 Mio. €), Norwegen (329,9 Mio. €), Saudi-Arabien (308,4 Mio. €), Türkei (128,9 Mio. €) sowie diverse weitere Märkte.
Innerhalb der EU waren die Niederlande mit Abstand der wichtigste Exporteur (3.753,8 Mio. € in 2025), gefolgt von Belgien (1.980,3 Mio. €), Spanien (1.688,0 Mio. €), Dänemark (461,1 Mio. €), Schweden (540,5 Mio. €) und Estland (314,5 Mio. €).
Top-Reporter auf dem Trade Dashboard
⁵ Produktionsvolumen auf dem Trade Dashboard
⁶ Spezialisierung auf dem Trade Dashboard
⁷ Schockanalyse auf dem Trade Dashboard
⁸ Konzentration auf dem Trade Dashboard
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Steinkohlenteeröle (CN 270799) hat sich im Zeitraum 2015–2025 in dreifacher Hinsicht grundlegend gewandelt:
Erstens vollzog sich eine strukturelle Transformation der Handelsposition. Die EU wandelte sich von einem Nettoimporteurein (Saldo −740 Mio. €, 2015) zu einem dominanten Nettoexporteurein (Saldo +5.532 Mio. €, 2025). Dieser Wandel wurde durch eine massive Ausweitung der heimischen Produktion ermöglicht, die sich mengenmäßig mehr als verfünffachte.
Zweitens war die geopolitische Dimension prägend. Der vollständige Wegfall russischer und belarusischer Importe nach 2021/2022 — zuvor zusammen für über 3 Mrd. € jährlich verantwortlich — stellte eine tektonische Verschiebung dar. Die EU bewältigte diesen Schock durch erfolgreiche Diversifizierung auf Lieferanten wie das Vereinigte Königreich, Saudi-Arabien, die USA, Norwegen und zunehmend den Irak. Die Importkonzentration (HHI) sank trotz des massiven Liefereinbruchs um 65 %.
Drittens zeigten sich die globalen Energie- und Rohstoffmärkte auch in diesem Nischenprodukt. Die Preisspitzen von 2022 (Exportpreise +127 % gegenüber 2015) korrespondierten mit dem globalen Energieschock, bevor sie sich 2024/2025 wieder abschwächten. Die Exportpreise blieben dabei durchgehend unter den Importpreisen — ein Indiz dafür, dass die EU eher mengenorientiert exportierte, während hochwertigere oder spezialisierte Produkte importiert wurden.
Das Produktsegment 270799 — als Restposition eine heterogene Gruppe von Teerdestillaten — zeigt damit exemplarisch, wie sich ein traditionelles Industriechemieprodukt unter dem Einfluss von Kapazitätsausbau, geopolitischen Schocks und globaler Nachfrageverschiebung vollständig neu positionieren kann. Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten sank, die Exportdiversifizierung nahm zu, und die EU festigte ihre Rolle als globaler Anbieter in diesem Segment.