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Marktentwicklung: Mehrbasische Carbonsäuren (CN 2917) — 2015–2025

Einleitung

Der Zollcode 2917 umfasst mehrbasische Carbonsäuren, ihre Anhydride, Halogenide, Peroxide und Peroxysäuren sowie deren Halogen-, Sulfo-, Nitro- oder Nitrosoderivate. Dieses breite Warensegment — von Terephthalsäure über Adipinsäure bis hin zu Phthalsäureanhydrid — bildet eine zentrale Grundlage der europäischen chemischen Industrie und findet Anwendung in Kunststoffen, Beschichtungen, Weichmachern und zahlreichen weiteren industriellen Zwischenprodukten.

Der hier betrachtete Zeitraum 2015–2025 ist von tiefgreifenden strukturellen Veränderungen geprägt: Die EU verwandelt sich zunehmend von einem Nettoexporteur in einen Nettoimporteur, die Handelspartnerlandschaft verschiebt sich deutlich in Richtung Asien, und einzelne Teilsegmente — insbesondere die Terephthalsäure — durchleben dramatische Boom-Bust-Zyklen. Der Bericht analysiert diese Entwicklungen auf Basis der verfügbaren Handels- und Produktionsdaten und beleuchtet die zugrundeliegenden Triebkräfte.


1. Vom Überschuss zum Defizit: Die wachsende Importabhängigkeit der EU

Der Handelsbilanzsaldo hat sich drastisch verschlechtert

Die EU-Handelsbilanz bei CN 2917 hat sich im Betrachtungszeitraum erheblich verschlechtert:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Exporte (Wert) 687 Mio. € 717 Mio. € +4,4 %
Importe (Wert) 1.117 Mio. € 1.504 Mio. € +34,6 %
Handelssaldo −430 Mio. € −786 Mio. € −82,9 %
Netto-Importabhängigkeit 3,8 % 22,7 % +503,6 %

Während die Exporte nominal nur moderat stiegen, sind die Importe um über ein Drittel gewachsen. Der Saldo schwankte dabei stark: Das maximale Defizit lag bei rund 908 Mio. €, während es im Jahr 2019 sogar ein kurzzeitiges Überschussjahr mit +125 Mio. € gab — bedingt durch einen temporären Exportboom bei Terephthalsäure.

Die EU produziert weniger, konsumiert aber mehr

Die inländische Produktion stützt diesen Trend:

Produktionskennzahl 2015 2025 Veränderung
Menge 5.604 Mio. kg 4.569 Mio. kg −18,5 %
Wert 3.840 Mio. € 3.993 Mio. € +4,0 %

Die Produktionsmenge ist um fast ein Fünftel gesunken, während der Produktionswert leicht stieg — ein deutliches Signal für steigende Preise bei gleichzeitig schrumpfenden Volumina. Die Exportquote sank parallel dazu von 17,9 % auf 12,8 % (−28,6 %), während die Handelsintensität von 32,6 % auf 38,6 % anstieg. Die EU wird also bei diesem Produkt zunehmend zum Umschlagplatz und Importmarkt, verliert aber an Wettbewerbsfähigkeit im Export.

Preisentwicklung spiegelt globale Rohstoffzyklen wider

Sowohl Export- als auch Importpreise stiegen über den Zeitraum:

Preisindikator 2015 2025 Veränderung
Exportpreis (€/t) 1.269 1.389 +9,5 %
Importpreis (€/t) 1.009 1.099 +8,9 %

Bemerkenswert ist die Volatilität: Die Exportpreise schwankten zwischen 682 €/t und 1.483 €/t, die Importpreise zwischen 841 €/t und 1.617 €/t. Das Preishoch 2022 spiegelt die globalen Energie- und Rohstoffpreisspitzen nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs wider, die sich auf die energieintensive Grundstoffchemie besonders stark auswirkten.


2. Geopolitische Neuausrichtung der Handelsströme

China und Südkorea dominieren die EU-Importe

Die Importpartner-Landschaft hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verschoben:

Partnerland Importe 2015 (Mio. €) Importe 2025 (Mio. €) Veränderung
Südkorea 356 407 +14,2 %
China 201 435 +116,2 %
USA 182 97 −46,9 %
nicht spezifizierte Gebiete 122 203 +66,5 %
Mexiko 80 91 +13,8 %
Türkei 21 59 +184,6 %
Taiwan 11 25 +125,7 %

China hat sich mit einer Verdopplung des Importwerts (+116,2 %) vom drittgrößten zum größten Importpartner der EU entwickelt und überholt damit Südkorea. Die Türkei (+184,6 %) und Taiwan (+125,7 %) sind ebenfalls stark gewachsen, bleiben aber in absoluten Zahlen deutlich kleiner. Gleichzeitig haben die US-Importe um fast die Hälfte abgenommen (−46,9 %), was auf zurückgehende Wettbewerbsfähigkeit der US-Produzenten oder veränderte Lieferketten hindeuten kann.

Russland als Exportmarkt vollständig weggebrochen

Auf der Exportseite zeigt sich ein besonders markanter geopolitischer Einschnitt:

Exportpartner Exporte 2015 (Mio. €) Exporte 2025 (Mio. €) Veränderung
Türkei 62 121 +95,1 %
Vereinigtes Königreich 96 96 +0,4 %
USA 87 143 +63,8 %
Schweiz 72 89 +23,7 %
Ägypten 9 14 +55,4 %
Russland 78 0 −100,0 %
China 37 45 +21,2 %

Russland war 2015 mit 78 Mio. € ein bedeutender Exportmarkt; 2025 betragen die Exporte praktisch null. Dies ist eine direkte Folge der Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine. Die EU hat zwar teilweise andere Märkte — insbesondere die Türkei (+95,1 %) und die USA (+63,8 %) — ausweiten können, doch der vollständige Wegfall des russischen Marktes ist strukturell nicht kompensiert worden.

Die EU-Mitgliedstaaten zeigen divergierende Trends

Die Importeure innerhalb der EU unterscheiden sich deutlich:

EU-Mitgliedstaat Importe 2015 (Mio. €) Importe 2025 (Mio. €) Veränderung
Spanien 190 201 +6,0 %
Italien 187 313 +67,7 %
Litauen 188 298 +58,7 %
Niederlande 144 152 +5,9 %
Deutschland 131 139 +6,2 %
Belgien 139 105 −24,6 %
Polen 17 68 +298,3 %

Besonders auffällig ist der Anstieg bei Italien (+67,7 %), Litauen (+58,7 %) und Polen (+298,3 %), während Belgien als traditioneller Chemiestandort seine Importe um ein Viertel reduzierte. Auf der Exportseite verliert Deutschland als größter EU-Exporter erheblich an Boden (von 284 Mio. € auf 174 Mio. €, −38,6 %), während Spanien seine Exporte mehr als verdreifachte (+239,8 %).

Die Konzentration der Handelsströme nimmt zu

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) zeigt eine zunehmende Konzentration, insbesondere bei Exporten:

HHI (nach Wert) 2015 2025 Veränderung
Importe 2.149 2.320 +8,0 %
Exporte 772 1.115 +44,4 %

Der Export-HHI stieg um 44,4 % — die EU exportiert CN-2917-Produkte zunehmend in weniger Märkte. Die Spezialisierung nach RCA zeigt, dass 2025 vor allem Belgien (RSCA 0,41), Polen (0,18) und die Niederlande (0,13) eine komparative Spezialisierung bei CN 2917 aufweisen, während Deutschland — trotz absolut großem Handelsvolumen — keinen signifikanten Spezialisierungsvorteil mehr zeigt.


3. Segmentverschiebungen: Terephthalsäure-Boom und Preisvolatilität

Die Terephthalsäure dominiert den Handel und unterliegt extremen Schwankungen

Die Produktsegment-Aufschlüsselung zeigt, dass die Terephthalsäure und ihre Salze (CN 291736) sowohl bei Importen als auch bei Exporten das mengenmäßig dominierende Segment darstellt:

Segment (Importe) Menge 2015 (t) Menge 2025 (t) Veränderung
291736 – Terephthalsäure 727.418 767.909 +5,6 %
291739 – Arom. mehrb. Carbonsäuren 141.705 209.286 +47,7 %
291712 – Adipinsäure 61.050 89.400 +46,4 %
291714 – Maleinsäureanhydrid 22.510 85.239 +278,6 %
291735 – Phthalsäureanhydrid 27.152 48.367 +78,1 %
291719 – Acycl. mehrb. Carbonsäuren 45.144 42.684 −5,5 %
291713 – Azelain-/Sebacinsäure 34.228 23.606 −31,0 %

Die Importe von Maleinsäureanhydrid (CN 291714) sind mengenmäßig mit +278,6 % am stärksten gestiegen — ein Indiz für den Rückgang inländischer Produktionskapazitäten. Bei den Exporten zeigt sich hingegen ein dramatischer Einbruch bei Terephthalsäure:

Segment (Exporte) Menge 2015 (t) Spitze Spitzenjahr Menge 2025 (t)
291736 – Terephthalsäure 71.280 1.017.851 2019 168.951
291733 – Dinonyl-/Didecylorthophthalate 130.865 221.681 2018 138.519
291734 – Ester der Orthophthalsäure 105.818 105.818 2015 12.983
291739 – Arom. mehrb. Carbonsäuren 30.707 232.229 2019 93.265

Die Terephthalsäure-Exporte explodierten zwischen 2015 und 2019 regelrecht — von 71.000 t auf über 1 Mio. t —, um danach rapide einzubrechen. Dieser Boom-Bust-Zyklus erklärt einen Großteil der Volatilität im Gesamthandel von CN 2917 und spiegelt möglicherweise temporäre Kapazitätsverlagerungen oder Handlumlenkungen im globalen Polyester-Wertschöpfungskette wider.

Preisvolatilität variiert stark nach Segment und Handelsrichtung

Die durchschnittlichen Preise unterscheiden sich zwischen den Segmenten erheblich und zeigen unterschiedliche Volatilitätsmuster:

Segment (Importe) Preis 2015 (€/t) Spitzenpreis Preis 2025 (€/t)
291713 – Azelain-/Sebacinsäure 3.478 5.247 (2022) 4.051
291719 – Acycl. mehrb. Carbonsäuren 2.745 5.920 (2023) 4.677
291739 – Arom. mehrb. Carbonsäuren 1.362 1.869 (2022) 1.389
291714 – Maleinsäureanhydrid 1.102 1.962 (2022) 950
291736 – Terephthalsäure 647 950 (2022) 653

Das Segment CN 291719 (acyclische mehrbasische Carbonsäuren, soweit nicht anderweitig klassifiziert) weist mit Abstand die höchsten Importpreise auf (4.677 €/t in 2025), was auf hochspezialisierte, wertschöpfungsintensive Produkte hindeutet. Terephthalsäure dagegen ist mit 653 €/t ein mengenorientiertes Massenprodukt.

Globale Preis-Schocks treffen die EU ungleichmäßig

Die Volatilitätsanalyse identifiziert drei bemerkenswerte Preis-Schocks:

Ereignis Typ Richtung Jahr Abnormalität Preisänderung
Indien Preis Export 2021 179,2 +196,8 %
Saudi-Arabien Preis Export 2020 17,5 −57,2 %
Mexiko Preis Import 2022 5,6 +80,1 %

Der extreme Preisanstieg bei EU-Exporten nach Indien (+196,8 %) im Jahr 2021 fällt mit der globalen Angebotsverknappung und dem Post-COVID-Preisboom in der chemischen Industrie zusammen. Auf der Importseite zeigt der Variationskoeffizient für China (0,45), die Türkei (0,44) und Taiwan (0,43) eine überdurchschnittliche Volatilität der Importströme, was auf eine weniger stabile Lieferbeziehung als etwa mit Südkorea (0,26) oder Mexiko (0,17) hindeutet.


Schlussfolgerung

Die Handelsentwicklung bei CN 2917 im Zeitraum 2015–2025 lässt sich in drei zentrale Narrative zusammenfassen:

Erstens vollzieht sich ein struktureller Bedeutungswandel der EU bei mehrbasischen Carbonsäuren. Die EU ist von einem Überschussproduzenten, der 2019 kurzfristig noch einen Exportüberschuss erzielen konnte, zu einem zunehmend importabhängigen Markt geworden. Die Netto-Importabhängigkeit von 22,7 % in 2025 markiert den Höchststand des gesamten Zeitraums. Dies geht einher mit einer sinkenden Exportquote und rückläufiger inländischer Produktionsmenge, obwohl der Produktionswert leicht zulegte.

Zweitens hat sich die geografische Architektur der Handelsströme grundlegend verschoben. China hat sich als wichtigster Importpartner der EU etabliert (+116 %), während die US-Importe um fast die Hälfte schrumpften. Auf der Exportseite führten geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland — zum vollständigen Wegfall eines einst 78 Mio. € schweren Marktes. Die zunehmende Konzentration der Exporte (HHI-Anstieg um 44 %) birgt das Risiko erhöhter Verwundbarkeit gegenüber einzelnen Märkten.

Drittens zeigt die Segmentanalyse, dass sich hinter den aggregierten Trendzahlen sehr unterschiedliche Dynamiken verbergen. Der dramatische Boom und Bust der Terephthalsäure-Exporte (von 71.000 t auf über 1 Mio. t und zurück auf 169.000 t) hat das Gesamtbild des Handels maßgeblich verzerrt. Gleichzeitig sind die Importe bei Maleinsäureanhydrid um fast 280 % gestiegen, was auf einen möglichen Kapazitätsabbau in der EU bei diesem Produkt hindeutet. Die anhaltend hohen und volatilen Preise insbesondere bei spezialisierten Segmenten (CN 291719, CN 291713) unterstreichen die Bedeutung der europäischen Grundstoffchemie im globalen Wettbewerbsumfeld — einem Umfeld, das durch Energiepreisspitzen, geopolitische Spannungen und Lieferkettenumstrukturierungen zunehmend komplexer wird.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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