Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Amine (CN 2921) — 2015–2025

Einleitung

Der KN-Code 2921 erfasst die Obergruppe der Verbindungen mit Aminofunktion, eine vielfältige Klasse organischer Chemikalien, die von einfachen aliphatischen Monoaminen über aromatische Amine (allen voran Anilin) bis hin zu technisch bedeutsamen Polyaminen wie Hexamethylendiamin reicht. Die Produkte finden breite Anwendung in der Kunststoffherstellung (insbesondere Polyamide/Nylon), der Agrochemie, Pharmazie und Farbstoffindustrie. CN 2921 ist dabei eine Sammelposition, die zahlreiche Unterpositionen bündelt — die Produktübersicht gibt Aufschluss über die Zusammensetzung.

Der Untersuchungszeitraum 2015–2025 ist von tiefgreifenden geopolitischen Ereignissen geprägt: dem Brexit (2020), der COVID-19-Pandemie, der Energiekrise 2022 sowie den Sanktionen gegen Russland. All diese Ereignisse haben die Handelsströme der EU bei Aminen nachhaltig verändert, wie die folgenden Abschnitte zeigen.

Der vorliegende Bericht identifiziert drei zentrale Entwicklungslinien: erstens die Transformation der Handelsbilanz von einem Defizit hin zu einem Überschuss; zweitens die geopolitische Neuausrichtung der Handelspartnerstruktur; und drittens die teils dramatischen Verschiebungen auf Produktebene.


1. Vom Defizit zum Überschuss: Die EU reduziert ihre Importabhängigkeit bei Aminen

1.1 Die Handelsbilanz kehrte sich zwischen 2015 und 2025 vollständig um

Der auffälligste Befund des gesamten Untersuchungszeitraums ist die Wandlung der EU-Handelsbilanz bei Aminen. Im Jahr 2015 betrug das Defizit 325 Mio. EUR (Einfuhren: 1.478 Mio. EUR, Ausfuhren: 1.153 Mio. EUR). Im Jahr 2025 weist die Bilanz erstmals einen leichten Überschuss von 11 Mio. EUR aus — eine Verbesserung um 103,4 %. Im Verlauf des Zeitraums wurde sogar ein Spitzendefizit von 153 Mio. EUR Überschuss erreicht.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Einfuhren (Mio. EUR) 1.478 1.104 −25,3 %
Ausfuhren (Mio. EUR) 1.153 1.115 −3,3 %
Handelsbilanz (Mio. EUR) −325 +11 +103,4 %

Zum Handelsüberblick

1.2 Der Rückgang konzentrierte sich asymmetrisch auf die Einfuhren

Die Bilanzverbesserung wurde nicht durch steigende Exporte getragen, sondern fast ausschließlich durch den Rückgang der Importe. Die Einfuhrmenge sank von 612.947 t auf 460.194 t (−24,9 %), die Einfuhren in Wert um 25,3 %. Demgegenüber blieben die Ausfuhren mengen- und wertseitig bemerkenswert stabil: lediglich −4,2 % bei der Menge und −3,3 % beim Wert.

Kennzahl Einfuhren 2015 Einfuhren 2025 Δ Ausfuhren 2015 Ausfuhren 2025 Δ
Menge (t) 612.947 460.194 −24,9 % 380.496 364.335 −4,2 %
Wert (Mio. EUR) 1.478 1.104 −25,3 % 1.153 1.115 −3,3 %
Preis (EUR/t) 2.411 2.399 −0,5 % 3.030 3.060 +1,0 %

Die EU hat also ihre Importabhängigkeit erheblich reduziert, ohne dabei nennenswerte Exportverluste hinnehmen zu müssen. Die Ausfuhrpreise lagen 2025 mit 3.060 EUR/t über dem Niveau von 2015 (3.030 EUR/t), während die Einfuhrpreise nahezu unverändert blieben — ein Indiz für eine verhandlungsstarke Position der EU als Exporteur.

1.3 Die EU-Produktion verlagerte sich hin zu höherwertigen Erzeugnissen

Parallel zur Handelsentwicklung zeigt sich bei der EU-eigenen Produktion eine bemerkenswerte Wert-Mengen-Divergenz. Die Produktionsmenge sank von 1.884 Mio. kg auf 1.591 Mio. kg (−15,6 %), der Produktionswert stieg jedoch von 3.001 Mio. EUR auf 3.387 Mio. EUR (+12,9 %). Der implizite durchschnittliche Produktionswert pro Kilogramm erhöhte sich damit von rund 1,59 EUR/kg auf rund 2,13 EUR/kg — ein deutliches Signal für eine Verlagerung der EU-Produktion hin zu höherwertigen Spezialchemikalien, während mengenintensive Standardamine zunehmend außerhalb der EU hergestellt werden.

Zu den Produktionsvolumina


2. Neue Handelsrouten: Brexit, Sanktionen und der Aufstieg asiatischer Lieferanten

2.1 Der Brexit verursachte den größten bilateralen Einbruch im Amin-Handel

Das Vereinigte Königreich war 2015 mit Abstand der wichtigste Importpartner der EU im Amin-Segment: 535 Mio. EUR Einfuhren standen lediglich 262 Mio. EUR aus China und 403 Mio. EUR aus den USA gegenüber. Bis 2025 sank der Wert aus dem Vereinigten Königreich auf 248 Mio. EUR (−53,6 %) — ein Rückgang, der zeitlich klar mit dem Brexit und dem Austritt aus dem EU-Binnenmarkt korreliert. Die Einfuhrpreise aus dem Vereinigten Königreich verzeichneten 2022 zudem einen außergewöhnlichen Preisschock mit einer abnormalen Preisabweichung von 80,4 und einem Preisanstieg von 25,4 %.

Auch bei den Ausfuhren verlor das Vereinigte Königreich an Bedeutung: von 85 Mio. EUR auf 52 Mio. EUR (−38,6 %). Der bilateralen Handelsbeziehung ging innerhalb eines Jahrzehnts mehr als die Hälfte ihres Volumens verloren.

2.2 China und Indien füllen die Lücke als Importquellen

Während die traditionellen westlichen Handelspartner an Bedeutung verloren, stiegen die Einfuhren aus China von 262 Mio. EUR auf 367 Mio. EUR (+39,6 %). China wurde damit 2025 zum wichtigsten Importpartner der EU — eine Position, die 2015 noch das Vereinigte Königreich innehatte. Noch dynamischer entwickelten sich die Einfuhren aus Indien: von 64 Mio. EUR auf 115 Mio. EUR (+81,2 %). Die Einfuhren aus den USA halbierten sich nahezu von 403 Mio. EUR auf 183 Mio. EUR (−54,5 %), die aus der Schweiz sanken von 91 Mio. EUR auf 31 Mio. EUR (−65,6 %).

Importpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 535 248 −53,6 %
China 262 367 +39,6 %
USA 403 183 −54,5 %
Indien 64 115 +81,2 %
Japan 80 37 −53,9 %
Schweiz 91 31 −65,6 %
Türkei 5 9 +93,3 %

Zu den wichtigsten Handelspartnern

2.3 Russlands Exporte brachen als Folge der Sanktionen fast vollständig zusammen

Auf der Exportseite ist der dramatischste Rückgang bei Russland zu verzeichnen: von 45 Mio. EUR auf 7 Mio. EUR (−84,9 %). Dieser Zusammenbruch korreliert klar mit den westlichen Sanktionen nach dem Überfall auf die Ukraine 2022. Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass der Variationskoeffizient der Ausfuhren nach Russland mit 0,67 der höchste aller Exportpartner ist — ein Beleg für die extreme Schwankungsintensität dieses Handelsstroms.

Gleichzeitig gewann Südkorea als Exportmarkt stark an Bedeutung (von 88 Mio. EUR auf 128 Mio. EUR, +45,4 %), und die USA als wichtigster Exportpartner steigerten ihren Anteil von 203 Mio. EUR auf 260 Mio. EUR (+28,0 %). Die Ausfuhren nach China sanken hingegen von 88 Mio. EUR auf 46 Mio. EUR (−47,5 %).

Exportpartner 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
USA 203 260 +28,0 %
Schweiz 147 165 +12,1 %
Südkorea 88 128 +45,4 %
Indien 67 79 +18,0 %
Vereinigtes Königreich 85 52 −38,6 %
China 88 46 −47,5 %
Russland 45 7 −84,9 %

2.4 Die Importkonzentration nahm ab, die Exportkonzentration leicht zu

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Einfuhren sank von 2.457 auf 2.068 (−15,8 %) — ein Übergang von einer moderaten hin zu einer geringeren Konzentration. Die EU bezieht ihre Amine aus einer breiteren Palette von Lieferländern als noch 2015. Bei den Ausfuhren stieg der HHI von 893 auf 1.107 (+23,9 %), blieb aber unterhalb der Schwelle von 1.500, die eine moderate Konzentration markiert. Die Exporte konzentrieren sich somit leicht stärker auf wenige Schlüsselmärkte — insbesondere die USA und die Schweiz — sind aber insgesamt noch diversifiziert.

Zur Konzentrationsanalyse

2.5 Innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme von Belgien nach Frankreich, Spanien und Österreich

Auch innerhalb der EU-Mitgliedstaaten zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen. Belgien, traditionell ein zentraler Chemie-Drehscheibe (Hafen Antwerpen), verlor sowohl bei den Einfuhren (von 462 Mio. EUR auf 239 Mio. EUR, −48,1 %) als auch bei den Ausfuhren (von 348 Mio. EUR auf 242 Mio. EUR, −30,6 %) erheblich an Boden. Deutschland blieb als größter EU-Exporteur weitgehend stabil (450 Mio. EUR auf 475 Mio. EUR, +5,5 %). Auffällig ist das außergewöhnliche Wachstum Frankreichs bei den Ausfuhren: von 9 Mio. EUR auf 85 Mio. EUR (+826,9 %). Spanien (+89,9 %) und Österreich (+129,1 %) verzeichneten bei den Einfuhren überdurchschnittliche Zuwächse.

Zu den EU-Mitgliedstaaten


3. Produktspezialisierung: Anilin-Boom und der Kollaps von Hexamethylendiamin

3.1 Die Einfuhren von Hexamethylendiamin brachen um über 90 % ein

Innerhalb der Sammelposition CN 2921 vollzog sich bei den Einfuhren eine der dramatischsten Verschiebungen beim Hexamethylendiamin (CN 292122), einem Schlüsselrohstoff für die Polyamid-6,6- (Nylon-)Produktion. Die Einfuhrmenge sank von 138.750 t im Jahr 2015 auf nur noch 12.098 t im Jahr 2025 — ein Rückgang von 91,3 %. Der Einfuhrtwert fiel im selben Zeitraum von 233 Mio. EUR auf 30 Mio. EUR (−87,2 %). Dieser Zusammenbruch lässt sich durch die Verlagerung der Polyamid-Produktion außerhalb Europas, verstärkte Eigenproduktion in Drittländern sowie substitutive Produktionsverfahren erklären. Der Einfuhrpreis schwankte zwischen 1.465 EUR/t (2016) und 3.505 EUR/t (2022), wobei der Preisanstieg 2022 die Krise zusätzlich verschärfte.

Segment Einfuhren 2015 (t) Einfuhren 2025 (t) Veränderung
CN 292122 – Hexamethylendiamin 138.750 12.098 −91,3 %
CN 292141 – Anilin 324.511 282.637 −12,9 %
CN 292119 – Acyclische Monoamine 33.028 48.887 +48,0 %
CN 292151 – Phenylendiamine 31.310 25.744 −17,8 %

3.2 Anilin entwickelte sich zum dominanten Exportprodukt der EU

Im Gegensatz zum Hexamethylendiamin-Import verzeichnete Anilin (CN 292141) als Exportprodukt ein außergewöhnliches Wachstum. Die Ausfuhrmenge stieg von 21.815 t auf 78.975 t — eine Verdreifachung um das 3,6-Fache. Der Ausfuhrwert erhöhte sich von 22 Mio. EUR auf 74 Mio. EUR, wobei der Wert 2023 mit 126 Mio. EUR sogar seinen Spitzenwert erreichte. Anilin hat sich damit vom fünftgrößten zum mit Abstand größten Exportsegment innerhalb von CN 2921 entwickelt.

Segment Ausfuhren 2015 (t) Ausfuhren 2025 (t) Veränderung
CN 292141 – Anilin 21.815 78.975 +262 %
CN 292129 – Acyclische Polyamine 59.773 41.818 −30,0 %
CN 292151 – Phenylendiamine 39.984 38.961 −2,6 %
CN 292149 – Aromatische Monoamine 35.124 33.286 −5,2 %
CN 292121 – Ethylendiamin 43.031 14.143 −67,1 %
CN 292130 – Alicyclische Amine 45.088 26.382 −41,5 %
CN 292119 – Acyclische Monoamine 18.766 44.002 +134 %

3.3 Die EU spezialisierte sich im Export auf wenige wachsende Segmente

Die gegenläufigen Trends innerhalb der Exportsegmente deuten auf eine klare Spezialisierung hin. Neben dem Anilin-Boom wuchsen auch die acyclischen Monoamine (CN 292119) von 18.766 t auf 44.002 t (+134 %). Demgegenüber sackten Ethylendiamin (CN 292121, −67,1 %) und alicyclische Amine (CN 292130, −41,5 %) deutlich ab. Die EU konzentriert ihre Exporte zunehmend auf Anilin und hochwertige Monoamine, während mengenintensive Grundchemikalien wie Ethylendiamin und alicyclische Amine an Bedeutung verlieren.

Zum Produktsegmentvergleich

3.4 Das Jahr 2022 markierte einen flächendeckenden Preisschock

Das Jahr 2022 sticht bei nahezu allen Produktsegmenten als Preis-Höchstjahr hervor — ein direktes Ergebnis der globalen Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine. Anilin-Importpreise stiegen auf 1.270 EUR/t (gegenüber 827 EUR/t in 2019), Hexamethylendiamin auf 3.505 EUR/t (gegenüber 2.086 EUR/t in 2019) und Anilinderivate auf 5.998 EUR/t (gegenüber 3.483 EUR/t in 2019). Die analyse der Preisschocks zeigt, dass die Preisabweichungen besonders bei Exporten nach China (Abnormalität 76,8, Preisanstieg +86,4 %) und in die Schweiz (Abnormalität 15,1, Preisanstieg +33,4 %) besonders stark ausfielen. Die Preise haben sich bis 2025 zwar wieder normalisiert, liegen aber durchgehend über dem Vorkrisenniveau von 2015.


Fazit

Der EU-Amin-Handel (CN 2921) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend gewandelt. Die zentrale Erkenntnis ist die Transformation der Handelsbilanz von einem Defizit von 325 Mio. EUR zu einem leichten Überschuss — ein Ergebnis, das primär durch den Rückgang der Einfuhren um 25,3 % bei weitgehend stabilen Ausfuhren ermöglicht wurde.

Geopolitisch haben der Brexit, die Sanktionen gegen Russland und der Aufstieg Chinas und Indiens die Handelspartnerstruktur nachhaltig umgezeichnet. Die Importkonzentration nahm ab (HHI von 2.457 auf 2.068), während sich die Exporte leicht stärker auf wenige Schlüsselmärkte konzentrierten. Innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme von Belgien und den Niederlanden in Richtung Frankreich, Spanien und Österreich.

Auf Produktebene dominieren zwei gegenläufige Trends: Der Kollaps der Hexamethylendiamin-Importe um über 90 % steht dem Anilin-Exportboom mit einem Plus von über 260 % gegenüber. Die EU hat sich bei Aminen hin zu einer Spezialisierung auf höhere Wertschöpfung bewegt — sowohl bei der Produktion (+12,9 % Wert bei −15,6 % Menge) als auch im Handel.

Die Branche bleibt jedoch anfällig für globale Preisschocks, wie die Energiekrise 2022 eindrucklich demonstrierte, als die Preise über nahezu alle Segmente hinweg sprunghaft anstiegen. Die Exportpropensität als dominanter Salienz-Score (11,6 gegenüber 8,0 für die Handelsintensität) unterstreicht, dass die EU im Amin-Sektor in hohem Maße auf Exportmärkte angewiesen bleibt.

Zum vollständigen Dashboard

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.