Marktentwicklung: Männerunterwäsche und Nachtwäsche (CN 6207) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Bereich der Produktgruppe CN 6207 — Unterhemden, Slips, Unterhosen, Nachthemden, Schlafanzüge, Bademäntel und Hausmäntel für Männer und Knaben (ausgenommen Strickwaren) — über den Zeitraum 2015 bis 2025. Der Beobachtungszeitraum umfasst fundamentale Umbrüche: einen massiven Rückgang der EU-eigenen Produktion, eine Verschiebung globaler Lieferketten nach Südasien, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, die COVID-19-Pandemie sowie die Preis- und Energiekrise von 2022. Die EU-Importe beliefen sich 2025 auf rund 189,6 Mio. EUR bei einem Handelsdefizit von 144,0 Mio. EUR. Die Exporte erreichten 45,5 Mio. EUR. Die Netto-Importabhängigkeit stieg im selben Zeitraum von unter 10 % auf über 71 % — ein Strukturwandel, der die gesamte europäische Bekleidungsindustrie in diesem Segment betrifft.
1. Produktionskollaps in der EU und exponentiell steigende Importabhängigkeit
1.1 Der dramatische Rückgang der EU-Produktion
Die EU-weite Produktion von CN-6207-Produkten ist im Beobachtungszeitraum eingebrochen:
| Kennzahl | 2015 (erster Wert) | 2025 (letzter Wert) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Stück) | 125.427.383 | 7.131.696 | −94,3 % |
| Produktionswert (EUR) | 288.201.385 | 48.117.443 | −83,3 % |
Der Rückgang um mehr als 94 % in der Stückzahl und 83 % im Wert zeigt, dass die EU ihre einst bedeutende Eigenproduktion in diesem Segment fast vollständig aufgegeben hat. Die Produktion konzentriert sich verbleibend auf einige wenige Länder mit komparativen Vorteilen. Im Jahr 2025 weisen Bulgarien (RSCA: 0,735), Portugal (0,463), Rumänien (0,461), Kroatien (0,448) und Spanien (0,441) die höchste Spezialisierung auf. Malta, Estland und Irland sind am wenigsten spezialisiert.
1.2 Die Zunahme der Netto-Importabhängigkeit
Die Netto-Importabhängigkeit der EU hat sich fundamental verändert:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit | 9,9 % | 71,6 % | +620,6 % |
| Handelsintensität | 10,8 % | 104,1 % | +860,3 % |
| Exportquote | 0,5 % | 119,1 % | +22.323,6 % |
Die Netto-Importabhängigkeit von 71,6 % bedeutet, dass über zwei Drittel des in der EU verbrauchten Volumens dieses Produktsegments aus Drittländern stammt. Die Exportquote von 119 % ergibt sich aus der Tatsache, dass die EU trotz importdominierter Versorgung nennenswerte Re-Exporte und hochpreisige Exporte tätigt, die mengenmäßig sogar über der Restproduktion liegen.
1.3 Binnenmarktliche Verschiebungen bei den Importeuren
Die größten EU-Importländer haben unterschiedliche Entwicklungen durchlaufen:
| Land | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 44,4 | 25,9 | −41,7 % |
| Italien | 23,4 | 33,6 | +43,5 % |
| Frankreich | 27,1 | 23,6 | −12,8 % |
| Niederlande | 17,9 | 27,3 | +52,4 % |
| Spanien | 20,7 | 25,4 | +23,0 % |
Deutschland — einst der größte EU-Importeur — hat seine Importe um fast 42 % reduziert. Gleichzeitig sind Italien und die Niederlande zu den stärksten Wachstumsmärkten geworden. Die Niederlande profitieren dabei vermutlich als Logistik-Drehscheibe für europaweite Distribution. Spanien und Griechenland (+50,5 %) zeigen ebenfalls robustes Importwachstum.
2. Globale Lieferketten im Wandel: Südasien gewinnt, China und das Vereinigte Königreich verlieren
2.1 Pakistan als neuer führender Lieferant
Die Importpartnerstruktur der EU hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend verschoben:
| Herkunftsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | CV (Volatilität) |
|---|---|---|---|---|
| Pakistan | 16,5 | 38,4 | +133,1 % | 0,21 |
| China | 60,8 | 43,1 | −29,2 % | 0,24 |
| Bangladesch | 22,5 | 34,4 | +52,8 % | 0,23 |
| Indien | 11,7 | 20,4 | +74,8 % | 0,22 |
| Türkiye | 22,6 | 24,0 | +6,2 % | 0,32 |
| Vereinigtes Königreich | 18,5 | 3,9 | −79,1 % | 0,82 |
| Tunesien | 7,4 | 1,4 | −81,8 % | 0,46 |
Pakistan ist 2025 mit 38,4 Mio. EUR zum wichtigsten Einzellieferanten der EU aufgestiegen — ein Plus von 133 % gegenüber 2015. Dies spiegelt die starke pakistanische Baumwolltextilindustrie wider, die insbesondere im Segment der Unterwäsche (CN 620711) und Unterhemden (CN 620791) kosteneffizient produziert. Pakistan zeichnet sich dabei durch eine relativ niedrige Volatilität (CV: 0,21) aus, was auf stabile Lieferbeziehungen hindeutet.
2.2 Chinas Rückgang und der Aufstieg Bangladeschs und Indiens
China hat seinen Anteil an den EU-Importen in diesem Segment um 29 % reduziert — von 60,8 Mio. EUR (2015) auf 43,1 Mio. EUR (2025). Obwohl China noch immer der zweitgrößte Lieferant ist, spiegelt der Trend die allgemeine Diversifizierungsstrategie europäischer Abnehmer wider, die verstärkt auf südasiatische Herkunftsländer setzen. Bangladesch (+52,8 %) und Indien (+74,8 %) haben ihre Exporte in die EU deutlich ausgebaut und nähern sich dem chinesischen Niveau. Beide Länder profitieren von niedrigeren Arbeitskosten, bestehender Textilinfrastruktur und teilweise zollfreiem Marktzugang über das Allgemeine Präferenzsystem (APS).
2.3 Brexit-Effekt und der Zusammenbruch tunesischer Lieferungen
Der Rückgang der EU-Importe aus dem Vereinigten Königreich um 79,1 % (von 18,5 Mio. EUR auf 3,9 Mio. EUR) ist unmittelbar mit dem Brexit verbunden. Mit dem Ende des freien Binnenmarktzugangs wurden Handelsbarrieren wirksam, die den zuvor reibungslosen Warenfluss behinderten. Die hohe Volatilität (CV: 0,82) unterstreicht die Unsicherheit dieser Handelsbeziehung seit 2020. Parallel dazu sind die Exporte der EU in das Vereinigte Königreich mit 11,8 Mio. EUR 2025 relativ stabil geblieben — das Vereinigte Königreich bleibt das wichtigste EU-Exportziel. Tunesien verlor ebenfalls stark (−81,8 %), was auf die Verlagerung von Produktionsaufträgen aus nordafrikanischen Offshoring-Standorten nach Südasien hindeutet.
2.4 Zunehmende Diversifizierung der Exporte
Die Konzentration der EU-Exporte hat sich signifikant verringert:
| HHI-Index (Wert) | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exporte | 1.740 | 1.117 | −35,8 % |
| Importe | 1.729 | 1.572 | −9,1 % |
Der Export-HHI-Rückgang um 35,8 % zeigt eine bemerkenswerte Diversifizierung: Neben dem Vereinigten Königreich gewinnen die Schweiz (+75,4 %), die USA (+86,5 %) und die Ukraine (+312,1 %) als Exportziele stark an Bedeutung. Spanien (+237,4 %) und Frankreich (+139,9 %) sind die EU-Mitgliedstaaten mit dem stärksten Exportwachstum.
3. Preisschocks, Volatilität und Segmentstruktur
3.1 Die Preisschocks von 2022
Im Jahr 2022 wurden zwei bemerkenswerte Preisschocks identifiziert:
| Ereignis | Typ | Abnormalität | Preissprung | Wertanteil |
|---|---|---|---|---|
| EU-Exporte → Vereinigtes Königreich (2022) | Preis | 320,4 | +75,3 % | 42,3 % |
| Importe aus Bangladesch (2022) | Preis | 65,9 | +20,9 % | 20,4 % |
Der extreme Preisanstieg bei den Exporten in das Vereinigte Königreich (Abnormalität: 320,4) reflektiert die Kombination aus nach-Brexit-Anpassungen, Energiepreisspitzen und Lieferengpässen. Der Preisschock bei Importen aus Bangladesch (+20,9 %) steht im Zusammenhang mit globalen Energie- und Rohstoffpreissteigerungen sowie gestiegenen Produktionskosten in Bangladesch infolge der COVID-Nachwirkungen.
3.2 Volatilitätsunterschiede zwischen Handelspartnern
Die Volatilität der Handelsströme variiert erheblich:
Importe (Variationskoeffizient):
| Partner | CV | Bewertung |
|---|---|---|
| Pakistan | 0,21 | Stabil |
| Indien | 0,22 | Stabil |
| Bangladesch | 0,23 | Stabil |
| China | 0,24 | Stabil |
| Türkiye | 0,32 | Moderat |
| Vietnam | 0,50 | Erhöht |
| Tunesien | 0,46 | Erhöht |
| Vereinigtes Königreich | 0,82 | Hoch |
Exporte (Variationskoeffizient):
| Partner | CV | Bewertung |
|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 0,15 | Stabil |
| Schweiz | 0,20 | Stabil |
| Ukraine | 1,71 | Sehr hoch |
Die südasiatischen Kernlieferanten (Pakistan, Bangladesch, Indien, China) zeichnen sich durch eine bemerkenswert niedrige Volatilität aus — sie bilden das stabile Rückgrat der EU-Versorgung. Demgegenüber stehen geopolitisch oder handelspolitisch exponierte Partner wie das Vereinigte Königreich (CV: 0,82) und Tunesien (CV: 0,46) für erhöhte Unsicherheit.
3.3 Segmentstruktur: Baumwolle dominiert, Synthetikfasern gewinnen an Bedeutung
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt die Produktstruktur der EU-Importe (Mengen in Tonnen, 2025):
| CN-Code | Beschreibung | 2015 (t) | 2025 (t) | Veränderung | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| 620791 | Unterhemden, Bademäntel etc., Baumwolle | 4.458 | 7.098 | +59,2 % | 39,2 % |
| 620711 | Slips/Unterhosen, Baumwolle | 5.225 | 4.838 | −7,4 % | 26,7 % |
| 620721 | Nachthemden/Schlafanzüge, Baumwolle | 2.750 | 2.653 | −3,5 % | 14,6 % |
| 620799 | Unterhemden etc., Spinnstoffe | 1.293 | 1.682 | +30,1 % | 9,3 % |
| 620719 | Slips/Unterhosen, Spinnstoffe | 2.543 | 935 | −63,2 % | 5,2 % |
| 620722 | Nachthemden, Chemiefasern | 600 | 652 | +8,7 % | 3,6 % |
| 620729 | Nachthemden, Spinnstoffe (sonst.) | 91 | 268 | +194,5 % | 1,5 % |
Baumwollprodukte dominieren mit rund 80 % des Importvolumens. Der größte Zuwachs verzeichnet die Position 620791 (Unterhemden und Bademäntel aus Baumwolle): +59,2 % mengenmäßig. Die Position 620719 (nicht-baumwollene Unterhosen) hat hingegen um 63 % abgenommen, was auf eine Verschiebung hin zu günstigeren Baumwollprodukten hindeuten könnte.
Auf der Exportseite ist der bemerkenswerteste Trend das explosive Wachstum von CN 620729 (Nachthemden/Schlafanzüge aus sonstigen Spinnstoffen): von 32 Tonnen (2015) auf 867 Tonnen (2025), was einem Anstieg von über 2.500 % entspricht. Dieses Segment hat sich zum drittgrößten Exportartikel entwickelt und erreichte 2025 einen Exportwert von 8,8 Mio. EUR. Die extrem hohe Preisvolatilität dieser Position (Exportpreis pro Stück schwankte zwischen 4,60 EUR und 36,31 EUR) deutet auf ein heterogenes Produktmix hin.
Schlussfolgerung
Die EU hat im Segment CN 6207 zwischen 2015 und 2025 einen fundamentalen Strukturwandel vollzogen. Die einst bedeutende Eigenproduktion ist um über 90 % kollabiert, wodurch die EU von einer nahezu autarken Versorgung (Netto-Importabhängigkeit unter 10 %) zu einer stark importabhängigen Wirtschaft (über 71 %) geworden ist. Die Versorgungslieferketten haben sich dabei von China und dem Mittelmeerraum nach Südasien verlagert — Pakistan, Bangladesch und Indien sind die großen Gewinner dieser Umstrukturierung. Der Brexit hat die Handelsströme mit dem Vereinigten Königreich nachhaltig gestört, sowohl auf Import- als auch auf Exportseite. Trotz des wachsenden Handelsdefizits (144 Mio. EUR im Jahr 2025) hat die EU ihre Exportbasis diversifiziert und konnte insbesondere in die Schweiz, die USA und die Ukraine deutlich mehr ausführen. Die Preisschocks von 2022 haben die Verwundbarkeit der Lieferketten gegenüber globalen Energie- und Rohstoffpreisschwankungen verdeutlicht, wobei die südasiatischen Kernlieferanten bemerkenswert stabil blieben. Für die Zukunft stellt die extreme Importabhängigkeit ein strategisches Risiko dar, das durch Handelsabkommen, Lieferantenentwicklung und gezielte Unterstützung verbleibender EU-Produzenten adressiert werden muss.