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Marktentwicklung: Kunstspinnfasergarne (CN 5510) — 2015–2025

Einführung

Der vorliegende Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Bereich der Garne aus künstlichen Spinnfasern (CN 5510) für den Zeitraum 2015 bis 2025. Dieses Warenkapitel umfasst Garne aus künstlichen Spinnfasern – ausgenommen Nähgarne sowie Garne in Aufmachungen für den Einzelverkauf – und wird unterteilt in Garne mit einem Faseranteil von ≥ 85 % (ungezwirnt und gezwirnt) sowie in Mischgarne mit Baumwolle, Wolle oder anderen Fasern.

Der Markt für Kunstspinnfasergarne ist in den vergangenen zehn Jahren tiefgreifenden Veränderungen unterworfen gewesen. Die EU verzeichnete in diesem Zeitraum einen erheblichen Rückgang sowohl der Handelsvolumina als auch der heimischen Produktion, verbunden mit einer stark steigenden Importabhängigkeit und einer grundlegenden Neuausrichtung der Lieferanten- und Absatzstrukturen. Im Folgenden werden die wesentlichen Trends analysiert.


1. Volumeneinbruch und Preiswandel: Der Strukturwandel des EU-Marktes

1.1 Die EU-Produktion von Kunstspinnfasergarnen ist drastisch geschrumpft

Die vielleicht auffälligste Entwicklung betrifft die heimische EU-Produktion. Diese ist im Betrachtungszeitraum sowohl mengen- als auch wertmäßig massiv zurückgegangen:

Indikator 2015 2025 Veränderung
Produktionsmenge (kg) 91.900.976 20.000.000 −78,2 %
Produktionswert (EUR) 283.483.211 100.000.000 −64,7 %

Die EU hat damit innerhalb eines Jahrzehnts rund vier Fünftel ihrer Produktionskapazität in diesem Segment verloren. Dies deutet auf eine strukturelle Verlagerung der Garnproduktion in Drittländer hin, begünstigt durch niedrigere Produktionskosten in Asien und Südosteuropa sowie durch die zunehmende Konkurrenz auf globalen Märkten.

1.2 Handelsvolumina sind deutlich gesunken, während die Preise gestiegen sind

Der Gesamthandel der EU mit Drittländern zeigt ein klares Muster: Rückläufige Volumina bei gleichzeitig steigenden Einheitspreisen.

Indikator 2015 2025 Veränderung
Importe
Wert (EUR) 156.219.118 124.272.664 −20,4 %
Menge (t) 51.652 35.828 −30,6 %
Preis (EUR/t) 3.024 3.469 +14,7 %
Exporte
Wert (EUR) 46.354.655 31.206.626 −32,7 %
Menge (t) 9.996 3.623 −63,8 %
Preis (EUR/t) 4.638 8.613 +85,7 %
Handelsbilanz (EUR) −109.864.464 −93.066.038 +15,3 %

Während die Einfuhren mengenmäßig um rund 31 % schrumpften, verringerte sich der Export in noch stärkerem Maße: Die Ausfuhren fielen um fast 64 % von knapp 10.000 Tonnen auf gut 3.600 Tonnen. Die Exportpreise stiegen dabei besonders stark – um rund 86 % auf 8.613 EUR/t – was darauf hindeutet, dass die EU zunehmend nur noch hochpreisige Spezialgarne ausführt, während Standardgarne nicht mehr wettbewerbsfähig sind.

1.3 Die Produktsegmente zeigen gegenläufige Dynamiken

Ein differenzierteres Bild ergibt sich bei der Betrachtung der einzelnen Unterpositionen. Die Mengenentwicklung der wichtigsten Importsegmente verlief sehr unterschiedlich:

Segment Beschreibung Importmenge 2015 (t) Importmenge 2025 (t) Veränderung
551011 ≥ 85 % KFS, ungezwirnt 32.661 15.515 −52,5 %
551012 ≥ 85 % KFS, gezwirnt 11.819 3.341 −71,7 %
551090 < 85 % KFS, andere Mischungen 3.937 14.082 +257,7 %
551030 < 85 % KFS, mit Baumwolle 2.766 2.574 −6,9 %
551020 < 85 % KFS, mit Wolle 469 316 −32,6 %

Besonders bemerkenswert ist der sprunghafte Anstieg bei Position 551090 – Garnen aus überwiegend künstlichen Spinnfasern (< 85 %) in Mischungen, die nicht vorwiegend aus Baumwolle oder Wolle bestehen. Dieses Segment wuchs von unter 4.000 Tonnen auf über 14.000 Tonnen und kompensierte damit einen erheblichen Teil der Rückgänge bei den Reinstfaser-Garnen (551011, 551012). Dies legt eine Verschiebung der Nachfrage hin zu Mischgarnen nahe, die möglicherweise kostengünstiger herzustellen sind oder besser den Anforderungen moderner Textilprodukte entsprechen.

Die Exporte in den Segmenten 551020 (Wollmischungen) und 551012 (gezwirnte Garne ≥ 85 %) entwickelten sich hingegen relativ stabil bzw. leicht steigend, was die These stützt, dass die EU sich auf Spezialitäten mit höherem Preisniveau konzentriert.


2. Umorientierung der Handelspartner: Neue Lieferanten und schrumpfende Absatzmärkte

2.1 Indonesien und Indien verlieren Marktanteile bei den EU-Importen, China und Pakistan gewinnen hinzu

Die Hauptlieferanten der EU haben sich im Laufe des Jahrzehnts erheblich verändert:

Lieferant Importwert 2015 (EUR) Importwert 2025 (EUR) Veränderung
Indonesien 55.736.988 20.791.101 −62,7 %
Türkei 38.726.922 39.578.945 +2,2 %
Indien 26.919.267 14.186.790 −47,3 %
China 9.718.316 24.904.671 +156,3 %
Tunesien 7.487.141 12.186.885 +62,8 %
Pakistan 219.105 5.216.723 +2.280,9 %

Indonesien, 2015 noch mit Abstand der größte Lieferant (55,7 Mio. EUR), verlor fast zwei Drittel seines Exportwerts in die EU und fiel 2025 hinter die Türkei und China zurück. Der indonesische Rückgang ist umso bemerkenswerter, als das Land in den Vorjahren noch ein Importvolumen von bis zu 64,8 Mio. EUR erreicht hatte. Die Türkei hielt als zweitgrößter Lieferant ihre Position weitgehend stabil.

Der größte Zuwachs gelang China, dessen Exporte in die EU von 9,7 Mio. EUR auf 24,9 Mio. EUR stiegen – eine Steigerung um 156 %. Pakistan verzeichnete sogar eine Verachtfachung seines bereits niedrigen Ausgangsniveaus auf über 5,2 Mio. EUR. Diese Verschiebung spiegelt die globale Wettbewerbsdynamik wider: Während südostasiatische Produzenten an Boden verloren, profitierten chinesische und pakistanische Hersteller von Skaleneffekten und günstigeren Produktionsbedingungen.

Auch die Volatilität der Importströme variiert stark zwischen den Lieferanten. Pakistan (CV = 0,92), China (CV = 0,54) und Indonesien (CV = 0,40) weisen die höchsten Schwankungen auf, während die Türkei (CV = 0,22) und Tunesien (CV = 0,12) als vergleichsweise stabile Partner erscheinen.

2.2 Serbien wird zum wichtigsten Exportmarkt der EU – traditionelle Märkte schrumpfen

Auf der Exportseite vollzog sich eine noch dramatischere Verschiebung:

Absatzmarkt Exportwert 2015 (EUR) Exportwert 2025 (EUR) Veränderung
Serbien 1.282.564 12.912.666 +906,8 %
Türkei 9.277.750 4.586.077 −50,6 %
Vereinigtes Königreich 4.784.638 2.000.672 −58,2 %
Brasilien 6.145.090 6.158 −99,9 %
Vereinigte Staaten 2.125.413 618.196 −70,9 %

Serbien entwickelte sich vom Nischenmarkt zum mit Abstand wichtigsten Exportziel der EU für Kunstspinnfasergarne – mit einem Zuwachs von über 900 %. Dies hängt vermutlich mit der vertieften wirtschaftlichen Integration der westlichen Balkanländer in die europäische Wertschöpfungskette zusammen, insbesondere im Textil- und Bekleidungssektor, wo serbische Lohnnähereien EU-Garne weiterverarbeiten.

Gleichzeitig brachen traditionelle Exportmärkte ein: Brasilien verlor praktisch sein gesamtes Importvolumen aus der EU (−99,9 %), und die Exporte in die USA sanken um über 70 %. Auch die Türkei und das Vereinigte Königreich – möglicherweise durch den Brexit beeinflusst – kauften deutlich weniger Garn aus der EU.

2.3 Italien dominiert den EU-Binnenhandel, mittel- und osteuropäische Staaten gewinnen an Bedeutung

Innerhalb der EU zeigt sich bei den importierenden Mitgliedstaaten eine bemerkenswerte Umverteilung:

Mitgliedstaat Importe 2015 (EUR) Importe 2025 (EUR) Veränderung
Italien 70.608.021 57.467.634 −18,6 %
Portugal 26.775.515 11.847.872 −55,8 %
Belgien 26.331.748 6.593.123 −75,0 %
Deutschland 9.445.024 6.851.553 −27,5 %
Spanien 6.757.627 13.162.569 +94,8 %
Polen 4.948.386 10.812.808 +118,5 %
Slowenien 583.446 3.054.141 +423,5 %

Italien blieb mit großem Abstand der wichtigste Importeur – passend zu seiner herausragenden Rolle in der europäischen Textil- und Modeindustrie. Allerdings sanken auch hier die Importe um fast 19 %. Portugal und Belgien verloren sogar über die Hälfte bzw. drei Viertel ihres Importvolumens.

Demgegenüber gewannen Spanien (+95 %), Polen (+119 %) und insbesondere Slowenien (+424 %) stark an Bedeutung. Dies spiegelt die Verlagerung textiler Verarbeitungsaktivitäten in mittel- und osteuropäische Länder wider, die von niedrigeren Arbeitskosten und der Nähe zu den EU-Kernmärkten profitieren.


3. Wachsende Abhängigkeit von Drittlandsimporten und zunehmende Verwundbarkeit

3.1 Die Netto-Importabhängigkeit der EU hat sich vervielfacht

Der wohl besorgniserregendste Trend zeigt sich in der Netto-Importabhängigkeit: Diese stieg von 7,8 % im Jahr 2015 auf 44,1 % im Jahr 2025 – eine Steigerung um 462 %. Gleichzeitig erhöhte sich die Handelsintensität von 49,0 % auf 67,5 %, während die Exportneigung relativ stabil bei rund 30 % blieb.

Indikator 2015 2025 Veränderung
Netto-Importabhängigkeit (%) 7,8 44,1 +461,7 %
Handelsintensität (%) 49,0 67,5 +37,7 %
Exportneigung (%) 29,6 31,6 +6,7 %

Die Kombination aus sinkender Eigenproduktion und steigender Handelsintensität bei gleichzeitig stagnierender Exportneigung bedeutet, dass die EU bei Kunstspinnfasergarnen heute weit stärker auf Importe angewiesen ist als noch vor zehn Jahren. Die Handelsbilanz blieb durchgehend negativ (zwischen −78 Mio. und −141 Mio. EUR), auch wenn sich das Defizit zuletzt leicht auf −93 Mio. EUR verringerte.

3.2 Die Importkonzentration nimmt ab, die Exportkonzentration zu

Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) liefern wichtige Hinweise auf die Marktstruktur:

Indikator 2015 2025 Veränderung
HHI Importe (Wert) 2.278 1.965 −13,8 %
HHI Importe (Menge) 2.885 2.382 −17,5 %
HHI Exporte (Wert) 922 2.059 +123,2 %
HHI Exporte (Menge) 1.421 1.419 −0,2 %

Der Rückgang des Import-HHI zeigt eine leichte Diversifizierung der Lieferantenbasis – Indonesien verlor Marktanteile, die sich auf China, Pakistan und Tunesien verteilten. Gleichzeitig verdoppelte sich der Export-HHI nahezu, was bedeutet, dass die EU-Ausfuhren sich stärker auf wenige Märkte konzentrieren – insbesondere auf Serbien, das 2025 fast die Hälfte aller EU-Exporte in diesem Segment aufnahm.

3.3 Höhere Preisschwankungen und identifizierte Schocks erhöhen das Risikoprofil

Die Volatilitätsanalyse und die erkannten Preisschocks deuten auf ein erhöhtes Risikoprofil hin:

Schock-Ereignis Art Richtung Abnormalität Preisänderung Zeitpunkt Anteil am Wert
Mexiko Preis Export 20,6 +184,9 % 2018 3,8 %
USA Preis Export 15,2 +68,4 % 2022 7,1 %
Südkorea Preis Export 11,6 +322,4 % 2019 5,2 %

Auf der Exportseite wurden mehrere extreme Preisschocks identifiziert, insbesondere bei den Exporten nach Südkorea (Preisänderung von +322 % im Jahr 2019) und Mexiko (+185 % im Jahr 2018). Diese Schocks könnten auf abrupte Nachfrageverschiebungen, Wechselkurseffekte oder den Wegfall von Wettbewerbern in diesen Märkten zurückzuführen sein. Der Preisanstieg bei Exporten in die USA im Jahr 2022 (+68,4 %) steht zeitlich im Zusammenhang mit den globalen Lieferkettenstörungen und der Energiekrise.

Bei den Importen weisen Lieferanten wie Pakistan (CV = 0,92), Ägypten (CV = 1,53) und Thailand (CV = 1,34) eine sehr hohe Volatilität auf, was die mit der Diversifizierung verbundenen Risiken teilweise relativiert: Neue, schnell wachsende Lieferanten sind oft auch die unzuverlässigsten.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für Kunstspinnfasergarne (CN 5510) durchlebt einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die heimische Produktion ist um rund 78 % eingebrochen, die Importabhängigkeit hat sich von unter 8 % auf über 44 % vervielfacht, und die Handelspartnerlandschaft hat sich grundlegend verschoben: Indonesien und Indien als traditionelle Hauptlieferanten verloren massiv an Bedeutung, während China und Pakistan stark aufholten. Auf der Exportseite wurde Serbien zum wichtigsten Absatzmarkt, während die EU-Exporte in die wichtigsten Drittmarkt-Länder insgesamt stark rückläufig waren.

Die zunehmende Exportkonzentration auf wenige Märkte bei gleichzeitig hoher Volatilität einzelner Lieferanten birgt erhebliche Risiken. Die steigenden Einheitspreise – insbesondere bei den Exporten (+86 %) – deuten zwar auf eine qualitative Aufwertung der verbleibenden EU-Produkte hin, ersetzen aber nicht den verlorenen gegangenen Mengenanteil. Für die europäische Textilwertschöpfungskette bedeutet diese Entwicklung eine zunehmende Abhängigkeit von außereuropäischen Garnproduzenten, die durch geopolitische Ereignisse, Handelskonflikte oder Lieferkettenunterbrechungen potenziell verwundbar macht.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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