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Marktentwicklung: Kunstfasergarne (CN 5511) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zolltarifprodukt CN 5511 — Garne aus synthetischen oder künstlichen Spinnfasern, in Aufmachungen für den Einzelverkauf (ausg. Nähgarne) im Zeitraum 2015 bis 2025. Der CN-Code 5511 umfasst drei Untergliederungen: Garne mit einem Anteil synthetischer Spinnfasern von ≥ 85 % (551110), Garne mit überwiegend, aber unter 85 % synthetischem Anteil (551120) sowie Garne aus künstlichen Spinnfasern (551130). Der Bericht basiert ausschließlich auf den vorliegenden Handelsdaten und beleuchtet die zentralen strukturellen Veränderungen, die sich über den gesamten Betrachtungszeitraum erstrecken.


I. Vom Produzenten zum Importeur: Der Strukturwandel der EU-Kunstfasergarnindustrie

Die Daten zeigen eine fundamentale Transformation der EU-Handelsstruktur bei Kunstfasergarnen. Der Handelsbilanzsaldo verschlechterte sich von −55,8 Mio. EUR (2015) auf −87,0 Mio. EUR (2025), was einer Verschlechterung um 56,1 % entspricht. Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich ein Zusammenspiel aus drastisch sinkender inländischer Produktion und steigender Importabhängigkeit.

Der Zusammenbruch der EU-Produktion

Die inländische Produktion von Kunstfasergarnen in der EU erlebte einen dramatischen Einbruch. Die Produktionsmengen sanken von 4.674 t im Jahr 2015 auf lediglich 983 t im Jahr 2025 — ein Rückgang von 79,0 %. Noch deutlicher fiel der Einbruch im Wert aus: Die Produktionswerte verringerten sich von 50,6 Mio. EUR auf 16,3 Mio. EUR (−67,7 %). Im Tiefpunkt lag die Produktion bei nur 760 t (Mengen) bzw. 13,3 Mio. EUR (Werte). Diese Entwicklung spiegelt eine anhaltende Deindustrialisierung im Bereich der textilen Garnherstellung in der EU wider.

Steigende Importe als Kompensation

Die Importe entwickelten sich gegenläufig zur Produktion. Sowohl Importwert als auch Importmenge stiegen über den gesamten Zeitraum an:

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mio. EUR) 71,5 95,0 +32,8 %
Importmenge (t) 10.428 14.884 +42,7 %
Importpreis (EUR/t) 6.857 6.381 −7,0 %

Schrumpfende Exporte

Parallel dazu verloren die EU-Exporte an Volumen. Der Exportwert halbierte sich nahezu von 15,8 Mio. EUR auf 8,0 Mio. EUR (−49,4 %), die Exportmenge brach sogar um 66,7 % ein (von 1.415 t auf 471 t). Bemerkenswert ist, dass die Exportpreise trotz des mengenmäßigen Rückgangs um 51,7 % stiegen (von 11.137 EUR/t auf 16.897 EUR/t), was darauf hindeutet, dass die EU sich zunehmend auf hochwertige Nischenprodukte konzentriert und mengenstarke Standardgarne nicht mehr wettbewerbsfähig exportieren kann.

Zunehmende Abhängigkeit von Importen

Die Nettoimportquote stieg von 27,8 % im Jahr 2015 auf 84,1 % im Jahr 2025 — eine Verdreifachung (+202,1 %). Diese Kennzahl, die den Importüberschuss ins Verhältnis zur gesamten Binnennachfrage setzt, verdeutlicht die massive Zunahme der externen Abhängigkeit. Die Handelsintensität stieg entsprechend von 54,8 % auf 92,5 %, was bedeutet, dass der Markt heute fast vollständig vom internationalen Handel geprägt ist.


II. Geografische Neuausrichtung: Die Verlagerung der Handelsströme

Nicht nur das Volumen, sondern auch die geografische Struktur der Handelsbeziehungen hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verändert. Auf der Importseite vollzog sich eine bemerkenswerte Diversifizierung zugunsten bestimmter Partnerländer, während die Exportmärkte teils stark schrumpften.

Die Dominanz der Türkei und der Aufstieg Chinas und Serbiens

Die Importseite wird von der Türkei dominiert, die als größter Lieferant der EU ihre Lieferungen von 45,8 Mio. EUR auf 54,3 Mio. EUR steigern konnte (+18,6 %). Die türkischen Importe zeichnen sich zudem durch eine bemerkenswert niedrige Volatilität aus (Variationskoeffizient von nur 0,17), was die Türkei zu einem zuverlässigen Partner macht.

Zwei weitere Partnerländer verzeichneten ein außergewöhnliches Wachstum:

Partnerland Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Türkei 45,8 54,3 +18,6 %
China 12,4 30,4 +145,2 %
Serbien 0,02 5,0 +27.745 %
Indien 1,2 3,5 +177,5 %

Der Anstieg der chinesischen Lieferungen um 145,2 % auf 30,4 Mio. EUR ist besonders signifikant: China ist damit vom drittgrößten zum zweitgrößten Lieferanten aufgestiegen und hat seinen Marktanteil erheblich ausgebaut. Die Volatilität der chinesischen Lieferungen ist mit einem Variationskoeffizienten von 0,54 zwar höher als bei der Türkei, aber dennoch moderat.

Der bemerkenswerteste Anstieg betrifft jedoch Serbien: Von lediglich 18.000 EUR im Jahr 2015 auf über 5,0 Mio. EUR im Jahr 2025. Diese Steigerung um über 27.000 % spiegelt Serbiens zunehmende Integration in die europäische Lieferkette wider, begünstigt durch geografische Nähe, niedrigere Lohnkosten und Handelsabkommen. Allerdings ist die Volatilität serbischer Lieferungen sehr hoch (CV 0,98), was auf eine noch instabile Handelsbeziehung hindeutet.

Der Niedergang traditioneller Lieferanten

Gleichzeitig verloren mehrere traditionelle Partnerländer an Bedeutung:

Partnerland Importwert 2015 (Mio. EUR) Importwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Nordmazedonien 2,3 0,05 −97,8 %
Kosovo 3,7 0,001 −100,0 %
Indonesien 0,9 0,0004 −100,0 %

Der vollständige Wegfall der Lieferungen aus dem Kosovo und Indonesien sowie der fast vollständige Rückgang aus Nordmazedonien sind bemerkenswert. Kosovo und Nordmazedonien waren 2015 noch relevante Lieferanten, insbesondere Kosovo mit 3,7 Mio. EUR. Diese Entwicklung könnte mit der Verlagerung der Produktionskapazitäten in andere Regionen oder mit der Schließung spezifischer Produktionsstätten zusammenhängen.

Rückgang der Exportmärkte

Auf der Exportseite verzeichneten nahezu alle wichtigen Bestimmungsländer einen Rückgang:

Bestimmungsland Exportwert 2015 (Mio. EUR) Exportwert 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Schweiz 3,2 3,0 −6,5 %
Vereinigtes Königreich 2,5 0,6 −74,6 %
Japan 1,8 0,2 −87,5 %
Kanada 0,9 0,3 −64,6 %
Tunesien 0,6 0,06 −90,4 %
Senegal 0,1 0,007 −95,0 %
Norwegen 0,6 0,9 +51,5 %

Die Schweiz ist das einzige bedeutende Exportziel, das weitgehend stabil blieb, mit nur einem leichten Rückgang von 6,5 %. Der extreme Rückgang der Ausfuhren in das Vereinigte Königreich (−74,6 %) steht vermutlich im Zusammenhang mit dem Brexit und den damit verbündeten Handelsbarrieren. Der Zusammenbruch der Exporte nach Japan — insbesondere ein preisbereinigter Einbruch von 94,7 % im Jahr 2024 — stellt den signifikantesten Schockereignis im Export dar. Lediglich Norwegen konnte seine Importe aus der EU um 51,5 % steigern.

Veränderung der innerenuropäischen Handelsmuster

Auch innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme erheblich. Die wichtigsten Importländer im Jahr 2025 waren:

EU-Land Importe 2015 (Mio. EUR) Importe 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Niederlande 11,1 25,2 +127,7 %
Deutschland 26,1 18,7 −28,4 %
Spanien 5,3 9,6 +81,5 %
Italien 0,4 8,9 +2.412 %
Frankreich 6,3 8,6 +35,7 %
Dänemark 2,0 4,5 +120,2 %
Polen 1,8 4,5 +145,9 %

Deutschland, einst mit Abstand der größte Importeur (26,1 Mio. EUR), verlor seinen Spitzenplatz an die Niederlande, die ihre Importe mehr als verdoppelten. Der dramatischste Anstieg wurde jedoch in Italien verzeichnet: von lediglich 355.000 EUR auf 8,9 Mio. EUR (+2.412 %). Dieser Anstieg könnte mit der Transformation des italienischen Textilsektors zusammenhängen, der zunehmend auf zugekaufte Garne setzt, anvorstatt diese selbst herzustellen. Italien weist gleichzeitig mit einem RCA-Wert von unter 1 eine geringe Spezialisierung im Export auf, was die These der zunehmenden Importabhängigkeit bestätigt.

Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass die Niederlande (RSCA 0,44) und Rumänien (RSCA 0,29) die am stärksten spezialisierten EU-Länder im Export von Kunstfasergarnen sind, während Luxemburg und Griechenland praktisch keine Rolle spielen.


III. Preisdruck, Konzentration und Verwundbarkeit

Zunehmende Exportkonzentration

Während die Importkonzentration leicht abnahm (HHI von 4.894 auf 4.395, −10,2 %), stieg die Exportkonzentration um 70,4 % (HHI von 1.039 auf 1.771). Dies bedeutet, dass die EU-Ausfuhren zunehmend auf weniger Bestimmungsländer konzentriert sind — ein Risikofaktor, der durch den Rückgang vieler traditioneller Exportmärkte verstärkt wird.

Segmentanalyse: Der Aufstieg hochwertiger synthetischer Garne

Die Aufschlüsselung nach Unterkapiteln zeigt unterschiedliche Entwicklungen:

Importe nach Segmenten (Mengen in Tonnen):

Segment 2015 2025 Veränderung
551110 (≥85 % synthetisch) 7.586 t 12.703 t +67,5 %
551120 (<85 % synthetisch) 2.493 t 1.236 t −50,4 %
551130 (künstliche Fasern) 349 t 945 t +170,8 %

Das Segment 551110 dominiert mit rund 85 % der Importmenge im Jahr 2025. Der starke Rückgang bei 551120 (−50,4 %) steht im Gegensatz zum Wachstum bei 551130 (+170,8 %), was auf eine Verschiebung in der Nachfragestruktur hindeuten könnte. Die Importpreise blieben bei 551110 relativ stabil (von 6.303 EUR/t auf 6.098 EUR/t), während 551120 höhere Preise aufweist (9.367 EUR/t im Jahr 2025).

Exportpreise zeigen eine deutliche Polarisierung:

Besonders auffällig sind die stark schwankenden Exportpreise, insbesondere bei 551120 (von 12.831 EUR/t bis hin zu 24.350 EUR/t) und 551130 (von 14.330 EUR/t bis 29.792 EUR/t). Diese extremen Preisschwankungen auf der Exportseite deuten auf geringe Volumina und damit verbundene statistische Unsicherheit hin, spiegeln aber auch die Nischenposition der verbleibenden EU-Exporte wider.

Schocks und Volatilität

Die Analyse markanter Schocks identifiziert drei signifikante Ereignisse:

Ereignis Art Zeitpunkt Ausmaß
Türkei-Exportpreis-Schock Preis 2020 +207,7 %
Senegal-Exportpreis-Schock Preis 2022 +86,7 %
Japan-Angebotsschock Angebot 2024 −94,7 %

Der Türkei-Preisschock von 2020 mit einer abnormalen Preisverschiebung von 207,7 % fällt zeitlich mit der COVID-19-Pandemie zusammen, die globale Lieferketten stark beeinträchtigte. Der Japan-Angebotsschock von 2024 mit einem Rückgang von 94,7 % markiert den praktischen Zusammenbruch dieses einst wichtigen Exportmarktes.

Zunehmende Verwundbarkeit

Die Salienz-Analyse identifiziert die Handelsintensität als wichtigsten Vulnerabilitätsindikator (Salienz-Score: 111,1), gefolgt von der Exportneigung (91,4). Die Handelsintensität stieg von 54,8 % auf 92,5 %, die Exportneigung von 25,8 % auf 49,1 %. Diese Zahlen unterstreichen, dass der EU-Markt für Kunstfasergarne heute in hohem Maße vom internationalen Handel abhängig ist.


Fazit

Die Analyse des EU-Handels mit Kunstfasergarnen (CN 5511) im Zeitraum 2015 bis 2025 offenbart einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die EU hat sich von einer Region mit relevanter inländischer Produktion zu einem Markt entwickelt, der in erheblichem Maße von Importen abhängig ist. Die inländische Produktion brach um 79 % ein, die Nettoimportquote stieg auf 84 %.

Die Importseite wird zunehmend von der Türkei, China und — als neuer Akteur — Serbien dominiert. Die Exporte verloren in fast allen traditionellen Märkten an Boden, wobei der Brexit und der Zusammenbruch des Japan-Geschäfts die einschneidendsten Entwicklungen darstellen. Die EU exportiert heute weniger Volumen, aber zu höheren Preisen, was auf eine Konzentration auf hochwertige Nischenprodukte hindeutet.

Die steigende Handelsintensität und die zunehmende Exportkonzentration erhöhen die Verwundbarkeit des Marktes gegenüber externen Schocks. Für europäische Akteure in der Textil- und Modebranche bedeutet dies eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen Lieferländern, was sowohl Chancen (kostengünstigere Beschaffung) als auch Risiken (Lieferkettenunterbrechungen, geopolitische Abhängigkeiten) mit sich bringt.

Erstellt am 2026-08-07. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

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