Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Halbzeug aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, mit einem Kohlenstoffgehalt von < 0,25 GHT, mit rechteckigem "nichtquadratischem" Querschnitt und einer Breite von >= dem Zweifachen der Dicke (CN 720712) — 2015–2025

Einleitung

Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Halbzeug-Produkt CN 720712 im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt umfasst Flachhalbzeug aus unlegiertem Stahl mit niedrigem Kohlenstoffgehalt (< 0,25 %) und einem rechteckigen, nicht-quadratischen Querschnitt — ein Grundmaterial, das in der Weiterverarbeitung zu Stahlblechen und -bändern verwendet wird. Der Beobachtungszeitraum ist durch drei zentrale Entwicklungen geprägt: eine anhaltende und sich vertiefende Importabhängigkeit der EU, einen gravierenden geopolitischen Schock im Jahr 2022 (Russland-Ukraine-Krieg) sowie eine bemerkenswerte Verschiebung der Lieferantenstruktur zugunsten asiatischer und lateinamerikanischer Exporteure.

Die Gesamtübersicht zeigt, dass die EU-Importe im gesamten Zeitraum auf einem Vielfachen der Exporte verbleiben — ein strukturelles Merkmal, das sich über die Jahre verschärft hat. Die drei folgenden Abschnitte beleuchten die wichtigsten dynamischen Veränderungen.


1. Strukturelle Importabhängigkeit und steigende Preise: Die Grundkonfiguration des EU-Marktes

1.1 Die EU als Nettoimporteur mit wachsender Abhängigkeit

Die EU ist im Segment CN 720712 in erheblichem Maße auf Importe angewiesen. Der Netto-Importanteil stieg von 25,1 % im Jahr 2015 auf 67,9 % im Jahr 2025 — eine Verdopplung um +170,5 %. Der Höchststand wurde 2021 mit 71,8 % erreicht. Parallel dazu nahm die Handelsintensität von 39,1 % auf 74,4 % zu, was zeigt, dass der Markt zunehmend in den internationalen Handel eingebettet ist.

Kennzahl 2015 2025 Veränderung
Importwert (Mrd. EUR) 1,96 2,93 +49,2 %
Exportwert (Mio. EUR) 48,2 134,6 +179,1 %
Handelsbilanz (Mrd. EUR) −1,92 −2,79 −45,9 %
Netto-Importanteil (%) 25,1 67,9 +170,5 %
Handelsintensität (%) 39,1 74,4 +90,1 %

1.2 Steigende Einfuhrpreise trotz moderater Mengenentwicklung

Während die importierte Menge von 6,02 Mio. Tonnen (2015) auf 6,50 Mio. Tonnen (2025) nur um 7,8 % stieg, wuchs der Importwert um 49,2 % — getrieben durch einen Preisanstieg von 325,9 EUR/t auf 450,8 EUR/t (+38,3 %). Das Preishoch wurde 2022 mit 704,5 EUR/t erreicht, als die geopolitischen Turbulenzen ihren Höhepunkt fanden.

Bei den Exporten fiel der Preisanstieg noch deutlicher aus: Von 285,1 EUR/t (2015) auf 556,2 EUR/t (2025), was einem Plus von 95,1 % entspricht. Die Exportpreise überstiegen 2022 mit 694,9 EUR/t sogar zeitweise die Importpreise — ein Hinweis darauf, dass die EU bei ihren Ausfuhren verstärkt höherwertige Qualitäten oder speziellere Produktvarianten liefert.

1.3 Schrumpfende EU-Produktion als zugrundeliegender Treiber

Die inländische EU-Produktion entwickelte sich im Beobachtungszeitraum rückläufig. Die Produktionsmenge sank von 7,28 Mrd. kg (2015) auf 4,87 Mrd. kg (2025), was einem Rückgang von 32,5 % entspricht. Auch der Produktionswert fiel um 32,4 % auf 1,2 Mrd. EUR. Die EU exportierte 2025 nur noch ca. 16 % ihrer Produktion (Exportneigung: 16,1 %). Diese sinkende Produktionsbasis erklärt die zunehmende Importabhängigkeit.


2. Geopolitische Schocks und Umstrukturierung der Lieferantenbasis

2.1 Russland als dominanter, aber störungsanfälliger Lieferant

Russland war im gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU. Mit 1,63 Mrd. EUR im Jahr 2025 machte das Land 55,5 % des gesamten Importwerts aus. Die russischen Einfuhren wuchsen über den Zeitraum um 79,5 %, mit einem Höchststand von 2,35 Mrd. EUR im Krisenjahr 2021.

In jenem Jahr 2021 wurde ein Preisschock von +58,7 % gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt festgestellt (Abnormalitäts-Score: 8,7). Der russische Preis stieg von 378 EUR/t (2020) auf 630 EUR/t (2021). Auffällig ist, dass die russischen Mengen trotz des Preis-Schocks relativ stabil blieben — die mengenmäßige Volatilität (Variationskoeffizient: 0,10) war die niedrigste aller Lieferanten, was auf eine beständige Lieferbeziehung hinweist. Die EU scheint russisches Halbzeug trotz der Preis-Spitzen weiterhin abgenommen zu haben.

2.2 Der Zusammenbruch der ukrainischen Lieferungen als Folge des Krieges

Die Ukraine war 2015 der zweitgrößte Lieferant mit 551 Mio. EUR Importwert. Bis 2021 stiegen die Einfuhren auf 1,34 Mrd. EUR an, bevor der Krieg ab 2022 zu einem dramatischen Einbruch führte. Die Importe aus der Ukraine sanken um 98,1 % auf nur noch 10,6 Mio. EUR im Jahr 2025.

Die Volatilitätsanalyse bestätigt die extreme Diskontinuität: Der Variationskoeffizient der ukrainischen Importmengen betrug 0,73 — ein Wert, der die Schwankungsbreite zwischen der Vorkriegs- und der Nachkriegsperiode widerspiegelt. Die mengenmäßige Basislinie (2015–2022) lag bei durchschnittlich 1,86 Mio. Tonnen; im Zeitraum 2023–2025 verblieben nur noch durchschnittlich 57.000 Tonnen — ein Rückgang auf 3,1 % des Ausgangsniveaus. Die Preise blieben dabei mit 541 EUR/t deutlich über dem Vorkriegsniveau von 441 EUR/t, was darauf hindeutet, dass die verbliebenen Lieferungen qualitativ hochwertig oder in begrenzten Nischen positioniert sind.

2.3 Die rasante Etablierung neuer Lieferanten aus Asien

Der Marktkonzentrationsindex (HHI) der Importe sank trotz der russischen Dominanz von 4.798 im Jahr 2020 auf 3.459 im Jahr 2025, was auf eine zunehmende Diversifizierung der Lieferantenbasis hindeutet. Die treibende Kraft hinter dieser Diversifierung sind neue asiatische Lieferanten:

Lieferant 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
China 1,4 355,2 +26.069 %
Vietnam 0,001 279,3 +29.682.824 %
Indien 0,01 10,5 +106.868 %
Indonesien 13,4 31,1 +132 %

China und Vietnam haben sich innerhalb weniger Jahre von praktisch irrelevanten Lieferanten zu den dritt- und viertgrößten Importquellen entwickelt. Chinas Importe stiegen besonders ab 2022 sprunghaft an — von 364 Mio. EUR (2022) nach Jahren mit nur einstelligen Millionenbeträgen. Vietnam war vor 2022 überhaupt nicht als Lieferant verzeichnet und erreichte 2024 bereits 282 Mio. EUR. Diese Verschiebung spiegelt eine klassische Substitutionseffekt: Nach dem Wegfall ukrainischer Kapazitäten und angesichts der Sanktionsrisiken gegenüber Russland suchte die EU aktiv nach alternativen Bezugsquellen in Fernost.

Auch Iran und Brasilien spielten eine Rolle als ergänzende Lieferanten. Brasilien schwankte zwischen 71 Mio. EUR (2020) und 540 Mio. EUR (2018), Iran erreichte 2018 ein Hoch von 132 Mio. EUR, ging dann aber auf 8,6 Mio. EUR (2025) zurück.

2.4 Preis-Schocks 2021 als Wendepunkt

Das Jahr 2021 markierte einen globalen Preisschock im Segment CN 720712. Drei der vier bedeutendsten Schock-Ereignisse fallen in dieses Jahr:

Ereignis Typ Anstieg Anteil am Importwert Abnormalität
Brasilien (Import, Preis) Preis +100,3 % 12,9 % 11,9
Russland (Import, Preis) Preis +58,7 % 63,5 % 8,7
Ukraine (Import, Preis) Preis +61,6 % 23,6 % 6,8

Der brasilianische Preis-Schock war mit +100,3 % (von 394 EUR/t auf 840 EUR/t) der prozentual stärkste und hatte mit einem Abnormalitäts-Score von 11,9 den höchsten statistischen Ausreißer-Wert. Diese Preis-Spitzen 2021 sind im Einklang mit der globalen Rohstoffkonjunktur nach der COVID-19-Pandemie, die in der Stahlbranche zu Engpässen und Preisanstiegen führte.


3. EU-interne Handelsmuster: Konzentration, Spezialisierung und Wandel der Exportmärkte

3.1 Italien und Belgien als zentrale Importmärkte innerhalb der EU

Die Verteilung der EU-Importe auf die Mitgliedstaaten zeigt eine klare Konzentration. Italien war 2025 mit 1,22 Mrd. EUR der größte Empfänger von CN-720712-Importen (+73,6 % gegenüber 2015), gefolgt von Belgien mit 539 Mio. EUR und Dänemark mit 236 Mio. EUR.

EU-Mitgliedstaat 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Italien 703,7 1.221,6 +73,6 %
Belgien 522,8 539,3 +3,2 %
Dänemark 176,5 235,9 +33,6 %
Tschechien 64,5 445,3 +590,1 %
Polen 48,5 195,6 +302,9 %
Deutschland 182,1 71,2 −60,9 %
Niederlande 173,9 0,03 −100,0 %

Besonders auffällig ist der starke Anstieg in Tschechien (+590 %) und Polen (+303 %), die als ostmitteleuropäische Industrieländer ihre Stahlhalbzeug-Beschaffung deutlich ausgeweitet haben. Deutschland hingegen reduzierte seine Importe um 61 % — möglicherweise aufgrund eigener Produktionskapazitäten oder veränderter Lieferketten. Die Niederlande sind praktisch vollständig aus dem Importgeschäft ausgestiegen.

3.2 Spezialisierungsmuster innerhalb der EU

Die Spezialisierungsanalyse (RSCA) für 2025 zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:

Land RSCA RCA Anteil Produktion Anteil Export
Kroatien 0,72 6,17 2,5 % 0,4 %
Belgien 0,47 2,76 23,3 % 8,5 %
Deutschland 0,43 2,51 53,2 % 21,2 %
Slowakei 0,43 2,51 5,3 % 2,1 %
Spanien 0,26 1,69 9,8 % 5,8 %

Deutschland dominiert mit 53,2 % der EU-Produktion und 21,2 % der Exporte, gefolgt von Belgien. Kroatien hat zwar die höchste Spezialisierung (RSCA: 0,72), aber mit nur 0,4 % Exportanteil eine sehr kleine absolute Basis. Im Gegensatz dazu sind Länder wie Italien (RSCA: −0,98) und die Niederlande (RSCA: −0,97) klar auf Importe ausgerichtet und produzieren dieses Halbzeug kaum selbst.

3.3 Verschiebung der Exportziele: Aufstieg des Vereinigten Königreichs, Rückgang traditioneller Märkte

Die EU-Exporte entwickelten sich volatil, aber insgesamt wachsend. Die Exportmärkte haben sich dabei gravierend verschoben:

Exportziel 2015 (Mio. EUR) 2025 (Mio. EUR) Veränderung
Vereinigtes Königreich 2,4 117,0 +4.756 %
Niederlande (Weiterexport) 21,1 111,6 +428 %
Deutschland (Weiterexport) 2,7 19,9 +638 %
Türkei 34,6 0,06 −99,8 %
USA 1,3 0,1 −91,6 %

Der Anstieg der Exporte in das Vereinigte Königreich von 2,4 Mio. EUR auf 117,0 Mio. EUR (+4.756 %) ist die herausragendste Exportentwicklung. Das Vereinigte Königreich wurde 2024/2025 mit Abstand das wichtigste Exportziel der EU. Dies steht im Einklang mit dem Brexit, der zu einer Neuordnung der Handelsbeziehungen führte und möglicherweise zu einer verstärkten direkten Lieferung von EU-Halbzeug an britische Weiterverarbeiter führte.

Gleichzeitig verloren traditionelle Exportmärkte wie die Türkei (−99,8 %), die USA (−91,6 %), China (−100 %) und Serbien (−99,8 %) nahezu vollständig an Bedeutung. Der Exportmarkt wurde damit sowohl konzentrierter als auch geographisch enger gefasst: Der Export-Konzentrationsindex (HHI) stieg von 5.387 (2015) auf 7.693 (2025) — ein außergewöhnlich hoher Wert, der die Dominanz weniger Zielländer widerspiegelt.

3.4 Produktsegment: Das warmgewalzte Halbzeug dominiert vollständig

Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass CN 72071210 (warm vorgewalzt oder stranggegossen) praktisch das gesamte Volumen ausmacht. CN 72071290 (vorgeschmiedet) ist mengenmäßig vernachlässigbar:

Position Importmenge 2025 (t) Importwert 2025 (Mio. EUR) Preis (EUR/t)
72071210 (warmgewalzt/stranggegossen) 6.496.773 2.928,4 450,8
72071290 (vorgeschmiedet) 1.029 0,8 784,0

Das vorgeschmiedete Halbzeug (72071290) hat zwar einen deutlich höheren Stückpreis (784 EUR/t vs. 451 EUR/t), ist aber mengenmäßig nur ein Rundungsfehler. Dies bestätigt, dass die industrielle Nachfrage fast ausschließlich auf flachgewalzte bzw. stranggegossene Halbzeug-Formate gerichtet ist — die für die Stahlband- und Blechproduktion eingesetzt werden.


Schlussfolgerung

Der EU-Markt für CN 720712 hat sich im Zeitraum 2015–2025 fundamental verändert. Drei zentrale Trends lassen sich zusammenfassen:

  1. Tiefere Importabhängigkeit: Die EU ist trotz leicht rückläufiger Importmengen heute stärker denn je auf Drittlandslieferungen angewiesen (Netto-Importanteil: 68 %). Die zugrundeliegende Ursache ist der Rückgang der inländischen EU-Produktion um rund ein Drittel. Die Importpreise liegen 2025 mit 451 EUR/t deutlich über dem Niveau von 2015 (326 EUR/t).

  2. Geopolitische Neuordnung der Lieferantenbasis: Der russische Angriff auf die Ukraine führte zum praktischen Zusammenbruch der ukrainischen Lieferungen (−98 %). Obwohl Russland weiterhin der mit Abstand wichtigste Lieferant bleibt (Anteil: 55 %), haben China und Vietnam als neue Lieferanten in kürzester Zeit erhebliche Marktanteile gewonnen. Diese Substitution lieferte zwar eine kurzfristige Entlastung, erhöht aber die strategische Abhängigkeit von Lieferketten mit langer Reichweite.

  3. Zunehmende Konzentration auf wenige Handelspartner: Sowohl bei Importen als auch bei Exporten hat die Konzentration zugenommen. Die EU-Exporte richten sich zunehmend auf das Vereinigte Königreich, während traditionelle Exportziele an Bedeutung verloren haben. Die Importe bleiben von wenigen großen Lieferanten geprägt, auch wenn die HHI-Werte nach 2022 leicht zurückgegangen sind.

Für die europäische Industriepolitik ergibt sich daraus die Herausforderung, die Versorgungssicherheit mit einem Grundmaterial sicherzustellen, dessen inländische Produktionsbasis schrumpft und dessen internationale Beschaffung zunehmend geopolitischen Risiken unterliegt.

Erstellt am 2026-08-04. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.