Marktentwicklung: Graugusswaren (CN 732510) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarif CN 732510 erfasst Waren aus nichtverformbarem (grauem) Gusseisen, die nicht anderweitig klassifiziert sind — ein breites Produktspektrum von Maschinenguss über Rohrformstücke bis hin zu architektonischen Gussteilen. Die europäische Gussindustrie steht im Spannungsfeld zwischen einer langjährigen Tradition und zunehmendem globalen Wettbewerbsdruck, Rohstoffpreisschwankungen und geopolitischen Verwerfungen. Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der EU im Zeitraum 2015–2025 auf Basis der Daten des EU Trade Dashboards. Dabei werden drei zentrale Dynamiken herausgearbeitet: der preisgetriebene Strukturwandel, die wachsende Importabhängigkeit sowie die Verschiebungen im Partnergefüge.
1. Preisgetriebener Strukturwandel: Weniger Menge, mehr Wertschöpfung
Die auffälligste Entwicklung des Betrachtungszeitraums ist die Trennung von Mengen- und Wertentwicklung. Während die Handelsvolumen spürbar schrumpfen, bleiben die Handelswerte weitgehend stabil oder steigen sogar — getrieben durch erhebliche Preissteigerungen.
1.1 Die EU exportiert deutlich weniger Tonnen, erzielt aber stabilere Erlöse
Die EU-Exporte von Graugusswaren sind mengenmäßig von 75.208 Tonnen (2015) auf 52.385 Tonnen (2025) zurückgegangen — ein Minus von 30,3 %. Der Exportwert sank im gleichen Zeitraum lediglich um 6,4 %, von 185,6 Mio. € auf 173,8 Mio. €. Dies ist auf einen kräftigen Preisanstieg zurückzuführen: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 2.468 €/t auf 3.316 €/t (+34,4 %) und erreichte damit sein Maximum im gesamten Zeitraum.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. €) | 185,6 | 173,8 | −6,4 % |
| Exportmenge (t) | 75.208 | 52.385 | −30,3 % |
| Exportpreis (€/t) | 2.468 | 3.316 | +34,4 % |
Quelle: Allgemeiner Überblick
1.2 Importmengen schrumpfen ebenfalls — Preise steigen weniger stark
Auch auf der Importseite zeigt sich ein ähnliches Bild, wenn auch weniger ausgeprägt. Die Einfuhren sanken mengenmäßig von 249.247 t auf 207.883 t (−16,6 %), während der Importwert mit 352,0 Mio. € nahezu unverändert blieb (−0,8 %). Die Importpreise stiegen von 1.423 €/t auf 1.693 €/t (+19,0 %). Bemerkenswert ist die deutliche Preisdifferenz: EU-Exporte sind im Schnitt doppelt so teuer wie Importe, was auf eine Spezialisierung der EU auf höherwertige Gusserzeugnisse hindeutet.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. €) | 354,7 | 352,0 | −0,8 % |
| Importmenge (t) | 249.247 | 207.883 | −16,6 % |
| Importpreis (€/t) | 1.423 | 1.693 | +19,0 % |
Quelle: Allgemeiner Überblick
1.3 EU-Produktion: weniger Volumen, deutlich mehr Wertschöpfung
Die inländische EU-Produktion bestätigt diesen Strukturwandel. Die Produktionsmenge sank von 400.000 t auf 358.338 t (−10,4 %), während der Produktionswert von 600,0 Mio. € auf 729,5 Mio. € anstieg (+21,6 %). Dies entspricht einer Steigerung des Produktionspreises von 1.500 €/t auf rund 2.036 €/t — ein Indiz für eine Verschiebung hin zu hochwertigeren, besser veredelten Gussprodukten und für die Weitergabe gestiegener Energie- und Rohstoffkosten.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (t) | 400.000 | 358.338 | −10,4 % |
| Produktionswert (Mio. €) | 600,0 | 729,5 | +21,6 % |
Quelle: Produktionsvolumen
2. Wachsende strukturelle Abhängigkeit und steigende Verwundbarkeit
Trotz einer gewissen Preisanpassung hat sich die Handelsbilanz der EU im Segment Graugusswaren nicht verbessert — im Gegenteil: Die strukturelle Importabhängigkeit ist erheblich gestiegen.
2.1 Das Handelsdefizit bleibt hoch und hat sich vertieft
Die EU weist im gesamten Betrachtungszeitraum ein signifikantes Handelsdefizit auf. Dieses bewegte sich zwischen −100,0 Mio. € (2020, dem niedrigsten Wert) und −216,9 Mio. €. Im Jahr 2025 betrug das Defizit −178,2 Mio. € — ein leichter Anstieg gegenüber 2015 (−169,1 Mio. €). Das Minimum des Defizits fiel in die COVID-19-Krise (2020), als die Importe besonders stark einbrachen.
Quelle: Allgemeiner Überblick
2.2 Netto-Importabhängigkeit hat sich nahezu verdoppelt
Der Indikator der Netto-Importabhängigkeit stieg von 10,4 % (2015) auf 19,2 % (2025) — eine Steigerung um 83,8 %. Der Höchstwert wurde 2022 mit 28,3 % erreicht. Dies ist ein bemerkenswerter Anstieg: Die EU ist für Graugusswaren heute fast doppelt so importabhängig wie noch vor einem Jahrzehnt. Die Handelsintensität (Handelsvolumen relativ zur Produktion) lag zuletzt bei 50,6 %, was zeigt, dass der Markt hochgradig internationalisiert ist.
| Indikator | 2015 | 2025 | Spitzenwert | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Netto-Importabhängigkeit (%) | 10,4 | 19,2 | 28,3 (2022) | +83,8 % |
| Handelsintensität (%) | 46,9 | 50,6 | 62,7 | +8,0 % |
| Exportquote (%) | 26,6 | 26,1 | 38,0 | −1,9 % |
Quelle: Netto-Importabhängigkeit, Handelsintensität
2.3 China dominiert die Importe, doch die Konzentration sinkt leicht
China ist und bleibt mit großem Abstand der wichtigste Importpartner der EU. Im Jahr 2015 machte China 152,1 Mio. € der EU-Einfuhren aus, zuletzt 128,0 Mio. € (−15,9 %). Allerdings hat sich die Importkonzentration (HHI-Wert) von 2.329 auf 1.994 verringert (−14,4 %), was auf eine leichte Diversifizierung der Bezugsquellen hindeutet.
| Partner | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 152,1 | 128,0 | −15,9 % |
| Indien | 51,8 | 46,9 | −9,4 % |
| Türkei | 40,1 | 46,6 | +16,1 % |
| Vereinigtes Königreich | 26,4 | 38,7 | +46,6 % |
| Norwegen | 24,8 | 44,1 | +77,7 % |
| Iran | 13,8 | 11,7 | −15,9 % |
| Tunesien | 5,3 | 5,5 | +5,1 % |
Quelle: Handelspartner
Innerhalb der EU waren Italien (73,8 Mio. €) und Deutschland (54,0 Mio. €) die größten Importeure, wobei Deutschland seinen Importanteil um 38,1 % reduzierte. Besonders stark wuchs der Importanteil der Niederlande (von 12,4 Mio. € auf 48,7 Mio. €, +292,7 %) und Frankreichs (von 16,3 Mio. € auf 31,5 Mio. €, +93,4 %).
Quelle: Berichterstatter (Importe)
3. Geopolitische Umbrüche verändern das Handelspartner-Gefüge
Neben den langfristigen Strukturtrends hat die Periode 2015–2025 von mehreren geopolitischen Ereignissen geprägt, die das Handelsgefüge spürbar verschoben haben — insbesondere im Exportbereich.
3.1 Russland als Exportmarkt fast vollständig weggebrochen
Der dramatischste Einbruch betraf die EU-Exporte in die Russische Föderation: Von 5,8 Mio. € (2015) auf lediglich 0,3 Mio. € (2025) — ein Rückgang um 95,6 %. Dies ist eindeutig auf die Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 und die darauffolgenden Handelsbeschränkungen zurückzuführen. Russland, 2015 noch ein relevanter Absatzmarkt, ist praktisch aus dem EU-Exportgefüge verschwunden.
Quelle: Handelspartner
3.2 Serbien und die Türkei als neue Exportwachstumsmärkte
Der Wegfall Russlands wurde teilweise durch andere Märkte kompensiert. Die Exporte nach Serbien stiegen von 0,7 Mio. € auf 7,9 Mio. € — ein spektakuläres Wachstum von 1.101,7 %. Serbien ist damit von einem Nischenmarkt zu einem der wichtigsten EU-Exportziele aufgestiegen. Die Exporte in die Türkei verdoppelten sich nahezu (+102,0 %), von 3,9 Mio. € auf 7,8 Mio. €. Auch die Exporte in die USA blieben mit 31,1 Mio. € robust (+9,3 %), wenngleich die Schwankungsbreite hoch war (Maximum 53,2 Mio. € in 2015).
3.3 Norwegen als Importpartner stärker nachgefragt, als Exportmarkt jedoch geschrumpft
Auffällig ist die gegenläufige Entwicklung im Handel mit Norwegen. Die EU-Importe aus Norwegen stiegen von 24,8 Mio. € auf 44,1 Mio. € (+77,7 %) — Norwegen ist damit von Platz 5 zum drittgrößten Nicht-EU-Importeur aufgestiegen. Gleichzeitig brachen die EU-Exporte nach Norwegen von 22,2 Mio. € auf 8,7 Mio. € ein (−60,8 %). Diese Gegenläufigkeit deutet auf eine zunehmende norwegische Eigenproduktion oder veränderte Lieferketten hin.
3.4 Preis-Schocks im Jahr 2022
Die Schockanalyse identifiziert mehrere signifikante Preis-Schocks, die überwiegend im Jahr 2022 stattfanden:
- Indien (Importe): Ein außergewöhnlicher Preisanstieg um 48,3 %, mit einer Abnormalitätsbewertung von 4,5 — der stärkste erfasste Schock. Der Anteil Indiens an den EU-Importen lag bei 15,4 %.
- Vereinigtes Königreich (Importe): Preissteigerung um 15,6 % (Abnormalität 3,0), bei einem Importanteil von 11,2 %.
- Serbien (Exporte): Preisanstieg um 10,3 % (Abnormalität 2,8).
Diese Schocks fallen zeitlich mit der Energiekrise 2022 zusammen, die die Gussindustrie als energieintensiven Sektor besonders hart traf. Die Volatilitätsanalyse zeigt zudem, dass Exporte in die Russische Föderation (CV: 0,68) und nach Serbien (CV: 0,95) die höchsten Schwankungen aufwiesen — beides Märkte, die von geopolitischen Ereignissen stark betroffen waren.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Graugusswaren (CN 732510) durchlebt im Zeitraum 2015–2025 einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die drei zentralen Befunde lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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Preisgetriebener Wandel: Die mengenmäßige Schrumpfung sowohl der Produktion als auch des Handels wird durch erhebliche Preissteigerungen kompensiert. Die EU spezialisiert sich zunehmend auf höherwertige Gussprodukte (Exportpreise 2025: 3.316 €/t vs. Importpreise: 1.693 €/t), verliert aber mengenmäßig Marktanteile.
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Steigende Verwundbarkeit: Die Netto-Importabhängigkeit hat sich nahezu verdoppelt (von 10,4 % auf 19,2 %). Trotz einer gewissen Diversifizierung der Bezugsquellen bleibt China mit Abstand der dominierende Lieferant. Die hohen Preis-Schocks von 2022 verdeutlichen die Anfälligkeit der EU-Versorgungsketten.
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Geopolitische Neuausrichtung: Der Wegfall des russischen Marktes, das Aufstiegen neuer Exportziele wie Serbien und die Stärkung der norwegischen Importposition spiegeln die tektonischen Verschiebungen wider, die Krieg, Sanktionen und Energiekrise in der europäischen Handelslandschaft ausgelöst haben.
Für die europäische Gussindustrie ergibt sich daraus eine ambivalente Situation: Einerseits gelingt es, in der Wertschöpfungskette aufzusteigen; andererseits wächst die Abhängigkeit von Importen für mengenintensive Standardprodukte. Die geopolitischen Risiken — insbesondere die Konzentration auf China als Hauptlieferanten — bleiben ein strategisches Thema für die kommende Dekade.