Marktentwicklung: Flacherzeugnisse aus legiertem, anderem als nichtrostendem Stahl, mit einer Breite von >= 600 mm, nur warmgewalzt, nicht in Rollen "Coils" (ausg. aus Silicium-Elektrostahl) (CN 722540) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollprodukt CN 722540 — warmgewalzten Flacherzeugnissen aus legiertem, nicht rostfreiem Stahl mit einer Breite von ≥ 600 mm — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Es handelt sich um ein heterogenes Produktsegment, das unter anderem Werkzeugstahl (72254012), Schnellarbeitsstahl (72254015) sowie verschiedene Dickenklassen legierter Flachstahlerzeugnisse (72254040, 72254060, 72254090) umfasst (Produktübersicht).
Im Untersuchungszeitraum vollzog sich eine fundamentale Transformation des Handelsmusters: Die EU wandelte sich von einem Nettoimporteur mit einem negativen Handelssaldo von rund 589 Mio. € (2015) zu einem ausgeprägten Nettoexporteur mit einem positiven Saldo von rd. 1,32 Mrd. € (2025). Dieser Strukturwandel wird im Folgenden entlang dreier zentraler Thesen analysiert.
1. Vom Nettoimporteur zum starken Nettoexporteur: Die strukturelle Wende im EU-Außenhandel
Der dramatische Rückgang der EU-Importe
Die EU-Importe aus Drittländern sind im Betrachtungszeitraum drastisch eingebrochen. Der Importwert sank von 350,3 Mio. € (2015) auf nur noch 81,8 Mio. € (2025) — ein Rückgang um 76,7 %. Noch gravierender war der Mengeneinbruch: Die importierte Menge fiel von 721.053 Tonnen auf 71.442 Tonnen, was einem Rückgang von 90,1 % entspricht (Handelsübersicht).
| Kennzahl | 2015 | 2018 | 2020 | 2022 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. €) | 350,3 | 71,4 | 45,8 | 91,0 | 81,8 | −76,7 % |
| Importmenge (t) | 721.053 | 71.481 | 47.319 | 55.691 | 71.442 | −90,1 % |
| Importpreis (€/t) | 486 | 998 | 968 | 1.634 | 1.144 | +135,5 % |
Dabei veränderte sich die Importpreisentwicklung gegenläufig zur Mengenentwicklung: Während die importierten Volumina kollabierten, stiegen die Einheitswerte von durchschnittlich 486 €/t (2015) auf 1.144 €/t (2025). Dies deutet darauf hin, dass die verbliebenen Importe zunehmend auf qualitativ hochwertige Spezialprodukte konzentrierten.
Der starke Anstieg der EU-Exporte
Den Importeinbrüchen steht ein bemerkenswert robuster Exportsektor gegenüber. Der Exportwert kletterte von 939,8 Mio. € (2015) auf 1.401,9 Mio. € (2025), was einem Plus von 49,2 % entspricht. Im Jahr 2022 wurde mit 1.724,3 Mio. € sogar ein Spitzenwert erreicht. Die exportierte Menge blieb dabei mit rd. 780.000–1.015.000 Tonnen relativ stabil (2015: 795.134 t; 2025: 779.888 t; Veränderung nur −1,9 %), sodass der Wertzuwachs im Wesentlichen durch Preisanstiege (+40,9 %) getrieben wurde (Handelsübersicht).
Der resultierende Handelsüberschuss
Aus dieser asymmetrischen Entwicklung resultierte eine Verdopplung des Handelsüberschusses: von rd. 589 Mio. € (2015) auf rd. 1.320 Mio. € (2025), ein Anstieg um 124,0 %. Die Netto-Importabhängigkeit sank dabei von −170,6 % (2015) auf −81,9 % (2025) — negativ, weil die EU in diesem Segment starker Nettoexporteur ist. Im Tiefpunkt 2020 lag dieser Wert sogar bei −818,5 %, was den enormen Exportüberschuss während der Pandemie widerspiegelt.
2. Partnerschaftsverschiebungen und neue Konzentrationsmuster
Der Zusammenbruch des chinesischen Importanteils
China war 2015 mit Abstand der wichtigste Importpartner der EU im Segment CN 722540. Mit einem Importvolumen von 309,7 Mio. € (rd. 671.740 Tonnen) deckte China rund 88 % des EU-Importwerts ab. Bereits 2017 vollzog sich ein dramatischer Einbruch: Die Importmenge sank auf nur noch 19.633 Tonnen, bei gleichzeitigem Preissprung von rd. 375 €/t (2016) auf 973 €/t (2017) — ein als Preis-Schock mit einer Abnormalität von 9,1 und einer Preisabweichung von +132,9 % identifiziertes Ereignis. Bis 2025 verblieb der Import aus China bei lediglich 38,6 Mio. € (−87,5 % gegenüber 2015) und rd. 29.625 Tonnen (Länderpartner — Importe).
Dieser Zusammenbruch führte zu einer drastischen De-Konzentration der Importquellen: Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert sank von 7.845 (2015) — ein hochkonzentrierter Markt — auf 3.119 (2025), was auf einen deutlich diversifizierteren Importmarkt hindeutet. Neue, kleinere Lieferanten wie Nordmazedonien traten auf (2014/2025: rd. 20,1 Mio. €), blieben aber mengenmäßig unbedeutend.
Stabilisierung der Exportpartnerlandschaft
Im Gegensatz zu den Importen blieb die Exportpartnerstruktur deutlich stabiler. Die Exportkonzentration (HHI nach Wert) lag durchgehend im Bereich von 596–738 — also auf einem moderaten bis niedrigen Niveau — und veränderte sich nur minimal (−2,8 % über den gesamten Zeitraum) (Konzentrationsanalyse).
Dennoch verschoben sich die Rangfolgen der Exportmärkte erheblich:
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 120,6 | 171,5 | +42,2 % |
| Türkei | 83,1 | 178,3 | +114,5 % |
| Vereinigtes Königreich | 97,3 | 128,7 | +32,3 % |
| Russische Föderation | 43,2 | 2,1 | −95,2 % |
| USA | 116,8 | 115,8 | −0,8 % |
| Indien | 40,8 | 83,1 | +103,6 % |
| Südafrika | 37,1 | 40,2 | +8,2 % |
Datenquelle: Länderpartner — Exporte
Auffällig ist der fast vollständige Rückgang der Exporte in die Russische Föderation: von rd. 147 Mio. € im Spitzenjahr 2017 auf praktisch null ab 2024 — ein klarer Effekt der seit 2022 verhängten Sanktionen. Parallel dazu gewannen die Türkei (+114,5 %) und Indien (+103,6 %) stark an Bedeutung als Absatzmärkte. Die Exporte nach Chile verzeichneten 2022 einen außergewöhnlichen Preisschock mit einer Preisabweichung von +54,3 % (Abnormalität: 1.218,9), der auf eine globale Störung der Stahlversorgungsketten hinweist.
Volatilitätsunterschiede zwischen Import- und Exportmärkten
Die Mengenvolatilität (Variationskoeffizient, CV) ist bei den Importquellen erheblich höher als bei den Exportmärkten. Südkorea (CV: 3,09), Japan (2,10) und China (1,91) weisen die höchsten Schwankungen bei den Importmengen auf, während bei den Exporten die meisten Märkte CV-Werte unter 0,4 aufweisen — mit der bemerkenswerten Ausnahme der Russischen Föderation (CV: 0,90), was den Sanktionseffekt widerspiegelt (Volatilitätsanalyse).
3. Binnenproduktionslandschaft: Skandinavische Spezialisierung und europäische Disparitäten
Schweden und Finnland als Komparativvorteil-Träger
Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt ein klares Bild: Schweden besitzt den höchsten RCA-Wert (10,09) in der gesamten EU und einen RSCA von 0,82, gefolgt von Finnland (RCA: 8,42; RSCA: 0,79). Beide Länder produzieren weit überproportional für diesen Marktsegment:
| Land | RCA | RSCA | Produktionsanteil an EU-Gesamt |
|---|---|---|---|
| Schweden | 10,09 | 0,82 | 24,2 % |
| Finnland | 8,42 | 0,79 | 8,5 % |
| Österreich | 3,96 | 0,60 | 13,1 % |
| Slowenien | 2,96 | 0,49 | 3,0 % |
| Slowakei | 1,99 | 0,33 | 4,2 % |
Datenquelle: Spezialisierungsanalyse
Schwedens Dominanz spiegelt sich auch in den Exportzahlen wider: Von rd. 317 Mio. € (2015) stiegen die schwedischen Exporte auf rd. 688 Mio. € (2025), was einem Anstieg von 116,8 % entspricht — der stärkste absolute Zuwachs aller EU-Länder. Schweden ist damit der größte einzelne Exporteur innerhalb der EU für dieses Produkt (Länderberichterstatter — Exporte).
Deutschland: Großer Volumenakteur ohne Komparativvorteil
Deutschland exportierte 2025 Waren im Wert von rd. 153 Mio. € (−34,5 % gegenüber 2015), was es zum zweitgrößten Exporteur macht. Allerdings weist Deutschland einen negativen RSCA von −0,20 und einen RCA von nur 0,67 auf — es ist also nicht spezialisiert. Der deutsche Produktionsanteil an der EU-Gesamtproduktion liegt bei 14,1 %, doch der Anteil am EU-Gesamthandel (total_share) beträgt 21,2 %, was auf eine starke Rolle als Handelsdrehscheibe (Re-Export, Veredelung) hindeutet.
Rückläufige EU-Produktion bei steigenden Preisen
Die EU-weite Produktion entwickelte sich differenziert: Die Produktionsmenge sank von rd. 2,06 Mrd. kg (2008) bzw. rd. 1,76 Mrd. kg (2015) auf rd. 1,68 Mrd. kg (2024) — ein Rückgang um 18,7 % gegenüber 2008. Parallel dazu stieg der Produktionswert von 2,43 Mrd. € (2008) auf 3,09 Mrd. € (2024), was einem Plus von 27,5 % entspricht. Der durchschnittliche Produktionspreis erhöhte sich demnach von rd. 1,18 €/kg (2008) auf rd. 1,84 €/kg (2024) — ein Indiz für eine Verschiebung hin zu höherwertigen Stahlsorten.
Produktsegmentanalyse: Dicke-Stähle dominieren
Innerhalb der CN 722540-Subsegmente dominiert bei den Importen das Produkt 72254040 (Flacherzeugnisse > 10 mm Dicke), das 2015 mit rd. 282 Mio. € (und 602.953 Tonnen) den Löwenanteil der Importe ausmachte, bis 2025 jedoch auf rd. 27,5 Mio. € (32.388 t) einbrach — ein Rückgang um über 90 %. Bei den Exporten ist ebenfalls 72254040 das führende Segment mit einem Exportwert von rd. 697 Mio. € (2025), gefolgt von 72254060 (4,75–10 mm) mit rd. 505 Mio. € (Produktaufschlüsselung).
Fazit
Die Handelsbilanz der EU im Segment CN 722540 hat sich zwischen 2015 und 2025 grundlegend gewandelt. Drei Entwicklungen stehen dabei im Vordergrund:
Erstens hat sich die EU von einem signifikanten Nettoimporteur — getrieben durch massive chinesische Lieferungen — zu einem starken Nettoexporteur mit einem Handelsüberschuss von über 1,3 Mrd. € entwickelt. Der weitgehende Wegfall chinesischer Importe (−87,5 % nach Wert) war dabei der zentrale Treiber.
Zweitens haben geopolitische Ereignisse — namentlich die Sanktionen gegen Russland seit 2022 — die Exportlandschaft nachhaltig verändert. Die Exporte in die Russische Föderation kollabierten um 95,2 %, während die Türkei und Indien als alternative Absatzmärkte mit Wachstumsraten von über 100 % an Bedeutung gewannen. Gleichzeitig verursachte die globale Stahlmarktverwerfung 2022 bei mehreren Partnern Preisschocks von ungewöhnlicher Intensität.
Drittens ist die europäische Produktionslandschaft durch eine ausgeprägte nordische Spezialisierung gekennzeichnet: Schweden und Finnland besitzen signifikante komparative Vorteile, während große Volkswirtschaften wie Deutschland trotz hoher absoluter Volumina keine Spezialisierung aufweisen. Die EU-Produktion verlagert sich zugleich mengenmäßig rückläufig, qualitativ jedoch hin zu höherwertigen Erzeugnissen.
Insgesamt ist CN 722540 ein Segment, in dem die EU ihre Position als globaler Anbieter gestärkt hat — ein Ergebnis, das sowohl auf strukturelle Wettbewerbsvorteile skandinavischer Hersteller als auch auf den Rückgang importseitiger Konkurrenz, insbesondere aus China, zurückzuführen ist.