Marktentwicklung: Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, mit einer Breite >= 600 mm, nicht in Rollen "Coils", nur warmgewalzt, weder plattiert noch überzogen, mit einer Dicke von > 10 mm, ohne Oberflächenmuster (CN 720851) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union für das Zollprodukt CN 720851 — warmgewalzte Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl mit einer Dicke von über 10 mm — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Bei diesem Produkt handelt es sich um ein Basiserzeugnis der Stahlindustrie, das in der Bau-, Maschinenbau- und Infrastrukturbranche breite Anwendung findet. Der analysierte CN-Code bündelt drei Unterkategorien (Produktübersicht):
| CN-Code | Beschreibung |
|---|---|
| 72085120 | Dicke > 15 mm |
| 72085191 | Breite ≥ 2.050 mm, Dicke 10–15 mm |
| 72085198 | Breite 600–2.050 mm, Dicke 10–15 mm |
Das Beobachtungsfenster umfasst elf Jahre vollständiger Jahresdaten (2015–2025). Die Analyse zeigt, dass der EU-Außenhandel in diesem Segment durch drei zentrale Dynamiken geprägt ist: einen tiefgreifenden Strukturwandel hin zur Nettoimportabhängigkeit, eine drastische Umordnung der Handelspartnerschaften infolge geopolitischer Ereignisse und eine außergewöhnliche Preisvolatilität.
1. Strukturwandel: Vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur
Die vielleicht auffälligste Entwicklung des gesamten Beobachtungszeitraums ist die fundamentale Umkehr der EU-Handelsposition bei CN 720851. War die EU im Jahr 2015 noch Nettoexporteur, so hat sie sich bis 2025 zu einem signifikanten Nettoimporteur entwickelt.
1.1 Die Auseinanderentwicklung von Export- und Importvolumen
Die Exporte sind im Zeitraum 2015–2025 sowohl mengen- als auch wertmäßig erheblich geschrumpft, während die Importe wertgestützt deutlich zugelegt haben:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 1,05 | 0,68 | −35,3 % |
| Exportmenge (kt) | 1.736 | 717 | −58,7 % |
| Importwert (Mrd. €) | 0,89 | 1,17 | +31,5 % |
| Importmenge (kt) | 1.851 | 1.788 | −3,4 % |
| Handelsbilanz (Mio. €) | +155 | −494 | −418,0 % |
Quelle: Gesamtübersicht
Die Handelsbilanz hat sich im Beobachtungszeitraum um rund 650 Mio. € verschlechtert. Während die Exportmenge fast um zwei Drittel fiel, blieb die Importmenge bemerkenswert stabil — lediglich ein leichter Rückgang um 3,4 %. Der Importwert stieg jedoch um 31,5 %, was auf die im Folgenden analysierte starke Preiserhöhung zurückzuführen ist.
1.2 Die zunehmende Importabhängigkeit der EU
Der Netto-Import-Reliance-Indikator bestätigt diesen Trend eindrücklich. Lag die Nettoimportabhängigkeit der EU bei diesem Produkt im Jahr 2015 noch bei −1,5 % (d. h. die EU war Nettoexporteur), so stieg sie bis 2025 auf +9,3 %:
| Jahr | Netto-Import-Reliance (%) |
|---|---|
| 2015 | −1,5 |
| 2018 | +8,1 |
| 2020 | +3,9 |
| 2022 | +7,5 |
| 2025 | +9,3 |
Parallel dazu sank die Exportpropensity — der Anteil der Produktion, der in Drittländer exportiert wird — von 30,5 % im Jahr 2015 auf nur noch 17,2 % im Jahr 2025. Die EU produziert also weiterhin erhebliche Mengen (die Produktionsmenge lag 2024 bei rund 12,3 Mio. Tonnen), exportiert aber einen immer geringeren Anteil davon.
1.3 Veränderungen innerhalb der drei Produktuntersegmente
Die Segmentanalyse zeigt, dass der Mengenrückgang bei den Exporten vor allem auf das Volumenprodukt 72085120 (Dicke > 15 mm) entfällt:
| Segment | Exportmenge 2015 (kt) | Exportmenge 2025 (kt) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| 72085120 (>15 mm) | 1.448 | 602 | −58,4 % |
| 72085191 (≥2.050 mm, 10–15 mm) | 217 | 36 | −83,4 % |
| 72085198 (<2.050 mm, 10–15 mm) | 72 | 78 | +8,9 % |
Quelle: Produktsegmentvergleich
Im Importbereich ist bemerkenswert, dass das Segment 72085198 (schmale Breite, 10–15 mm) mengenmäßig von 204 kt (2015) auf 466 kt (2025) mehr als verdoppelt wurde, während 72085120 von 1.453 kt auf 1.140 kt sank. Dies deutet auf eine Verschiebung der Importnachfrage hin zu spezifischeren Produktspezifikationen hin.
2. Geopolitische Schocks und die Neuordnung der Handelspartnerschaften
Die zweite zentrale Erkenntnis betrifft die dramatische Umstrukturierung der Handelsbeziehungen der EU. Drei geopolitische Ereignisse haben die Import- und Exportstruktur nachhaltig verändert: Antidumpingmaßnahmen gegen China, die Sanktionen gegen Russland nach dem Überfall auf die Ukraine sowie der Krieg in der Ukraine selbst.
2.1 Der Zusammenbruch der Importe aus traditionellen Lieferanten
Drei der einst wichtigsten Importpartner der EU sind im Beobachtungszeitraum als Lieferanten faktisch ausgeschieden (Länderanalyse):
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 286 | 16 | −94,5 % |
| Ukraine | 235 | 0,03 | −100,0 % |
| Russische Föderation | 85 | 0 | −100,0 % |
-
China war 2015 mit 286 Mio. € der größte einzelne Importpartner der EU. Die Einfuhrmengen brachen bereits ab 2017 drastisch ein — von 524 kt (2016) auf unter 4 kt (2017). Die Schockanalyse identifiziert diesen Einbruch als massiven Angebotschock (Abnormalität: 8,6, Mengeneinbruch: −99,2 % gegenüber dem Ausgangsniveau). Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit den von der EU verhängten Antidumpingzöllen auf chinesische Stahlerzeugnisse. Bemerkenswert ist, dass die verbliebenen, geringen Importe aus China ab 2022 mit extrem hohen Preisen einhergingen (1.522 €/t im Jahr 2022 gegenüber 350–507 €/t vor dem Einbruch) — ein starker Preisschock mit einer Abnormalität von 13,0.
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Russland exportierte bis 2021 noch 167 Mio. € an warmgewalzten Flacherzeugnissen in die EU. Die Schockanalyse zeigt einen vollständigen Ausfall ab 2023 (−100 % gegenüber dem Basisniveau), was mit den Sanktionen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zusammenhängt.
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Ukraine war 2015–2021 einer der drei größten Importpartner der EU mit jährlichen Lieferungen von 295–501 Mio. € und Mengen von 520–818 kt. Der vollständige Zusammenbruch ab 2022/2023 (von 501 Mio. € in 2021 auf 0,03 Mio. € in 2025) stellt den mengenmäßig folgenreichsten Angebotschock des gesamten Zeitraums dar (Abnormalität: 3,0). Die ukrainischen Stahlwerke, insbesondere im Donbass, wurden durch die Kriegshandlungen unmittelbar getroffen.
2.2 Aufstieg neuer Lieferanten: Asien füllt die Lücke
Der Ausfall der traditionellen Lieferanten wurde durch eine massive Zunahme der Importe aus drei asiatischen Ländern kompensiert:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Südkorea | 75 | 309 | +314,9 % |
| Indien | 10 | 205 | +1.874,9 % |
| Indonesien | 25 | 222 | +782,8 % |
Indien hat seinen Anteil am EU-Importmarkt von 10 Mio. € auf 205 Mio. € gesteigert — eine Verneunzehnfachung. Indonesien, das 2015 noch keine messbaren Exporte in die EU verzeichnete (Wert: null), ist 2025 mit 222 Mio. € der viertgrößte Lieferant. Die Volatilitätsanalyse zeigt allerdings, dass diese neuen Handelsbeziehungen deutlich volatiler sind als die alten:
| Partnerland | Variationskoeffizient (Menge) |
|---|---|
| Nordmazedonien (traditionell) | 0,14 |
| Russland (traditionell) | 0,35 |
| Indonesien (neu) | 0,69 |
| Indien (neu) | 0,50 |
| Südkorea (neu) | 0,50 |
2.3 Rückgang der EU-Exporte in wichtige Märkte
Auf der Exportseite zeigt sich ein ähnliches Muster geopolitisch bedingter Verschiebungen (Länderanalyse Exporte):
| Zielland | Exportwert 2015 (Mio. €) | Exportwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigte Staaten | 300 | 7 | −97,8 % |
| Türkei | 137 | 46 | −66,5 % |
| Vereinigtes Königreich | 70 | 184 | +162,6 % |
Der drastische Rückgang der Exporte in die USA (von 300 Mio. € auf 7 Mio. €) korreliert mit den unter Section 232 verhängten Stahlzöllen der Trump-Administration ab 2018. Die Ausfuhren in die Türkei, einst das wichtigste EU-Exportziel, fielen um zwei Drittel. Als einziger bedeutender Exportmarkt konnte das Vereinigte Königreich (+163 %) zulegen — vermutlich als Folge des Brexit und der neuen Handelspräferenzen im Rahmen des EU-UK-Handelsabkommens.
2.4 Konzentrationsveränderungen auf den Märkten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für den Importmarkt sank von 2.180 (2015) auf 1.747 (2025), was eine leichte Entkonzentration der Importquellen anzeigt — paradoxerweise trotz des Wegfalls mehrerer Lieferanten. Dies erklärt sich dadurch, dass die Importsubstitution durch gleichzeitig mehrere neue Partner (Korea, Indien, Indonesien, Japan) stattfand, sodass die Abhängigkeit von einzelnen Quellen insgesamt abnahm. Der Export-HHI blieb mit 1.296 (2015) auf 1.124 (2025) relativ stabil und auf niedrigerem Niveau, was auf eine breitere Diversifizierung der Absatzmärkte hindeutet.
3. Preisdynamik und Kostenentwicklung
Die dritte zentrale Beobachtung betrifft die extreme Preisvolatilität, die den gesamten Zeitraum prägt und sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite spürbar war.
3.1 Die Preisspirale 2021/2022 und ihre Folgen
Sowohl Import- als auch Exportpreise stiegen im Zeitraum 2021/2022 auf historische Höchststände an:
| Kennzahl | 2015 (€/t) | 2022 (Höchstwert) (€/t) | 2025 (€/t) |
|---|---|---|---|
| Exportpreis | 602 | 1.090 | 915 |
| Importpreis | 481 | 1.131 | 654 |
Quelle: Gesamtübersicht
Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 602 €/t (2015) über ein Tief von 512 €/t (2016) auf einen Spitzenwert von 1.090 €/t im Jahr 2022 — eine Verdopplung. Die Importpreise entwickelten sich noch extremer: von 481 €/t (2015) über 401 €/t (2019) auf 1.131 €/t (2022). Bis 2025 fielen die Preise wieder auf 915 €/t (Export) bzw. 654 €/t (Import), blieben aber deutlich über dem Ausgangsniveau von 2015 (+52 % bzw. +36 %).
Diese Preisentwicklung spiegelt globale Stahlmarkttrends wider: die COVID-19-bedingte Nachfrageerholung, Lieferkettenengpässe, den drastischen Energiekostenanstieg 2022 sowie die durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Angebotsverknappungen.
3.2 Segmentunterschiede bei der Preisentwicklung
Die Preisentwicklung fiel je nach Produktsegment unterschiedlich aus:
| Segment | Exportpreis 2015 (€/t) | Exportpreis 2022 (€/t) | Exportpreis 2025 (€/t) | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| 72085120 (>15 mm) | 603 | 1.079 | 933 | +54,7 % |
| 72085191 (≥2.050 mm) | 607 | 1.190 | 983 | +61,9 % |
| 72085198 (<2.050 mm) | 570 | 1.101 | 746 | +30,9 % |
Quelle: Produktsegmentvergleich
Das breitere Segment 72085191 (≥2.050 mm Breite) verzeichnete die stärkste Preissteigerung (+62 %), was auf die höhere Wertschöpfung und die engere Angebotsbasis dieses Spezialsegments hindeuten könnte.
3.3 Preisunterschiede zwischen Handelspartnern
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass verschiedene Lieferanten höchst unterschiedliche Preisniveaus aufweisen. Die extremsten Preisspitzen traten bei den verbliebenen Importen aus China auf, wo der Preis 2022 auf 1.522 €/t stieg — ein Preisschock mit einer Abnormalität von 13,0 und einer Preissteigerung von 228 %. Dies steht im Einklang mit der Vermutung, dass nach den Antidumpingzöllen nur noch hochpreisige Nischenprodukte aus China in die EU geliefert werden. Auch bei Exporten in die Türkei wurde 2021 ein Preisschock von +49,7 % gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt festgestellt.
3.4 Spezialisierung und Wettbewerbsfähigkeit innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:
| EU-Mitgliedstaat | RSCA-Wert | RCA | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Dänemark | 0,578 | 3,74 | Stark spezialisiert |
| Bulgarien | 0,553 | 3,48 | Stark spezialisiert |
| Finnland | 0,495 | 2,96 | Spezialisiert |
| Italien | 0,419 | 2,44 | Spezialisiert |
| Deutschland | −0,066 | 0,88 | Leicht unterdurchschnittlich |
| Griechenland | −0,889 | 0,06 | Stark unspezialisiert |
Dänemark und Bulgarien weisen die höchste Spezialisierung auf, wohingegen Deutschland — trotz seines Status als größter EU-Exporteur in absoluten Zahlen (132 Mio. € in 2025) — einen negativen RSCA-Wert von −0,066 aufweist, also im Verhältnis zur gesamten deutschen Stahlproduktion nicht überproportional in diesem Segment exportiert. Die Hauptexporteure der EU sind Deutschland (132 Mio. €), das Vereinigte Königreich (184 Mio. €), Italien (100 Mio. €), Österreich (105 Mio. €) und Frankreich (83 Mio. €).
Schlussfolgerung
Die Handelsentwicklung der EU bei CN 720851 über den Zeitraum 2015–2025 ist ein Lehrbeispiel dafür, wie geopolitische Ereignisse, Handelspolitik und globale Marktzyklen ein einzelnes Produktsegment in nur einem Jahrzehnt grundlegend transformieren können.
Drei Ergebnisse verdienen besondere Hervorhebung:
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Der Strukturwandel ist real und messbar: Die EU hat sich von einem leichten Nettoexporteur (−1,5 % Nettoimportabhängigkeit) zu einem signifikanten Nettoimporteur (+9,3 %) entwickelt. Die Exportmenge fiel um fast 60 %, während die Importe mengenmäßig stabil blieben. Die Exportpropensity sank von 30 % auf 17 %.
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Geopolitik hat die Handelsstruktur neu gezeichnet: Drei der sechs wichtigsten Importpartner von 2015 (China, Ukraine, Russland) sind als Lieferanten praktisch verschwunden. Sie wurden durch südkoreanische, indonesische und indische Lieferanten ersetzt — eine Verschiebung, die mit erheblich höherer Volatilität und neuer Verwundbarkeit einhergeht. Auf der Exportseite führten US-Stahlzölle zum fast vollständigen Verlust des US-Marktes.
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Preisniveaus haben sich nachhaltig erhöht: Trotz der Normalisierung nach dem Höchststand 2022 liegen die Preise 2025 sowohl bei Importen (+36 % gegenüber 2015) als auch bei Exporten (+52 %) deutlich über dem Ausgangsniveau. Die EU bezahlt für ihre Stahlimporte strukturell mehr, während ihre Exportpreisgestaltungsmacht eingeschränkt erscheint.
Insgesamt zeigt die Analyse einen EU-Stahlmarkt, der sich in einer Phase der Anpassung befindet — weg von der Rolle als globaler Exporteur hin zu einer zunehmend importabhängigen Volkswirtschaft, deren Versorgungssicherheit durch geopolitische Unsicherheiten und die Abhängigkeit von wenigen neuen Lieferanten gefährdet ist.