Marktentwicklung: Warmbreitband (CN 720837) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union für das Zollprodukt CN 720837 — warmgewalzte Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl in Coils mit einer Breite ≥ 600 mm und einer Dicke von 4,75 bis 10 mm — im Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt ist ein zentrales Halbzeug für die Stahlverarbeitung und findet breite Anwendung im Bauwesen, im Maschinenbau und in der Energiewirtschaft. Die Daten zeigen einen tiefgreifenden Strukturwandel: Die EU hat sich von einem nahezu ausgeglichenen Handelsprofil zu einem zunehmend importabhängigen Markt entwickelt. Gleichzeitig haben geopolitische Ereignisse die Lieferantenstruktur grundlegend umgezeichnet. Der Bericht gliedert sich in drei Abschnitte, die die wichtigsten Dynamiken systematisch erläutern.
1. Vom ausgeglichenen Handel zur wachsenden Importabhängigkeit
1.1 Die EU-Importe haben sich nahezu verdreifacht — Exporte sind eingebrochen
Der auffälligste Trend im Untersuchungszeitraum ist die gegenläufige Entwicklung von Importen und Exporten. Die EU-Importe stiegen im Wert von 408,9 Mio. EUR (2015) auf 999,2 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 144,3 % entspricht. Mengenmäßig wuchsen die Importe von 1,03 Mio. Tonnen auf 1,81 Mio. Tonnen (+75,3 %). Parallel dazu brachen die Exporte ein: Der Wert sank von 198,8 Mio. EUR auf 125,7 Mio. EUR (−36,8 %), die exportierte Menge fiel gar von 507.145 Tonnen auf 189.375 Tonnen (−62,7 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert | 408,9 Mio. EUR | 999,2 Mio. EUR | +144,3 % |
| Importmenge | 1.030.919 t | 1.807.334 t | +75,3 % |
| Exportwert | 198,8 Mio. EUR | 125,7 Mio. EUR | −36,8 % |
| Exportmenge | 507.145 t | 189.375 t | −62,7 % |
| Handelsbilanz | −210,1 Mio. EUR | −873,5 Mio. EUR | −315,8 % |
(Quelle: Gesamtübersicht)
1.2 Die Nettoimportquote erreicht historische Höchststände
Die Nettoimportquote stieg von 16,9 % im Jahr 2015 auf 26,0 % im Jahr 2025 — ein Anstieg um 53,8 %. Bemerkenswert ist, dass die Quote im Minimum sogar bei −1,1 % lag, was kurzzeitig eine fast ausgeglichene oder leicht positive Handelsbilanz andeutet. Der Höchstwert von 26,0 % wurde 2025 erreicht und unterstreicht die wachsende strukturelle Abhängigkeit der EU von Drittlieferanten bei diesem Grundwerkstoff.
1.3 Die EU-Produktion schrumpft — doch die Wertschöpfung hält teilweise stand
Die EU-Produktion ging mengenmäßig von 25,8 Mio. Tonnen (2015) auf 19,9 Mio. Tonnen (2025) zurück — ein Rückgang von 23,0 %. Der Produktionswert sank im gleichen Zeitraum nur um 5,5 % (von 13,3 Mrd. EUR auf 12,6 Mrd. EUR). Dies deutet darauf hin, dass die verbliebene EU-Produktion zunehmend auf höherwertige Qualitäten und Preissegmente ausgerichtet ist, während das Volumengeschäft verstärkt an Drittländer verlagert wird.
1.4 Die Exportneigung der EU ist dramatisch gesunken
Die Exportpropensity — der Anteil der Produktion, der in Drittländer exportiert wird — fiel von 12,9 % auf 7,5 % (−42,2 %). Der Salienz-Score zeigt, dass die Exportpropensity mit 84,7 Punkten der dominierende Vulnerabilitätsindikator ist, während die Handelsintensität (16,2 Punkte) weniger ausgeprägt ist. Die EU verliert somit zunehmend ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt für dieses Produktsegment.
2. Geopolitische Umwälzung der Lieferanten- und Absatzstruktur
2.1 Russland als Importquelle fast vollständig weggebrochen
Die dramatischste Verschiebung in der Partnerstruktur betrifft die Russische Föderation. Die Importe aus Russland sanken von 75,6 Mio. EUR (2015) auf lediglich 1,1 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 98,5 % entspricht. Der Höchstwert wurde mit 320,3 Mio. EUR im Jahr 2018 erreicht — zu einem Zeitpunkt, als Russland mit Abstand der wichtigste Einzellieferant war. Der Zusammenbruch folgt klar den seit 2022 geltenden EU-Sanktionen im Stahlsektor. Die Volatilitätsanalyse bestätigt dies mit einem Variationskoeffizienten von 0,73 für russische Importe — ein Wert, der die extreme Schwankung widerspiegelt.
2.2 Türkei und Indien füllen die Lücke — mit erheblichen Mengen
Die Türkei entwickelte sich zum mit Abstand wichtigsten Importpartner der EU: Die Importe stiegen von 30,3 Mio. EUR (2015) auf 264,6 Mio. EUR (2025), ein Anstieg von 774,5 %. Der Höchstwert wurde 2022 mit 364,6 Mio. EUR erreicht — genau dem Jahr, in dem die russischen Lieferungen zusammenbrachen. Auch Indien gewann stark an Bedeutung: von 23,4 Mio. EUR auf 75,0 Mio. EUR (+220,3 %). Weitere asiatische Lieferanten wie Südkorea (+284,7 %), Taiwan (+2.397,7 %) und Japan (von 0,1 Mio. EUR auf 20,7 Mio. EUR) bauten ihre Lieferungen ebenfalls deutlich aus.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 30,3 Mio. EUR | 264,6 Mio. EUR | +774,5 % |
| Russland | 75,6 Mio. EUR | 1,1 Mio. EUR | −98,5 % |
| Indien | 23,4 Mio. EUR | 75,0 Mio. EUR | +220,3 % |
| Serbien | 70,7 Mio. EUR | 98,2 Mio. EUR | +39,0 % |
| Südkorea | 16,3 Mio. EUR | 62,6 Mio. EUR | +284,7 % |
| Japan | 0,1 Mio. EUR | 20,7 Mio. EUR | n/a |
| Taiwan | 1,6 Mio. EUR | 40,6 Mio. EUR | +2.397,7 % |
(Quelle: Top-Handelspartner)
2.3 EU-Exportmärkte schrumpfen — nur das Vereinigte Königreich hält stand
Auf der Exportseite zeigt sich ein differenziertes Bild. Die Ausfuhren in die Türkei (traditionell ein bedeutender Markt) sanken von 67,4 Mio. EUR auf 14,9 Mio. EUR (−77,9 %). Exporte in die USA (−79,4 %), nach Algerien (−99,1 %), Serbien (−96,4 %) und Mexiko (−66,6 %) brachen ebenfalls ein. Einziger stabiler Abnehmer blieb das Vereinigte Königreich, das seine Importe aus der EU sogar von 60,2 Mio. EUR auf 92,1 Mio. EUR steigerte (+53,0 %) und damit zum wichtigsten Exportmarkt der EU aufstieg. Dies unterstreicht die Bedeutung der geografischen Nähe und der post-Brexit-Handelsbeziehungen.
2.4 Italien, Belgien und Polen sind die wichtigsten EU-Importeure
Innerhalb der EU konzentrieren sich die Drittlandsimporte auf wenige Mitgliedstaaten. Italien führt mit 353,2 Mio. EUR (2025, +127,4 % gegenüber 2015), gefolgt von Belgien (189,1 Mio. EUR, +355,4 %) und Spanien (145,0 Mio. EUR, +116,1 %). Belgien verzeichnete dabei den stärksten relativen Zuwachs. Auf der Exportseite verloren die Niederlande (−53,8 %), Rumänien (−100,0 %), Schweden (−87,9 %) und Spanien (−91,6 %) stark an Bedeutung, während Frankreich seine Exporte um 49,7 % steigern konnte.
2.5 Die Exportkonzentration hat sich stark erhöht
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Exporte stieg von 2.290 auf 5.555 (+142,6 %) — ein außerordentlich hoher Wert, der eine sehr konzentrierte Exportstruktur signalisiert. Die EU exportiert dieses Produkt zunehmend nur noch an wenige Abnehmer (allen voran das Vereinigte Königreich). Die Importkonzentration blieb mit einem HHI von 1.265 bis 1.462 deutlich geringer, was auf eine diversifizierte Bezugsstruktur hindeutet, die durch die Verlagerung von Russland zu einer breiteren Palette asiatischer und nahöstlicher Lieferanten entstanden ist.
3. Preisschocks, Preisvolatilität und strategische Verwundbarkeit
3.1 Die Stahlpreisexplosion 2021/2022 als Wendepunkt
Sowohl Import- als auch Exportpreise durchliefen im Zeitraum 2021–2022 eine extreme Preisblase. Die durchschnittlichen Importpreise stiegen von einem Tiefststand von 349 EUR/t auf einen Höchststand von 915 EUR/t — eine Verfünffachung innerhalb weniger Jahre. Die Exportpreise erreichten 865 EUR/t. Im Basisjahr 2015 lagen beide Preise noch bei rund 392–397 EUR/t. Bis 2025 sanken die Preise wieder: Importpreise auf 553 EUR/t, Exportpreise auf 634 EUR/t. Diese Preisdynamik spiegelt die globalen Angebotsengpässe nach der COVID-19-Pandemie, den Nachfrageüberhang während der wirtschaftlichen Erholung sowie die Energiekrise wider.
| Preisindikator | 2015 | Minimum | Maximum | 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Importpreis (EUR/t) | 397 | 349 | 915 | 553 |
| Exportpreis (EUR/t) | 392 | 359 | 865 | 634 |
3.2 Preisvolatilität variiert stark je nach Herkunftsland
Die Volatilitätsanalyse zeigt erhebliche Unterschiede in der Preisstabilität je nach Handelspartner. Bei den Importen weisen Japan (CV = 1,01), Indonesien (1,32) und Iran (1,01) die höchste Volatilität auf, was auf unstetige Lieferbeziehungen oder geringe Handelsvolumina zurückzuführen ist. Serbien (0,23) und Indien (0,47) zeigten sich als relativ stabile Lieferanten. Bei den Exporten ist die Volatilität in Richtung Vereinigte Arabische Emirate (1,46), Nordmazedonien (0,94) und Algerien (0,92) am höchsten, während das Vereinigte Königreich (0,23) als wichtigster Exportmarkt erwartungsgemäß die geringsten Schwankungen aufweist.
3.3 Identifizierte Preisschocks konzentrieren sich auf 2021
Die Schockanalyse identifiziert drei signifikante Preisschocks, die alle auf das Jahr 2021 datiert sind:
| Schock | Typ | Richtung | Abnormalität | Preisänderung | Anteil am Gesamtwert |
|---|---|---|---|---|---|
| Ukraine | Preis | Import | 17,5 | +103,1 % | 4,8 % |
| Japan | Preis | Import | 16,3 | +83,4 % | 6,9 % |
| USA | Preis | Export | 14,8 | +101,3 % | 9,2 % |
Diese Schocks stehen im direkten Zusammenhang mit der globalen Stahlpreisexplosion nach der Pandemie. Die ukrainischen und japanischen Importpreise verdoppelten sich nahezu, während EU-Exportpreise in die USA ebenfalls überproportional stiegen — möglicherweise bedingt durch die US-Schutzzölle und die gestiegene globale Nachfrage.
3.4 Die EU wird zum stählernen Knotenpunkt zwischen Asien und dem Binnenmarkt
Die Spezialisierungsanalyse (RSCA-Werte) zeigt, dass innerhalb der EU nur wenige Mitgliedstaaten eine nennenswerte Spezialisierung im Export von CN 720837 aufweisen. Die Slowakei (RSCA = 0,71) und Finnland (0,49) sind die am stärksten spezialisierten Exporteure, während Irland, Dänemark und Estland praktisch keine Rolle spielen. Deutschland als größter Produzent (26,7 % der EU-Produktion) hat lediglich einen RSCA von 0,12 — es produziert primär für den Binnenmarkt und konkurriert auf dem Weltmarkt nicht in diesem Segment.
3.5 Wachsende strategische Verwundbarkeit erfordert politische Aufmerksamkeit
Die drei zentralen Vulnerabilitätsindikatoren zeichnen ein konsistentes Bild der zunehmenden strategischen Verwundbarkeit:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Nettoimportquote | 16,9 % | 26,0 % | +53,8 % |
| Handelsintensität | 34,7 % | 35,1 % | +1,3 % |
| Exportpropensity | 12,9 % | 7,5 % | −42,2 % |
Die Handelsintensität blieb nahezu stabil (34,7 % → 35,1 %), was bedeutet, dass die Gesamthandelsverflechtung unverändert blieb. Die eigentliche Verschiebung findet im Inneren statt: Die EU importiert mehr und exportiert weniger. Die Exportpropensity sank um 42,2 %, was den Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit im Volumengeschäft unterstreicht.
Schlussfolgerung
Die Handelsentwicklung für CN 720837 zwischen 2015 und 2025 lässt sich als eine Dreifach-Transformation beschrieben:
Erstens hat sich die EU strukturell von einem relativ ausgeglichenen Handelspartner zu einem zunehmend importabhängigen Markt entwickelt. Die Nettoimportquote stieg auf 26 %, die Handelsbilanz verschlechterte sich auf −873 Mio. EUR, und die EU-Produktion schrumpfte mengenmäßig um 23 %.
Zweitens haben geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland ab 2022 — die Lieferantenstruktur radikal verändert. Russland als einst wichtigster Einzellieferant (bis zu 320 Mio. EUR Importwert) wurde fast vollständig durch die Türkei, Indien und asiatische Lieferanten ersetzt. Diese Umorientierung brachte eine gewisse Diversifizierung (der Import-HHI blieb moderat), erhöhte aber auch die Abhängigkeit von neuen, teils weit entfernten Lieferanten.
Drittens deuten die gesunkenen Produktionsvolumina, die fallende Exportpropensity und die steigende Exportkonzentration (HHI von 5.555) darauf hin, dass die EU im Segment der volumenstarken Warmbreitbänder zunehmend an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verliert. Die verbleibende Produktion verschiebt sich offenbar hin zu höherwertigen Spezialprodukten. Für die industriepolitische Debatte — insbesondere im Kontext des EU-Aktionsplans für Stahl und der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) — sind diese Entwicklungen von unmittelbarer Relevanz.