Marktentwicklung: Flacherzeugnisse aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl, mit einer Breite von >= 600 mm, in Rollen "Coils", nur warmgewalzt, weder plattiert noch überzogen, mit einer Dicke von < 3 mm, ungebeizt, ohne Oberflächenmuster (CN 720839) — 2015–2025
Einleitung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit warmgewalzten Flacherzeugnissen aus Eisen oder nichtlegiertem Stahl (CN 720839) im Zeitraum 2015 bis 2025. Dieses Produkt bildet einen wesentlichen Grundstoff für die europäische Stahlverarbeitung und ist insbesondere für die Automobil-, Bau- und Maschinenbauindustrie von zentraler Bedeutung.
Im Untersuchungszeitraum vollzog sich ein tiefgreifender Strukturwandel: Die EU verwandelte sich von einem noch teilweise wettbewerbsfähigen Exporteur zu einem zunehmend importabhängigen Markt. Die Handelsbilanz verschlechterte sich dramatisch, die Importquellen wurden durch geopolitische Schocks — allen voran die Sanktionen gegen Russland — grundlegend umstrukturiert, und die inländische Produktion verzeichnete einen deutlichen Rückgang. Der allgemeine Überblick zeigt diese Entwicklung in ihren Grundzügen.
1. Strukturelle Verschiebung: Vom Exporteur zum Importeur
Die dramatische Erosion der EU-Exporte
Die Exporte der EU mit CN 720839 haben im gesamten Zeitraum kontinuierlich abgenommen — sowohl im Volumen als auch, abgesehen von Preiseffekten, im realen Umfang:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. €) | 368,5 | 202,3 | −45,1 % |
| Exportmenge (t) | 989.113 | 314.054 | −68,2 % |
| Exportpreis (€/t) | 372,5 | 643,8 | +72,8 % |
Der Exportrückgang von fast 70 % in der Menge ist bemerkenswert und spiegelt einen fundamentalen Wettbewerbsverlust der europäischen Stahlindustrie wider. Der gleichzeitige Preisanstieg deutet darauf hin, dass die EU ihre verbleibenden Exporte zunehmend in hochpreisige Nischenmärkte verlagert hat oder dass Kostenerhöhungen an die Abnehmer weitergegeben wurden.
Steigende Importabhängigkeit
Gleichzeitig stiegen die Importe moderat an:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. €) | 1.119,6 | 1.801,6 | +60,9 % |
| Importmenge (t) | 2.935.541 | 3.363.774 | +14,6 % |
| Importpreis (€/t) | 381,4 | 535,6 | +40,4 % |
Die Handelsbilanz verschlechterte sich von einem Defizit von 751 Mio. € (2015) auf 1.599 Mio. € (2025) — eine Verschlechterung um 112,9 %. Die Netto-Importabhängigkeit stieg im gleichen Zeitraum von 16,9 % auf 26,0 %.
Rückgang der inländischen Produktion
Hinter dieser Entwicklung steht auch ein Rückgang der EU-Produktion:
| Jahr | Produktionsmenge (kg) | Produktionswert (€) |
|---|---|---|
| 2015 | 21.248.539.258 | 9.558.208.071 |
| 2020 | 17.761.572.798 | 8.535.005.293 |
| 2024 | 19.880.673.053 | 12.600.000.000 |
Die Produktionsmenge sank von 21,2 Mio. t (2015) auf 19,9 Mio. t (2024), was einem Rückgang von rund 7 % entspricht. Im Krisenjahr 2020 fiel die Produktion sogar auf 17,8 Mio. t. Der Exportanteil an der Produktion (export propensity) sank besonders drastisch von 12,9 % (2015) auf 7,5 % (2024), was den schwindenden Wettbewerbsdruck auf dem Weltmarkt unterstreicht.
2. Geopolitische Umwälzung der Importstruktur
Russlands Ausfall als dominierender Lieferant
Die mit Abstand folgenreichste Veränderung im Untersuchungszeitraum war der Zusammenbruch der Importe aus Russland. Russland war 2015 mit 306 Mio. € der zweitgrößte Lieferant der EU und erreichte 2021 mit 623 Mio. € sogar den Spitzenwert. Nach der Verhängung von EU-Sanktionen infolge des Ukraine-Krieges brachen die Importe auf praktisch null zusammen:
| Jahr | Russland-Importe (Mio. €) | Menge (t) |
|---|---|---|
| 2015 | 305,9 | 809.064 |
| 2021 | 623,3 | 858.396 |
| 2022 | 139,6 | 177.405 |
| 2023 | 0,2 | 249 |
| 2025 | 0,6 | 719 |
Quelle: Top-Partner nach Wert — Importe
Der Schockanalyse zufolge stellte dies einen vollständigen Marktaustritt dar: Die Importmenge sank gegenüber der Baseline (2019–2020) um 99,9 %, bei gleichzeitigem Preisanstieg auf 778 €/t (+55,6 %). Dieser massive Ausfall musste durch andere Lieferanten kompensiert werden.
Neue und gestärkte Lieferanten
Die Lücke wurde durch eine Diversifizierung der Importquellen geschlossen, wobei verschiedene Partner unterschiedlich profitierten:
| Lieferant | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Türkei | 90,6 | 248,3 | +174,1 % |
| Ukraine | 230,5 | 357,7 | +55,2 % |
| Südkorea | 35,0 | 197,8 | +464,6 % |
| Japan | 1,1 | 88,0 | +7.830,8 % |
| Indien | 12,9 | 37,7 | +192,9 % |
| Taiwan | 28,9 | 65,3 | +125,9 % |
Quelle: Top-Partner nach Wert — Importe
Besonders hervorzuheben ist der meteorische Aufstieg Japans: Von praktisch keinen Importen (1,1 Mio. € in 2015) auf 88 Mio. € im Jahr 2025. Japan stieg 2021–2022 mit einem Preisschock von 85,4 % (Anomalität 21,6) schlagartig als Lieferant ein — ein klares Zeichen für die Suche nach Ersatzlieferanten nach dem russischen Ausfall. Südkorea vervierfachte seine Lieferungen, und die Türkei vergrößerte ihren Anteil trotz zwischenzeitlicher Schwankungen deutlich.
Die Ukraine konnte ihre Position trotz des Krieges ab 2022 ausbauen: Die Importe stiegen von 231 Mio. € (2015) auf 358 Mio. € (2025), wobei die Lieferungen 2021–2025 ein dynamisches Wachstum zeigten — möglicherweise unterstützt durch EU-Handelserleichterungen für die Ukraine.
Sinkende Konzentration der Importe
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) für Importe sanken von 1.559 (2015) auf 1.097 (2025), was eine geringere Konzentration und damit theoretisch eine breitere Diversifizierung der Lieferantenbasis anzeigt. Der HHI erreichte seinen Höchstwert 2019 mit 1.989 — zu einem Zeitpunkt, als Russland und die Türkei zusammen einen erheblichen Teil der Importe stellten. Nach dem russischen Ausfall verteilte sich der Handel auf mehr Partner.
Veränderte Exportmärkte
Auch auf der Exportseite vollzog sich eine fundamentale Umstrukturierung:
| Markt | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 18,4 | 131,2 | +611,2 % |
| Türkei | 121,4 | 34,4 | −71,7 % |
| Nordmazedonien | 35,8 | 0,002 | −100,0 % |
| Italien | 90,9 | 0,5 | −99,4 % |
| Rumänien | 80,3 | 0,006 | −100,0 % |
Quelle: Top-Partner nach Wert — Exporte
Das Vereinigte Königreich wurde nach dem Brexit zum mit Abstand wichtigsten Exportmarkt — die Exporte dorthin stiegen von 18 Mio. € auf 131 Mio. € (+611 %). Dies dürfte mit der neuen Handelsbeziehung nach dem Brexit und der Notwendigkeit zusammenhängen, die bisherige Integration der Lieferketten zwischen EU und UK aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig brachen traditionelle Exportmärkte wie die Türkei (−72 %), Nordmazedonien (−100 %), Italien (−99 %) und Rumänien (−100 %) zusammen — ein Zeichen dafür, dass die EU ihre Wettbewerbsfähigkeit in diesen Märkten weitgehend verloren hat.
Die Exportkonzentration stieg entsprechend dramatisch: Der HHI erhöhte sich von 1.489 (2015) auf 4.630 (2025) — ein Anstieg von 211 %, der die zunehmende Abhängigkeit von wenigen Exportmärkten, insbesondere dem UK, widerspiegelt.
3. Preisschocks und Volatilität: Die Jahre 2021–2022 als Wendepunkt
Der globale Preisschock 2021
Das Jahr 2021 markiert einen Wendepunkt im gesamten Stahlhandel. Die Daten zeigen für praktisch alle Handelspartner einen massiven Preisanstieg:
| Partner (Importe) | Baseline-Preis 2019–20 (€/t) | Preis 2021 (€/t) | Anstieg |
|---|---|---|---|
| Japan | 467,8 | 867,3 | +85,4 % |
| Brasilien | 465,5 | 943,6 | +102,7 % |
| Ukraine | 404,1 | 802,4 | +98,6 % |
| Ägypten | 478,9 | 824,5 | +72,1 % |
| Russland | 419,2 | 726,1 | +73,2 % |
| Südkorea | 458,2 | 755,9 | +65,0 % |
| Türkei | 453,7 | 701,4 | +54,6 % |
| Taiwan | 473,1 | 741,2 | +56,7 % |
Dieser Preisschock war globaler Natur und hing mit mehreren Faktallen zusammen: der post-pandemischen Nachfrageerholung, gestiegenen Energiekosten, Lieferkettenengpässen und der steigenden Nachfrage nach Rohstahl in Asien. Die Anomalitätswerte (bis zu 21,6 bei Japan) belegen, wie außergewöhnlich diese Preisbewegungen waren.
Volatilitätsmuster der Handelspartner
Die Volatilitätsanalyse zeigt erhebliche Unterschiede in der Stabilität der Handelsbeziehungen:
| Partner (Importe) | Variationskoeffizient (CV) | Bewertung |
|---|---|---|
| Südkorea | 0,33 | Relativ stabil |
| Taiwan | 0,44 | Moderat volatil |
| Indien | 0,53 | Moderat volatil |
| Türkei | 0,60 | Volatil |
| Ukraine | 0,67 | Volatil |
| Russland | 0,68 | Volatil |
| Ägypten | 0,74 | Stark volatil |
| Vietnam | 0,97 | Stark volatil |
| Japan | 1,01 | Sehr stark volatil |
Südkorea und Taiwan zeichnen sich als die stabilsten Lieferanten aus, während Japan mit einem CV von 1,01 — trotz des massiven Volumenaufbaus — die höchste Volatilität aufweist. Dies ist typisch für einen neuen Marktteilnehmer, der noch keine etablierten Handelsbeziehungen hat.
Der Sonderfall Italien als Exporteur
Ein bemerkenswerter Einzelbefund betrifft die EU-internen Exporte nach Italien: Von 91 Mio. € (2015) auf unter 1 Mio. € (2025) — ein Rückgang von 99,4 %. Gleichzeitig stiegen die italienischen Importe aus Drittländern von 547 Mio. € auf 846 Mio. € (+54,6 %). Dies deutet darauf hin, dass Italien seine Versorgung mit diesem Produkt vollständig auf Drittlieferanten umgestellt hat und nicht mehr auf EU-Partner zurückgreift — möglicherweise aus preislichen Gründen.
Quelle: Top-Berichterstatter — Exporte / Top-Berichterstatter — Importe
Fazit
Die Marktentwicklung von CN 720839 im Zeitraum 2015–2025 lässt sich als eine Geschichte des dreifachen Strukturwandels zusammenfassen:
Erstens vollzog sich ein fundamentaler Bedeutungswandel der EU auf dem Weltmarkt. Die Exporte brachen um fast 70 % (Mengenbasis) ein, während die Importe trotz aller Widrigkeiten um 15 % stiegen. Die Netto-Importabhängigkeit erreichte mit 26 % ihren höchsten Stand im Beobachtungszeitraum. Die EU ist für dieses Produkt vollends zum Nettoimporteur geworden.
Zweitens führten geopolitische Ereignisse — insbesondere die Sanktionen gegen Russland ab 2022 — zu einer radikalen Umstrukturierung der Importquellen. Der Wegfall des russischen Lieferanten (2021: 623 Mio. €) wurde durch ein Zusammenspiel aus asiatischen Lieferanten (Japan, Südkorea, Taiwan), der Türkei und der Ukraine kompensiert, wobei die Diversifizierung der Quellen — gemessen am HHI — tatsächlich zunahm.
Drittens markierte das Jahr 2021 einen Wendepunkt mit einem globalen Preisschock, der die Stahlpreise um 55–100 % in die Höhe trieb. Dieser Schock betraf alle Handelspartner gleichermaßen und war Ausdruck einer weltweiten Angebotsverknappung in der Nach-Coronaphase.
Die langfristigen Implikationen sind klar: Die EU verliert zunehmend ihre Wettbewerbsfähigkeit bei einfachen warmgewalzten Flacherzeugnissen. Die Importabhängigkeit wird sich voraussichtlich weiter vertiefen, während die inländische Produktion unter dem Druck hoher Energiekosten und strenger Umweltauflagen steht. Die Versorgungssicherheit hängt zunehmend von einer diversifizierten, aber auch geopolitisch fragilen Lieferantenbasis ab — eine Situation, die durch die neuen Handelsbeziehungen mit asiatischen und südosteuropäischen Partnern zwar abgemildert, aber nicht grundlegend gelöst wird.