Marktentwicklung: Bleche und Bänder, aus nichtlegiertem Aluminium, mit einer Dicke von > 0,2 mm, quadratisch oder rechteckig (ausg. Streckbleche und -bänder) (CN 760611) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der Europäischen Union für das Zollprodukt CN 760611 — nichtlegierte Aluminiumbleche und -bänder mit einer Dicke von mehr als 0,2 mm in quadratischer oder rechteckiger Form — im Zeitraum von 2015 bis 2025. Die Analyse basiert auf den verfügbaren Handelsdaten der EU im Trade Dashboard und umfasst Importe, Exporte, Partnerländerstrukturen sowie die innereuropäische Produktionsbasis. Der Untersuchungszeitraum ist durch markante strukturelle Veränderungen gekennzeichnet, die die EU von einer Position relativer Exportstärke in eine zunehmende Importabhängigkeit führten.
Das Produkt CN 760611 ist ein Sammelcode, der verschiedene Unterpositionen umfasst, darunter Aluminium-Verbundplatten (76061130), lackierte oder beschichtete Bleche (76061150) sowie unbearbeitete Bleche und Bänder in verschiedenen Dickenbereichen (76061191, 76061193, 76061199). Diese Produkte finden breite Anwendung in der Bauindustrie, im Maschinenbau, in der Automobilindustrie sowie in der Verpackungsindustrie.
1. Strukturwandel des EU-Außenhandels: Vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur
1.1 Dramatischer Exportrückgang bei gleichzeitigem Importwachstum
Die fundamentalste Veränderung im betrachteten Zeitraum ist der vollständige Strukturwandel der EU-Handelsposition. Die EU-Exporte von Aluminiumblechen und -bändern sind kontinuierlich und massiv zurückgegangen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 356,3 | 150,1 | -57,9 % |
| Exportmenge (t) | 63.073 | 27.814 | -55,9 % |
| Importwert (Mrd. €) | 742,7 | 865,4 | +16,5 % |
| Importmenge (t) | 307.780 | 267.709 | -13,0 % |
| Handelsbilanz (Mrd. €) | -386,5 | -715,3 | -85,1 % |
Quelle: Übersicht der Handelsentwicklung
Die Exporte fielen von 63.073 Tonnen im Jahr 2015 auf nur noch 27.814 Tonnen im Jahr 2025 — ein Rückgang um mehr als die Hälfte. Parallel dazu blieben die Importe trotz eines leichten Mengenrückgangs in absoluten Zahlen auf hohem Niveau, was zu einer Verdopplung des Handelsdefizits führte.
1.2 Preisentwicklung als Kompensationsmechanismus
Bemerkenswert ist die gegenläufige Preisentwicklung der beiden Handelsströme. Während die Exportpreise relativ stabil blieben (von 5.648 €/t auf 5.393 €/t, lediglich -4,5 %), stiegen die Importpreise um 34,0 % von 2.413 €/t auf 3.233 €/t an:
| Kennzahl | 2015 (€/t) | 2025 (€/t) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportpreis | 5.648 | 5.393 | -4,5 % |
| Importpreis | 2.413 | 3.233 | +34,0 % |
Quelle: Übersicht der Handelsentwicklung
Die steigenden Importpreise sind teilweise auf den globalen Energiepreisschock 2022 zurückzuführen, der aluminiumintensive Industrien besonders traf. Die hohen Exportpreise der EU reflektieren dagegen die verbleibende Spezialisierung auf höherwertige Qualitäten und die gestiegenen Produktionskosten innerhalb der EU.
1.3 Zunehmende Importabhängigkeit
Der Netto-Importabhängigkeitsindikator dokumentiert diesen Strukturwandel eindrücklich. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von nahezu ausgeglichenen -5,8 % im Jahr 2015 auf 31,3 % im Jahr 2025 — eine Veränderung um 642 Prozentpunkte. Der Höchstwert wurde 2022 mit 36,7 % erreicht, als die Energiekrise die europäische Aluminiumproduktion besonders stark belastete.
2. Umwälzung der Handelspartnerstrukturen
2.1 Die Dominanz der Türkei als Importquelle
Die auffälligste Veränderung bei den Importpartnern ist der Aufstieg der Türkei zur mit Abstand wichtigsten Lieferantin der EU:
| Partnerland | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung | Marktanteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Türkei | 142,8 | 381,4 | +167,1 % | 44,1 % |
| Norwegen | 121,3 | 173,2 | +42,8 % | 20,0 % |
| Vereinigtes Königreich | 185,7 | 113,2 | -39,1 % | 13,1 % |
| China | 190,1 | 48,4 | -74,5 % | 5,6 % |
| Ägypten | 32,7 | 95,9 | +193,5 % | 11,1 % |
| Serbien | 16,6 | 30,7 | +85,0 % | 3,6 % |
| Schweiz | 9,2 | 12,4 | +35,0 % | 1,4 % |
Quelle: Top-Partner nach Handelswert
Die Türkei erhöhte ihre Lieferungen an die EU von 142,8 Mio. € auf 381,4 Mio. € — ein Zuwachs von 167 %. In Mengentermen stiegen die Importe von 58.632 Tonnen (2015) auf 117.457 Tonnen (2025). Die Türkei profitiert dabei von geografischer Nähe, wettbewerbsfähigen Produktionskosten und günstiger Energieverfügbarkeit.
2.2 Rückgang des chinesischen Imports und geopolitische Umorientierung
China verlor seine Position als zweitwichtigster Importpartner dramatisch. Die Importe aus China sanken von 190,1 Mio. € (2015) auf 48,4 Mio. € (2025), was einem Rückgang von 74,5 % entspricht. In Mengentermen fielen die Importe von 101.280 Tonnen auf 19.225 Tonnen. Dieser Rückgang ist teilweise auf die EU-Schutzmaßnahmen gegen chinesische Aluminiumimporte (Antidumpingzölle und Safeguard-Maßnahmen) sowie auf die geopolitische Neuausrichtung der EU-Handelspolitik zurückzuführen.
2.3 Aufstieg neuer Lieferanten: Ägypten und Serbien
Parallel zum Rückgang Chinas etablierten sich neue Lieferanten. Ägypten steigerte seine Exporte in die EU um 193,5 % von 32,7 Mio. € auf 95,9 Mio. €, was das Land zum fünftwichtigsten Importpartner machte. Serbien als EU-Beitrittskandidat erhöhte seine Lieferungen um 85 % auf 30,7 Mio. €. Diese Verschiebung spiegelt sowohl Handelsabkommen (EU-Abkommen mit Serbien und Ägypten) als auch die strategische Diversifizierung der EU-Lieferketten wider.
2.4 Rückläufige EU-Exporte in alle wichtigen Märkte
Auf der Exportseite verzeichneten alle Hauptabnehmerländer Rückgänge:
| Partnerland | Exportwert 2015 (Mio. €) | Exportwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 46,2 | 22,4 | -51,5 % |
| Vereinigte Staaten | 29,6 | 23,8 | -19,3 % |
| Schweiz | 24,2 | 17,9 | -25,9 % |
| China | 15,1 | 11,2 | -25,4 % |
| Norwegen | 7,7 | 7,0 | -9,3 % |
| Türkei | 10,3 | 8,0 | -22,6 % |
Quelle: Top-Partner nach Handelswert
Besonders auffällig ist der Rückgang der Exporte in das Vereinigte Königreich um 51,5 % — ein Effekt, der sowohl auf den Brexit als auch auf die generelle Wettbewerbsfähigkeitsschwäche der EU-Produzenten zurückzuführen ist.
2.5 Steigende Konzentration der Importstruktur
Die Herfindahl-Hirschman-Indizes (HHI) zeigen eine zunehmende Konzentration der Importe:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.948 | 2.683 | +37,7 % |
| HHI Exporte (Wert) | 1.157 | 796 | -31,2 % |
Quelle: Konzentration HHI
Der Import-HHI stieg von 1.948 auf 2.683 — ein Wert, der auf einen moderat konzentrierten Markt hindeutet, der sich aber in Richtung eines stärker oligopolistischen Charakters bewegt. Dies ist hauptsächlich auf die wachsende Dominanz der Türkei zurückzuführen, die 2025 über 44 % der EU-Importe abdeckte.
3. Verfall der europäischen Produktionsbasis und innereuropäische Umverteilung
3.1 Dramatischer Einbruch der EU-Produktionsvolumina
Die EU-Produktionsdaten zeigen einen beispiellosen Einbruch der europäischen Aluminiumblechproduktion:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (t) | 1.284.736.212 | 440.000.000 | -74,4 % |
| Produktionswert (€) | 2.385.481.206 | 1.120.000.000 | -63,0 % |
Quelle: Produktionsvolumen
Die EU-Produktion fiel von über 1,28 Mio. Tonnen (2015) auf nur noch 440.000 Tonnen (2025) — ein Rückgang von 74,4 %. Der Produktionswert sank um 63 %. Dieser Einbruch beschleunigte sich ab 2020, als die COVID-19-Pandemie und die anschließende Energiekrise die bereits unter Druck stehende europäische Aluminiumindustrie zusätzlich belasteten. Besonders betroffen waren energieintensive Primäraluminium-Raffinerien in Ländern wie Frankreich und Deutschland.
3.2 Innereuropäische Verschiebung der Spezialisierung
Die Spezialisierungsanalyse für das Jahr 2025 zeigt eine bemerkenswerte Umverteilung innerhalb der EU:
Am stärksten spezialisierte EU-Länder (RSCA-Index):
| Land | RSCA | RCA | Produktanteil |
|---|---|---|---|
| Kroatien | 0,836 | 11,21 | 4,6 % |
| Luxemburg | 0,773 | 7,80 | 2,5 % |
| Slowenien | 0,532 | 3,28 | 3,3 % |
| Österreich | 0,521 | 3,18 | 10,5 % |
| Schweden | 0,357 | 2,11 | 5,1 % |
Am wenigsten spezialisierte EU-Länder:
| Land | RSCA | RCA |
|---|---|---|
| Zypern | -0,995 | 0,003 |
| Malta | -0,994 | 0,003 |
| Irland | -0,982 | 0,009 |
| Lettland | -0,923 | 0,040 |
| Bulgarien | -0,902 | 0,052 |
Quelle: Spezialisierungskarte
Kroatien, Luxemburg und Slowenien weisen die höchste Spezialisierung auf, während die großen Industrieländer Deutschland (RSCA: -0,14) und Frankreich (RSCA: -0,60) eine negative Spezialisierung aufweisen — sie sind Nettoimporteur von Aluminiumblechen im Verhältnis zu ihrem Gesamthandel.
3.3 Verschiebung der innerstaatlichen Handelsströme
Innerhalb der EU zeigen sich ebenfalls signifikante Verschiebungen bei den Importeuren:
| EU-Land | Importwert 2015 (Mio. €) | Importwert 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Deutschland | 84,5 | 167,6 | +98,3 % |
| Italien | 76,3 | 143,4 | +87,8 % |
| Polen | 26,5 | 83,4 | +214,2 % |
| Österreich | 50,7 | 78,7 | +55,4 % |
| Frankreich | 118,9 | 33,0 | -72,2 % |
| Griechenland | 136,1 | 5,8 | -95,8 % |
Quelle: Top-Reporter nach Handelswert
Deutschland verdoppelte seine Drittlandsimporte nahezu, während Frankreich seine Importe um über 70 % reduzierte. Polen stellte mit einem Anstieg von 214 % das stärkste Wachstum dar — ein Indikator für die industrielle Expansion in Mitteleuropa. Griechenland, das 2015 noch der größte EU-Importer war (136 Mio. €), reduzierte seine Drittlandsimporte auf nur noch 5,8 Mio. €.
3.4 Volatilität und Preisschocks im Zeitraum 2021–2022
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere signifikante Markterschütterungen, insbesondere im Zeitraum 2021–2022. Die energiebedingte Aluminiumkrise führte bei mehreren Handelspartnern zu außergewöhnlichen Preisausschlägen:
| Partnerland | Schocktyp | Zeitpunkt | Preisschock (%) | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Norwegen (Importe) | Preis | 2022 | +76,4 % | 4,0 |
| Türkei (Importe) | Preis | 2022 | +65,6 % | 3,6 |
| Kanada (Exporte) | Preis | 2022 | +31,3 % | 17,8 |
| Mexiko (Exporte) | Preis | 2022 | +51,2 % | 10,2 |
| Russland (Exporte) | Preis | 2021 | +23,6 % | 7,6 |
Quelle: Preisschock-Ereignisse
Die Norwegen-Importe verzeichneten 2022 einen Preisanstieg von 76,4 % bei gleichbleibenden Mengen, was auf den europäischen Energiepreisschock zurückzuführen ist. Norwegen als energiereiches Land konnte trotz der Krise liefern, aber zu deutlich höheren Preisen. Die Exportpreisschocks in Richtung Kanada und Mexiko 2022 spiegeln die globale Inflation und Lieferkettenunterbrechungen wider.
Besonders hervorzuheben ist die Lieferunterbrechung bei den Exporten nach Australien, wo die Mengen von durchschnittlich 1.340 Tonnen (2015–2022) auf nur 74 Tonnen (2023–2025) einbrachen, während die Preise zeitgleich von 3.725 €/t auf 11.371 €/t stiegen — ein Hinweis auf eine fundamentale Handelsverschiebung.
Fazit
Die Marktanalyse für CN 760611 im Zeitraum 2015–2025 offenbart einen tiefgreifenden Strukturwandel der europäischen Aluminiumblechindustrie. Drei zentrale Trends bestimmen die Marktentwicklung:
Erstens hat sich die EU von einer Position als Nettoexporteur mit leichtem Defizit (-5,8 % Netto-Importabhängigkeit) zu einem stark importabhängigen Markt entwickelt (+31,3 %). Die einheimische Produktion brach um 74 % ein, während die Exporte um 58 % sanken.
Zweitens vollzog sich eine gravierende Umorientierung der Handelsströme. Die Türkei wurde mit einem Marktanteil von über 44 % zur dominanten Importquelle, während China als Lieferant fast vollständig an Bedeutung verlor. Neue Akteure wie Ägypten und Serbien gewannen an Gewicht, was sowohl geopolitische Faktoren als auch die strategische Lieferkettendiversifizierung der EU widerspiegelt.
Drittens verschärfte die Energiekrise 2022 die bestehenden strukturellen Schwächen und führte zu außergewöhnlichen Preisschocks. Die Kombination aus gestiegenen Energiekosten, Lieferkettenunterbrechungen und geopolitischen Spannungen hat die Verwundbarkeit der EU bei diesem strategischen Rohstoff deutlich gemacht.
Die zunehmende Konzentration der Importe (HHI-Anstieg um 37,7 %) und die steigende Importabhängigkeit stellen langfristige Herausforderungen für die europäische industrielle Souveränität dar. Die innereuropäische Umverteilung — mit wachsender Importabhängigkeit in Deutschland, Italien und Polen, aber abnehmender in Frankreich und Griechenland — deutet auf eine regionale Neugliederung der europäischen Aluminiumverarbeitungskette hin.