Marktentwicklung: Bitumen aus Erdöl (CN 271320) — 2015–2025
Einführung
Der europäische Markt für Bitumen aus Erdöl (KN-Code 271320) ist zwischen 2015 und 2025 durch drei zentrale Entwicklungen geprägt: die EU ist und bleibt ein bedeutender Nettexporteur mit steigenden Erlösen; die Handelspartnerlandschaft hat sich geopolitisch stark verschoben; und die Importkonzentration hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft. Im Folgenden werden diese Dynamiken anhand der verfügbaren Handelsdaten analysiert.
Bitumen aus Erdöl wird vorrangig im Straßenbau und in der Bauindustrie verwendet. Die Produktdefinition unter KN 271320 umfasst dieses Produkt innerhalb der Warengruppe 2713 (Petrolkoks, Bitumen und andere Erdölrückstände).
1. Steigende Exportwerte bei weitgehend stabilen Volumina — Die EU als preisgetriebener Nettexporteur
Die EU verzeichnet im Betrachtungszeitraum ein durchweg positives und wachsendes Handelsbilanzüberschuss bei Bitumen. Während die Exportmengen weitgehend stagnierten, stiegen die Exporterlöse überproportional — ein Indiz für eine zunehmende preisgetriebene Wertschöpfung.
1.1 Exportwachstum: +44 % im Wert, aber nur +0,9 % im Volumen
Die EU-Exporte entwickelten sich wie folgt:
| Jahr | Exportwert (Mrd. €) | Exportvolumen (Mio. t) | Ø Exportpreis (€/t) |
|---|---|---|---|
| 2015 | 1,11 | 4,54 | 243 |
| 2018 | 1,57 | 4,90 | 320 |
| 2020 | 1,11 | 4,77 | 232 |
| 2022 | 1,68 | 3,58 | 468 |
| 2023 | 1,75 | 4,03 | 435 |
| 2025 | 1,60 | 4,59 | 348 |
Quelle: Gesamtübersicht EU-Handel
Die Exporte erreichten 2023 mit 1,75 Mrd. € ihren Höchststand, fielen danach aber leicht ab. Bemerkenswert ist der starke Preisanstieg: Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 243 €/t (2015) auf 468 €/t im Jahr 2022 — ein Höhepunkt, der mit den globalen Energiepreisschocks nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs zusammenfiel. Bis 2025 sank der Preis wieder auf 348 €/t, blieb aber deutlich über dem Ausgangsniveau.
1.2 Importwachstum übertrifft Exportwachstum im Volumen
Obwohl die EU-Importe absolut deutlich unter den Exporten liegen, wuchsen sie im Volumen mit +54 % (von 415.000 t auf 639.000 t) stärker als die Exporte. Der Importwert stieg von 120 Mio. € auf 269 Mio. € (+123,5 %). Die Handelsbilanz blieb dennoch robust positig:
| Jahr | Handelsbilanz (Mio. €) |
|---|---|
| 2015 | 985 |
| 2018 | 1.402 |
| 2020 | 961 |
| 2022 | 1.329 |
| 2025 | 1.327 |
Das Überschussniveau schwankte zwischen 723 Mio. € (2016) und 1.461 Mio. € (2023), blieb aber stets deutlich positiv. Die EU ist somit ein struktureller Nettoexporteur von Bitumen, wobei der Überschuss maßgeblich durch die Exportpreisentwicklung getrieben wird.
1.3 Erholung nach dem Pandemieschock 2020
Das Jahr 2020 markierte einen deutlichen Einbruch: Die Exporte fielen auf 1,11 Mrd. € (Rückgang von 1,47 Mrd. € im Vorjahr), was auf die COVID-19-bedingten Einschränkungen im Baugewerbe und Infrastrukturprojekten zurückzuführen ist. Die Erholung setzte 2021 ein und führte 2022/2023 zu Rekordwerten — getrieben sowohl von der Nachholeffekten als auch von den gestiegenen Energie- und Rohstoffpreisen.
2. Geopolitische Umwälzung der Handelspartner — Türkiye als neuer Hegemon auf der Importseite
Die auffälligste strukturelle Veränderung im Betrachtungszeitraum ist die dramatische Neuausrichtung der EU-Importpartner. Traditionelle Lieferanten wie Serbien und Bosnien-Herzegowina verloren fast vollständig an Bedeutung, während Türkiye und der Irak als neue Quellen aufstiegen. Gleichzeitig brachen die Importe aus Russland nach 2022 ein.
2.1 Der Aufstieg von Türkiye zum dominanten Importpartner
Türkiye war bis 2017 praktisch kein Bitumenlieferant der EU. Ab 2018 setzte ein steiler Anstieg ein:
| Jahr | Importe aus Türkiye (Mio. €) | Anteil an EU-Importen |
|---|---|---|
| 2015–2017 | ≈ 0 | ~0 % |
| 2018 | 0,001 | < 0,1 % |
| 2019 | 67,4 | 36,4 % |
| 2022 | 140,2 | 40,5 % |
| 2025 | 216,2 | 80,4 % |
Quelle: Top-Importpartner nach Wert
Im Jahr 2025 machte Türkiye mit 216 Mio. € über 80 % der gesamten EU-Bitumenimporte aus — ein beispielloser Konzentrationsgrad. Parallel dazu stieg das Importvolumen aus Türkiye von praktisch null auf über 525.000 t. Dies spiegelt die Investitionen türkischer Raffinerien und Asphaltproduzenten wider, die ihre Exportkapazitäten in Richtung EU ausgebaut haben.
2.2 Der Niedergang traditioneller Balkan-Lieferanten
Im Gegensatz dazu verloren die traditionellen Lieferanten aus Südosteuropa massiv an Marktanteilen:
| Land | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Serbien | 48,9 | 1,9 | −96,2 % |
| Bosnien-Herzegowina | 29,5 | 0,2 | −99,4 % |
| Kroatien | 12,8 | 0,5 | −95,8 % |
| Bulgarien | 28,8 | 9,6 | −66,9 % |
Quelle: Top-Importpartner nach Wert
Serbien, das 2015 noch mit 49 Mio. € zweitgrößter Nicht-EU-Lieferant war, sank 2025 auf unter 2 Mio. €. Bosnien-Herzegowina verlor sogar 99,4 % seines Exportwerts in die EU. Diese Verschiebung ist vermutlich auf Kostenvorteile türkischer Produzenten, veränderte Infrastrukturinvestitionen und möglicherweise auf die EU-Erweiterungspolitik zurückzuführen, die den Wettbewerbsdruck erhöhte.
2.3 Russlands Importe: Aufstieg und abruptes Ende
Russland stieg zwischen 2018 und 2022 zu einem bedeutenden Bitumenlieferanten auf:
| Jahr | Importe aus Russland (Mio. €) | Ø Preis (€/t) |
|---|---|---|
| 2015 | 2,6 | 279 |
| 2019 | 9,3 | 261 |
| 2020 | 20,4 | 212 |
| 2021 | 59,1 | 366 |
| 2022 | 91,6 | 534 |
| 2023 | 9,5 | 331 |
| 2024 | 0 | — |
| 2025 | 0 | — |
Quelle: Top-Importpartner nach Wert
Der Importpreis aus Russland stieg 2021 sprunghaft um 54,7 % gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt — ein identifiziertes Preisschockereignis. Ab 2023 brachen die Importe fast vollständig ein und fielen 2024/2025 auf null — als direkte Folge der EU-Sanktionen gegen Russland nach dem Überfall auf die Ukraine.
2.4 Exportseitig: Stabile Kernmärkte und wachsende Bedeutung des Vereinigten Königreichs
Auf der Exportseite blieb die Grundstruktur stabiler, doch verschoben sich die Gewichte:
| Exportpartner | 2015 (Mio. €) | 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 131,6 | 359,6 | +173,2 % |
| Algerien | 217,5 | 281,2 | +29,3 % |
| Marokko | 34,9 | 168,7 | +383,2 % |
| Norwegen | 143,0 | 147,8 | +3,3 % |
| Schweiz | 112,8 | 92,5 | −18,0 % |
| USA | 78,8 | 44,9 | −43,0 % |
| Ägypten | 61,1 | 2,3 | −96,3 % |
Quelle: Top-Exportpartner nach Wert
Das Vereinigte Königreich wurde mit Abstand zum wichtigsten Exportmarkt der EU und erreichte 2023 mit 421 Mio. € einen Spitzenwert. Marokko verzeichnete das stärkste relatives Wachstum (+383 %), was auf massive Infrastrukturinvestitionen (Autobahnen, Häfen) im Königreich hindeutet. Ägypten hingegen verlor fast seine gesamte Bedeutung als Exportziel — die EU-Exporte fielen von 159 Mio. € (2018) auf nur noch 2,3 Mio. € (2025).
3. Zunehmende Importkonzentration und spezifische Handelsschocks
Neben der Partnerumstellung zeigt sich auf struktureller Ebene eine deutliche Zunahme der Importkonzentration, gepaart mit einzelnen markanten Handelsschocks bei bestimmten Partnern.
3.1 Importkonzentration: HHI verdreifacht sich
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg über den Betrachtungszeitraum erheblich an:
| Jahr | HHI Importe (Wert) | Interpretation |
|---|---|---|
| 2015 | 2.498 | moderat konzentriert |
| 2020 | 2.086 | moderat konzentriert |
| 2023 | 2.498 | moderat konzentriert |
| 2024 | 3.456 | stark konzentriert |
| 2025 | 6.660 | sehr stark konzentriert |
Quelle: Konzentrationsanalyse (HHI)
Der Anstieg auf 6.660 im Jahr 2025 — ein Plus von +166,6 % gegenüber 2015 — ist ein bemerkenswertes Signal. Ein HHI-Wert über 2.500 gilt als Indikator für hohe Konzentration. Die Importseite wurde damit zwischen 2024 und 2025 praktisch zu einem Ein-Lieferanten-Markt, bedingt durch die Dominanz der Türkei mit über 80 % Marktanteil. Dies birgt erhebliche Lieferrisiken: Sollte es zu Handelsbeschränkungen, Produktionsengpässen oder politischen Spannungen mit der Türkei kommen, stünde die EU-Bitumenversorgung unter Druck.
Die Exportkonzentration blieb im Vergleich deutlich geringer (HHI 2025: 1.135) und stieg nur leicht an (+15 %), was auf eine breitere Diversifikation der Abnehmermärkte hindeutet.
3.2 Identifizierte Handelsschocks: Preis- und Angebotsereignisse
Im Untersuchungszeitraum wurden drei signifikante Handelsschocks identifiziert:
| Schock | Land | Typ | Jahr | Veränderung | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|---|
| Marokko-Preisschock | Marokko | Preis (Exporte) | 2017 | +170,4 % | 59,3 |
| Bosnien-Angebotschock | Bosnien-Herzeg. | Angebot (Importe) | 2019 | −98,1 % | 4,3 |
| Russland-Preisschock | Russland | Preis (Importe) | 2021 | +54,7 % | 3,8 |
Marokko (2017): Der Exportpreis nach Marokko stieg 2017 sprunghaft von durchschnittlich 178 €/t auf 482 €/t — ein Plus von 170 %. Die Exportmenge stieg gleichzeitig moderat von 300.000 t auf 410.000 t. Dies deutet auf qualitativ hochwertigere Bitumensorten oder einen Wechsel in der Produktmischung hin, weniger auf einen reinen Mengenboom.
Bosnien-Herzegowina (2019): Die Importe aus Bosnien-Herzegowina brachen 2019 nahezu vollständig ein — von durchschnittlich 94.000 t (2015–2018) auf nur 1.240 t. Der Importpreis stieg im Gegenzug um 58 % an, was darauf hindeutet, dass die verbleibenden Lieferungen in ein höherwertiges Marktsegment fielen. Dieser Angebotsausfall korreliert zeitlich mit dem Aufstieg der Türkei als neuem Großlieferanten — möglicherweise wurde bosnisches Bitumen durch türkisches substituiert.
Russland (2021): Der russische Importpreis stieg 2021 von 212 €/t auf 366 €/t (+54,7 %), bei gleichzeitiger Verdopplung des Volumens auf 162.000 t. Im Folgejahr 2022 erreichten sowohl Volumen (172.000 t) als auch Preis (534 €/t) ihren Höchststand — unmittelbar vor dem vollständigen Einbruch infolge der Sanktionen.
3.3 Volatilität: Hohe Schwankungen bei geopolitisch exponierten Partnern
Die Volatilitätsanalyse (Variationskoeffizient der Mengen) zeigt, dass die Handelsbeziehungen mit geopolitisch instabilen oder neu etablierten Partnern besonders schwankungsanfällig waren:
| Partner (Importe) | Variationskoeffizient | Bewertung |
|---|---|---|
| Kanada | 2,12 | extrem volatil |
| Irak | 1,42 | sehr volatil |
| Saudi-Arabien | 1,29 | sehr volatil |
| Bosnien-Herzegowina | 1,26 | sehr volatil |
| Russland | 1,07 | hoch volatil |
| Serbien | 0,67 | moderat |
| Vereinigtes Königreich | 0,31 | niedrig |
Quelle: Volatilitätsanalyse
Die Kernexportmärkte der EU weisen dagegen eine deutlich geringere Volatilität auf: Algerien (0,18), Norwegen (0,17), Marokko (0,20) und die Schweiz (0,12) zeigen stabile Handelsbeziehungen.
Fazit
Der EU-Markt für Bitumen aus Erdöl hat sich zwischen 2015 und 2025 strukturell verändert. Drei Kernbefunde lassen sich zusammenfassen:
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Wertschöpfung vor Volumen: Die EU-Exporte wuchsen primär preisgetrieben (+44 % im Wert bei nur +0,9 % im Volumen). Die Handelsbilanz blieb mit einem Überschuss von über 1,3 Mrd. € (2025) robust, wobei der Preisrückgang nach dem Höchstjahr 2022 eine Normalisierung andeutet.
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Geopolitische Neuausrichtung der Importpartner: Die türkischen Bitumenimporte stiegen von nahezu null auf 216 Mio. € — mit einem Marktanteil von über 80 %. Gleichzeitig brachen die Lieferungen aus Russland (Sanktionen), Serbien und Bosnien-Herzegowina (Substitution durch türkische Anbieter) ein. Auf der Exportseite wurde das Vereinigte Königreich mit 360 Mio. € zum wichtigsten Abnehmer.
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Steigende Konzentrationsrisiken: Der HHI für Importe verdreifachte sich auf 6.660, was eine extreme Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten (Türkiye) signalisiert. Für die EU ergibt sich hieraus ein strategisches Diversifizierungsbedürfnis, um Versorgungsrisiken zu mindern.