Marktentwicklung: Bearbeiteter Granit (CN 680293) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 680293 erfasst bearbeiteten Granit jeder Form – poliert, verziert oder anderweitig verarbeitet – mit Ausnahme von Fliesen, Pflastersteinen, Schmuck, Uhren, Beleuchtungskörpern und Originalwerken der Bildhauerkunst. Das Produkt gliedert sich in zwei Unterpositionen: schwere Graniterzeugnisse (≥ 10 kg, CN 68029310) sowie leichte und bildhauerisch bearbeitete Stücke (< 10 kg, CN 68029390). Der Markt für bearbeiteten Granit ist ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Natursteinindustrie, die sowohl in der Bau- als auch in der Innenausstattungsbranche verankert ist.
Im untersuchten Zeitraum von 2015 bis 2025 vollzog sich eine tiefgreifende Strukturveränderung: Die EU verwandelte sich von einer leichten Nettoexporteurin zu einer zunehmend importabhängigen Volkswirtschaft, während gleichzeitig die inländische Produktion und die Exporte erheblich schrumpften. Der folgende Bericht analysiert die wichtigsten Dynamiken und erklärt deren Ursachen.
1. Struktureller Rückgang von Produktion, Exporten und Handelsbilanz
Die EU-Exporte sind dramatisch geschrumpft
Die EU-Ausfuhren von bearbeitetem Granit in Drittländer verzeichneten im gesamten Betrachtungszeitraum einen deutlichen Abwärtstrend. Der Exportwert sank von 393,1 Mio. EUR (2015) auf 212,5 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 45,9 % entspricht. Die Exportmenge fiel noch stärker: von 485.878 Tonnen auf 240.845 Tonnen (−50,4 %).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 393,1 | 212,5 | −45,9 % |
| Exportmenge (t) | 485.878 | 240.845 | −50,4 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 809 | 882 | +9,0 % |
Die Importe blieben vergleichsweise stabil
Im Gegensatz dazu entwickelten sich die EU-Einfuhren deutlich robuster. Der Importwert sank lediglich von 505,6 Mio. EUR auf 475,7 Mio. EUR (−5,9 %), die Importmenge von 1,21 Mio. Tonnen auf 1,04 Mio. Tonnen (−14,3 %). In absoluten Zahlen importiert die EU also weiterhin rund das Vierfache der exportierten Menge.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Importwert (Mio. EUR) | 505,6 | 475,7 | −5,9 % |
| Importmenge (t) | 1.213.597 | 1.039.525 | −14,3 % |
| Importpreis (EUR/t) | 417 | 458 | +9,8 % |
Das Handelsdefizit hat sich mehr als verdoppelt
Aus der Asymmetrie zwischen rückläufigen Exporten und relativ stabilen Importen resultierte eine drastische Verschlechterung der Handelsbilanz: Diese verschlechterte sich von −112,5 Mio. EUR im Jahr 2015 auf −263,2 Mio. EUR im Jahr 2025, ein Anstieg des Defizits um 133,9 %. Im Jahr 2022 erreichte das Defizit mit −351,4 Mio. EUR seinen historischen Höchststand, bedingt durch einen starken Preisanstieg bei Importen in Kombination mit rückläufigen Exportvolumina.
Die inländische Produktion ist massiv eingebrochen
Die EU-Produktion von bearbeitetem Granit unterlag einem noch graviereren Rückgang. Die Produktionsmenge sank von 6,74 Mrd. kg (2015) auf 3,00 Mrd. kg (2025), ein Rückgang von 55,5 %. Der Produktionswert fiel von 3,03 Mrd. EUR auf 1,63 Mrd. EUR (−46,2 %). Dieser Einbruch spiegelt sowohl konjunkturelle Schwankungen als auch strukturelle Verlagerungen wider – insbesondere die Verlagerung der Granitverarbeitung in kostengünstigere Drittländer.
Italien und Spanien bleiben die wichtigsten Exporteure, verlieren aber stark an Boden
Innerhalb der EU dominieren traditionell die Mittelmeerländer den Granitexport:
| Land | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 237,9 | 112,0 | −52,9 % |
| Spanien | 96,3 | 51,5 | −46,5 % |
| Deutschland | 21,9 | 13,7 | −37,3 % |
| Portugal | 10,5 | 10,1 | −3,2 % |
| Frankreich | 5,6 | 5,7 | +1,8 % |
| Estland | 3,3 | 7,7 | +135,9 % |
| Polen | 8,7 | 5,8 | −33,4 % |
Italien, das 2015 noch über 60 % der EU-Granitexporte abdeckte, verlor mehr als die Hälfte seines Exportwerts. Auffällig ist der Gegenentwicklungstrend bei Estland (+135,9 %) und der weitgehend stabile portugiesische Export. Spezialisierungsindizes bestätigen Italien (RSCA: 0,73) und Portugal (RSCA: 0,65) als die am stärksten spezialisierten EU-Staaten im Granithandel.
2. Umwälzung der Lieferketten: Von der Chinadominanz zur Diversifizierung
China verliert Marktanteile, bleibt aber größter Lieferant
Die EU-Importe aus China beliefen sich 2015 auf 297,5 Mio. EUR und sanken bis 2025 auf 187,1 Mio. EUR (−37,1 %). China behielt damit zwar seine Position als wichtigster Einzellieferant, doch sein Anteil an den Gesamteinfuhren ging erheblich zurück. Der Importkonzentrationsindex (HHI) für Importe nach Wert fiel von 4.727 (2015) auf 3.351 (2025) – ein Rückgang von 29,1 %, der die zunehmende Diversifizierung der Lieferantenbasis quantifiziert. Der HHI nach Volumen sank sogar um 52,9 % (von 6.233 auf 2.937).
Neue Lieferanten gewinnen rasant an Bedeutung
Parallel zum Rückgang Chinas traten mehrere neue und aufstrebende Lieferanten in den Vordergrund:
| Lieferant | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Indien | 177,1 | 199,1 | +12,4 % |
| Türkei | 1,7 | 18,9 | +1.030,5 % |
| Vietnam | 1,5 | 9,4 | +520,3 % |
| Ägypten | 0,1 | 12,7 | +10.232,0 % |
| Brasilien | 6,7 | 19,2 | +184,5 % |
| Südafrika | 9,8 | 12,6 | +27,5 % |
Besonders bemerkenswert sind die dreistelligen Wachstumsraten der Türkei, Vietnams und Ägyptens. Indien, das 2015 noch hinter China rangierte, überholte China im Jahr 2025 als wichtigster Granitlieferant der EU nach Wert (199,1 Mio. EUR vs. 187,1 Mio. EUR). Diese Umverteilung spiegelt sowohl Angebotsdiversifizierungsstrategien der EU-Importeure als auch wettbewerbsfähigere Preise und Produktionskapazitäten in diesen Herkunftsländern wider.
Volatilität variiert stark zwischen Lieferanten
Die Preisvolatilität, gemessen am Variationskoeffizienten (CV), unterscheidet sich erheblich zwischen den Lieferanten:
| Lieferant | CV (Importe) | Bewertung |
|---|---|---|
| Indien | 0,08 | Sehr stabil |
| Brasilien | 0,18 | Stabil |
| Südafrika | 0,26 | Moderat |
| China | 0,36 | Moderat |
| Ukraine | 0,50 | Erhöht |
| Vietnam | 0,74 | Hoch |
| Türkei | 0,95 | Sehr hoch |
| Ägypten | 1,15 | Extrem volatil |
| Ghana | 1,17 | Extrem volatil |
Während Indien als Lieferant eine bemerkenswert stabile Preisentwicklung aufweist, sind die Handelsströme mit der Türkei und Ägypten deutlich volatiler, was auf geringere Handelsvolumina und möglicherweise projektabhängige Lieferungen hindeutet.
Ein bedeutender Preisschock bei chinesischen Importen im Jahr 2021
Die Schockanalyse identifiziert einen signifikanten Preisschock bei Importen aus China im Jahr 2021. Die Preise stiegen um 56,6 % mit einer Abnormalität von 15,6 – ein bemerkenswerter Ausschlag. Dieser Schock steht im Kontext der globalen Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie, insbesondere der Hafenüberlastungen und Containerknappheit, die 2021 den Welthandel prägten. Der Importpreis für Granit aus China kletterte im Segment CN 68029310 (schwere Stücke) von 391 EUR/t (2020) auf 542 EUR/t (2021) und erreichte 2022 mit 654 EUR/t seinen Höhepunkt. Die Importpreise insgesamt stiegen von 398 EUR/t (2015) auf 662 EUR/t (2022) und sanken dann auf 458 EUR/t (2025), was eine Normalisierung, aber kein vollständiges Zurückgehen auf das Ausgangsniveau zeigt.
Die Destinationen der EU-Exporte haben sich ebenfalls verschoben
Auch auf der Exportseite zeigen sich signifikante Veränderungen:
| Zielland | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 130,3 | 55,1 | −57,7 % |
| Schweiz | 79,4 | 61,5 | −22,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 28,9 | 10,9 | −62,4 % |
| Türkei | 25,7 | 5,7 | −77,9 % |
| Marokko | 25,8 | 29,3 | +13,9 % |
| Norwegen | 4,2 | 11,7 | +176,8 % |
| Tunesien | 3,3 | 0,6 | −81,6 % |
Die USA, mit Abstand der wichtigste Exportmarkt, verloren mehr als die Hälfte ihres Importwerts aus der EU. Das Vereinigte Königreich und die Türkei verzeichneten ebenfalls drastische Rückgänge, was teilweise auf den Brexit bzw. Währungseffekte zurückzuführen sein könnte. Der Exportkonzentrationsindex (HHI) blieb mit 1.719 (2015) bzw. 1.795 (2025) relativ stabil – die Exportdestinationen waren also weniger konzentriert als die Importquellen, veränderten sich aber kaum.
3. Wachsende Abhängigkeit und steigende Handelsintensität der EU
Die EU hat sich von Nettoexporteurin zur Nettoimporteurin entwickelt
Der vielleicht strukturell bedeutsamste Befund betrifft die Nettoimportabhängigkeit: Diese Kennzahl wandelte sich von −9,0 % (2015) – was einer leichten Selbstversorgung mit Nettoexportüberschuss entspricht – auf +11,3 % (2025). Im Jahr 2022 erreichte die Abhängigkeit mit +16,5 % ihren Spitzenwert. Die EU ist damit im Bereich bearbeiteter Granit inzwischen strukturell auf Importe angewiesen, eine fundamentale Veränderung gegenüber der Ausgangslage 2015.
Die Handelsintensität hat sich stark erhöht
Die Handelsintensität – der Anteil des internationalen Handels am Gesamtmarkt – stieg von 21,2 % (2015) auf 35,8 % (2025), ein Zuwachs von 68,6 %. Der Salienz-Score dieser Kennzahl liegt bei 82,8 von 100, was die Handelsintensität zur dominanten Verwundbarkeitsdimension des Marktes macht. Die Exportneigung blieb im Vergleich dazu relativ stabil bei 15,5 % (2015) bzw. 16,8 % (2025), mit einem deutlich niedrigeren Salienz-Score von 41,5.
Diese Entwicklung bedeutet, dass der EU-Markt für bearbeiteten Granit zunehmend in globale Lieferketten eingebunden ist und somit stärker externen Preisschocks, Lieferunterbrechungen und geopolitischen Risiken ausgesetzt ist.
Die Binnennachfrage verschiebt sich: Importe kompensieren den Produktionsrückgang
Die Kombination aus rückläufiger inländischer Produktion (−55,5 %) und relativ stabilen Importen (−14,3 %) zeigt, dass die Importe einen wachsenden Teil des EU-Binnenverbrauchs abdecken. Konkret: Hatten die EU-Importe 2015 die inlängliche Produktion nur ergänzt, so ersetzen sie diese zunehmend. Diese Substitution ist symptomatisch für die Verlagerung energie- und arbeitsintensiver Verarbeitungsschritte in Drittländer mit niedrigeren Kostenstrukturen.
Segmentanalyse: Schwere Graniterzeugnisse dominieren den Handel
Die Aufschlüsselung nach Unterpositionen zeigt, dass das Segment CN 68029310 (schwere Stücke ≥ 10 kg) sowohl bei Importen als auch bei Exporten das dominierende Segment darstellt:
| Kennzahl | CN 68029310 (≥ 10 kg) | CN 68029390 (< 10 kg / Bildhauerarbeit) |
|---|---|---|
| Importe 2025 | ||
| Menge (t) | 885.238 | 154.286 |
| Wert (Mio. EUR) | 403,4 | 72,3 |
| Preis (EUR/t) | 456 | 468 |
| Exporte 2025 | ||
| Menge (t) | 178.257 | 62.588 |
| Wert (Mio. EUR) | 152,5 | 60,0 |
| Preis (EUR/t) | 855 | 958 |
Das leichte Segment (CN 68029390) weist durchgängig höhere Preise pro Tonne auf – sowohl bei Importen als auch bei Exporten – was auf den höheren Verarbeitungsgrad und die enthaltene Bildhauerarbeit zurückzuführen ist. Die EU exportiert dieses Segment zu deutlich höheren Preisen (958 EUR/t) als sie es importiert (468 EUR/t), was auf eine Qualitäts- und Wertschöpfungsdifferenz hindeutet. Allerdings sind beide Segmente rückläufig: Die Importmenge im schweren Segment sank von 945.049 t (2015) auf 885.238 t (2025), die Exportmenge im selben Segment sogar von 383.158 t auf 178.257 t (−53,5 %).
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für bearbeiteten Granit (CN 680293) durchlebte zwischen 2015 und 2025 eine fundamentale Transformation. Drei zentrale Trends definieren diese Entwicklung:
Erstens vollzog sich ein struktureller Verfall der inländischen Wertschöpfung: Die EU-Produktion halbierte sich nahezu, die Exporte verloren die Hälfte ihres Volumens, und die Handelsbilanz verschlechterte sich um über 130 %. Italien und Spanien, die traditionellen Standbeine der europäischen Granitverarbeitung, verloren trotz fortbestehender Spezialisierung massiv an Exportvolumen.
Zweitens fand eine Diversifizierung der Importquellen statt: Während China seinen dominanten Marktanteil einbüßte, traten Indien, die Türkei, Vietnam, Ägypten und Brasilien als neue oder gestärkte Lieferanten auf. Der Import-HHI sank um fast 30 %, was eine breitere und potenziell resilientere Lieferantenbasis signalisiert.
Drittens hat sich die strukturpolitische Position der EU grundlegend verschoben: Von einer nahezu autarken Produzentin mit leichtem Exportüberschuss entwickelte sich die EU zu einer Nettoimporteurin mit einer Nettoimportabhängigkeit von über 11 %. Die Handelsintensität stieg auf fast 36 %, was die Exposition gegenüber globalen Preisschocks – wie dem chinesischen Preisschock 2021 – erhöht. Die Preiserholung nach 2022 blieb unvollständig, sodass der Markt auf einem höheren Preisniveau als vor der Pandemie zu operieren scheint.
Diese Entwicklungen deuten auf einen anhaltenden strukturpolitischen Trend hin: Die Verarbeitung von Naturstein wandert zunehmend in Drittländer ab, während die EU sich auf den Import und – in begrenztem Maße – auf die Ausfuhr hochwertiger, stärker verarbeiteter Produkte konzentriert. Für europäische Granitverarbeiter bedeutet dies eine Zunahme des Wettbewerbsdrucks sowohl auf dem Binnenmarkt als auch auf Exportmärkten.