Marktentwicklung: Armbanduhren "auch mit Stoppeinrichtung", mit automatischem Aufzug (ausg. aus Edelmetallen oder Edelmetallplattierungen) (CN 910221) — 2015–2025
Einführung
Der EU-Markt für Armbanduhren mit automatischem Aufzug (ausgenommen Gehäuse aus Edelmetallen oder Edelmetallplattierungen) wird durch drei zentrale Trends geprägt: eine stark gestiegene Importabhängigkeit bei gleichzeitig wachsendem Handelsdefizit, eine deutliche Premiumisierung mit steigenden Stückpreisen bei sinkenden Mengen sowie fundamentale Umwälzungen bei den Handelspartnern — sowohl auf Drittland- als auch auf EU-Ebene. Die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Zeitraum konstant über 92 % und erreichte 2025 mit 95,3 % ihren höchsten Wert. Im Folgenden werden die wichtigsten Dynamiken anhand der Handelsdaten für den Zeitraum 2015 bis 2025 analysiert.
1. Strukturelle Importabhängigkeit und expandierendes Handelsdefizit
1.1 Die EU-Importe sind nominal um 54 % gestiegen — trotz weitgehend stabiler Mengen
Im Zeitraum 2015–2025 stiegen die EU-Einfuhren von rd. 2.038 Mio. EUR auf 3.141 Mio. EUR, was einem Anstieg von 54,1 % entspricht. Die eingeführten Mengen blieben hingegen nahezu stabil (457.870 auf 437.395 Stück, −4,5 %). Das bedeutet, dass der gesamte Importanstig auf steigende Preise zurückzuführen ist.
Die EU-Ausfuhren entwickelten sich gegenläufig: Der Wert sank von 731 Mio. EUR auf 604 Mio. EUR (−17,3 %), die exportierte Menge sogar um 40,0 % (von 160.022 auf 96.011 Stück). Die COVID-19-Pandemie markierte 2020 mit 520 Mio. EUR den Tiefpunkt der Ausfuhren; seither erholten sich die Werte nur langsam.
| Kennzahl | 2015 | 2019 | 2020 | 2022 | 2025 | Δ 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Einfuhren (Mio. EUR) | 2.038 | 1.783 | 1.610 | 2.612 | 3.141 | +54,1 % |
| Ausfuhren (Mio. EUR) | 731 | 631 | 520 | 576 | 604 | −17,3 % |
| Einfuhrmenge (Tsd. Stück) | 457,9 | 409,1 | 314,1 | 359,6 | 437,4 | −4,5 % |
| Ausfuhrmenge (Tsd. Stück) | 160,0 | 115,1 | 81,1 | 72,3 | 96,0 | −40,0 % |
| Handelsbilanz (Mio. EUR) | −1.307 | −1.152 | −1.090 | −2.035 | −2.536 | −94,0 % |
Quelle: Eigene Berechnung auf Basis der Handelsbilanz-Daten.
1.2 Die Schweiz als unangefochtener Hauptlieferant mit über 94 % der Einfuhren
Die Importkonzentration im Segment CN 910221 ist außergewöhnlich hoch: Die Schweiz lieferte 2025 Uhren im Wert von 2.957 Mio. EUR in die EU — das entspricht einem Anteil von 94,2 % aller Drittland-Importe. Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe lag 2025 bei 8.886, was einer hochgradigen Monopolstruktur entspricht (Werte über 2.500 gelten als stark konzentriert).
Der Schweizer Anteil ging zwischen 2015 und 2025 leicht zurück (von 96,7 % auf 94,2 %), da kleinere Lieferanten überproportional wuchsen:
| Herkunftsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 1.971 | 2.957 | +50,0 % |
| China | 29 | 60 | +104,7 % |
| Hongkong | 8 | 44 | +457,3 % |
| Japan | 3 | 38 | +1.203,7 % |
| Thailand | 0,006 | 15 | — |
| Vereinigtes Königreich | 21 | 8 | −63,3 % |
| USA | 3 | 8 | +181,8 % |
Quelle: Top-Importpartner nach Wert.
Thailand, Japan und Hongkong verzeichneten die stärksten prozentualen Zuwächse, bleiben aber in absoluten Zahlen marginal im Vergleich zur Schweiz. Thailand stieg praktisch von null (6.174 EUR in 2015) auf knapp 15 Mio. EUR — ein Indiz für die Entwicklung neuer Produktionsstandorte in Südostasien.
1.3 Das Handelsdefizit hat sich nahezu verdoppelt
Das EU-Handelsdefizit im Segment CN 910221 verschärfte sich von −1.307 Mio. EUR (2015) auf −2.536 Mio. EUR (2025), was einem Anstieg von 94,0 % entspricht. Der Tiefpunkt wurde 2020 mit −1.090 Mio. EUR erreicht, als die Pandemie Importe und Exporte gleichermaßen dämpfte. Ab 2021 setzte jedoch ein starker Importanstieg ein, während die Exporte nur zögerlich erholten.
Die Netto-Importabhängigkeit stieg im gleichen Zeitraum von 93,2 % auf 95,3 %, was die EU in diesem Segment zu einem der am stärksten importabhängigen Märkte macht. Eine Abhängigkeit von dieser Größenordnung von einem einzigen Partnerland (Schweiz) birgt erhebliche geopolitische und konjunkturelle Risiken.
2. Premiumisierung als prägende Marktdynamik
2.1 Die durchschnittlichen Import- und Exportstückpreise sind deutlich gestiegen
Die auffälligste Entwicklung im Zeitraum 2015–2025 ist der dramatische Anstieg der durchschnittlichen Stückpreise — sowohl bei Importen als auch bei Exporten:
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2022 | 2025 | Δ 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Import-Stückpreis (EUR/Stück) | ~4.448 | ~5.126 | ~7.264 | ~7.167 | +61,1 % |
| Export-Stückpreis (EUR/Stück) | ~4.475 | ~6.413 | ~7.968 | ~6.077 | +35,8 % |
Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von Wert und Menge aus den Handelsbilanz-Daten.
Der Import-Stückpreis verdoppelte sich nahezu — von rund 4.450 EUR auf über 7.100 EUR pro Uhr. Der Sprung von 2021 (4.642 EUR) auf 2022 (7.264 EUR) war mit +56 % besonders steil. Ein wesentlicher Treiber war die Aufwertung des Schweizer Franken gegenüber dem Euro: Der EUR/CHF-Kurs fiel von rund 1,08 (Anfang 2021) auf unter 0,97 (Ende 2022), was die Euro-Preise schweizerischer Importe direkt erhöhte.
Die Export-Stückpreise stiegen moderater und gaben ab 2022 wieder leicht nach. Der Spitzenwert von 2022 (7.968 EUR) ist teilweise ein Composition-Effekt: Bei geringeren Exportmengen werden bevorzugt hochwertigere Uhren ausgeführt.
2.2 Die EU-Produktion verzeichnet weniger Stückzahlen, aber steigende Produktionswerte
Die EU-weite Produktion (basierend auf ProdCom-Daten, Code 26.52.12.00) zeigt ein noch deutlicheres Premiumisierungsmuster:
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2024 | Δ 2015→2024 |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsmenge (Stück) | 800.000 | 662.900 | 450.000 | −43,8 % |
| Produktionswert (Mio. EUR) | 174 | 134 | 180 | +3,4 % |
| Produktionspreis (EUR/Stück) | 217,5 | 202,7 | 400,0 | +83,9 % |
Quelle: Produktionsvolumen.
Die EU produzierte 2024 weniger als halb so viele Uhren wie 2015, hielt den Produktionswert aber stabil bei 180 Mio. EUR. Der durchschnittliche Produktionspreis stieg von 218 EUR auf 400 EUR pro Stück. Dies reflektiert eine klare Verschiebung hin zu hochwertigeren, teureren Modellen in der EU-Fertigung.
2.3 Mögliche Erklärungsfaktoren für die anhaltende Premiumisierung
Mehrere Faktoren erklären den Trend zur Premiumisierung:
- Wettbewerb durch Smartwatches: Der Aufstieg von Smartwatches seit Mitte der 2010er-Jahre verdrängte preisgünstige Quarzuhren; mechanische Automatikuhren positionieren sich zunehmend als Qualitäts- und Luxussegment.
- Wechselkurseffekte: Die Aufwertung des CHF gegenüber dem EUR verteuerte Schweizer Importe unmittelbar und trug zum Anstieg der Importstückpreise bei.
- Nachfrageverschiebung: Post-pandemisch stieg die Nachfrage nach hochwertigen mechanischen Uhren als Wertanlage und Lifestyle-Produkt, was die Preise weiter nach oben trieb.
- Inflation und Kostenanstieg: Rohmaterial- und Lohnkosten in der Schweizer Uhrenindustrie stiegen in diesem Zeitraum ebenfalls.
3. Geografische Neuausrichtung der Handelsströme
3.1 Brexit und der Bedeutungsverlust des Vereinigten Königreichs
Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU zum 1. Januar 2021 führte zu einem drastischen Rückgang des Handels in beide Richtungen:
| Richtung | 2015 | 2020 | 2025 | Δ 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|
| EU→UK (Mio. EUR) | 113 | 92 | 33 | −70,5 % |
| UK→EU (Mio. EUR) | 21 | 36 | 8 | −63,3 % |
Das Vereinigte Königreich war 2015 das zweitwichtigste Exportziel der EU (15,5 % der Ausfuhren); 2025 rangierte es nur noch auf Platz fünf (5,5 %). Die Mengenentwicklung ist noch dramatischer: Die EU exportierte 2025 nur noch 11.372 Uhren in das VK (2015: 85.891 Stück, Volatilitätsanalyse). Der Variationskoeffizient der UK-Exportmengen lag mit 0,82 als höchster Wert unter allen Partnern — ein Hinweis auf die instabilen Handelsbedingungen nach dem Brexit.
3.2 Wachstum bei Schweizer Exporten und neuen Drittland-Märkten
Während der Handel mit dem VK einbrach, gewannen andere Exportziele an Bedeutung:
| Exportziel | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung | Anteil 2025 |
|---|---|---|---|---|
| Schweiz | 94 | 164 | +75,0 % | 27,1 % |
| Hongkong | 261 | 145 | −44,5 % | 23,9 % |
| USA | 51 | 71 | +40,4 % | 11,7 % |
| VA Emirate | 19 | 42 | +116,4 % | 6,9 % |
| Japan | 100 | 25 | −74,6 % | 4,2 % |
| Norwegen | 4 | 7 | +52,1 % | 1,1 % |
Quelle: Top-Exportpartner nach Wert.
Die Schweiz übernahm mit 27,1 % die Rolle als wichtigstes Exportziel — ein bemerkenswerter Wandel, da die EU gleichzeitig massiv aus der Schweiz importiert. Dies deutet auf eine enge Verflechtung der Uhrenindustrie beider Länder hin: Schweizer Uhren werden in die EU importiert, dort weiterverarbeitet oder veredelt und teilweise wieder retour exportiert. Hongkong verlor als traditioneller Distributionshub deutlich an Bedeutung (von 35,7 % auf 23,9 %), was auf eine Umstrukturierung der globalen Luxusuhren-Distributionsketten hindeutet.
Die Vereinigten Arabischen Emirate (+116 %) und die USA (+40 %) entwickelten sich zu wichtigen Wachstumsmärkten für EU-Ausfuhren. Der Export-HHI sank von 1.958 auf 1.600 (−18,3 %), was eine leichte Diversifizierung der Exportmärkte signalisiert.
Zwei Preis-Schocks wurden im Zeitraum identifiziert (Schockanalyse): bei Exporten nach Norwegen (2018, Preis +67 %) und in die VA Emirate (2019, Preis +112 %). Diese Schocks reflektieren wahrscheinlich eine Verschiebung der exportierten Produktmixe hin zu teureren Modellen in diesen Märkten.
3.3 Verschiebungen innerhalb der EU-Mitgliedstaaten
Auch innerhalb der EU verschoben sich die Handelsströme erheblich:
Importeure:
| Land | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Frankreich | 717 | 1.106 | +54,2 % |
| Deutschland | 474 | 727 | +53,4 % |
| Italien | 439 | 411 | −6,3 % |
| Niederlande | 37 | 141 | +276,6 % |
| Belgien | 32 | 153 | +381,4 % |
| Spanien | 37 | 92 | +150,4 % |
| Österreich | 141 | 89 | −36,8 % |
Frankreich, Deutschland und Italien bilden weiterhin die drei größten EU-Importmärkte (zusammen 71 % der EU-Importe). Bemerkenswert ist das explosive Wachstum der Niederlande (+277 %) und Belgiens (+381 %) — beide Länder profitieren als Drehkreuze der europäischen Logistik (Rotterdam, Antwerpen). Österreich verlor hingegen als Importeur deutlich (−37 %).
Exporteure:
| Land | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 282 | 70 | −75,1 % |
| Deutschland | 186 | 172 | −7,5 % |
| Frankreich | 122 | 94 | −23,0 % |
| Spanien | 29 | 65 | +122,8 % |
| Irland | 0,4 | 46,5 | +12.736 % |
| Österreich | 34 | 22 | −35,4 % |
| Portugal | 22 | 7 | −66,0 % |
Der dramatischste Rückgang betraf Italien: Der einst größte EU-Exporteur von CN-910221-Uhren verlor drei Viertel seines Exportvolumens (von 282 Mio. auf 70 Mio. EUR). Deutschland hielt seine Position relativ stabil als größter EU-Exporteur. Irland verzeichnete einen außergewöhnlichen Anstieg — von praktisch null auf 46,5 Mio. EUR — was auf Umschichtungen in der Logistik und Vertriebsorganisation innerhalb der EU hindeuten könnte.
Die Spezialisierung der EU-Mitgliedstaaten zeigt ein klares Bild: Frankreich ist mit einem RSCA-Wert von 0,75 und einem RCA von 7,13 der mit Abstand am stärksten spezialisierte Mitgliedstaat — es produziert 55,7 % des EU-Produktionswerts. Deutschland folgt mit leichter Spezialisierung (RCA 1,23). Die meisten anderen EU-Länder haben keinen nennenswerten komparativen Vorteil in diesem Segment.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für Armbanduhren mit automatischem Aufzug (nicht aus Edelmetallen) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend verändert:
-
Wachsende Abhängigkeit: Das Handelsdefizit hat sich nahezu verdoppelt (auf −2.536 Mio. EUR), die Netto-Importabhängigkeit erreicht 95,3 %. Die Schweiz dominiert mit 94,2 % der Importe — eine außergewöhnliche Konzentration, die erhebliche Verwundbarkeit gegenüber bilateralen Störungen birgt.
-
Premiumisierung: Die durchschnittlichen Importpreise stiegen um 61 %, die Exportpreise um 36 %. Die EU-Produktion halbierte sich mengenmäßig, hielt aber den Wert stabil. Weniger Uhren werden zu höheren Preisen gehandelt — ein Trend, der durch Wechselkurseffekte, Smartwatch-Konkurrenz und eine Verschiebung der Nachfrage Richtung Luxussegment verstärkt wird.
-
Geografische Neuausrichtung: Der Brexit reduzierte den Handel mit dem VK um über 60 %. Neue Wachstumsmärkte (VA Emirate, Thailand) und eine engere Verflechtung mit der Schweiz prägen die neue Handelsarchitektur. Innerhalb der EU verlagerten sich die Ströme: Italien verlor als Exporteur massiv, die Niederlande und Belgien gewannen als Import-Drehscheiben, und Frankreich festigte seine Rolle als dominierender Produktionsstandort.
Insgesamt zeichnet sich ein Markt ab, der sich in Richtung weniger, aber hochwertigerer Uhren bewegt — bei gleichzeitig steigender Abhängigkeit von der Schweizer Uhrenindustrie. Für die EU-Politik stellt sich angesichts der extremen Importkonzentration die Frage der strategischen Resilienz in diesem traditionsreichen Industriesegment.