Marktentwicklung: Aluminiumprofile (CN 76042990) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht untersucht die Handelsentwicklung der EU für Vollprofile aus Aluminiumlegierungen (CN 76042990) über den Zeitraum 2015 bis 2025. Das Produkt wird in der Warennomenklatur unter der Position 76042990 klassifiziert und entspricht dem Prodcom-Code 24.42.22.50 (Stangen, Profile und Hohlprofile aus Aluminiumlegierungen, ohne solche für die Verwendung in Konstruktionen).
Im Untersuchungszeitraum vollzog sich eine fundamentale Verschiebung der Handelsstruktur: Die EU verwandelte sich von einem Nettoexporteur mit einem Überschuss von 113 Mio. EUR im Jahr 2015 in einen nahezu ausgeglichenen Zustand mit einem leichten Defizit von −2,6 Mio. EUR im Jahr 2025. Diese Entwicklung wurde von einem überproportional starken Anstieg der Importe getrieben, hinter dem sich die Dominanz türkischer Lieferanten verbirgt. Gleichzeitig war die Periode durch massive Preisschocks im Jahr 2022 sowie eine zunehmende Konzentration der Importstruktur gekennzeichnet.
1. Vom Überschuss zum Defizit: Europas wachsendes Handelsungleichgewicht
1.1 Die Importe sind im Untersuchungszeitraum doppelt so stark gewachsen wie die Exporte
Die Gegenüberstellung der Handelsströme zeigt ein deutliches Ungleichgewicht im Wachstum. Die Exporte entwickelten sich moderat, während die Importe das Exportwachstum weit übertrafen:
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert | 751 Mio. EUR | 961 Mio. EUR | +27,9 % |
| Exportmenge | 137.509 t | 139.624 t | +1,5 % |
| Exportpreis (Ø) | 5.463 EUR/t | 6.879 EUR/t | +25,9 % |
| Importwert | 638 Mio. EUR | 963 Mio. EUR | +50,9 % |
| Importmenge | 178.000 t | 199.180 t | +11,9 % |
| Importpreis (Ø) | 3.585 EUR/t | 4.836 EUR/t | +34,9 % |
Berechnungsgrundlage: Gesamtübersicht
Besonders auffällig ist, dass der Exportwert primär über Preissteigerungen (+25,9 %) und kaum über Mengenwachstum (+1,5 %) zustande kam. Bei den Importen hingegen trugen sowohl Mengenwachstum (+11,9 %) als auch Preisanstieg (+34,9 %) zum Wertzuwachs bei. Der im Zeitraum maximal erreichte Importwert lag bei 1.554 Mio. EUR — einem Zuwachs von 143 % gegenüber dem Ausgangswert.
1.2 Die Handelsbilanz hat sich von einem Überschuss in ein Defizit verwandelt
Die Handelsbilanz entwickelte sich von einem positiven Saldo von +113 Mio. EUR (2015) zu einem leichten Defizit von −2,6 Mio. EUR (2025). Im gesamten Zeitraum lag das Minimum bei −437 Mio. EUR, das Maximum bei +157 Mio. EUR. Ein positives Niveau wurde nur in den frühen Jahren des Beobachtungszeitraums gehalten — eine fundamentale Trendwende.
Gleichzeitig stieg die Nettoimportabhängigkeit von −3,1 % (2015) auf −1,7 % (2025), wobei der Wert zeitweise positiv war (max. +3,6 %). Negative Werte kennzeichnen einen Nettoexporteur, positive einen Nettoimporteur — die EU bewegte sich also über das Niveau der Handelsbilanz hinaus in Richtung Importabhängigkeit.
1.3 Handelsintensität und Exportquote haben deutlich zugenommen
Trotz des Bilanzrückgangs ist die Handelsintensität von 17,3 % auf 24,4 % gestiegen (+41,4 %). Ebenso stieg die Exportquote von 10,8 % auf 14,6 % (+35,5 %). Der Salience-Score identifiziert die Exportquote als den am stärksten prägenden Indikator (Score: 70,9 vs. 67,0 für Handelsintensität). Dies deutet darauf hin, dass die EU-Aluminiumprofilerzeugung zunehmend exportorientiert arbeitet — und gleichzeitig stärker als je zuvor in globale Wertschöpfungsketten eingebunden ist.
Im gleichen Zeitraum stieg die inländische EU-Produktion mengenmäßig nur um 3,0 % (von 2,76 Mio. t auf 2,84 Mio. t), wertmäßig jedoch um 37,7 % (von 9,74 Mrd. EUR auf 13,41 Mrd. EUR). Das mengenmäßige Minimum wurde 2020 bei 2,04 Mio. t erreicht, was die COVID-19-Krise widerspiegelt. Der wertmäßige Höchststand lag bei 17,94 Mrd. EUR — ebenfalls ein Hinweis auf die starke Preisentwicklung in der Aluminiumverarbeitung.
2. Die Türkei hat die Importstruktur nachhaltig verändert
2.1 Der türkische Anteil an den EU-Importen ist um über 200 Prozent gestiegen
Die Entwicklung nach Handelspartnern zeigt, dass die Türkei der dominierende Treiber des Importwachstums war:
| Rang | Partnerland | Importe 2015 | Importe 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Türkei | 189 Mio. EUR | 575 Mio. EUR | +203,8 % |
| 2 | China | 153 Mio. EUR | 65 Mio. EUR | −57,2 % |
| 3 | Bosnien und Herzegowina | 51 Mio. EUR | 62 Mio. EUR | +21,0 % |
| 4 | Norwegen | 55 Mio. EUR | 48 Mio. EUR | −12,7 % |
| 5 | Schweiz | 79 Mio. EUR | 49 Mio. EUR | −38,8 % |
| 6 | Vereinigtes Königreich | 35 Mio. EUR | 36 Mio. EUR | +1,0 % |
| 7 | Ägypten | 14 Mio. EUR | 15 Mio. EUR | +11,2 % |
Berechnungsgrundlage: Top-Partner nach Wert
Die türkischen Importe erreichten im Zeitraum einen Maximalwert von 897 Mio. EUR — allein dieser Spitzenwert entspricht rund 58 % des gesamten EU-Import-Spitzenwerts. Der türkische Anteil stieg von unter 30 % auf über 60 % der EU-Importe zu Beginn des Zeitraums. Die Türkei profitierte dabei vermutlich von ihrer geografischen Nähe, wettbewerbsfähigen Energie- und Arbeitskosten sowie bestehenden Zollpräferenzen.
2.2 China hat als Importpartner massiv an Bedeutung verloren
Während die Türkei expandierte, schrumpften die Importe aus China um 57,2 % — von 153 Mio. EUR auf 65 Mio. EUR. Der Variationskoeffizient für chinesische Importe liegt bei 0,48 und signalisiert eine hohe Schwankungsbreite. Die Abkehr von China als Hauptlieferant steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit EU-Schutzmaßnahmen (Anti-Dumping und Anti-Subvention) sowie geopolitischen Spannungen, die zu einer Umorientierung hin zu regionalen Lieferanten führten. China sank vom zweitgrößten Importpartner auf den gleichen Rang, wurde aber von der Türkei weit abgehängt.
2.3 Die Konzentration der Importe hat sich verdoppelt, während die Exporte sich diversifizierten
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) verdeutlicht die zunehmende Eindimensionalität der Importstruktur:
| Indikator | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| HHI Importe (Wert) | 1.795 | 3.756 | +109,3 % |
| HHI Importe (Menge) | 1.797 | 4.091 | +127,6 % |
| HHI Exporte (Wert) | 1.862 | 1.317 | −29,3 % |
| HHI Exporte (Menge) | 2.220 | 1.552 | −30,1 % |
Berechnungsgrundlage: Konzentration (HHI)
Ein HHI-Wert über 2.500 gilt als Zeichen hoher Konzentration. Die EU-Importe haben diese Schwelle im Wertebereich mit 3.756 klar überschritten — vor allem verursacht durch die türkische Dominanz. Gleichzeitig haben sich die Exporte deutlich diversifiziert: Der HHI sank von 1.862 auf 1.317, was auf eine breitere Streuung der Absatzmärkte hinweist.
2.4 Innerhalb der EU haben sich die Handelszentren verschoben
Auch innerhalb der EU-Mitgliedstaaten zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen bei den Reportern:
| Land | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Δ | Importe 2015 | Importe 2025 | Δ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Deutschland | 277 Mio. EUR | 229 Mio. EUR | −17,2 % | 235 Mio. EUR | 279 Mio. EUR | +19,0 % |
| Spanien | 97 Mio. EUR | 207 Mio. EUR | +113,4 % | — | — | — |
| Italien | 56 Mio. EUR | 66 Mio. EUR | +16,0 % | 39 Mio. EUR | 56 Mio. EUR | +44,2 % |
| Polen | 25 Mio. EUR | 66 Mio. EUR | +158,5 % | 40 Mio. EUR | 119 Mio. EUR | +199,9 % |
| Frankreich | 35 Mio. EUR | 57 Mio. EUR | +60,6 % | 48 Mio. EUR | 56 Mio. EUR | +15,7 % |
| Griechenland | 14 Mio. EUR | 70 Mio. EUR | +417,4 % | — | — | — |
Deutschland verlor als Exporteur an Boden, blieb aber mit Abstand der größte Importeur im EU-Binnenmarkt. Stark zulegen konnten Polen (Importe +200 %), Spanien (Exporte +113 %) und Griechenland (Exporte +417 %). Die Spezialisierungsanalyse bestätigt diese Verschiebung: Griechenland (RSCA: 0,74), Rumänien (RSCA: 0,62), Bulgarien (RSCA: 0,51) und Portugal (RSCA: 0,43) weisen die höchsten komparativen Vorteile auf — es handelt sich um süd- und osteuropäische Produzenten, die gegenüber traditionellen Industrieländern an Boden gewinnen.
3. Preisschocks, Volatilität und Anfälligkeit seit 2022
3.1 Das Jahr 2022 markiert den Höhepunkt der Importkosten
Der Anstieg der Importpreise auf einen Spitzenwert von 5.320 EUR/t und die maximale Importmenge von 292.024 t fallen zusammen mit dem Zeitraum 2021–2022. In dieser Phase trafen sich mehrere Treiber: die Nachholeffekte nach der COVID-19-Pandemie, die europäische Energiekrise nach dem Beginn des Ukraine-Konflikts und die damit verbundenen Aluminium-Preisspitzen an den Rohstoffbörsen. Der maximale Importwert von 1.554 Mio. EUR im Zeitraum — mehr als doppelt so hoch wie der Ausgangswert — dokumentiert die Kostenexplosion dieses Zeitfensters.
Parallel dazu sank die inländische Produktionsmenge auf ein Minimum von 2,04 Mio. t (2020), erholte sich danach jedoch rasch. Der maximale Produktionswert stieg auf 17,94 Mrd. EUR — ein Anstieg, der primär auf höhere Aluminium-Inputkosten und Übertragungseffekte auf die Profilpreise zurückzuführen ist.
3.2 Preisschocks bei Exporten in Kernmärkte prägen die Periode seit 2022
Die Schwellenerkennung identifiziert signifikante Preisschocks im Jahr 2022 für die drei wichtigsten Exportmärkte:
| Zielland | Schock-Typ | Preis-Shift | Abnormalität | Exportanteil am Wert |
|---|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | Preis | +38,8 % | 8,4 σ | 42,6 % |
| Schweiz | Preis | +35,4 % | 8,4 σ | 20,9 % |
| Norwegen | Preis | +32,8 % | 16,5 σ | 5,0 % |
Berechnungsgrundlage: Supply-Shocks
Alle drei Preisschocks fielen zentral auf das Jahr 2022 und betrafen Märkte, die zusammen fast 70 % des EU-Exportwerts ausmachen. Dies deutet darauf hin, dass die Aluminium-Preisanstiege an den Rohstoffmärkten unmittelbar auf die Exportpreise der EU-Verarbeitungsindustrie durchschlugen. Es handelt sich um offerseitige Schocks, die aus steigenden Inputkosten resultierten, nicht um Nachfrageeinbrüche.
3.3 Die Volatilität variiert stark zwischen Handelspartnern
Der Variationskoeffizient (CV) misst die jährliche Schwankungsbreite der Handelswerte über den gesamten Beobachtungszeitraum:
| Richtung | Niedrigstes CV | Höchstes CV |
|---|---|---|
| Importe | Bosnien und Herz. (0,07) | Russland (0,90), VAE (0,65) |
| Exporte | Schweiz (0,06), VK (0,09) | Indien (0,46), Serbien (0,37) |
Im Importbereich weisen die etablierten westeuropäischen Handelspartner (Schweiz, Norwegen, Bosnien und Herzegowina) eine geringe Volatilität auf, während die Handelsbeziehungen mit Russland (CV: 0,90) extrem schwankten — ein erwartbares Ergebnis angesichts der Sanktionen nach 2022. Die türkischen Importe trotz ihres starken Wachstums (CV: 0,44) fallen ebenfalls auf — die Zunahme war nicht linear, sondern sprunghaft.
Die Exportmärkte sind insgesamt stabiler: Das Vereinigte Königreich (CV: 0,09) und die Schweiz (CV: 0,06) fungieren als nachfragestarke, konstante Abnehmer. Im Gegensatz dazu weisen neuere Märkte wie Serbien (CV: 0,37) oder Südkorea (CV: 0,27) höhere Schwankungsbreiten auf – als Märkte in der Wachstums- und Konsolidierungsphase.
Fazit
Die Marktentwicklung für Aluminium-Vollprofile (CN 76042990) im Zeitraum 2015–2025 lässt sich als eine Dreifach-Verschiebung zusammenfassen:
-
Strukturelle Bilanzverschiebung: Die EU hat ihren Überschuss im Handel mit Drittländern eingebüßt. Importe wuchsen um 50,9 % (Wert) — doppelt so schnell wie Exporte (+27,9 %). Zwar stiegen auch die Exportpreise, doch reichte dies nicht aus, um die Importdynamik auszugleichen. Die Nettoimportabhängigkeit näherte sich der Schwelle zur Importabhängigkeit.
-
Partnerwechsel mit Folgen: Die türkischen Aluminumprofileimporte vervierfachten sich nahezu von 189 Mio. EUR auf 575 Mio. EUR (Spitzenjahr: 897 Mio. EUR). China verlor demgegenüber mehr als die Hälfte seiner Exporte in die EU. Die Konzentration der Importe (HHI) verdoppelte sich auf 3.756 — ein Level, das eine erhebliche Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten signalisiert. Die Exporte hingegen diversifizierten sich, wobei die süd- und osteuropäischen EU-Staaten (Griechenland, Spanien, Polen) an Bedeutung gewannen.
-
Der Preisschock von 2022 als Wendepunkt: Die Kombination aus Pandemie-Nachholeffekten, Energiekrise und Rohstoffpreis-Inflation trieb die EU-Importe vorübergehend auf einen Rekordwert von 1.554 Mio. EUR. Signifikante Preisschocks (+33–39 %) betrafen die drei wichtigsten Exportmärkte der EU (Vereinigtes Königreich, Schweiz, Norwegen) im selben Jahr. Seit 2023 haben sich die Werte normalisiert, liegen aber über dem Vor-Krisen-Niveau.
Die zunehmende Importkonzentration auf die Türkei bei gleichzeitigem Rückgang der Handelsbilanz stellt die langfristige Resilienz des EU-Aluminiumprofilssektors vor strategische Herausforderungen — insbesondere im Kontext der europäischen Rohstoff- und Industriesouveränitätsdebatte.