Marktentwicklung: Acrylpolymere (CN 390690) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode 390690 erfasst Acrylpolymere in Primärformen mit Ausnahme von Polymethylmethacrylat (PMMA, CN 390610). Die Position umfasst ein breites Spektrum an Spezialcopolymeren – von Acrylsäure-basierten Verdickungsmitteln über modifizierte Nitrilcopolymere bis hin zu funktionalisierten Emulsionspolymeren – und dient als Sammelkategorie für eine Vielzahl industrieller Anwendungen im Bereich Beschichtungen, Klebstoffe, Textilhilfsmittel und technische Kunststoffe. Die Produktübersicht zeigt, dass CN 390690 als Residualposition sieben Unterpositionen bündelt, von denen die Sammelnummer 39069090 mengen- und wertmäßig mit großem Abstand dominiert.
Im Zeitraum 2015 bis 2025 zeichnet sich der EU-Außenhandel mit diesem Produkt durch drei zentrale Entwicklungen aus: ein zunehmendes Auseinanderfallen von Handelsvolumen und Handelswert, eine gravierende geopolitische Umstrukturierung der Handelspartner infolge des Ukraine-Konflikts sowie ein erhebliches Wachstum der EU-Binnenproduktion bei gleichzeitiger Diversifizierung der Importquellen.
1. Werthöchststände trotz Mengenrückgang – ein divergierender Handel
Die Kernbefunde der Handelsentwicklung zeigen ein bemerkenswertes Auseinanderfallen von Handelsvolumina und -werten: Während die Exportmengen über den gesamten Betrachtungszeitraum um 15,1 % sanken (von 905.377 t auf 768.608 t), stieg der Exportwert um 5,8 % auf 2,01 Mrd. EUR. Auf der Importseite wuchsen sowohl Mengen (+32,6 % auf 439.649 t) als auch Werte (+34,5 % auf 984 Mio. EUR) parallel an.
Steigende Preise als dominierender Werttreiber bei Exporten
Die Exportpreise erhöhten sich von 2.097 EUR/t (2015) auf 2.613 EUR/t (2025), was einem Anstieg von 24,6 % entspricht. Der Höchstwert wurde 2022 mit 2.849 EUR/t erreicht, zeitgleich mit dem globalen Rohstoffpreisschock nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Die Exportpreise konnten trotz der mengenmäßigen Kontraktion den Gesamtwert stabilisieren – ein Muster, das auf eine Preissetzungsmacht der EU-Hersteller bei Spezialacrylpolymeren hindeutet.
Im Gegensatz dazu blieben die Importpreise mit 2.206 EUR/t (2015) und 2.238 EUR/t (2025) nahezu unverändert (+1,5 %). Der Importwertzuwachs ist daher primär volumengetrieben.
Abschwächung des Handelsbilanzüberschusses
Der EU-Außenhandelsüberschuss bei CN 390690 verringerte sich von 1,17 Mrd. EUR auf 1,02 Mrd. EUR (−12,2 %). Dennoch bleibt die EU ein erheblicher Nettoexporteur: Die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Zeitraum durchgehend im negativen Bereich (2015: −19,8 %, 2025: −26,8 %), was bedeutet, dass die EU bei diesem Produkt mehr exportiert als importiert. Der Tiefstwert wurde 2021 mit −47,7 % erreicht, als die Exporte mengenmäßig ihren Höhepunkt (1,12 Mio. t) erreichten.
| Kennzahl | 2015 | 2021 (Peak) | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 1,90 | 2,67 | 2,01 | +5,8 % |
| Exportmenge (t) | 905.377 | 1.121.327 | 768.608 | −15,1 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 2.097 | 2.162 | 2.613 | +24,6 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 732 | 1.104 | 984 | +34,5 % |
| Importmenge (t) | 331.682 | 489.287 | 439.649 | +32,6 % |
| Handelsüberschuss (Mrd. EUR) | 1,17 | 1,42 | 1,02 | −12,2 % |
Mengenrückgang bei Exporten: Strukturelle Schwäche oder Nachfrageverschiebung?
Der Exportmengenrückgang von 2021 (Höchststand: 1,12 Mio. t) auf 2025 (768.608 t) ist auffällig. In Verbindung mit steigender Binnenproduktion (siehe Abschnitt 3) könnte dies auf eine Verlagerung der Nachfrage innerhalb des EU-Binnenmarktes oder auf einen substitutiven Effekt zugunsten lokaler Märkte in Drittländern hindeuten. Die Exportneigung blieb mit 39,6 % (2015) bzw. 41,2 % (2025) relativ stabil, sodass der Rückgang der Exportmengen nicht auf ein strukturell sinkendes Exportinteresse, sondern eher auf konjunkturelle und geopolitische Faktoren zurückzuführen ist.
2. Geopolitische Umwälzungen verändern die Handelspartner-Strukturen
Die Analyse der Top-Handelspartner zeigt eine tiefgreifende Umstrukturierung der Handelsbeziehungen der EU im Zeitraum 2015–2025. Zwei Entwicklungen stehen dabei im Vordergrund: der Zusammenbruch der Exporte nach Russland und das rasante Wachstum der Importe aus asiatischen Volkswirtschaften.
Zusammenbruch der Exporte nach Russland
Der dramatischste Einbruch betraf die Ausfuhren nach Russland: Von 142 Mio. EUR (2015) und einem Höchststand von 208 Mio. EUR (2018) sanken die Exporte auf praktisch null (31.000 EUR in 2025). Dies entspricht einem Rückgang von −100 % und spiegelt die Sanktionspakete der EU gegen Russland ab 2022 wider. Die Volatilitätsanalyse bestätigt dies: Der Variationskoeffizient der Exporte nach Russland liegt mit 0,72 deutlich über dem aller anderen bedeutenden Exportmärkte. Ein Preisschock wurde 2023 mit einer Abnormalität von 43,3 und einem Preisanstieg von 517 % detektiert – was auf die Umwidmung der Restmengen und eine extreme Preisspitze bei den verbleibenden, stark reduzierten Handelsvolumina hindeutet.
Zunehmende Importabhängigkeit von asiatischen Lieferanten
Auf der Importseite verzeichneten insbesondere China (+154,5 % auf 73 Mio. EUR), Taiwan (+182,8 % auf 15 Mio. EUR) und die Türkei (+104,8 % auf 96 Mio. EUR) überproportionale Zuwächse. Diese drei Partner waren 2015 noch relativ unbedeutende Lieferanten, gewannen aber bis 2025 erheblich an Gewicht. Besonders hervorzuheben ist das Wachstum der Importe aus China: Bei einem Variationskoeffizienten von 0,41 zeigt die Handelsbeziehung zwar eine gewisse Schwankungsbreite, der Aufwärtstrend ist aber eindeutig.
Zunahme der Importkonzentration durch Südeuropa
Die Analyse der EU-Importländer zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung innerhalb der EU: Während Deutschland als größter EU-Importeur einen Rückgang von 231 Mio. EUR auf 165 Mio. EUR (−28,6 %) verzeichnete, stiegen die Importe Italiens (+113,9 % auf 98 Mio. EUR), Frankreichs (+135,2 % auf 94 Mio. EUR) und Spaniens (+99,5 % auf 53 Mio. EUR) stark an. Dies deutet auf ein wachsendes Verarbeitungsvolumen in Südeuropa hin – möglicherweise bedingt durch die Verlagerung energieintensiver industrieller Prozesse in Regionen mit günstigeren Energiekosten.
Vereinigtes Königreich als stabilster Handelspartner
Das Vereinigte Königreich entwickelte sich sowohl bei Importen (+67,3 % auf 229 Mio. EUR) als auch bei Exporten (+17,2 % auf 323 Mio. EUR) zum stabilsten und wichtigsten bilateralen Handelspartner. Der geringe Variationskoeffizient der Exporte (0,06) unterstreicht die Beständigkeit dieser Beziehung, die trotz des Brexit nahezu ungebrochen blieb.
| Partner | Exporte 2015 | Exporte 2025 | Δ | Importe 2015 | Importe 2025 | Δ |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | 276 Mio. | 323 Mio. | +17,2 % | 137 Mio. | 229 Mio. | +67,3 % |
| Russland | 142 Mio. | 0,03 Mio. | −100 % | — | — | — |
| Vereinigte Staaten | 242 Mio. | 249 Mio. | +3,0 % | 207 Mio. | 182 Mio. | −12,1 % |
| China | 147 Mio. | 199 Mio. | +35,5 % | 29 Mio. | 73 Mio. | +154,5 % |
| Türkei | 133 Mio. | 184 Mio. | +38,5 % | 47 Mio. | 96 Mio. | +104,8 % |
3. Wachsende Binnenproduktion bei Diversifizierung der Handelsströme
Die EU-Produktion von Acrylpolymeren (CN 390690) verzeichnete im Betrachtungszeitraum ein beachtliches Wachstum: Die Produktionsmenge stieg von 2,27 Mrd. kg auf 3,79 Mrd. kg (+66,7 %), der Produktionswert von 3,24 Mrd. EUR auf 5,28 Mrd. EUR (+63,0 %). Damit wuchs die Produktion deutlich stärker als die Exporte, was auf eine zunehmende Binnenverwertung des EU-Produktionsvolumens hindeutet.
Frankreich und Belgien als Spezialisierungsführer
Die Spezialisierungsanalyse für 2025 zeigt, dass Frankreich (RSCA: 0,44; RCA: 2,59) und Belgien (RSCA: 0,40; RCA: 2,32) die am stärksten spezialisierten EU-Exporteure bei CN 390690 sind. Deutschland, obwohl mengen- und wertmäßig der mit Abstand größte Exporteur (682 Mio. EUR, 28,9 % der EU-Produktion), weist eine moderate Spezialisierung auf (RSCA: 0,15; RCA: 1,36). Dies deutet darauf hin, dass Deutschland zwar absolut dominierend ist, die Acrylpolymer-Produktion aber im Verhältnis zur gesamten deutschen Industrieproduktion weniger Gewicht hat als in Frankreich oder Belgien.
Diversifizierung der Importquellen
Die HHI-Konzentration der Importe (nach Wert) sank von 1.817 auf 1.565 (−13,9 %), was eine signifikante Diversifizierung der Lieferantenbasis signalisiert. Der HHI-Wert unterhalb von 2.500 deutet auf einen moderat konzentrierten Markt hin, dessen Konzentration weiter abnimmt. Auf der Exportseite stieg der HHI hingegen leicht von 637 auf 706 (+10,8 %), was auf eine geringfügig zunehmende Konzentration der Exportströme hindeutet – möglicherweise bedingt durch den Wegfall Russlands als großem Einzelmarkt.
Produktsegment 39069090 dominiert den Handel
Die Produktaufschlüsselung zeigt, dass die Sammelposition 39069090 sowohl bei Importen (427.824 t, 97 % der Gesamtimportmenge 2025) als auch bei Exporten (765.365 t, 99,6 % der Gesamtexportmenge 2025) den Handel nahezu vollständig dominiert. Die übrigen sechs Unterpositionen bilden Nischenprodukte mit spezialisierten Anwendungen – etwa Poly[N-(3-hydroxyimino-1,1-dimethylbutyl)acrylamid] (39069010), dessen Importmenge von 809 t auf 7.285 t (+800 %) wuchs, oder das Textilverdickungsmittel-Polymerisat (39069050).
Sinkende Konzentration bei Importen trotz geopolitischer Umbrüche
Paradoxerweise hat die geopolitische Destabilisierung die Handelsstruktur der EU bei CN 390690 nicht verletzlicher, sondern diversifizierter gemacht. Der Wegfall Russlands als Exportpartner wurde durch das Wachstum in andere Märkte (Türkei, China, Schweiz) kompensiert. Auf der Importseite führte das Wachstum neuer Lieferanten (China, Taiwan, Türkei) zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Importströme. Die Handelsintensität blieb mit rund 51 % nahezu unverändert, was auf eine stabile Verflechtung der EU mit Drittmärkten bei diesem Produkt hindeutet.
Fazit
Der EU-Außenhandel mit Acrylpolymeren (CN 390690) hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei Dimensionen wesentlich verändert: Erstens führte der Preisanstieg bei Exporten zu einer Entkopplung von Handelswert und -menge, wobei die EU ihren Überschuss trotz sinkender Exportmengen in absoluten Zahlen halten konnte. Zweitens hat der geopolitische Schock des Ukraine-Kriegs die Handelspartner-Struktur grundlegend umgezeichnet – der Wegfall Russlands als Exportmarkt wurde durch ein verstärktes Engagement in der Türkei, China und der Schweiz kompensiert, während gleichzeitig asiatische Lieferanten an Gewicht auf der Importseite gewannen. Drittens wuchs die EU-Binnenproduktion überproportional (+67 %), sodass die EU ihre Position als Nettoexporteur trotz steigender Importe behaupten konnte.
Die Exportneigung von 41 % und der negative Nettimportabhängigkeitswert von −27 % unterstreichen, dass die EU bei diesem Produkt weiterhin wettbewerbsfähig und strukturell als Lieferant auftritt. Die zunehmende Diversifizierung der Handelsströme (sinkender HHI bei Importen) verringert das Risiko einseitiger Lieferabhängigkeiten. Gleichzeitig bleibt die Konzentration der EU-Exporte auf wenige große Märkte – insbesondere das Vereinigte Königreich, die USA und die Türkei – ein potenzielles Anfälligkeitsmerkmal, das im Rahmen der Handelspolitik im Auge behalten werden sollte.