Marktentwicklung: ABS in Primärformen (CN 390330) — 2015–2025
Einleitung
Der Markt für Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere (ABS) in Primärformen hat sich im Beobachtungszeitraum 2015–2025 erheblich verändert. Die Europäische Union war in diesem Zeitraum zunehmend auf Importe angewiesen, während sich das Handelsdefizit fast vervierfachte. Gleichzeitig verschoben sich die Lieferstrukturen zugunsten asiatischer Hersteller, die EU-eigene Produktion ging mengenmäßig zurück und das Jahr 2021 markierte einen deutlichen Preisschock. Der vorliegende Bericht analysiert die wesentlichen Handelsströme, Marktstrukturen und Volatilitätsmuster und leitet daraus die zentralen Entwicklungen ab.
1. Zunehmende Importabhängigkeit und wachsendes Handelsdefizit
Die EU hat ihre Position als Nettoimporteur von ABS im analysierten Zeitraum kontinuierlich ausgebaut. Das Handelsdefizit hat sich dabei nicht nur vergrößert, sondern strukturell verfestigt.
1.1 Das Handelsdefizit hat sich fast vervierfacht
Im Jahr 2015 betrug das bilaterale Handelsdefizit der EU bei ABS noch rund 76 Mio. EUR. Bis 2025 wuchs es auf rund 234 Mio. EUR an — eine Verschlechterung um 206 %. Im gesamten Zeitraum bewegte sich das Defizit zwischen einem Minimalwert von rund 1,4 Mio. EUR und dem Höchststand von 234 Mio. EUR, wobei der Höchststand auf das letzte Berichtsjahr fällt.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Handelsbilanz (EUR) | −76,3 Mio. € | −233,7 Mio. € | −206 % |
| Importwert (EUR) | 349,4 Mio. € | 475,9 Mio. € | +36,2 % |
| Exportwert (EUR) | 273,1 Mio. € | 242,2 Mio. € | −11,3 % |
1.2 Importe wachsen sowohl wert- als auch mengenmäßig
Die Einfuhren von ABS in die EU stiegen im Betrachtungszeitraum sowohl im Wert als auch in der Menge. Der Importwert erhöhte sich von 349 Mio. EUR auf 476 Mio. EUR (+36,2 %), die importierte Menge von rund 207.000 t auf rund 251.000 t (+21,2 %). Bemerkenswert ist, dass der durchschnittliche Importpreis dabei von 1.689 EUR/t auf 1.898 EUR/t (+12,4 %) anstieg — ein Zeichen dafür, dass die EU nicht nur mehr, sondern auch zu höheren Preisen importierte.
1.3 Exporte verloren an Wert, trotz steigender Mengen
Die EU-Ausfuhren entwickelten sich gegenläufig: Während die exportierte Menge von rund 156.000 t auf rund 201.000 t zunahm (+28,9 %), sank der Exportwert von 273 Mio. EUR auf 242 Mio. EUR (−11,3 %). Der durchschnittliche Exportpreis fiel damit von 1.750 EUR/t auf 1.205 EUR/t (−31,2 %). EU-Exporteure verkauften also deutlich mehr Volumen, aber zu stark gesunkenen Preisen — ein Hinweis auf zunehmenden Wettbewerbsdruck auf den Weltmärkten.
1.4 Die Nettorelianz auf Importe hat sich verdreifacht
Der Indikator der Nettorelianz auf Importe stieg von 4,6 % (2015) auf 14,2 % (2025) — eine Steigerung um 207 %. Der Höchstwert lag bei 16,5 %, der Minimalwert bei lediglich 0,1 %. Parallel dazu erhöhte sich die Handelsintensität von 39,1 % auf 55,0 % (+40,7 %), und die Exportquote stieg von 22,5 % auf 32,9 % (+46,1 %). Dies zeigt, dass der ABS-Markt insgesamt internationaler und verflechteter wurde, die EU dabei jedoch in eine stärkere Abhängigkeit von Drittlandsimporten geriet.
2. Verschiebung der Handelspartner und geopolitische Neuausrichtung
Die Zusammensetzung der wichtigsten Handelspartner hat sich zwischen 2015 und 2025 teils drastisch verändert. Neue Akteure traten auf, traditionelle Partner verloren an Bedeutung und die Konzentration der Importseite nahm zu.
2.1 Korea festigte seine Position als dominierender ABS-Lieferant
Südkorea war und blieb der mit Abstand wichtigste Importpartner der EU bei ABS. Der Importwert aus Korea stieg von 213 Mio. EUR (2015) auf 318 Mio. EUR (2025), was einem Zuwachs von 49,4 % entspricht. Im Spitzenjahr lag der Wert bei 368 Mio. EUR. Koreas Anteil machte 2025 rund 67 % des gesamten EU-Importwerts aus — ein Grad an Konzentration, der die EU in eine strategische Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten bringt.
| Importpartner | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Herkunftsländer (Importe, Wert) | |||
| Korea, Republik | 213,0 Mio. € | 318,1 Mio. € | +49,4 % |
| Taiwan | 54,9 Mio. € | 51,2 Mio. € | −6,8 % |
| Vereinigtes Königreich | 30,5 Mio. € | 11,9 Mio. € | −60,9 % |
| Thailand | 20,0 Mio. € | 6,9 Mio. € | −65,5 % |
| USA | 16,2 Mio. € | 37,0 Mio. € | +127,6 % |
| Saudi-Arabien | 0,004 Mio. € | 8,4 Mio. € | +217.713 % |
| China | 0,97 Mio. € | 26,2 Mio. € | +2.601 % |
2.2 Neue Lieferanten traten mit starkem Wachstum auf
Saudi-Arabien und China haben sich im Beobachtungszeitraum zu relevanten ABS-Lieferanten für die EU entwickelt. Saudi-Arabien startete 2015 praktisch bei null (3.850 EUR) und importierte 2025 Waren im Wert von 8,4 Mio. EUR. China vergrößerte seine Exporte in die EU von unter 1 Mio. EUR auf 26,2 Mio. EUR — eine Steigerung um 2.601 %. Diese Dynamik spiegelt den Ausbau petrochemischer Kapazitäten im Nahen Osten und die wachsende Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Hersteller wider.
2.3 Traditionelle europäische Partner verloren an Bedeutung
Das Vereinigte Königreich, das nach dem Brexit als Drittland klassifiziert wird, verlor sowohl als Importquelle (−60,9 %) als auch als Exportmarkt (−42,2 %) erheblich an Bedeutung. Thailand als Lieferant sank um 65,5 %. Auf der Exportseite verlor die EU auch in China (−60,4 %) und in der Schweiz (−36,7 %) Marktanteile, während Malaysia zum wichtigsten Exportziel aufstieg — mit einem Anstieg von lediglich 226.000 EUR auf 16,0 Mio. EUR (+6.971 %).
| Exportziel | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Zielländer (Exporte, Wert) | |||
| Malaysia | 0,23 Mio. € | 16,0 Mio. € | +6.971 % |
| Vereinigtes Königreich | 74,0 Mio. € | 42,8 Mio. € | −42,2 % |
| Türkei | 40,9 Mio. € | 35,3 Mio. € | −13,6 % |
| USA | 13,2 Mio. € | 30,7 Mio. € | +132,5 % |
| China | 25,1 Mio. € | 9,9 Mio. € | −60,4 % |
| Mexiko | 13,4 Mio. € | 26,7 Mio. € | +99,2 % |
| Schweiz | 23,3 Mio. € | 14,8 Mio. € | −36,7 % |
2.4 Die Importkonzentration nahm zu, die Exportkonzentration ab
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert stieg von 4.097 auf 4.685 (+14,4 %), was auf eine stärkere Konzentration der Importquellen hindeutet — vor allem bedingt durch Koreas wachsenden Anteil. Der HHI für Exporte sank hingegen von 1.251 auf 982 (−21,5 %), was bedeutet, dass sich die EU-Ausfuhren auf eine breitere Basis von Zielländern verteilten.
2.5 Auf EU-Ebene verschoben sich die Handelsströme innerhalb der Mitgliedstaaten
Innerhalb der EU zeigen sich deutliche Unterschiede bei der Spezialisierung. Belgien weist mit einem RSCA-Wert von 0,63 die höchste Spezialisierung auf und ist sowohl größter Exporteur (58,6 Mio. EUR) als auch bedeutender Importeur (59,2 Mio. EUR) innerhalb der EU. Deutschland und Italien sind die größten Importeure (je ~66–72 Mio. EUR), während Polen als Importeur mit einem Zuwachs von 179 % auf 64,4 Mio. EUR stark wuchs.
3. Preisschocks, Volatilität und Rückgang der EU-Produktion
Neben den Handelsströmen lohnt ein Blick auf die Preisentwicklung, die Volatilität der Handelsbeziehungen und die inländische Produktion, um die Vulnerabilität des EU-Marktes zu verstehen.
3.1 Das Jahr 2021 markierte einen systemischen Preisschock
Im Jahr 2021 wurden auf dem ABS-Markt drei signifikante Preisschocks identifiziert, die im Kontext der weltweiten Lieferkettenstörungen und der Energiepreisexplosion nach der COVID-19-Pandemie zu verstehen sind:
| Schock | Typ | Richtung | Shift | Abnormalität |
|---|---|---|---|---|
| Taiwan | Preis | Import | +48,7 % | 9,1 |
| Korea, Republik | Preis | Import | +40,7 % | 5,8 |
| Türkei | Preis | Export | +52,5 % | 5,3 |
Die Importpreise aus Taiwan und Korea — den beiden wichtigsten ABS-Lieferanten der EU — sprangen 2021 um jeweils 49 % bzw. 41 % nach oben. Dies hatte direkte Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette europäischer Kunststoffverarbeiter.
3.2 Die Volatilität variiert stark je nach Partnerland
Die Volatilität der Importströme, gemessen am Variationskoeffizienten (CV), ist bei einigen Partnern besonders hoch. China (CV 1,32) und Südafrika (CV 1,82) zeigen die größte Schwankungsbreite, was auf intermittierende und unregelmäßige Handelsströme hindeutet. Südkorea (CV 0,16) und Taiwan (CV 0,29) als Hauptlieferanten sind vergleichsweise stabil. Auf der Exportseite weisen Thailand (CV 1,08) und Malaysia (CV 0,91) die höchste Volatilität auf — beides Märkte, die für EU-Exporteure noch relativ neu und daher weniger verlässlich sind.
3.3 Die EU-Produktion von ABS ging mengenmäßig deutlich zurück
Die EU-Produktion von ABS sank im Beobachtungszeitraum von rund 661 Mio. kg auf rund 581 Mio. kg (−12,1 %), wobei der Tiefststand bei 400 Mio. kg lag. Der Produktionswert blieb hingegen nahezu stabil (981 Mio. EUR auf 965 Mio. EUR; −1,6 %). Dieses Muster — fallende Mengen bei stabilen Werten — deutet auf eine Fokussierung auf höherwertige ABS-Spezialqualitäten und/oder auf steigende Produktionspreise hin. Der Rückgang der mengenmäßigen Kapazität erklärt zumindest teilweise die wachsende Importabhängigkeit.
3.4 Der Import-Export-Preisspread hat sich deutlich verbreitert
Ein Blick auf die durchschnittlichen Preisniveaus offenbart eine zunehmende Asymmetrie: Während die Importpreise von 1.689 EUR/t auf 1.898 EUR/t stiegen (+12,4 %), fielen die Exportpreise von 1.750 EUR/t auf 1.205 EUR/t (−31,2 %). Die EU importierte ABS also zu steigenden und exportierte zu sinkenden Preisen. Diese Divergenz kann mehrere Ursachen haben: unterschiedliche Qualitätssegmente (Spezial- vs. Standard-ABS), veränderte Wettbewerbsverhältnisse auf den Exportmärkten sowie die gestiegene Verhandlungsmacht asiatischer Anbieter auf dem EU-Binnenmarkt.
Schlussfolgerung
Der EU-Markt für ABS in Primärformen hat sich zwischen 2015 und 2025 in drei wesentlichen Dimensionen verändert:
Erstens hat sich die EU von einem nahezu ausgeglichenen Handelsbilanzverhältnis zu einer zunehmenden Importabhängigkeit entwickelt, mit einem Handelsdefizit, das sich von 76 Mio. EUR auf 234 Mio. EUR mehr als verdreifacht hat. Die Nettorelianz auf Importe stieg auf über 14 %, was bei einem industriell bedeutsamen Grundpolymer als strategische Herausforderung zu bewerten ist.
Zweitens haben sich die Handelspartner verschoben. Korea dominiert die Importseite mit einem Marktanteil von rund zwei Dritteln, während neue Lieferanten wie Saudi-Arabien und China rasch an Bedeutung gewonnen haben. Auf der Exportseite verlor die EU in traditionellen Märkten wie dem Vereinigten Königreich und China an Boden, konnte dies jedoch teilweise durch neue Absatzmärkte wie Malaysia, Mexiko und die USA kompensieren.
Drittens deutet der Rückgang der EU-Produktionsmengen (−12,1 %) bei gleichzeitigem Anstieg der Importmengen darauf hin, dass europäische Hersteller ABS-Kapazitäten abbauen oder umstrukturieren. Der Preisschock des Jahres 2021 hat dabei die Verwundbarkeit der EU gegenüber Lieferkettenstörungen auf den asiatischen Märkten vor Augen geführt. Insgesamt zeigt die Analyse, dass der europäische ABS-Markt in den untersuchten Jahren offener, konzentrierter und verletzlicher gegenüber externen Einflüssen geworden ist.