Marktentwicklung: Sportschuhe, einschl. Tennisschuhe, Basketballschuhe, Turnschuhe, Trainingsschuhe und ähnl. Schuhe, mit Laufsohlen aus Kautschuk oder Kunststoff und Oberteil aus Spinnstoffen (CN 640411) — 2015–2025
Einführung
Der europäische Markt für Sportschuhe (CN 640411) hat sich im Zeitraum 2015–2025 tiefgreifend verändert. Die EU bleibt eine der größten Importnationen weltweit für diese Produktgruppe, doch die Handelsströme haben sich sowohl auf der Import- als auch auf der Exportseite erheblich verschoben. Die Handelsbilanz weist ein chronisches Defizit auf, das sich über den Betrachtungszeitraum weiter vertieft hat. Während der Importwert von rund 2,1 Mrd. EUR im Jahr 2015 auf rund 2,8 Mrd. EUR im Jahr 2025 stieg, belief sich das Exportvolumen im selben Zeitraum auf lediglich rund 671 Mio. EUR. Dies entspricht einer Netto-Importabhängigkeit von über 96 % im Jahr 2025.
Zwei transformative Ereignisse haben den Markt besonders geprägt: der Brexit, der die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich grundlegend umgestaltete, sowie die COVID-19-Pandemie, die Lieferketten unterbrechende und Nachfragemuster verschob. Gleichzeitig vollzog sich ein langfristiger Strukturwandel der Beschaffung: Vietnam hat China als wichtigsten Lieferanten abgelöst, während die EU-Exporte sich von konzentrierten Märkten (v. a. Vereinigtes Königreich) hin zu diversifizierten Zielmärkten (Schweiz, Norwegen, USA) verlagerten. Die durchschnittlichen Exportpreise stiegen im selben Zeitraum um 45,5 % an, was auf eine qualitative Aufwertung der EU-Exporte oder steigende Kosten hindeutet.
Dieser Bericht analysiert die wichtigsten Marktdynamiken anhand der vorliegenden Handelsdaten, gegliedert in drei zentrale Themenbereiche.
1. Vom Brexit zur Diversifizierung: Strukturelle Verschiebung der EU-Exportmärkte
Der Brexit als Wendepunkt für den größten Exportmarkt
Das Vereinigte Königreich war 2015 mit Abstand der wichtigste Exportpartner der EU für Sportschuhe. Die Ausfuhren beliefen sich auf rund 369 Mio. EUR und stiegen bis 2020 kontinuierlich auf rund 734 Mio. EUR an – ein Zuwachs von rund 99 % in nur fünf Jahren. Dieses Wachstum spiegelte die tiefe Integration des britischen Marktes in die europäische Lieferkette wider.
Mit dem vollzogenen Brexit (2021) brach der Export in das Vereinigte Königreich jedoch drastisch ein: von 734 Mio. EUR (2020) auf nur noch 202 Mio. EUR (2021), ein Rückgang von 72,5 %. Bis 2024 sank der Wert weiter auf 150 Mio. EUR, bevor er 2025 leicht auf 183 Mio. EUR erholte. Insgesamt betrug der Rückgang über den gesamten Zeitraum 2015–2025 rund 50,4 %. Auch mengenmäßig sanken die Exporte in das Vereinigte Königreich von 16.188 Tausend Paaren (2020) auf 3.147 Tausend Paare (2025) – ein Rückgang von über 80 %.
Dieser Einbruch erklärt sich aus den neuen Handelsbarrieren nach dem Brexit: Zölle (wo nicht durch das Handelsabkommen gedeckt), nicht-tarifäre Barrieren, Zollformalitäten sowie regulatorische Unterschiede, die den grenzüberschreitenden Handel verteuern und verkomplizieren.
Starke Zuwächse bei Schweiz, Norwegen und den USA
Gleichzeitig mit dem Rückgang des UK-Geschäfts gewannen andere Exportmärkte deutlich an Bedeutung:
| Markt | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Schweiz | 20,8 | 136,2 | +555,5 % |
| Norwegen | 17,6 | 74,2 | +321,0 % |
| Vereinigte Staaten | 9,4 | 32,0 | +239,8 % |
| Türkei | 50,1 | 92,1 | +84,0 % |
| VAE | 2,7 | 21,4 | +682,2 % |
Die Schweiz wurde innerhalb des Betrachtungszeitraums zum zweitgrößten Exportpartner der EU. Die Exporte stiegen von 21 Mio. EUR (2015) auf ein Maximum von 192 Mio. EUR (2020), bevor sie sich bei rund 118–136 Mio. EUR einpendelten. Der hohe Preispunkt dieser Exporte (durchschnittlich 115.046 EUR/Tonne im Jahr 2025) deutet auf Premium-Produkte hin.
Diversifizierung der Exportmärkte als struktureller Trend
Die Herfindahl-Hirschman-Index (HHI)-Werte für die Exportkonzentration untermauern diesen Strukturwandel. Der HHI sank von 5.063 im Jahr 2015 auf 1.529 im Jahr 2025 – ein Rückgang von 69,8 %. Dies bedeutet eine Verschiebung von einem hochkonzentrierten Exportmarkt (dominiert durch das Vereinigte Königreich) hin zu einem deutlich diversifizierteren Markt mit mehreren bedeutenden Abnehmern.
Diese Diversifizierung ist grundsätzlich als positiv zu bewerten, da sie die Abhängigkeit der EU-Exporteure von einzelnen Märkten reduziert und damit das Handelsrisiko verringert.
Konzentration der Exportmärkte (HHI)
Großbritanniens Exportsturz und Belgiens Korrektur
Auch die Verteilung der EU-internen Exporteure verschob sich. Belgien, 2015 der mit Abstand größte Exporteur mit 265 Mio. EUR, verlor ebenfalls stark: 2021 beliefen sich die belgischen Exporte nur noch auf 50 Mio. EUR, bevor sie sich bis 2025 auf 187 Mio. EUR erholten. Deutschland hingegen stabilisierte seine Exporte und lag 2025 bei 175 Mio. EUR (+68,9 % gegenüber 2015). Italien und Frankreich verzeichneten ebenfalls Zuwächse, was auf eine stärkere Bedeutung südeuropäischer Produzenten hindeuten könnte.
2. Von China zu Vietnam: Umstrukturierung der globalen Beschaffungsketten
Vietnam als neuer dominanter Lieferant
Die bemerkenswerteste Veränderung auf der Importseite ist der Aufstieg Vietnams zum mit Abstand wichtigsten Lieferanten der EU. Im Jahr 2015 importierte die EU Sportschuhe im Wert von rund 753 Mio. EUR aus Vietnam; bis 2025 stieg dieser Wert auf 1.762 Mio. EUR – eine Steigerung von 134,1 %. Vietnam allein machte 2025 rund 63 % der gesamten EU-Sportschuhimporte aus.
Besonders auffällig ist der Sprung im Jahr 2022, als die Importe aus Vietnam auf 1.839 Mio. EUR anstiegen (ein Plus von 63 % gegenüber 2021). Dieser Anstieg fiel zeitlich mit der Phase nach den COVID-19-Lockdowns zusammen, in der sich die Nachfrage erholte und Lieferketten sich neu ordneten. Die mengenmäßig stärksten Importe aus Vietnam wurden ebenfalls 2022 mit 62.346 Tausend Paaren verzeichnet.
Chinas Rückgang als Lieferant
Parallel zum Aufstieg Vietnams verlor China kontinuierlich an Marktanteilen. Die Importe aus China sanken von 720 Mio. EUR (2015) auf 448 Mio. EUR (2025), ein Rückgang von 37,8 %. Mengenmäßig war der Rückgang noch deutlicher: von 42.030 Tausend Paaren (2015) auf 19.152 Tausend Paare (2025), was einem Rückgang von über 54 % entspricht.
Dieser Trend spiegelt die globale Diversifizierung der Schuhproduktion wider: Höhere Lohnkosten in China, geopolitische Spannungen und die „China+1"-Strategie vieler Marken haben zu einer Verlagerung der Produktion nach Südostasien geführt. Die durchschnittlichen Importpreise aus China blieben dabei relativ niedrig (rund 23.369 EUR/Tonne im Jahr 2025), was darauf hindeutet, dass verbleibende chinesische Exporte tendenziell im unteren Preissegment angesiedelt sind.
Indonesien, Kambodscha und Bangladesch: Südostasiatische Diversifizierung
Neben Vietnam haben auch andere südostasiatische Länder an Bedeutung gewonnen:
| Lieferant | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung (%) |
|---|---|---|---|
| Indonesien | 322 | 348 | +7,9 % |
| Bangladesch | 4,9 | 30,4 | +515,2 % |
| Indien | 26,7 | 34,4 | +28,9 % |
| Kambodscha | 85,8 | 57,3 | −33,2 % |
Bangladesch verzeichnete mit +515 % den stärksten prozentualen Zuwachs, wenn auch von einem niedrigen Ausgangsniveau. Indonesien etablierte sich als drittgrößter Lieferant mit Importen um 320–700 Mio. EUR, wobei die starken Schwankungen (insbesondere der Anstieg auf 696 Mio. EUR im Jahr 2022) auf Preisschocks und Lieferkettenanpassungen zurückzuführen sind.
Steigende Konzentration der Importquellen
Trotz der Diversifizierung innerhalb Südostasiens stieg der HHI für Importe von 2.765 (2015) auf 4.421 (2025), eine Zunahme von 59,8 %. Dies scheinbare Paradoxon – steigende Konzentration trotz mehr Lieferantenländern – erklärt sich dadurch, dass Vietnam seinen Anteil so stark ausgebaut hat, dass er die Diversifizierungseffekte der anderen Lieferanten überkompensiert. Die EU ist damit für ihre Sportschuhimporte stärker von Vietnam abhängig als zuvor von China, was potenziell neue Lieferkettenrisiken birgt.
Verlust des Vereinigten Königreichs als Importpartner
Das Vereinigte Königreich war 2015 noch der viertgrößte Importpartner der EU mit 166 Mio. EUR. Nach dem Brexit sanken die Importe auf 60 Mio. EUR (2025), ein Rückgang von 63,6 %. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Handelsbarrieren den bilateralen Handel in beide Richtungen erheblich beeinträchtigt haben. Die stark schwankenden Mengen (CV von 0,86, der höchste Wert aller Importpartner) unterstreichen die Volatilität, die der Brexit in diese Handelsbeziehung gebracht hat.
3. Preissteigerungen, Pandemieschocks und die wachsende Abhängigkeit der EU
Deutlicher Preisanstieg bei Exporten und Importen
Ein durchgehender Trend über den gesamten Zeitraum ist der Anstieg der durchschnittlichen Handelspreise. Die Exportpreise stiegen von 41.984 EUR/Tonne (2015) auf 61.075 EUR/Tonne (2025), ein Zuwachs von 45,5 %. Die Importpreise stiegen von 20.653 EUR/Tonne auf 24.390 EUR/Tonne (+18,1 %).
Der Preisanstieg bei den Exporten war damit deutlich stärker als bei den Importen. Dies lässt sich durch mehrere Faktoren erklären:
- Produktmix-Verschiebung: Die EU exportiert zunehmend hochwertige Premium-Sport- und Laufschuhe (z. B. italienische und deutsche Marken), während die Massenproduktion in Asien verbleibt.
- Kosteninflation: Steigende Rohstoff-, Energie- und Arbeitskosten in der EU treiben die Produktionskosten.
- Qualitätsdifferenzierung: Die Exporte in die Schweiz mit durchschnittlich 115.046 EUR/Tonne (2025) zeigen, dass die EU-Exporte sich im oberen Preissegment bewegen.
COVID-19 als Wendepunkt: Einbruch und Erholung
Die COVID-19-Pandemie stellte einen deutlichen Wendepunkt dar. Die EU-Exporte stiegen kontinuierlich von 527 Mio. EUR (2015) auf 1.181 Mio. EUR (2019), brachen jedoch 2021 auf 657 Mio. EUR ein – ein Rückgang von 44 % innerhalb von zwei Jahren. Mengenmäßig sanken die Exporte von 25.301 Tausend Paaren (2019) auf 11.922 Tausend Paare (2021).
Auf der Importseite waren die Auswirkungen weniger stark: Die Importe sanken von 2.886 Mio. EUR (2019) auf 2.138 Mio. EUR (2021), ein Rückgang von rund 26 %. Die Erholung verlief ebenfalls differenziert: Während die Importe 2022 mit 3.523 Mio. EUR einen neuen Höchststand erreichten (u. a. wegen des Nachholeffekts und steigender Preise), blieben die Exporte mit 608–671 Mio. EUR (2024–2025) deutlich unter dem Vor-Pandemie-Niveau.
Volkswirtschaftliche Verflechtung
Preischocks bei Schlüssellieferanten
Die Volatilitätsanalyse identifiziert mehrere bemerkenswerte Preisschocks:
- Indonesien (2022): Der Importpreis stieg um 19,0 % über den Baseline-Wert, bei gleichzeitigem mengenmäßigem Anstieg um 50 % (27.964 Tausend Paare vs. 18.651 Baseline). Dies deutet auf einen pandemiebedingten Nachholeffekt hin, der mit steigenden Preisen einherging. Die abnormality-Score von 20,4 bestätigt, dass dies ein statistisch signifikantes Ereignis war.
- Norwegen (2017, Exporte): Die Exportpreise stiegen um 43,3 % über die Baseline, mit einer abnormality von 48,1. Dies war der stärkste identifizierte Preisschock im gesamten Datensatz und könnte mit einer Umstellung auf hochwertigere Produkte oder einer Vertragsänderung erklärt werden.
- Schweiz (2017, Exporte): Ein Preisanstieg von 60,7 % über die Baseline, gepaart mit einer mengenmäßigen Verdopplung (+250 %). Dies markierte den Beginn des rapiden Ausbaus des Schweizer Exportmarktes.
Schwindende EU-Produktion und wachsende Importabhängigkeit
Die inländische EU-Produktion von Sportschuhen (Prodcom 15.20.21.00) zeigt einen langfristigen Rückgangstrend. Die Produktionsmenge sank von 4.854 Tausend Paaren (2003) auf 3.300 Tausend Paare (2024), ein Rückgang von rund 32 %. Gleichzeitig stieg der Produktionswert von 46 Mio. EUR auf 67 Mio. EUR (+45,5 %), was die Verschiebung zu hochwertigeren, aber mengenmäßig kleineren Produktionsvolumina widerspiegelt.
Die Netto-Importabhängigkeit lag im gesamten Zeitraum konstant über 85 % und erreichte 2022 mit 98,2 % ihren Höchststand. Im Jahr 2025 betrug sie 96,3 %. Dies bedeutet, dass die EU für nahezu ihren gesamten Sportschuhbedarf auf Importe angewiesen ist. Die inländische Produktion deckt lediglich einen marginalen Anteil des Konsums ab.
Spezialisierungsmuster innerhalb der EU
Die Spezialisierungsanalyse (basierend auf RSCA-Werten für 2025) zeigt ein heterogenes Bild innerhalb der EU:
| Land | RSCA | RCA | Interpretation |
|---|---|---|---|
| Luxemburg | 0,84 | 11,51 | Stark spezialisiert (Transit/Distributionszentrum) |
| Belgien | 0,62 | 4,22 | Stark spezialisiert (Hafen Rotterdam/Antwerpen) |
| Zypern | 0,50 | 2,99 | Spezialisiert |
| Frankreich | 0,07 | 1,14 | Leicht spezialisiert |
| Malta | −0,99 | 0,01 | Stark unspezialisiert |
Belgiens hohe Spezialisierung erklärt sich aus seiner Rolle als Drehkreuz für den europäischen Schuhhandel über die Häfen Antwerpen und Rotterdam. Luxemburgs auffällig hoher Wert ist wahrscheinlich auf Handelsaktivitäten von in Luxemburg ansässigen Unternehmen (z. B. Nike EHQ) zurückzuführen, weniger auf tatsächliche Produktionskapazitäten.
Spezialisierung nach Mitgliedstaaten
Fazit
Der EU-Markt für Sportschuhe (CN 640411) hat sich zwischen 2015 und 2025 in mehrfacher Hinsicht grundlegend transformiert:
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Strukturelle Exportneuorientierung: Der Brexit hat die EU-Exporte aus ihrer jahrzehntelangen Abhängigkeit vom britischen Markt gelöst und eine bemerkenswerte Diversifizierung hin zu kontinentaleuropäischen und transatlantischen Märkten bewirkt. Die Exportkonzentration (HHI) sank um 69,8 %, was die EU-Exporte widerstandsfähiger gegen einzelne Marktrisiken macht.
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Lieferkettenverschiebung nach Südostasien: Vietnam hat China als wichtigsten Lieferanten abgelöst und dominiert mit über 63 % der Importe. Dies spiegelt den globalen Trend der Produktionsverlagerung wider, birgt aber neue Konzentrationsrisiken – die Importkonzentration stieg um 59,8 %.
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Chronische und wachsende Importabhängigkeit: Mit einer Netto-Importabhängigkeit von über 96 % und einer schrumpfenden inländischen Produktion ist die EU vollständig auf globale Lieferketten angewiesen. Die steigenden Preise bei gleichzeitig rückläufigen Mengen bei den Exporten deuten darauf hin, dass sich die EU zunehmend auf die hochwertige Nische konzentriert, während die Massenproduktion im Ausland verbleibt.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich dieser Trend fortsetzt – insbesondere angesichts neuer Herausforderungen wie potenzieller Zölle, regulatorischer Anforderungen (z. B. EU-Entwaldungsverordnung, Nachhaltigkeitsberichterstattung) und geopolitische Verschiebungen, die die Beschaffungsstrategien der europäischen Sportartikelindustrie weiter beeinflussen dürften.