Marktentwicklung: Schuhe mit Laufsohlen und Oberteil aus Ledern (ausg. den Knöchel bedeckend, mit einem Metallschutz in der Vorderkappe sowie Schuhe mit Oberteil aus Lederriemen, die über den Spann und die große Zehe führen, Sportschuhe, orthopädische Schuhe und Schuhe, die den Charakter von Spielzeug haben) (CN 640359) — 2015–2025
Einleitung
Der Zolltarifcode CN 640359 erfasst ein breites Segment der Lederschuhherstellung: Straßen-, Herren-, Damenschuhe mit Lederoberteil und Sohlen (ausgenommen Knöchel bedeckend, Sportschuhe, orthopädische Schuhe, Holzsohlen etc.). Dieses Segment ist ein wesentlicher Teil des europäischen Schuhsektors. Der Betrachtungszeitraum 2015–2025 umfasst erhebliche externe Schocks – von Brexit-Handelsverschiebungen über die COVID-19-Pandemie bis hin zu geopolitischen Konflikten –, die den Markt nachhaltig geprägt haben.
Der EU Trade Dashboard zeigt für die EU im Handel mit Nicht-EU-Ländern eine bemerkenswerte Dynamik: Während die Exportwerte zwischen 2015 und 2025 um nur 19,5 % auf 1,72 Mrd. EUR sanken, halbierte sich das Exportvolumen auf 8.491 Tonnen (–51,1 %). Die Preise stiegen im Gegenzug um 64,6 %. Die Importe fielen stärker: Der Wert sank um 35,1 % auf 256 Mio. EUR, das Volumen um 63,0 % auf 3.095 Tonnen. Die EU blieb throughout ein Nettexporteur mit einem Handelsüberschuss von 1,47 Mrd. EUR (2025), der jedoch gegenüber 2015 (1,74 Mrd. EUR) um 16,0 % schrumpfte.
1. Strukturelle Verschiebung: Preisanstieg trotz Volumeneinbruch
1.1 Die Werte-Volumen-Schere bei Exporten
Die auffälligste Entwicklung im Zeitraum ist die massive Diskrepanz zwischen Wert und Volumen. Die EU exportierte 2015 noch 17.362 Tonnen Lederchuhe dieser Art im Wert von 2,14 Mrd. EUR. Bis 2025 sank das Volumen um über die Hälfte auf 8.491 Tonnen, während der Wert lediglich um 19,5 % auf 1,72 Mrd. EUR fiel. Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 123.168 EUR/Tonne (2015) auf 202.680 EUR/Tonne (2025) – ein Plus von 64,6 % (Exportpreise im Zeitverlauf).
Dies deutet auf eine klare Aufwertung des europäischen Exportportfolios hin: Die EU exportiert zunehmend hochwertigere Lederchuhe zu höheren Stückpreisen, während das Mengenvolumen kontinuierlich schrumpft. Die Pandemie 2020 markierte einen Wendepunkt – das Volumen brach auf 9.535 Tonnen ein und erholte sich nie vollständig. Das Preishoch von 214.758 EUR/Tonne wurde 2022 erreicht.
1.2 Spiegelbild bei den Importen
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei den Importen: Das Volumen sank von 8.360 Tonnen (2015) auf 3.095 Tonnen (2025), ein Rückgang von 63 %. Der Importpreis stieg im selben Zeitraum von 47.197 EUR/Tonne auf 82.478 EUR/Tonne (+74,8 %). Die Importe erreichten 2018 mit 408 Mio. EUR und 9.474 Tonnen ihren Höchststand, bevor der Pandemieschock 2020 einen Einbruch auf 285 Mio. EUR und 4.526 Tonnen verursachte. Bis 2025 fielen die Importe weiter auf 256 Mio. EUR – den niedrigsten Wert im gesamten Zeitraum.
1.3 Wirtschaftliche Interpretation
Die europäische Schuhindustrie hat sich im Beobachtungszeitraum offenbar vom Volumengeschäft weg und in Richtung hochpreisiger Produkte bewegt. Die gleichzeitige Kontraktion sowohl des Export- als auch des Importvolumens lässt auf einen generellen Rückgang des globalen Handels mit mittleren Preissegment-Lederchuhen schließen. Die EU hat dabei ihre Position als Hochpreis-Exporteur behaupten können, während billiger Importware – vermutlich aus Niedriglohnländern – in der EU selbst weniger Bedeutung zukommt.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2025 | Veränderung 2015–2025 |
|---|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. EUR) | 2,14 | 1,47 | 1,72 | –19,5 % |
| Exportvolumen (t) | 17.362 | 9.535 | 8.491 | –51,1 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 123.168 | 154.353 | 202.680 | +64,6 % |
| Importwert (Mio. EUR) | 395 | 285 | 256 | –35,1 % |
| Importvolumen (t) | 8.360 | 4.526 | 3.095 | –63,0 % |
| Importpreis (EUR/t) | 47.197 | 63.077 | 82.478 | +74,8 % |
| Handelsüberschuss (Mrd. EUR) | 1,74 | 1,19 | 1,47 | –16,0 % |
2. Globale Handelspartner: Konzentration und Neuordnung
2.1 Italien als unangefochtenes Exporteur-Zentrum
Innerhalb der EU ist Italien der dominierende Hersteller und Exporteur von Lederchuhen. Italienische Exporte in diesem Segment fielen von 1,61 Mrd. EUR (2015) auf 1,06 Mrd. EUR (2025), blieben aber mit einem Anteil von 61 % an den gesamten EU-Exporten (2025) unangefochten an der Spitze (Exporte nach Herkunftsland). Die Spezialisierung Italiens (RSCA-Wert von 0,717 im Jahr 2025) ist dabei außerordentlich hoch, was die Bedeutung des Lederfußwerk-Segments für die italienische Industrie unterstreicht.
Portugal weist eine noch höhere Spezialisierung (RSCA 0,785, RCA 8,3) auf, obwohl sein absoluter Exportanteil mit 27 Mio. EUR (2025) deutlich kleiner ist. Die portugiesische Produktion ist in diesem Segment stark exportorientiert. Deutschland hingegen hat seine Exporte von 48 Mio. EUR (2015) auf 85 Mio. EUR (2025) nahezu verdoppelt (+76,5 %), was auf einen strategischen Aufbau im Segment hinweist. Frankreich profitierte vorübergehend von einer starken Exportphase (Spitzenwert 2023: 539 Mio. EUR), fiel 2025 jedoch auf 379 Mio. EUR zurück.
| Herkunftsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Italien | 1.613 | 1.057 | –34,5 % |
| Frankreich | 282 | 379 | +34,6 % |
| Spanien | 128 | 95 | –25,9 % |
| Deutschland | 48 | 85 | +76,5 % |
| Portugal | 41 | 27 | –34,0 % |
| Niederlande | 7 | 52 | +591 % |
| Schweden | 4 | 6 | +57,3 % |
Die Niederlande verzeichneten einen außergewöhnlichen Anstieg der Exporte von 7 Mio. EUR auf 52 Mio. EUR (+591 %), was wahrscheinlich mit Zoll- und Handelslogistik-Umstrukturierungen (darunter Brexit-Verlagerungen und Zollabfertigungsdrehscheibe) zusammenhängt.
2.2 Die USA als stärkster Drittland-Abnehmer
Die Exporte nach Bestimmungsland zeigen die USA als mit Abstand größten Handelspartner der EU für Lederchuhe. Der Exportwert stieg von 527 Mio. EUR (2015) leicht auf 566 Mio. EUR (2025, +7,4 %), obwohl die Mengen von 4.192 Tonnen auf 2.980 Tonnen sanken (–28,9 %). Der US-amerikanische Markt absorbiert 2025 rund 33 % aller EU-Exporte in diesem Segment und zeigt sich pandemie-resilient: Nach dem Einbruch 2020 (268 Mio. EUR) erholte sich der Markt rasch.
Schweiz und Vereinigtes Königreich – traditionell die zweit- und drittgrößten Bestimmungsmärkte – verzeichneten dramatische Rückgänge:
| Bestimmungsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| USA | 527 | 566 | +7,4 % |
| Schweiz | 327 | 173 | –47,0 % |
| Vereinigtes Königreich | 257 | 140 | –45,6 % |
| Japan | 96 | 84 | –13,3 % |
| Hongkong | 202 | 71 | –65,0 % |
| China | 112 | 113 | +0,4 % |
| Russische Föderation | 120 | 26 | –78,5 % |
Der Zusammenbruch der Exporte in die Russische Föderation (von 120 Mio. EUR auf 26 Mio. EUR, –78,5 %) ist unmittelbar mit den Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 zu erklären. Der Rückgang der Exporte nach Hongkong (–65 %) reflektiert möglicherweise sowohl geopolitische Spannungen als auch eine Umstrukturierung der Handelsrouten nach China, dessen Exporte relativ stabil blieben. Die Vereinigten Arabischen Emirate entwickelten sich dagegen zu einem dynamischen Wachstumsmarkt: Die Exporte stiegen von 67 Mio. EUR (2015) auf 152 Mio. EUR (2025, +128 %), was auf eine zunehmende Bedeutung des Nahost-Marktes für europäische Luxusfußwerke hindeutet.
2.3 Importquellen: Rückgänge über alle Hauptpartner
Bei den Importen aus Drittländern zeigt sich ein durchgängiger Rückgang über alle Hauptpartner hinweg:
| Herkunftsland | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Indien | 54 | 17 | –68,2 % |
| China | 33 | 29 | –11,6 % |
| Vereinigtes Königreich | 89 | 43 | –52,2 % |
| Schweiz | 130 | 52 | –60,4 % |
| Albanien | 4 | 2 | –63,6 % |
| Türkei | 10 | 9 | –3,3 % |
| Tunesien | 11 | 4 | –62,9 % |
Indien und Tunesien verloren erheblich an Bedeutung als Lieferanten, was mit dem generellen Rückgang der Importvolumina zusammenhängt. China blieb als Importpartner relativ stabil, wobei sich die Importmengen aus China von 1.104 Tonnen (2015) auf 784 Tonnen (2025) verringerten. Die Importe aus der Türkei blieben mit 9,5 Mio. EUR (2025) am stabilsten, was auf die besondere Rolle der türkischen Schuhindustrie als Nahkost-Lieferant für die EU hinweist.
3. Pandemieschock, Handelskonflikte und Preisanomalien
3.1 COVID-19 als Zäsur
Das Jahr 2020 markierte einen markanten Einbruch im gesamten Handelsvolumen. Die EU-Exporte fielen von 1,98 Mrd. EUR (2019) auf 1,47 Mrd. EUR (2020), ein Rückgang von 25,8 %. Die Importe sanken um 26,5 % von 388 Mio. EUR auf 285 Mio. EUR. Die europäische Produktion (gemessen am EU-Totalwert) fiel von 10,4 Mrd. EUR (2019) auf 8,0 Mrd. EUR (2020), ein Einbruch von 22,7 % (Produktionsvolumen). Bemerkenswert ist, dass die Produktion sich bis 2025 (8,9 Mrd. EUR) nur unvollständig erholte, was auf nachhaltige strukturelle Veränderungen in der europäischen Lederfußwerk-Industrie schließen lässt.
Die Spezialisierungskarte für 2025 zeigt, dass nur vier EU-Mitgliedstaaten eine positive Spezialisierung (RSCA > 0) aufweisen: Portugal (0,785), Italien (0,717), Frankreich (0,293) und Spanien (0,263). Die übrigen EU-Länder, einschließlich Deutschland (RSCA –0,640), sind Nettoimporteur in diesem Segment.
3.2 Preisschocks bei Drittland-Handelspartnern
Die Schok-Analyse identifiziert zahlreiche anormale Preisschwankungen bei kleineren Handelspartnern, die auf misreporting, Umstrukturierungen oder extreme Preisspitzen zurückzuführen sind. Die höchste Anomalie bei den Exporten betraf Libya mit einer abnormalen Preissteigerung von 730 % (2021), bei den Importen Uruguay (Anomalie 321,4, Preisanstieg 1.060 % im Jahr 2017). Diese Preisspitzen spiegeln Einzeltransaktionen, qualitativ heterogene Produkte oder Datenabweichungen wider und haben nur begrenzte Aussagekraft für die Gesamtmarktentwicklung.
Relevanter ist die allgemeine Preisvolatilität bei den Hauptpartnern. Die Importvolumina aus Indien (CV 0,49), Albanien (CV 0,45) und Tunesien (CV 0,76) zeigen eine hohe Volatilität, die auf Unsicherheiten in den Lieferketten hindeutet. Bei den Exporten weisen die Russische Föderation (CV 0,56), Großbritannien (CV 0,52) und Südafrika (CV 0,61) die höchsten Schwankungen auf, wobei die russischen Verwerfungen unmittelbar mit Sanktionen zusammenhängen.
3.3 Brexit und der Rückgang des UK-Handels
Der Handel mit dem Vereinigten Königreich verzeichnete eine bemerkenswerte Volatilität. Die UK-Importe in die EU (von UK in die EU) zeigen einen außergewöhnlichen Koeffizienten der Variation von 1,11, was auf extreme Mengenschwankungen hindeutet. Die Exporte nach UK sanken nach dem Übergangszeitraum von 257 Mio. EUR (2015) kontinuierlich auf 140 Mio. EUR (2025, –45,6 %). Die Preise verdoppelten sich dabei von 51.358 EUR/Tonne auf 199.726 EUR/Tonne, was auf eine Verschiebung hin zu hochwertigen Exporten und/oder die verbleibenden Trade-Barrieren nach dem Brexit schließen lässt.
3.4 Handelskonzentration: Diversifizierung der Importe, Konzentration der Exporte
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für die Importe sank von 1.906 (2015) auf 1.082 (2025, –43,2 %), was eine deutliche Diversifizierung der Importquellen anzeigt. Die einstige Dominanz der Schweiz (130 Mio. EUR in Importen, 2015) schwächte sich ab, und kleinere Lieferanten gewannen proportional an Bedeutung.
Bei den Exporten hingegen stieg der HHI von 1.198 (2015) auf 1.485 (2025, +24,0 %), was eine zunehmende Konzentration der Exportmärkte widerspiegelt. Die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate gewannen als Bestimmungsmärkte an Bedeutung, während die Schweiz, Hongkong und Russland an Gewicht verloren.
Schlussfolgerung
Der europäische Markt für Lederchuhe (CN 640359) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt. Der dominierende Trend ist eine strukturelle Aufwertung: Die EU exportiert weniger Mengeneinheiten zu höheren Preisen, was auf eine Verschiebung hin zu Premium- und Luxusschuhen hindeutet. Italien behauptet seine Stellung als europäisches Zentrum der Lederfußwerk-Industrie, während Portugal und Frankreich als zweite und dritte Spezialisten fungieren.
Der COVID-19-Schock von 2020 bewirkte eine dauerhafte Kontraktion der Handelsvolumina – weder Importe noch Exporte haben sich bis 2025 auf ihr Vorkrisenniveau erholt. Die Produktion innerhalb der EU sank im selben Zeitraum von 540 Mio. Paaren (2003) auf 200 Mio. Paare (2024), was auf einen anhaltenden Standortverlust hindeutet.
Geopolitische Ereignisse prägten die Handelsbeziehungen: Der Brexit führte zu einem starken Rückgang des UK-Handels, die Sanktionen gegen Russland zu einem Zusammenbruch der Exporte dorthin. Gleichzeitig wuchs der Handel mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Nahost-Märkten als neues Wachstumsfeld. Die Importdiversifizierung (sinkender HHI) verminderte die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern, während die Exportkonzentration auf wenige Schlüsselmärkte zunahm – ein potenzielles Risiko für die Zukunft.
Insgesamt zeigt sich ein Bild einer Industrie im Wandel: weniger Volumen, höhere Wertschöpfung, konzentriertere Exportmärkte und eine fortschreitende Spezialisierung auf Qualität statt Quantität.