Marktentwicklung: Litzen, Kabel, Seile, aus Eisen oder Stahl (ausg. isolierte Erzeugnisse für die Elektrotechnik sowie verwundener Zaundraht und Stacheldraht) (CN 731210) — 2015–2025
Einführung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union für den Zolltarif 731210 (Litzen, Kabel und Seile aus Eisen oder Stahl) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die Warengruppe umfasst Stahlseile, Drahtseile und Litzen – Produkte, die in den Bereichen Bauwesen, Infrastruktur, Bergbau, Offshore-Technik sowie als Tragseile in Seilbahnen und Aufzügen zum Einsatz kommen.
Die Daten zeigen ein Bild einer sich tiefgreifend wandelnden Handelslandschaft. Während die EU-Exporte im Betrachtungszeitraum nominal um 15,6 % auf zuletzt 625 Mio. € stiegen, sanken die exportierten Mengen um 17,7 %. Die Importe hingegen wuchsen sowohl im Wert (+43,0 %) als auch in der Menge (+41,3 %) deutlich stärker. Die Handelsbilanz verschlechterte sich von einem leichten Defizit von 57 Mio. € auf 230 Mio. €. Gleichzeitig ging die EU-eigene Produktionsmenge zwischen 2015 und 2024 um rund 15 % zurück, während der Produktionswert infliationsbedingt um 55 % stieg. Diese Entwicklungen verweisen auf strukturelle Verschiebungen in Wettbewerbsfähigkeit, Lieferantenstruktur und Preisbildung, die im Folgenden in drei Hauptabschnitten näher untersucht werden.
Quelle: Gesamtübersicht des Handels
1. Wachsende Importabhängigkeit bei sinkender EU-Produktionsbasis
Die Handelsbilanz hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich verschlechtert
Der Saldo des EU-Außenhandels mit CN 731210 entwickelte sich über den gesamten Betrachtungszeitraum kontinuierlich negativ. Während 2015 das Defizit noch bei vergleichsweise moderaten −57 Mio. € lag, erreichte es 2022 einen Tiefpunkt von −398 Mio. €, bevor es sich 2023 auf −147 Mio. € erholte und zuletzt bei −230 Mio. € stand. Die Netto-Importabhängigkeit stieg von −3,4 % (2015) – was einer leichten Nettoexportposition entsprach – auf 8,6 % (2025). Der historische Höchstwert wurde 2022 mit 14,0 % erreicht.
| Kennzahl | 2015 | 2020 | 2022 | 2025 | Veränderung 2015→2025 |
|---|---|---|---|---|---|
| Exportwert (Mrd. €) | 0,541 | 0,534 | 0,759 | 0,625 | +15,6 % |
| Importwert (Mrd. €) | 0,598 | 0,648 | 1,156 | 0,855 | +43,0 % |
| Handelsbilanz (Mio. €) | −57 | −115 | −398 | −230 | −302 % |
| Netto-Importabhängigkeit (%) | −3,4 | 6,6 | 14,0 | 8,6 | +358 % |
Quelle: Handelsübersicht
Die EU-Produktion ist mengenmäßig rückläufig, steigt aber preislich
Die EU-Produktionsdaten (PRODCOM/25.93.11.30) zeigen einen Mengenrückgang von 1,04 Mrd. kg (2015) auf 840 Mio. kg (2024), also rund −15 %. Demgegenüber stieg der Produktionswert von 1,73 Mrd. € auf 1,82 Mrd. € (+5,4 %), was vor allem auf höhere Erzeugerpreise zurückzuführen ist. Der durchschnittliche EU-Erzeugerpreis lag 2015 bei 1,67 €/kg und stieg bis 2024 auf 2,16 €/kg (+29 %). Der Höchstwert wurde 2022 mit 2,29 €/kg erreicht.
Importe wachsen sowohl mengen- als auch wertmäßig deutlich schneller als Exporte
Die EU-Importe stiegen von 310.612 t (2015) auf 439.027 t (2025), mithin um 41,3 %. Die Exporte dagegen fielen von 238.075 t auf 195.940 t (−17,7 %). Dieses asymmetrische Wachstum führte zu einer zunehmenden Importdeckung: Während 2015 noch 77 % der importierten Menge durch Exporte kompensiert wurden, sank dieser Anteil 2025 auf lediglich 45 %. Bemerkenswert ist, dass die Exportpreise im selben Zeitraum um 40,4 % stiegen (von 2.270 €/t auf 3.187 €/t), während die Importpreise nur um 1,2 % zunahmen (von 1.925 €/t auf 1.948 €/t). Dies deutet darauf hin, dass die EU zunehmend höherwertige Spezialprodukte exportiert, während der mengenstarke Standardbedarf verstärkt importiert wird.
Die EU-weite Spezialisierung ist stark fragmentiert
Im Jahr 2025 weisen nur wenige EU-Mitgliedstaaten einen nennenswerten komparativen Vorteil (RSCA > 0) bei CN 731210 auf. Die am stärksten spezialisierten Produzenten sind:
| Land | RSCA | RCA | Anteil an EU-Produktion |
|---|---|---|---|
| Rumänien | 0,772 | 7,76 | 13,0 % |
| Slowakei | 0,573 | 3,69 | 7,8 % |
| Luxemburg | 0,570 | 3,65 | 1,2 % |
| Portugal | 0,494 | 2,95 | 4,1 % |
| Ungarn | 0,302 | 1,87 | 5,0 % |
Demgegenüber stehen Deutschland (RSCA −0,14), Italien (0,09), Frankreich (−0,37) und Spanien (−0,16) – allesamt große Volkswirtschaften – mit schwacher bis negativer Spezialisierung. Deutschland ist dennoch mit Abstand der größte EU-Exporteur (202 Mio. € im Jahr 2025), gefolgt von Italien (89 Mio. €) und Portugal (58 Mio. €). Die Produktion konzentriert sich auf Osteuropa, insbesondere Rumänien und die Slowakei, was auf günstigere Produktionskosten und eine traditionsstarke Stahlindustrie in diesen Ländern hindeutet.
2. Umbruch der Lieferantenstruktur: Sanktionen, geopolitische Verschiebungen und neue Akteure
Der Ausfall von Belarus als Importpartner markiert den größten strukturellen Bruch
Die folgenreichste Veränderung in der EU-Importlandschaft für CN 731210 war der vollständige Wegfall der belarussischen Lieferungen. Belarus war 2015 mit 65 Mio. € (42.383 t) der viertwichtigste Importpartner der EU und belieferte den Markt über Jahre konstant. 2022 – im Zuge der EU-Sanktionen nach dem russischen Überfall auf die Ukraine – brachen die Lieferungen auf 22 Mio. € (12.658 t) ein, und ab 2023 fielen sie auf praktisch null. Die Daten zu Belarus zeigen einen abrupten, vollständigen Ausfall (Supply Shock, Abnormalität 3,7).
Die Nachfrage nach Ersatzlieferanten begünstigte die Türkei, Indien und die Ukraine
Der Wegfall von Belarus' rund 40.000 t/Jahr wurde nicht durch einen einzigen Lieferanten kompensiert, sondern über mehrere neue und expandierende Akteure verteilt:
| Land | Importe 2015 (t) | Importe 2025 (t) | Veränderung | Importe 2015 (Mio. €) | Importe 2025 (Mio. €) | Veränderung |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Türkei | 25.481 | 56.720 | +123 % | 41 | 96 | +136 % |
| Indien | 2.468 | 28.473 | +1.054 % | 4 | 46 | +1.048 % |
| Ukraine | 465 | 15.050 | +3.138 % | k.A. | k.A. | — |
| Thailand | 17.139 | 45.228 | +164 % | 32 | 72 | +122 % |
Quelle: Partnerübersicht
Indien verzeichnete mit einem Anstieg von unter 4 Mio. € auf 46 Mio. € das mit Abstand stärkste prozentuale Wachstum aller Top-Lieferanten (+1.048 %). Die Ukraine stieg von marginalen 465 t auf über 15.000 t auf – ein bemerkenswerter Anstieg trotz des Krieges, der auf EU-nahe Zulieferketten-Verlagerungen hindeutet.
China festigt seine Position als dominanter Importeur, aber mit zunehmender Konzentration
China blieb über den gesamten Zeitraum der mit Abstand wichtigste EU-Lieferant mit einem Importvolumen, das von 67.304 t (2015) auf 166.015 t (2025) stieg – ein Plus von 147 %. Im Wert wuchs China von 138 Mio. € auf 302 Mio. €. Der Anteil Chinas an den EU-Importen nach Wert stieg von rund 23 % (2015) auf 35 % (2025). Gleichzeitig erhöhte sich der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) der Importkonzentration von 1.347 (2015) auf 1.755 (2025) – ein Anstieg um 30 %. Damit bewegt sich die EU-Importseite von einem mäßig konzentrierten Markt (HHI < 1.500) in Richtung eines hoch konzentrierten Marktes. Dies birgt das Risiko einer zu starken Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern.
Südkorea verliert an Boden, während Vietnam sich konsolidiert
Südkorea, 2015 noch der zweitgrößte Lieferant mit 128 Mio. €, verlor kontinuierlich Marktanteile und lag 2025 bei 103 Mio. € (−19 %). Mengenmäßig sanken die Lieferungen von 66.770 t auf 35.770 t (−46 %). Vietnam hingegen stieg von 55 Mio. € (2015) auf 75 Mio. € (2025, +35 %), auch wenn der Höchstwert 2022 mit 130 Mio. € erreicht wurde. Die Volatilität der vietnamesischen Lieferungen ist mit einem Variationskoeffizienten von 0,14 vergleichsweise gering.
Die EU-Exportziele verschieben sich: Marokko und Serbien als neue Wachstumsmärkte
Auf der Exportseite fällt das stetige Wachstum der EU-Ausfuhren nach Marokko auf: von 8 Mio. € (2015) auf 35 Mio. € (2025, +325 %). Damit ist Marokko inzwischen das siebtwichtigste Exportziel. Serbien wuchs von 6 Mio. € auf 16 Mio. € (+162 %). Die USA bleiben mit 142 Mio. € der mit Abstand wichtigste Abnehmer, auch wenn der Wert gegenüber dem Höchststand von 241 Mio. € (2022) rückläufig ist. Das Exportwachstum nach Marokko könnte mit infrastrukturellen Großprojekten (z. B. Hochgeschwindigkeitsbahn Tanger–Casablanca, Hafenausbau Tanger Med) zusammenhängen, die hohe Mengen an Stahlseilen und -litzen erfordern.
3. Preisschocks 2022 und ihre Nachwirkungen
Das Jahr 2022 stellte einen historischen Wendepunkt für die Preisbildung dar
Im Jahr 2022 kam es bei den EU-Importen aus mehreren Hauptlieferländern zu erheblichen Preisschocks, die als Ausdruck der globalen Rohstoffpreisinflation, der Energiekrise und der Lieferkettenstörungen nach der COVID-19-Pandemie sowie dem Beginn des Ukraine-Kriegs zu interpretieren sind:
| Lieferant | Preisschock 2022 (Shift) | Abnormalität | Anteil am Importwert | Einheit |
|---|---|---|---|---|
| China | +28,3 % | 5,6 | 39 % | Importe |
| Thailand | +25,6 % | 3,8 | 9 % | Importe |
| Vietnam | +44,4 % | 3,2 | 14 % | Importe |
| Türkei | +18,9 % | 4,3 | 11 % | Importe |
Die Preisimpulse 2022 waren mengenseitig begleitet, was auf einen klassischen Nachfrage- und Kostenimpuls hindeutet
Die Preisanstiege 2022 gingen bei den wichtigsten Lieferanten nicht mit Mengenrückgängen, sondern im Gegenteil mit Mengenanstiegen einher. China exportierte 2022 mit 149.794 t die höchste Menge des gesamten Betrachtungszeitraums, die Türkei mit 61.226 t ebenfalls. Dies spricht gegen eine klassische Angebotsverknappung als alleinige Ursache, und deutet vielmehr auf einen simultanen Kosten- und Nachfrageimpuls hin: die EU-Nachfrage blieb robust (ggf. unterstützt durch Infrastrukturinvestitionen), während die Lieferanten die gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten an die Abnehmer weitergaben.
Die Preise normalisierten sich 2023–2024 teilweise, blieben aber über Vor-Krisen-Niveau
Nach dem Höchstjahr 2022 fielen die Importpreise aus den meisten Lieferländern wieder. Der chinesische Durchschnittspreis sank von 2.706 €/t (2022) auf 2.011 €/t (2024), was einer Rückkehr auf nahezu Vor-Krisen-Niveau entspricht (2021: 2.185 €/t). Die türkischen und thailändischen Preise folgten einem ähnlichen Muster. Die vietnamesischen Preise fielen ebenfalls, blieben aber mit 1.650 €/t (2024) über dem Vor-Krisen-Niveau von 1.672 €/t (2021). Im Jahr 2025 zeigen sich die Importpreise weitgehend stabilisiert.
Auf der Exportseite führten Preisschocks zu dauerhafter Preisdivergenz
Auch die EU-Exportpreise stiegen 2022 stark an, insbesondere nach Kanada (+32,6 %, Abnormalität 8,8) und Serbien (+63,1 %, Abnormalität 6,1). Im Gegensatz zu den Importen normalisierten sich die EU-Exportpreise nach 2022 jedoch nicht vollständig: Der Exportdurchschnittspreis blieb 2025 mit 3.187 €/t in der Nähe des 2022er-Spitzenwerts von 3.213 €/t. Dies unterstreicht die These, dass die EU zunehmend hochwertigere, preisresistentere Produkte exportiert, während der Mengenexport in Billigsegmente abnimmt.
Die Konzentration der Exportmärkte ist geringer, zeigt aber ebenfalls eine leichte Zunahme
Der HHI der Exportkonzentration stieg von 730 (2015) auf 833 (2025, +14 %), erreichte jedoch 2022 mit 1.278 einen Spitzenwert, der mit dem außergewöhnlich hohen USA-Export in jenem Jahr (241 Mio. €) zusammenhing. Die Exportseite bleibt damit deutlich diversifizierter als die Importseite, was die Verhandlungsposition der EU stärkt.
Schlussfolgerung
Der EU-Außenhandel mit Litzen, Kabeln und Seilen aus Eisen oder Stahl (CN 731210) hat sich im Zeitraum 2015–2025 grundlegend verändert. Drei zentrale Entwicklungen bestimmen die Marktdynamik:
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Strukturelle Zunahme der Importabhängigkeit. Die EU ist von einer nahezu ausgeglichenen Handelsbilanz zu einem Nettoimporteur geworden. Die Produktionsmengen sind rückläufig, während die Nachfrage – getrieben durch Infrastrukturinvestitionen und industrielle Bedarfe – über Importe gedeckt wird. Der HHI-Index der Importkonzentration ist um 30 % gestiegen, was die Verwundbarkeit gegenüber Lieferantenengpässen erhöht.
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Geopolitische Neuaufstellung der Lieferantenlandschaft. Der Wegfall von Belarus als Lieferant nach EU-Sanktionen 2022 hat eine fundamentale Umstrukturierung ausgelöst. Die Türkei, Indien und Thailand haben erheblich Marktanteile gewonnen, während China seine ohnehin dominante Position weiter ausgebaut hat. Gleichzeitig haben neue Exportmärkte wie Marokko und Serbien an Bedeutung gewonnen.
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Der Preisschock von 2022 hat die Preisstrukturen nachhaltig verändert. Die EU-Exportpreise haben sich auf einem deutlich höheren Niveau stabilisiert (+40 % gegenüber 2015), während die Importpreise nach dem 2022er-Schock weitgehend auf Vor-Krisen-Niveaus zurückkehrten. Diese asymmetrische Preisentwicklung spiegelt eine zunehmende Spezialisierung der EU auf höherwertige Nischenprodukte wider, bei gleichzeitigem Rückgang im mengenorientierten Standardgeschäft.
Für die Zukunft stellen die hohe Konzentration der Importquellen, die Abhängigkeit von China sowie der anhaltende Rückgang der inländischen Produktionsmengen die zentralen strategischen Herausforderungen dar. Die Diversifizierung der Lieferantenbasis und die Stärkung der europäischen Produktionskapazitäten – etwa durch Investitionen in Rumänien und der Slowakei, die bereits heute eine starke Spezialisierung aufweisen – sind wesentliche Handlungsfelder, um die Resilienz des Marktes zu sichern.