Marktentwicklung: Kammgarngewebe (CN 511211) — 2015–2025
Einführung
Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union im Zeitraum 2015 bis 2025 für das Produkt CN 511211 — Kammgarngewebe mit einem Anteil an Wolle oder feinen Tierhaaren von ≥ 85 % und einem Gewicht von ≤ 200 g/m². Diese Gewebe finden vor allem in der hochwertigen Bekleidungsindustrie Verwendung und stellen ein traditionsreiches Segment der europäischen Textilwirtschaft dar. Die Datenbasis umfasst den Gesamtüberblick über Handel, Partner und Konzentration sowie ergänzende Informationen zu Produktionsvolumen, Marktkonzentration und Verwundbarkeit.
Das zentrale Ergebnis der Analyse: Der EU-Handel mit Kammgarngewebe ist im Untersuchungszeitraum durch ein Zusammenspiel aus schrumpfenden Volumina und steigenden Einheitspreisen geprägt — ein Muster, das auf eine fundamentale Strukturverschiebung hin zu hochwertigeren Produkten und einer zunehmenden Exportorientierung der verbliebenen Produktion hindeutet.
1. Volumenrückgang bei gleichzeitiger Preissteigerung: Eine qualitative Neuausrichtung
1.1 Die Exporte verloren über ein Drittel ihres Volumens, blieben aber wertmäßig bedeutsam
Der EU-Export von Kammgarngewebe verzeichnete im Untersuchungszeitraum einen erheblichen Rückgang. Das Exportvolumen sank von 7.634 Tonnen (2015) auf 4.631 Tonnen (2025), was einem Rückgang von 39,3 % entspricht. In Quadratmetern ausgedrückt fielen die Lieferungen von 45,7 Mio. m² auf 28,6 Mio. m² (−37,5 %). Der Exportwert ging von 426,5 Mio. EUR auf 351,5 Mio. EUR zurück (−17,6 %), wobei der Höchstwert mit 490,0 Mio. EUR im Jahr 2017 erreicht wurde (Übersicht Handelsdaten).
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportwert (Mio. EUR) | 426,5 | 351,5 | −17,6 % |
| Exportmenge (t) | 7.634 | 4.631 | −39,3 % |
| Exportmenge (Mio. m²) | 45,7 | 28,6 | −37,5 % |
| Exportpreis (EUR/t) | 55.876 | 75.912 | +35,9 % |
| Exportpreis (EUR/m²) | 9,33 | 12,30 | +31,8 % |
1.2 Der Preisanstieg kompensierte den Mengenrückgang teilweise
Die Gegenüberstellung von Mengen- und Wertentwicklung offenbart ein bemerkenswertes Muster: Während die exportierten Volumina um fast 40 % schrumpften, betrug der Wertverlust nur 17,6 %. Die Differenz erklärt sich durch einen kräftigen Preisanstieg — der durchschnittliche Exportpreis stieg von 55.876 EUR/t auf 75.912 EUR/t (+35,9 %). Ähnliches gilt für die Importseite: Der Importpreis kletterte von 47.955 EUR/t auf 75.680 EUR/t (+57,8 %), obwohl das Importvolumen um 58,5 % auf nur noch 399 Tonnen einbrach.
Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich die Zusammensetzung des gehandelten Gewebes hin zu hochwertigeren Qualitäten verschoben hat. Denkbar ist sowohl ein Rückgang der günstigeren Standardqualitäten als auch eine zunehmende Spezialisierung auf Premiumprodukte.
1.3 Die EU-Produktion schrumpfte stärker als der Außenhandel
Auch die inländische Produktion verzeichnete einen deutlichen Rückgang: Die Produktionsmenge sank von 122,1 Mio. m² (2015) auf 88,0 Mio. m² (2025), was einem Rückgang von 28 % entspricht. Noch gravierender fiel der Rückgang des Produktionswertes aus — von 1.610 Mio. EUR auf 900 Mio. EUR (−44,1 %). Der minimale Produktionswert wurde mit 700 Mio. EUR erreicht. Der stärkere Rückgang des Produktionswertes gegenüber der Menge bestätigt den Trend zu geringeren Durchschnittspreisen im Inland oder eine Verschiebung der Produktion hin zu einfacheren Qualitäten.
2. Italien dominiert, aber neue Handelsmuster entstehen
2.1 Italien ist der unangefochtene Kern der EU-Kammgarngewebeproduktion
Die Spezialisierungsanalyse zeigt, dass Italien mit einem RCA-Wert von 8,12 und einem RSCA von 0,78 die mit Abstand stärkste Spezialisierung aufweist. Italien hielt 2025 rund 65 % der EU-weiten Produktionsmenge und trug 87 % der EU-Exporte bei. Dies spiegelt die traditionsreiche Wolltextilregion Biella und Umgebung wider. Deutschland und Rumänien folgen mit deutlichem Abstand, wobei Rumänien (RCA 1,62) ebenfalls eine gewisse Spezialisierung aufweist.
| EU-Reporterland | Exportanteil 2025 (ca.) | RCA (2025) | Veränderung Exporte |
|---|---|---|---|
| Italien | ~87 % | 8,12 | −17,8 % |
| Deutschland | ~7 % | — | −5,0 % |
| Rumänien | ~2 % | 1,62 | +2,4 % |
| Spanien | ~2 % | — | +25,4 % |
| Belgien | ~1 % | — | +231,2 % |
(Quelle: Reportersicht)
2.2 China und Marokko gewinnen an Bedeutung, die USA verlieren drastisch
Auf der Exportseite zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiebung der Handelsströme. Die Partneranalyse offenbart:
| Exportpartner | 2015 (Mio. EUR) | 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| China | 70,6 | 75,2 | +6,5 % |
| Türkei | 69,8 | 51,1 | −26,9 % |
| Japan | 50,5 | 33,5 | −33,7 % |
| Marokko | 9,1 | 21,8 | +140,6 % |
| Kanada | 22,3 | 19,5 | −12,5 % |
| Hongkong | 25,7 | 15,7 | −39,0 % |
| USA | 33,5 | 4,9 | −85,5 % |
Der dramatische Rückgang der Exporte in die USA (−85,5 %) und nach Hongkong (−39,0 %) steht im Kontrast zum Wachstum bei China (+6,5 %) und insbesondere Marokko (+140,6 %). Marokko ist vom siebtgrößten zum viertgrößten Exportmarkt aufgestiegen — ein Hinweis auf die zunehmende Bedeutung nordafrikanischer Nähfertigung in der europäischen Textil-Lieferkette. Auf der Importseite verlor die Türkei als wichtigster Lieferant massiv an Boden (−79,4 %), während Indien (+116,1 %), Japan (+48,5 %) und Marokko (+459,7 %) als Bezugsquellen an Bedeutung gewannen.
2.3 Die Importkonzentration nahm ab, die Exportkonzentration blieb stabil
Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe nach Wert sank von 2.722 auf 2.213 (−18,7 %), was eine Diversifizierung der Importquellen signalisiert. Der HHI für Exporte blieb mit rund 927 weitgehend unverändert (+1,5 %), was auf eine stabile und bereits diversifizierte Exportpartnerschaft hindeutet. Innerhalb der EU sank die Importkonzentration nach Volumen sogar um 37,7 % — ein Zeichen dafür, dass sich die Beschaffungsstrukturen deutlich pluralisierten.
3. Steigende Exportabhängigkeit und außenhandelspolitische Sensitivität
3.1 Die EU ist ein zunehmend exportorientierter Produzent
Die Daten zur Handelsintensität und Exportneigung zeigen einen bemerkenswerten Trend: Die Exportquote stieg von 42,1 % auf 70,7 % (+68,0 %), und die Handelsintensität erhöhte sich von 46,8 % auf 73,7 % (+57,5 %). Das bedeutet, dass der Anteil der Produktion, der auf den Weltmarkt gerichtet ist, sich im Zeitraum fast verdoppelte. Die Netto-Importabhängigkeit wurde zudem immer negativer (von −49,6 % auf −143,4 %), was die EU als einen signifikanten Nettoexporteur bestätigt — eine Position, die sich im Zeitraum weiter verfestigte.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Exportquote (%) | 42,1 | 70,7 | +68,0 % |
| Handelsintensität (%) | 46,8 | 73,7 | +57,5 % |
| Netto-Importabhängigkeit (%) | −49,6 | −143,4 | −189,1 % |
3.2 Die Handelsströme zeigen teils hohe Volatilität
Die Volatilitätsanalyse zeigt, dass bestimmte Handelsbeziehungen erheblichen Schwankungen unterliegen. Besonders auffällig sind:
- Importe aus Australien (Variationskoeffizient CV: 2,44) und den USA (CV: 1,77) — beide sehr unstetige Bezugsquellen
- Importe aus Marokko (CV: 1,37) — hohe Schwankung trotz Wachstumstrend
- Importe aus der Schweiz (CV: 0,77) — traditionell volatiler Handelspartner
Auf Exportseite fielen insbesondere die Lieferungen in die USA (CV: 0,77) und die Schweiz (CV: 0,72) durch hohe Schwankungen auf. Im Gegensatz dazu waren die Handelsströme mit China auf beiden Seiten bemerkenswert stabil (Export-CV: 0,18, Import-CV: 0,17).
Ein identifizierter Preisschock betraf die Exporte nach Marokko im Jahr 2022, wo der Preis um 16,9 % sprang (Abnormalitätsindex: 16,7). Dies könnte mit den Lieferkettenverschiebungen nach der COVID-19-Pandemie und der verstärkten Nutzung marokkanischer Nähkapazitäten zusammenhängen.
3.3 Eine zunehmende Konzentration auf wenige Kernmärkte birgt Chancen und Risiken
Der Salienz-Score für die Exportquote liegt bei 88,6 Punkten — der höchste Wert unter allen Autonomieindikatoren. Dies unterstreicht die besondere Bedeutung des Exportmarktes für die EU-Kammgarngewebeindustrie. Gleichzeitig bedeutet die hohe Exportabhängigkeit auch eine erhöhte Sensitivität gegenüber externen Schocks — seien es Handelsbarrieren, Wechselkursschwankungen oder Nachfrageeinbrüche in Schlüsselmärkten. Der drastische Exportrückgang in die USA (−85,5 %) zeigt exemplarisch, wie schnell ein wichtiges Absatzsegment verschwinden kann.
Schlussfolgerung
Die Analyse des EU-Handels mit Kammgarngewebe (CN 511211) im Zeitraum 2015–2025 offenbart einen Markt im tiefgreifenden Wandel. Die drei zentralen Entwicklungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
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Schrumpfende Volumina, steigende Werte pro Einheit: Sowohl Produktion als auch Handelsvolumina sind deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig stiegen die Preise erheblich, was auf eine Verschiebung hin zu hochwertigeren Produktspezifikationen hindeutet. Die EU-Kammgarngewebeindustrie scheint sich von der Masse weg und hin zu einer Nische mit höherer Wertschöpfung zu bewegen.
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Geostrategische Umorientierung der Handelsströme: China und Marokko haben an Bedeutung gewonnen, während die USA und die Türkei als Handelspartner stark an Relevanz verloren haben. Marokko spiegelt dabei den Trend zur nearshoring-orientierten europäischen Textil-Lieferkette wider. Innerhalb der EU bleibt Italien mit Abstand der dominierende Produzent und Exporteur.
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Wachsende Exportabhängigkeit bei gleichzeitiger Diversifizierung der Bezugsquellen: Die EU ist ein Nettoexporteur, dessen Exportquote auf über 70 % gestiegen ist. Dies macht die Branche empfänglich für externe Nachfrageschocks, birgt aber auch Potenzial, da die Importquellen gleichzeitig diversifiziert wurden. Politische Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit italienischer und europäischer Kammgarngewebe-Produzenten könnten angesichts dieser Entwicklungen an Relevanz gewinnen.