Live-Daten erkunden

Marktentwicklung: Kaffee, geröstet, unentkoffeiniert (CN 090121) — 2015–2025

Einleitung

Die Europäische Union ist global einer der bedeutendsten Akteure im Handel mit geröstetem, nicht entkoffeiniertem Kaffee (KN-Code 090121). Der vorliegende Bericht analysiert die Handelsströme der EU mit Nicht-EU-Ländern über den Zeitraum 2015 bis 2025 und beleuchtet die zentralen Entwicklungen in Export, Import, Handelsstruktur, Volatilität sowie strategischer Abhängigkeit.

Produktübersicht und Datenportal


1. Vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur — Die strukturelle Wende im Handelsbilanz

1.1 Dramatischer Anstieg der EU-Exporte

Im Betrachtungszeitraum verzeichnen die EU-Ausfuhren von geröstetem unentkoffeiniertem Kaffee ein außergewöhnliches Wachstum:

Indikator 2015 2025 Veränderung
Exportwert (€) 1,07 Mrd. 2,61 Mrd. +145,2 %
Exportmenge (t) 138.407 220.406 +59,2 %
Exportpreis (€/t) 7.695 11.849 +54,0 %

Handelsentwicklung Exporte

Dabei stieg der Exportwert nahezu kontinuierlich an — von €1,07 Mrd. (2015) über €1,50 Mrd. (2020) auf €2,61 Mrd. (2025). Besonders bemerkenswert ist, dass sowohl Mengen- als auch Preissteuerung zum Wachstum beitragen: Die Exportmenge erhöhte sich um rund 59 %, während der durchschnittliche Exportpreis um 54 % stieg — ein Indiz für eine Aufwertung der exportierten Kaffeequalität oder für strukturelle Preissteigerungen auf den Weltmärkten. Den stärksten Zuwachs verzeichnete die Menge zwischen 2015 und 2020 (+45 %), während der Preis vor allem ab 2022 sprunghaft anstieg.

1.2 Vergleichsweise moderate Importentwicklung

Dem dynamischen Exportwachstum steht eine deutlich moderatere Importentwicklung gegenüber:

Indikator 2015 2025 Veränderung
Importwert (€) 1,40 Mrd. 1,57 Mrd. +12,6 %
Importmenge (t) 56.144 67.213 +19,7 %
Importpreis (€/t) 24.897 23.416 −6,0 %

Die Importmenge erreichte 2019 mit 97.905 t einen Höhepunkt und sank danach — 2022 betrug sie nur noch 76.028 t, um sich bei rund 67.000 t zu stabilisieren. Der durchschnittliche Importpreis blieb über den gesamten Zeitraum hoch (15.095–24.897 €/t) und lag stets deutlich über dem Exportpreis. Dies deutet darauf hin, dass die EU hochwertigen bzw. spezialisierten gerösteten Kaffee importiert — Schweizer Kaffee macht hier den dominanten Anteil (siehe Abschnitt 2).

Handelsentwicklung Importe

1.3 Umkehr der Handelsbilanz

Die divergierende Dynamik von Export und Import führte zu einer fundamentalen Veränderung der Handelsbilanz:

Jahr Handelsbilanz (€)
2015 −332,6 Mio.
2018 −120,4 Mio.
2020 −40,9 Mio.
2022 +285,7 Mio.
2025 +1.038,2 Mio.

Die EU wandelte sich innerhalb eines Jahrzehnts vom Nettoimporteur (Handelsbilanzdefizit von −€333 Mio. in 2015) zum signifikanten Nettoexporteur (Überschuss von +€1.038 Mio. in 2025). Die Nettoimportabhängigkeit sank entsprechend von −2,5 % auf −4,7 % — negative Werte stehen hier für einen Exportüberschuss (Net Import Reliance).


2. Konzentration und Partnerstruktur — Die Schweiz als dominanteste Importquelle

2.1 Extrem hohe Importkonzentration: Die Sonderrolle der Schweiz

Die EU-Importe von geröstetem, unentkoffeiniertem Kaffee sind außerordentlich stark auf die Schweiz konzentriert:

Importpartner Anteil 2025 am EU-Importwert
Schweiz 86,3 % (€1.358 Mio.)
Vereinigtes Königreich 9,1 % (€142 Mio.)
Bosnien und Herzegowina 0,6 % (€10 Mio.)
Kenia 0,4 % (€6 Mio.)
Alle anderen 3,5 %

Top-Importpartner nach Wert

Der Herfindahl-Hirschman-Index (HHI) für Importe lag im gesamten Zeitraum zwischen 7.537 und 7.832 — weit über dem Schwellenwert von 2.500 für einen hochkonzentrierten Markt (Konzentrations-HHI). Die Schweizer Dominanz erklärt sich durch die Bedeutung grosser Schweizer Röstkaffeeunternehmen (u. a. Nestlé/Nespresso), die in der Schweiz produzierten gerösteten Kaffee in die EU exportieren — im Wesentlichen ein intraeuropäischer Transithandel.

Bemerkenswert sind die Importzuwächse aus einigen kleineren Partnern, insbesondere:

  • Bosnien und Herzegowina: Anstieg von €1,9 Mio. auf €9,8 Mio. (+419 %)
  • Kenya: Anstieg von praktisch null (€20.619) auf €6,2 Mio. (+30.149 %)
  • Syrien: Anstieg von €219.696 auf €5,5 Mio. (+2.385 %)

Diese Entwicklungen deuten auf eine langsame Diversifizierung der Importquellen, wenngleich der Markt nach wie vor von der Schweiz dominiert wird.

2.2 Breit diversifizierte Exportstruktur mit neuen Wachstumsmärkten

Anders als bei den Importen sind die Exporte deutlich breiter gestreut:

Exportpartner 2015 2025 Veränderung
Vereinigtes Königreich 295,8 Mio. € 514,1 Mio. € +73,8 %
Russische Föderation 100,9 Mio. € 170,8 Mio. € +69,2 %
Ukraine 45,8 Mio. € 189,4 Mio. € +313,1 %
Vereinigte Staaten 93,4 Mio. € 259,3 Mio. € +177,7 %
Schweiz 79,8 Mio. € 165,7 Mio. € +107,8 %
Türkei 20,0 Mio. € 127,3 Mio. € +535,9 %
Norwegen 43,7 Mio. € 74,2 Mio. € +69,7 %

Top-Exportpartner nach Wert

Der Export-HHI fiel von 1.124 (2015) auf 739 (2025) — ein Rückgang um 34 %, was eine zunehmende Diversifizierung der Exportmärkte belegt. Drei Dynamiken stechen hervor:

  1. Die Türkei verzeichnete das stärkste relatives Wachstum (+536 %) und stieg vom 7. zum 5. wichtigsten Exportziel auf — möglicherweise begünstigt durch die Entwicklung türkischer Kaffeekultur (z. B. Third-Wave-Coffee-Trend) und Handelsbeziehungen.
  2. Die Ukraine wuchs um 313 % und ist mittlerweile der drittgrößte Exportmarkt — trotz des seit 2022 andauernden Krieges.
  3. Die Vereinigten Staaten überholten die Schweiz und Russland als zweitgrößter Exportmarkt (+178 %), was auf eine steigende Nachfrage nach europäischem Spezialitätenkaffee hindeuten könnte.

Der „Other"-Anteil bei Exporten stieg von €386 Mio. auf €1.111 Mio., was zeigt, dass auch eine Vielzahl kleinerer Märkte signifikante Wachstumschancen bietet.

2.3 Interne EU-Dynamik: Italien als Exportlokomotive

Innerhalb der EU dominieren bei den Exporten vier Mitgliedstaaten:

EU-Reporter 2015 2025 Veränderung
Italien 456,9 Mio. € 1.053,2 Mio. € +130,5 %
Deutschland 173,9 Mio. € 409,2 Mio. € +135,3 %
Niederlande 68,9 Mio. € 315,5 Mio. € +358,1 %
Polen 32,4 Mio. € 190,8 Mio. € +488,6 %
Frankreich 113,2 Mio. € 130,7 Mio. € +15,4 %

Top-Exporter (EU-Reporter)

Italien dominiert die EU-Ausfuhren mit einem Anteil von rund 40 % am gesamten EU-Exportwert (2025). Es bewahrt die Position des führenden Kaffeerösters in Europa — untermauert durch Italiens herausragenden RCA-/RSCA-Wert von 2,81 bzw. 0,47 (Spezialisierungskarte). Bemerkenswert sind zudem die extremen Wachstumsraten der Niederlande (+358 %) und Polens (+489 %), die auf eine Verlagerung von Röstkaffee-Verarbeitungskapazitäten in diese Länder hindeuten könnten.

Auch die EU-Kaffeeerzeugung stieg im Zeitraum 2015–2024 spürbar: Die Produktionsmenge wuchs um 20 % (von 1,66 Mrd. kg auf 1,83 Mrd. kg), der Produktionswert sogar um 94 % (von €9,59 Mrd. auf €13,75 Mrd.) (Produktionsvolumen).


3. Volatilität, Preisschocks und strategische Resilienz

3.1 Unterschiedliche Volatilitätsprofile bei Import- und Exportpartnern

Die Mengenvolatilität (gemessen am Variationskoeffizienten über 11 Jahre) variiert stark zwischen den Handelspartnern:

Importe — höchste Volatilität:

Partner CV (Menge) Einordnung
Kenia 0,725 Sehr hoch
Brasilien 0,687 Sehr hoch
Kosovo 0,672 Sehr hoch
Syrien 0,527 Hoch
USA 0,439 Moderat–hoch
Schweiz 0,156 Gering

Volatilitätsbalken: Importe

Exporte — höchste Volatilität:

Partner CV (Menge) Einordnung
Belarus 0,644 Sehr hoch
Türkei 0,539 Hoch
VAE 0,407 Moderat–hoch
Israel 0,282 Moderat
Ukraine 0,223 Moderat
UK 0,091 Stabil
Schweiz 0,075 Sehr stabil

Volatilitätsbalken: Exporte

Die Kernhandelsbeziehungen (Import: Schweiz; Export: UK, Schweiz) zeichnen sich durch bemerkenswerte Stabilität aus, während neuere, schnell wachsende Partnerschaften (Kenia, Türkei, Belarus) deutlich schwankungsanfälliger sind. Dies ist typisch für Märkte in Aufbauphasen.

3.2 Der Preisschock von 2022 bei Exporten in die USA

Ein signifikantes Preisschock-Ereignis wurde bei den EU-Exporten in die Vereinigten Staaten identifiziert:

Phase Zeitraum Mittlerer Preis (€/t) Preis vs. Baseline Mittlere Menge (t)
Baseline 2020–2021 7.497 100 % 17.736
Schock 2022 10.457 139,5 % 17.178
Nach-Schock 2023–2024 10.698 142,7 % 19.238

Preisschock-Ereignisse

Der Exportpreis in die USA stieg 2022 sprunghaft um 39,5 % — die Abnormalität betrug 66,0. Dieser Schock war mengenseitig kaum spürbar (die Exportmenge sank marginal auf 96,9 % der Baseline), was darauf hindeutet, dass die Preissteigerung auf Nachfrageseite oder aufgrund globaler Kaffeepreissteigerungen (z. B. Frost in Brasilien 2021, Containerknappheit) getrieben war. Bemerkenswert: Die Preise blieben auch nach dem Schock auf dem erhöhten Niveau (142,7 % der Baseline), was auf einen dauerhaften Preisanpassungsprozess hindeutet. Ein kleinerer Preisschock (Schwellenwert 19 %) wurde zudem bei Exporten nach China identifiziert.

3.3 Steigende Handelsintensität bei gesunkener Verletzlichkeit

Zwei makroökonomische Indikatoren unterstreichen die strategische Entwicklung der EU als Kaffeehandelsakteur:

  • Handelsintensität (Handelvolumen als Anteil der Produktion): gestiegen von 4,4 % (2015) auf 23,7 % (2025) — ein Anstieg um 441 % (Handelsintensität).
  • Exportneigung (Exporte bezogen auf den Binnenbedarf): gestiegen von 3,4 % (2015) auf 15,4 % (2025) — ein Anstieg um 348 % (Exportneigung).

Die EU ist somit zunehmend in den globalen Kaffeehandel eingebunden und exportiert einen wachsenden Anteil ihrer Produktion. Gleichzeitig verschwand die Nettoimportabhängigkeit: Schwebte der EU 2010 noch bei einer Importabhängigkeit von +5,0 %, so liegt sie 2025 bei −4,7 % — die EU ist nun ein Nettoexporteur und damit strukturell weniger verletzlich gegenüber externen Angebotsengpässen beiDiese Entwicklung unterstreicht, dass die EU ihre Rolle als Kaffeeröster und -exporteur systematisch ausgebaut hat.


Fazit

Der Markt für gerösteten, unentkoffeinierten Kaffee (KN 090121) hat sich zwischen 2015 und 2025 fundamental gewandelt:

  1. Exportboom: Der EU-Exportwert mehr als verdoppelt (+145 %), getrieben von einer Kombination aus Mengenwachstum und Preissteigerung. Italien, Deutschland, die Niederlande und Polen sind die treibenden Kräfte, wobei die Türkei, die Ukraine und die USA als dynamische Abnehmermärkte hervorstechen.

  2. SchweizerDominanz bei Importen: Über 86 % der EU-Importe stammen aus der Schweiz — ein hochkonzentrierter Struktur. Kleinere Lieferanten wie Kenia, Bosnien-Herzegowina und Syrien gewinnen zwar an Bedeutung, können die Konzentration jedoch nur marginal abschwächen.

  3. Strategische Wende: Die EU hat sich vom Nettoimporteur zum Nettoexporteur entwickelt. Der Exportüberschuss erreicht 2025 mehr als eine Milliarde Euro. Parallel dazu ist die Handelsintensität signifikant gestiegen, was auf eine engere Einbindung in globale Wertschöpfungsketten hindeutet — während die Verletzlichkeit gegenüber Importengpässen gleichzeitig zurückgeht.

  4. Preisschocks und Volilität: Der Hauptmarkt Schweiz und die Kernexportziele (UK, Schweiz) bieten Stabilität, doch bei schnell wachsenden Partnern wie der Türkei, Belarus oder Kenia ist die Volatilität deutlich höher. Der Preisschock von 2022 beim Export in die USA illustriert die Sensibilität des Kaffeemarktes gegenüber globalen Preisimpulsen — eine Anpassung, die offenbar dauerhaft blieb.

Die EU ist somit heute nicht nur ein bedeutender Kaffeeverbraucher, sondern eine zentrale Drehscheibe im globalen Röstkaffeehandel — ein Trend, der sich angesichts der steigenden Produktion und Exportorientierung voraussichtlich fortsetzen wird.

Erstellt am 2026-08-04. Die Zahlen geben die Eurostat-Daten zum Zeitpunkt der Erstellung wieder und enthalten keine späteren Revisionen.

Automatisch erstellt: Dieser Bericht soll die menschliche Analyse beschleunigen, aber nicht ersetzen.

Wenn Sie Beratung zur europäischen Handelspolitik benötigen oder Vertretung für Ihre Interessen in Brüssel, kontaktieren Sie mich bitte unter support@tradedashboard.eu. Sie finden meinen Lebenslauf unter dieser Adresse.