Marktentwicklung: Gerste (CN 100390) — 2015–2025
Einleitung
Dieser Bericht analysiert die Handelsentwicklung der Europäischen Union mit dem Zollcode 100390 (Gerste, ausgenommen Samen zur Aussaat) im Zeitraum 2015 bis 2025. Die EU ist bei diesem Produkt traditionell ein Nettoexporteur mit einem durchgehend positiven Handelsbilanzüberschuss. Im analysierten Zeitraum zeigen sich drei wesentliche Trends: eine zunehmende Diversifizierung der Exportmärkte weg von China und hin zu Nordafrika und dem Nahen Osten, ein erheblicher Preisschock im Jahr 2022, sowie eine Verfestigung der Importabhängigkeit von wenigen, teils volatilen Lieferanten. Die Daten basieren auf dem EU Trade Dashboard.
1. Strukturelle Neuausrichtung der Exportströme: Von China nach Nordafrika
1.1 China als einstiger Hauptabnehmer verliert dramatisch an Bedeutung
Der auffälligste Trend im betrachteten Zeitraum ist der massive Rückgang der EU-Exporte nach China. Der Exportwert sank von 802 Mio. EUR (2015) auf nur noch 172 Mio. EUR (2025), was einem Rückgang von 78,6 % entspricht. China war 2015 noch das wichtigste Einzelziel der EU-Gerstenexporte – dieser Status hat sich vollständig verflüchtigt. Die zugrunde liegenden Handelsströme sind im Abschnitt Handelspartner nach Warenwert nachvollziehbar.
| Land | Exportwert 2015 (Mio. EUR) | Exportwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Saudi-Arabien | 537,6 | 375,1 | −30,2 % |
| China | 801,8 | 171,7 | −78,6 % |
| Marokko | 19,5 | 122,4 | +527,1 % |
| Algerien | 22,1 | 122,1 | +453,2 % |
| Jordanien | 66,0 | 179,2 | +171,7 % |
| Iran | 49,9 | 69,4 | +39,1 % |
| Tunesien | 28,6 | 76,2 | +166,4 % |
1.2 Nordafrika und der Nahe Osten als neue Wachstumsmärkte
Während die traditionellen Märkte schrumpfen, haben sich neue Absatzmärkte in Nordafrika und dem Nahen Osten etabliert. Marokko (+527 %) und Algerien (+453 %) haben sich in zehn Jahren von Nischenabnehmern zu bedeutenden Importeuren der EU-Gerste entwickelt. Jordanien (+172 %) und Tunesien (+166 %) zeigen ebenfalls ein starkes Wachstum. Diese Entwicklung spiegelt die wachsende Nahrungsmittelnachfrage in der MENA-Region wider und die strategische Diversifizierung der EU-Exporteure. Saudi-Arabien bleibt trotz des Rückgangs von 30 % mit 375 Mio. EUR weiterhin der größte einzelne Exportmarkt.
1.3 Zunehmende Diversifizierung der Exporte
Die Konzentration der EU-Exporte (gemessen am Herfindahl-Hirschman-Index für Warenwert) sank von 2.671 im Jahr 2015 auf nur noch 1.026 im Jahr 2025 – ein Rückgang von 61,6 %. Dieser Wert unterhalb von 1.500 deutet auf einen hochgradig diversifizierten Exportmarkt hin. Die EU exportiert ihre Gerste heute auf deutlich mehr Märkten als noch zu Beginn des Zeitraums. Details zur Marktkonzentration bestätigen diesen Befund.
| Kennzahl | 2015 | 2025 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Export-Konzentration (HHI, Wert) | 2.671 | 1.026 | −61,6 % |
| Export-Konzentration (HHI, Volumen) | 2.640 | 1.064 | −59,7 % |
2. Der Preisschock von 2022 und seine Auswirkungen auf Handelsströme
2.1 Globale Getreidepreisexplosion als Folge des Ukraine-Kriegs
Das Jahr 2022 markiert einen deutlichen Wendepunkt im betrachteten Zeitraum. Die durchschnittlichen Exportpreise der EU-Gerste stiegen 2022 massiv an: Die drei größten Preisschocks wurden bei den Exporten nach Jordanien (+97,4 %), Tunesien (+76,1 %) und Saudi-Arabien (+68,5 %) verzeichnet, jeweils mit dem Zentrum 2022. Diese Preisschocks sind im Dashboard unter Preisschocks dokumentiert.
| Zielland | Preisschock-Ausprägung | Preisänderung 2022 | Umsatzanteil |
|---|---|---|---|
| Jordanien | 7,9 | +97,4 % | 6,4 % |
| Tunesien | 4,9 | +76,1 % | 6,0 % |
| Saudi-Arabien | 4,6 | +68,5 % | 31,3 % |
Der durchschnittliche Exportpreis stieg von 156 EUR/t (Minimum) auf 320 EUR/t (Maximum) – eine Verdopplung. Auch die Importpreise in die EU folgten diesem Trend mit einem Spitzenwert von 328 EUR/t.
2.2 Importpreise zeigen eine nachhaltigere Preisverlängerung
Während die Exportpreise nach dem Schock von 2022 wieder auf 192 EUR/t (2025) zurückgingen, blieben die Importpreise mit 235 EUR/t (2025) deutlich über dem Ausgangsniveau von 179 EUR/t (2015). Dies entspricht einem Anstieg von 31,6 % über den Gesamtzeitraum. Das Importvolumen sank gleichzeitig um 29,3 % (von 1,15 Mio. t auf 816.000 t), was auf eine Angebotsverknappung und gestiegene Kosten hindeutet. Die Übersicht zu Importpreisen und -volumen zeigt diesen asymmetrischen Anpassungsprozess.
2.3 Ungleichmäßige Volatilität zwischen Handelspartnern
Die Volatilität der Handelsströme (gemessen am Variationskoeffizienten) unterscheidet sich erheblich zwischen den Partnerländern. Auf der Importseite weisen Argentinien (CV 3,19), die Türkei (CV 2,45) und Australien (CV 2,12) die höchsten Schwankungen auf. Auf der Exportseite ist die Volatilität mit Israel (CV 0,92), der Türkei (CV 0,84) und Kuwait (CV 0,84) zwar geringer, aber dennoch bemerkenswert. Das Vereinigte Königreich als wichtigster Importpartner zeigt mit einem CV von 0,24 eine vergleichsweise stabile Handelsbeziehung. Die vollständigen Volatilitätsdaten finden sich unter Volatilitätsanalyse.
| Partnerland (Importe) | Variationskoeffizient (CV) | Bewertung |
|---|---|---|
| Argentinien | 3,19 | Sehr hoch |
| Türkei | 2,45 | Sehr hoch |
| Australien | 2,12 | Hoch |
| Russische Föderation | 1,77 | Hoch |
| Ukraine | 0,79 | Mittel |
| Vereinigtes Königreich | 0,24 | Niedrig |
3. Rolle der EU-Mitgliedstaaten: Frankreich dominiert, Irland importiert
3.1 Frankreich als unbestrittener Exporteur mit komparativen Vorteilen
Unter den EU-Mitgliedstaaten ist Frankreich mit Abstand der wichtigste Exporteur von Gerste (CN 100390) in Nicht-EU-Länder. Mit einem Exportwert von 716 Mio. EUR (2025) und einem RCA-Index von 4,46 sowie einem normalisierten Spezialisierungsindikator (RSCA) von 0,63 verfügt Frankreich über einen deutlichen komparativen Vorteil. Die französischen Exporte haben zwar um 20 % abgenommen (von 900 Mio. EUR auf 716 Mio. EUR), bleiben aber dominant. Details zu den Spezialisierungsindizes zeigen die Führungsrolle Frankreichs.
| EU-Mitgliedstaat | RSCA 2025 | RCA 2025 | Exportanteil |
|---|---|---|---|
| Bulgarien | 0,75 | 6,99 | 4,4 % |
| Frankreich | 0,63 | 4,46 | 34,9 % |
| Dänemark | 0,58 | 3,77 | 6,5 % |
| Kroatien | 0,48 | 2,87 | 1,2 % |
| Litauen | 0,46 | 2,70 | 1,7 % |
3.2 Rumänien als dynamischer Exporteur im Aufwind
Rumänien hat sich im Zeitraum als zweitgrößter EU-Exporteur etabliert und seinen Exportwert von 287 Mio. EUR (2015) auf 505 Mio. EUR (2025) gesteigert (+76 %). Damit hat Rumänien Deutschland als zweitgrößten Exporteur überholt, dessen Exporte leicht rückläufig sind (von 328 Mio. EUR auf 275 Mio. EUR, −16 %). Bulgarien zeigt ebenfalls Wachstum (+37 %). Die Entwicklung der einzelnen EU-Exportländer spiegelt die zunehmende Bedeutung Südosteuropas wider.
3.3 Importseitig: Zunehmende Konzentration und Rolle des Vereinigten Königreichs
Auf der Importseite ist das Vereinigte Königreich mit 150 Mio. EUR (2025) der mit Abstand wichtigste Lieferant für die EU, obwohl es leicht rückläufig ist (−3,5 %). Irland hat seinen Importbedarf drastisch gesteigert: von 6 Mio. EUR auf 61 Mio. EUR (+970 %). Die Importkonzentration (HHI) blieb mit einem leichten Anstieg von 6.006 auf 6.314 (+5,1 %) auf hohem Niveau relativ stabil – im Gegensatz zur Exportseite. Dies bedeutet, dass die EU ihre Gersteneinfuhren weiterhin aus wenigen Quellen bezieht, während sich die Exporte deutlich diversifiziert haben.
| EU-Mitgliedstaat | Importwert 2015 (Mio. EUR) | Importwert 2025 (Mio. EUR) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Spanien | 79,1 | 6,7 | −91,5 % |
| Niederlande | 18,1 | 33,8 | +87,2 % |
| Irland | 5,7 | 61,3 | +970,3 % |
| Belgien | 24,5 | 33,7 | +37,8 % |
| Deutschland | 28,4 | 1,6 | −94,3 % |
Fazit
Der EU-Handelsmarkt für Gerste (CN 100390) hat sich zwischen 2015 und 2025 erheblich gewandelt. Die EU bleibt ein Nettoexporteur mit einem Überschuss von 1,53 Mrd. EUR (2025), der jedoch gegenüber 1,68 Mrd. EUR (2015) leicht rückläufig ist. Drei Entwicklungen sind besonders hervorzuheben:
Erstens haben sich die Exportströme geografisch stark verschoben: China als einstiger Hauptabnehmer hat an Bedeutung verloren, während Nordafrika (Marokko, Algerien, Tunesien) und der Nahe Osten (Jordanien) zu zentralen Wachstumsmärkten geworden sind. Die Exportkonzentration ist um über 60 % gesunken, was auf eine gelungene Diversifizierungsstrategie hindeutet.
Zweitens hat der Preisschock von 2022 – verursacht durch den Ukraine-Krieg und die daraus resultierende globale Getreideverknappung – den Markt nachhaltig beeinflusst. Während die Exportpreise wieder normalisiert sind, blieben die Importpreise auf einem höheren Niveau, und das Importvolumen sank deutlich.
Drittens zeigt sich eine asymmetrische Konzentration: Während die Exportseite breit diversifiziert ist, bleiben die Importe von wenigen, teils volatilen Quellen abhängig. Das Vereinigte Königreich dominiert die Importseite, während Frankreich auf der Exportseite führend bleibt. Die zunehmende Bedeutung Rumäniens als Exporteur und Irlands als Importeur zeigt zudem eine Verschiebung der innerenuropäischen Handelsstrukturen.